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Montag, 7. April 2008
Schützt die würklichen Menschenfresser!
Zu abscheulich, um wahr zu sein. Das dachte man zumindest in menschenfreundlich-optimistischeren Zeiten als denen des abgebrühten Sir Joseph. Spätestens seit William Arens Buch The Man-Eating Myth von 1979 haben Ethnologen den Tatbestand des Kannibalismus unter Menschen grundsätzlich in Zweifel gezogen. Im Fall der Maoris aber musste sogar einer der subtilsten Kritiker voreiliger Menschenfresser-Hypothesen, der ehemals in Princeton lehrende Gananath Obeyesekere, den Tatbestand schließlich akzeptieren. Allerdings behauptet er, die Maoris hätten zunächst allerhöchstens bei religiösen Zeremonien Körperteile von Opfern oder getöteten Feinden verspeist. Sie selbst seien vermutlich über die von eindeutigen Gesten unterstrichenen Fragen der Engländer nach Kannibalismus verblüfft gewesen und hätten sie dann zur Abschreckung der fremden Eindringlinge pantomimisch übertreibend bejaht. “Der europäische Diskurs über Kannibalismus produzierte bei den Maori erst eigentliche Menschenfresserei”, schreibt Obeyesekere in seinem Buch Cannibal Talk von 2005.
Diese seltsame Form von kultureller Anpassung müsste allerdings erstaunlich rasch vor sich gegangen sein, denn schon auf der zweiten Reise Cooks nur drei Jahre später brauchten Schiffsoffiziere die an Bord kommenden Maori nicht lange zu bitten, bis diese ein Stück Menschenfleisch kochten und mit zur Schau gestelltem Genuss verzehrten. Der damals noch keine zwanzig Jahre alte Georg Forster, der seinen Vater als Naturforscher und Führer der Expeditionstagebücher auf der Reise um die Welt begleitete, wandte sich mit Grausen und trug in sein Journal ein: “Jetzt, da wir es offenbahr mit Augen gesehen haben, kann man wohl im geringsten nicht mehr daran zweifeln, die Neu-Seeländer für würkliche Menschenfresser zu halten.”
Abschreckend, fürwahr, und vielleicht ist genau das auch eine der Absichten hinter so mancher von Forsters Äußerungen, denn er beobachtete in Tahiti selbst schon, was die hemmungslose Gier der in jeder Hinsicht ausgehungerten Europäer bei ihrem Eintreffen aus den Paradiesen der Südsee machte. Auch die Maori erkannten sehr schnell, durch welcherart Tauschgeschäfte sie an das ihnen vorher völlig unbekannte Eisen aus den Schiffen gelangen konnten, und Forster beschreibt, wie sie ihre Frauen zur Prostitution mit den Matrosen zwangen. “Ob unsre Leute, die zu einem gesitteten Volk gehören wollten und doch so viehisch seyn konnten, oder jene Barbaren, die ihre eignen Weibsleuthe zu solcher Schande zwungen, den größten Abscheu verdienen? ist eine Frage, die ich nicht beantworten mag.” Und doch beantwortet er sie implizit: “Allein wir haben alle Ursach zu vermuthen, daß sich die Neu-Seeländer zu einem dergleichen schändlichen Mädchen-Handel nur seitdem erst erniedrigt hatten, seitdem vermittelst des Eisengeräthes neue Bedürfnisse unter ihnen veranlaßt worden... So besorge ich leyder”, schließt er, “daß unsre Bekanntschaft den Einwohnern der Südsee durchaus nachtheilig gewesen ist; und ich bin der Meinung, daß gerade diejenigen Völkerschaften am besten weggekommen sind, die sich immer von uns aus Besorgniß und Mistrauen entfernt gehalten haben.”

Und wenn sie sich selbst nicht länger fernhalten konnten oder wollten, konnte man ihnen dabei vielleicht ein bisschen helfen, indem man ihre Attraktivität herabsetzte. Die Maorifrauen waren laut Forster alle abstoßend hässlich, tätowierten sich und schmierten sich die Backen mit Öl und Farbe ein. “Außerdem stanken die Neu-Seeländerinnen auch dermaßen, daß man sie gemeiniglich schon von weitem riechen konnte und saßen überdem so voll Ungeziefer, daß sie es oft von den Kleidern absuchten und nach Gelegenheit zwischen den Zähnen knackten. Es ist zum Erstaunen, daß sich Leute fanden, die auf eine viehische Art mit solchen ekelhaften Creaturen sich abzugeben im Stande waren.” Jawohl, pfui, Herr Forster, der sich mit seinen neunzehn Jahren damals ganz bestimmt von diesen scheußlichen Frauen vollständig ferngehalten haben wird.

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