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Freitag, 10. Juni 2011
Hannibal Hölderlin

“Glaserwerkstatt – Er hockte am Boden, riß den Diamanten durch gläserne Bäume, den verglühenden Himmel, warf einen Blick in den Schatten, den ich warf.”
(Peter Schünemann: Scardanellis Gedächtnis, 2007)

Wie man mittlerweile herausgefunden hat, war anfangs wohl Hölderlin der Treibende und Gebende im philosophischen Triumvirat. In seinem (gleich nach Tübingen verfaßten) Fragment Urtheil und Seyn etwa postulierte er bereits ein nicht hintergehbares Sein vor allem Denken, Vorstellen und Urteilen, wie Schelling es ein Jahr später (1795) in seiner Schrift Vom Ich als Prinzip der Philosophie ebenfalls festhielt: “Ich bin! Mein Ich enthält ein Sein, das allem Denken und Vorstellen vorhergeht. Es ist, indem es gedacht wird, und es wird gedacht, weil es ist.”
Erdacht und diskutiert wurden solche Gedanken im gemeinsamen »Communismus der Geister« der Tübinger Drei.
Hölderlin, so hat auch Christoph Jamme festgestellt, war wohl derjenige von ihnen, der unter der Zwangsatmosphäre im Stift (und im Land) am meisten gelitten hat. Nachdem sein älterer Freund Neuffer das Stift 1791 verlassen hatte, trat Hölderlin noch einmal mit dem Wunsch, ebenfalls auszutreten, – wieder vergeblich – an seine Mutter heran. Mitte September 1793 legte Hegel vorzeitig sein Examen ab, um in Bern eine Hofmeisterstelle antreten zu können. Gleich in der Woche darauf suchte Hölderlin unangemeldet Schiller in Ludwigsburg auf, um sich bei ihm Empfehlungen zu besorgen. Nur drei Monate später wurde auch er examiniert und verließ sofort das Stift, Tübingen und seine Fast-Verlobte Elise Lebret, die Tochter des Kanzlers. Den seit langem oft wiederholten Wunsch seiner Mutter, sich um eine Vikarsstelle zu bewerben, erfüllte er nicht, sondern nahm eine erste Anstellung als Hofmeister bei Schillers Geliebter, der Freifrau Charlotte von Kalb, an.


ehem. Burse und Autenrietsche Klinik

13 Jahre später kehrte Friedrich Hölderlin nach Tübingen zurück; nicht freiwillig, sondern im geschlossenen Wagen und im (berechtigten) Glauben, entführt worden zu sein. Im September 1806 lieferte man ihn als geisteskrank in die gerade erst gegründete Klinik von Professor Autenrieth ein, wo man ihn behandelte wie Hannibal Lecter. Wenn er sich aufregte, knebelte man ihn mit der nach ihrem Erfinder benannten Autenriethschen Maske: “Aus Schuhsohlenleder gefertigte Maske mit Öffnungen für Augen und Mund, aber so, dass der Mund nicht zum Schreien geöffnet werden konnte. Gleichzeitig Fesselung der Arme. Ihr Zweck sei ‘das vernunftlose Schreien oder das vorsätzliche laute Heulen und Jammern zu unterbrechen’” (Lexikon Psychiatrie).
Autenrieths Diagnose lautete: “Krätzmanie”.
“Durch falsche Behandlung von Hautkrankheiten wie der Krätze oder auch durch ausschweifende Sinnesfreuden, so Autenrieth, könne der Fluss der Körpersäfte in Stockung geraten. Aus dieser Art »Humoralpathologie« zog der Mediziner den fatalen Schluss, dass Heilung nur möglich sei, wenn man die Stauung der Körpersäfte auflöste und den Überfluss derselben ableitete. Konkret hieß das:
Um die Leiden der Seele zu bekämpfen, musste man solche des Körpers künstlich erzeugen”, erklärt Steve Ayan in seinem Hölderlin-Artikel “Der Schattenmann” in der Zeitschrift Gehirn & Geist (1/2007). “Für ein Martyrium in Autenrieths Klinik spricht die Äußerung eines Zeitgenossen, Hölderlin sei noch Jahre später stets in heftigen Aufruhr geraten, wenn er auf der Straße einem Mitarbeiter der Klinik begegnete.
Nach knapp einem Dreivierteljahr war Autenrieth mit seinem Latein am Ende. Er erklärte Hölderlin für unheilbar krank und gab ihm noch höchstens drei Jahre zu leben.” – Und solche Koryphäen hofierte man trotz derartiger Fehldiagnosen und Methoden immer weiter die Karriereleiter hinauf. Autenrieth wurde erst Vizekanzler, 1822 Kanzler der Universität Tübingen, Mitglied der Württembergischen Ständeversammlung und der Gelehrtenakademie Leopoldina und schließlich sogar Landtagsabgeordneter. “Die in seiner Klinik – vor allem im Palisadenzimmer – anfallenden Holzarbeiten führte ein Schreinermeister namens Ernst Zimmer aus. Obwohl schulisch wenig gebildet, wusste er um das Genie des Dichters. »Im Klinikum wurde es mit ihm noch schlimmer «, erinnerte sich Zimmer im Jahr 1835. »Damals habe ich seinen Hyperion gelesen, welcher mir ungemein wohl gefiel. Ich besuchte Hölderlin im Klinikum und bedauerte ihn sehr, dass ein so schöner herrlicher Geist zu Grund gehen soll. Da im Klinikum nichts weiter mit Hölderlin zu machen war, so machte … Autenrieth mir den Vorschlag, Hölderlin in mein Haus aufzunehmen.«"
Für die restlichen 36 Jahre, die zweite Hälfte seines Lebens, blieb Hölderlin in Zimmers Haus mit dem Turm am Neckar, anfangs noch häufig polternd aufbegehrend, im Lauf der vielen Jahre, die folgten, zunehmend apathisch.
Tübingen, das einmal die Rolle des Steins gespielt hatte, an dem sich Verstand und Widerstand Hölderlins und seiner Freunde schärften, hat ihm am Ende den Nerv gezogen.

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