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Mittwoch, 6. November 2013
Pilze, Wein und Schnüffelwut *

Spätestens seit dem Sturm letzte Woche läßt sich nicht mehr so tun, als hätten wir noch nicht wirklich Herbst. Doch haben wir, wirklich. Und zwar von der richtig ungemütlich nass-zugigen Sorte, and there is more to come, verspricht uns der Wetterbericht. Licht ist nicht mehr, höchstens noch dunkelgrau gedimmtes. Aber bitte, es ist November. Da darf es herbstlich herb sein. Doch dann steht es einem auch zu, unter den Wolken, die sich in Dauerinkontinenz entleeren, an die schönen Tage des anbrechenden Herbstes zurückzudenken, als man sich noch bei mildem Sonnenschein in die Wälder schlagen und schon kurze Zeit später mit wundervoll duftenden, frischen Steinpilzen wieder aus dem grünen Waldesdunkel hervorkommen konnte.
Fehlte nur noch ein passender Wein dazu. Doch wozu befanden wir uns damals noch im sonnigen Weinland Slowenien? Allerdings hatten unsere gelegentlichen Bekanntschaften mit einheimischen Rebensäften, und als solche möchte ich sie vorsätzlich bezeichnen, Gaumen und Geschmacksnerven nicht gerade in Begeisterung versetzt. Nichts gegen einfache Landweine, aber weder der weiße Malvasier noch der rote Refošk, die beiden verbreitetsten Rebsorten an der slowenisch-istrischen Küste, waren uns als wirklich leckere Weine vorgesetzt worden. Von den importierten, sogenannten internationalen Sorten ganz zu schweigen. Schon mal einen Chardonnay getrunken, der fast metallisch mineralisch schmeckt? Nun ist Chardonnay in der Regel sowieso nicht mein Fall, aber slowenischer schon gar nicht. (Ein Kellermeister in Neuseeland hat mich bei einer Verköstigung mal im ABC-Club willkommen geheißen. ABC-Club? “Well, All But Chardonnay.”) Experimentierfreude und Diversifizierung in Ehren, aber irgendwie sollten Boden und Rebsorte schon zusammenpassen. Blieb also nichts anderes übrig, als sich von den verschiedenen Hafenschänken doch einmal landeinwärts auf die Suche nach Weingütern und Kellereien zu begeben. “Es gibt schlimmere Schicksale”, meinte die Herzogin und stieg, in das ihre ergeben, in den nächsten Bus.

Slowenien ist ein vergleichsweise kleines Land, etwa so groß wie Sachsen-Anhalt, und hat gerade mal zwei Millionen Einwohner, aber es ist ein schon in der Antike gerühmtes Weinland und produziert heute eine Million Hektoliter Wein jährlich. Auch damit gehört es keineswegs zu den Großen unter den Weinländern, aber immerhin werden 70 Prozent davon als Qualitätswein eingestuft, und weit mehr als 70 Prozent werden im Land selbst getrunken. Kein Wunder, daß man slowenische Weine im Ausland ziemlich suchen muß.
Es gibt drei gesetzlich ausgewiesene Anbaugebiete: Podravje (das Drautal rund um Maribor), Posavje an der Save und die Küstenregion von der Grenze zum italienischen Friaul bis nach Istrien hinein. In dieser Region Primorska dominieren Refošk, Malvazija und Rebula, aber es gibt auch anderes zu entdecken.
Der größte Erzeuger an der Küste ist die ehemalige Winzergenossenschaft Vina Koper. Entsprechend der hohen Sonneneinstrahlung an der Küste produziert sie vor allem Rotweine, die mit modernsten Methoden, aber auch in Eichenfässern ausgebaut werden. Seit der Unabhängigkeit Sloweniens hat man in der Vina Koper konsequent auf Qualitätssteigerung gesetzt und damit Beachtliches erreicht, zugleich aber die Bedürfnisse des lokalen Markts nicht vergessen, und so bietet das Gut seine Weine heute, sortenrein oder als Cuvées, in mehreren Produktreihen an, vom einfachen Refošk-Tafelwein bis hin zu Spitzengewächsen unter dem Etikett Capo d’Istria. In der toskanischen Landgütern nachempfundenen Kellerei aus den Fünfzigern läßt sich bestens die Qualitätsleiter hinauf probieren. Das Restaurant ist übrigens auch nicht zu verachten. Als ich mich über den Merlot der Capris-Linie, dem Robert Gorjak in seinem Wine Guide Slovenia 4 Sterne und das Prädikat “excellent” verliehen hat, und einige andere leckere Tröpfchen zum Capo d’Istria Shiraz hochgeschlürft hatte, glaubte ich schon, für diesmal fündig geworden zu sein; doch dann schlug die nette Dame, die uns die Weine des Hauses kredenzte, vor, wir sollten doch einmal einen ihrer Cuvées probieren, der könnte uns schmecken. Und in der Tat, das, was der Kellermeister da aus je einem Drittel Merlot, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und einem Spritzer Refošk miteinander verschnitten hat, ist in der Tat ein “Edler Roter”, auf Slowenisch ein Plemenito rdeče, auf den das Weingut m.E. stolz sein kann. Er weist eine Ausgewogenheit und Komplexität auf, die geradezu als Legitimierung für die Assemblage verschiedener Rebsorten einstehen könnte, wenn sie denn erforderlich wäre. Ich will jetzt nicht weiter so tun, als würde ich etwas von Wein verstehen und mit den oft schrägen vergleichenden Adjektiven von Weinkritikern um mich werfen. An dem Abend auf der Terrasse über dem Golf von Triest schmeckte der Plemenito rdeče zu den frisch zubereiteten Steinpilzen einfach perfekt. Ja, er duftet und schmeckt nach Waldbeeren und würzig, ohne schwer zu sein, durch die Reifung in Barriquefässern hat er dafür den für meinen Geschmack genau richtigen Zuwachs an Tanninen erhalten, ohne auf der Zunge je pelzig zu werden. Ich freue mich schon auf unseren nächsten Besuch in Piran und die paar Flaschen von diesem schönen Rotwein, die wir da eingelagert haben.

Wenn das in D’land so weitergeht, können wir uns auch überlegen, statt eines etwaigen Rückumzugs über den Rhein lieber gleich ganz über die Alpen ans Mittelmeer umzusiedeln. Die Bereitschaft, sich von den Friedrichs, Bosbachs, Uhls und Oppermanns der nächsten großen Koalition komplett aushorchen und überwachen zu lassen, sinkt jedenfalls mit jedem Tag und jeder neuen bekannt werdenden Maßnahme.
Nach außen haben sie für ein paar Tage gespielter Entrüstung maulhurerisch so getan, als wollten sie nach dem angezapften Merkel-Handy endlich etwas gegen die umfassende Ausspähung von Politikern in unserem Land tun, aber für jeden Normalbürger leiten sie in den Koalitionsverhandlungen schon wieder genau das Gegenteil in die Wege:
“CDU und CSU drängen im Rahmen der Koalitionsverhandlungen mit der SPD in der Arbeitsgruppe Inneres auf eine deutliche Verschärfung und Ausweitung der Internetüberwachung: Innenexperten der Union schwebt dazu eine "Ausleitung" des Datenverkehrs an "Netzknoten" vor, wie sie etwa der zentrale Austauschpunkt DE-CIX in Frankfurt oder kleinere Zusammenschaltungspunkte einzelner Provider sowie weiterer Internetkonzerne darstellen. Dies erklärte der Vorsitzende der Dienstleistungsgesellschaft ver.di, Frank Bsirske, unter Berufung auf ein umfassendes Forderungspapier der konservativen Innenpolitiker gegenüber heise online [3.11.13]. Insgesamt würde die Maßnahme eine Überwachung des gesamten Netzverkehrs im Stile der NSA und ihres britischen Partners GCHQ zulassen... Die Wunschliste der Union enthält dem Vernehmen nach andere Punkte wie die Nutzung der Mautdaten zur Strafverfolgung, die Ausdehnung der Videoüberwachung oder die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung, die vielen bereits als prinzipiell beschlossene Sache erscheint.” – Und so weiter und so fort. Natürlich wurde erstmal bestritten und abgewiegelt. Heute erhebt Friedrich, den man offenbar schon seit längerem mit den falschen Pilzen füttert, die Forderung nach einer Auswertung der vom Mautsystem gesammelten Daten schon öffentlich, und der Rest folgt mit Sicherheit auch noch. Sie werden keine Ruhe geben, bis sie in den Überwachungszentralen mehr über uns wissen als wir selbst.

[* Aus dem Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm: Wut, vom Althochdeutschen wuot stammend und verwandt mit Altnordisch ōðr 'besessen, rasend, heftig' und Angelsächsisch wōd 'besessen, rasend, tollwütig']

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Ein Nachsatz zu Friedrich,
und zwar aus prominentem Mund. Hin und wieder kommt es ja vor, daß alte Männer nach ihrem Ausscheiden aus dem Beruf nicht etwa still Garten pflegen und Rosen züchten gehen, sondern noch einmal ganz andere Saiten aufziehen und plötzlich Dinge offen aussprechen, die sie in Amt und Würden niemals so geäußert hätten. Da wird dann auf einmal tacheles geredet, daß man sich wundert: "Hat dér das jetzt gerade wirklich gesagt?"
Solche interessanten älteren Herrn scheinen sich besonders als Auslandskorrespondenten bei der ARD getummelt zu haben, wie Gerd Ruge etwa, oder zunehmend auch Fritz Pleitgen. Letzterer nun gestern abend in der Talkshow "Beckmann" zum Thema Snowden und NSA-Skandal vor laufender Kamera und für die Kanzlerin schön langsam zum Mitschreiben: "Daß uns Minister wie Herr Pofalla und wie Herr Friedrich da einen Bären aufbinden, das ist grob fahrlässig, das ist eine Irreführung, und solche Leute dürfen meines Erachtens nicht länger über unsere Belange bestimmen. Das sollte doch wohl klar sein." -- Ja, ist klar. Nur gut, daß es auch mal im Fernsehen jemand in aller wünschenswerten Klarheit ausspricht.

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