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Dienstag, 30. August 2011
Kleine Zeitreise in die Anfänge der holsteinischen Landesgeschichte (IV)
Die Baronie Edessa übernahm ein gleichnamiger Vetter Balduins, doch als erster der Kreuzfahrerstaaten wurde sie im Jahr 1144 von Zengi, dem Emir von Mossul, erobert. Durch diesen Erfolg der Moslems fühlten sich die restlichen Kreuzfahrerstaaten bedroht, und Papst Eugen rief den französischen König zu einem zweiten Kreuzzug auf. Der Brandstifter Bernhard von Clairvaux trug den Aufruf nach Deutschland hinüber, und in den Städten am Rhein kam es zu heftigen Judenverfolgungen. Durch seine Weihnachtspredigt vor dem deutschen König brachte Bernhard Konrad und zahlreiche deutsche Fürsten dazu, das Kreuz zu nehmen, und auf einem Reichstag im März 1147 wurde ein allgemeiner zweiter Kreuzzug beschlossen.

Die großen Fürsten im Norden und Osten Deutschlands waren wie viele ihrer Standesgenossen gern bereit, das Kreuz zu nehmen; allerdings ließen sie wenig (Glaubens-)eifer dazu erkennen, sich mit den Moslems im Nahen Osten herumzuschlagen. Wozu denn in die Ferne schweifen, wo doch das Heidnisch-Böse lag so nah?
Schon nach dem Erfolg des Ersten Kreuzzugs hatte man im Erzbistum Magdeburg zu einem Kreuzzug gegen die Slawen im Osten aufgerufen. „Denn dies ist unser Jerusalem, das anfangs frei war und durch die Grausamkeit der Heiden zur Magd erniedrigt wurde!“ heißt es in einer dortigen Urkunde aus dem Jahr 1108. Sie verhehlt keineswegs, daß es dabei nicht allein um die Ausbreitung des Christentums gehen sollte: „Wenn die Kreuzfahrer es wünschten, könnten sie das beste Land zum Siedeln erwerben.” (zit. nach Friedrich Lotter: Die Konzeption des Wendenkreuzzugs, 1977)
Besonders die mächtigsten Fürsten in Sachsen, Heinrich der Löwe und Albrecht der Bär, wollten ihre Herrschaft weiter nach Osten ausdehnen und ergriffen die günstige Gelegenheit beim Schopf, ihre persönlichen Absichten von der Massenbewegung der Kreuzfahrer verwirklichen zu lassen. Auf dem Kreuzzugsreichstag im März 1147 in Frankfurt erklärten sie, nicht nach Palästina gehen zu können, weil ihre eigenen Grenzen von heidnischen Slawen bedroht würden, und besonders Bernhard von Clairvaux fand ihren Vorschlag, dass sie stattdessen einen Kreuzzug gegen die Slawen unternehmen wollten, ganz klasse. Er verfaßte rasch eine theologische Begründung, wie sie ihm nie schwer fielen, und ließ im ganzen Reich zum “Wendenkreuzzug” aufrufen. In seinem Aufruf forderte er nicht weniger als die Vernichtung der Slawen als Volk: “natio deleatur”.
Papst Eugen III., ein ehemaliger Schüler Bernhards, bestätigte eilends in einer Bulle, was ihm sein geistlicher Goebbels in die Feder diktierte. Der Kreuzzug gegen die Slawen sei ebenso gottgefälliges Werk wie die Reconquista in Spanien oder das Heidenschlachten im Heiligen Land. Vollständiger Sündenablaß wurde jedem Teilnehmer gewährt. Bernhard, wohlgemerkt ein Geistlicher und in der Kirchenhierarchie nicht mehr als der Abt eines erst von ihm gegründeten Tochterklosters in der französischen Campagna, legte fest, wann sich die sächsischen Kreuzfahrer wo sammeln sollten: zum Ende Juni 1147 in Magdeburg.

Die beiden führenden weltlichen Fürsten dürften sich um diese Zeit darauf verständigt haben, ihre Interessen getrennt in zwei Marschsäulen zu verfolgen, denn der Magdeburger Heerhaufen brach allein unter der Führung Albrechts ins Gebiet der slawischen Liutizen ein und stieß gleich möglichst weit nach Osten vor. Doch vor der alten Festung Demmin an der Peene blieb er stecken. In einem weiteren Vorstoß wurde auch Stettin nicht eingenommen.
Natürlich war den Slawen der gewaltige Aufmarsch an der Elbe nicht verborgen geblieben, doch fühlten sich die Abodriten zunächst offenbar nicht ernsthaft bedroht (dafür lag ein Sammelpunkt Magdeburg auch zu weit im Süden). Ihr Fürst Niklot baute zudem auf einen persönlichen Freundschaftsvertrag mit Graf Adolf von Holstein. Erst als dieser ebenfalls das Kreuz genommen hatte und es ablehnte, Niklot seine Neutralität zuzusichern, schwante dem Abodriten, was auch auf ihn zukam.
Er holte sehr schnell zu einem Präventivschlag aus, und am Morgen des 26. Juni 1147 wurden die Bewohner Lübecks im Schlaf überrascht. Die Stadt wurde überrannt, die Schiffe im Hafen wurden in Brand gesteckt, nur die Burg hielt. Insgesamt sollen bei dem Handstreich mehr als 300 Menschen umgekommen sein. Nachdem die Abodriten auch im umliegenden christlichen Wagrien bis auf Segeberg alle Siedlungen abgefackelt hatten, zogen sie sich in ihr Land zurück und errichteten am Nordostufer des Schweriner Sees die Fluchtburg Dobin.
Gegen sie wandte sich die zweite Abteilung des sächsischen Kreuzfahrerheers unter Heinrich dem Löwen. Doch auch diese Burg konnte von den Kreuzrittern nicht erobert werden. Oder sie sollte es nicht. Es gab nämlich zwei durch ihr Verhalten im Kampf deutlich voneinander verschiedene Lager unter den Christen. Die einen münzten Bernhards Aufruf zur Auslöschung der Slawen als Nation in den Schlachtruf “Taufe oder Tod” um und wollten alle einen Kopf kürzer machen, die sich nicht augenblicklich unterwarfen und taufen ließen. Besonders die Ritter aus den Gefolgschaften Heinrichs und Albrechts behinderten dieses rabiate Vorgehen anscheinend sogar und verhinderten so durchgreifende Erfolge. Die Begründung für dieses Verhalten legte ihnen Helmold, Chronist dieses Feldzugs, selbst in den Mund: „Ist nicht das Land, das wir verwüsten, unser Land und das Volk, das wir bekämpfen, unser eigenes Volk? Weshalb also sind wir uns unsere eigenen Feinde geworden und Vernichter unserer Einkünfte?” (Helmold von Bosau, Chronica Slavorum, I, 65)
Mit anderen Worten, Heinrich der Löwe und Albrecht der Bär betrachteten sich schon als zumindest zukünftige Herren des Slawenlandes und wollten es nicht mehr als nötig zur Ader lassen, um ihre zukünftigen Profite nicht unnötig zu schmälern. Außerdem brauchte das Land nicht unter erfolgreichen Mitstreitern, die Belohnungen für ihren Einsatz erwarteten, aufgeteilt zu werden, solange es nicht als vollständig unterworfen angesehen werden konnte. Eine Anerkennung ihrer Oberherrschaft konnten die beiden Fürsten bei den anschließenden Friedensverhandlungen mit den nun zumindest formal sich taufen lassenden Slawen aber sehr wohl erreichen, die ihnen in den kommenden Jahren satte Tributzahlungen einbrachten. Außerdem wurden in den Slawengebieten östlich der Elbe alte und neue Missionsbistümer (wieder-)eingerichtet, die natürlich auch der Herrschaftsausübung über die Slawen dienten.


Zu ihnen gehörte auch das wagrische Bistum in Oldenburg. Zu seinem Bischof weihte Erzbischof Hartwig von Bremen den alten Missionar in diesem Gebiet, Vizelin. Seines Amtes froh wurde der fromme Mann jedoch nicht so recht. Der Erzbischof war nämlich ein Bruder des letzten Stader Grafen aus der reich begüterten Familie der Udonen, die nach Auskunft ihres Angehörigen Thietmar von Merseburg sogar mit Kaiser Otto dem Großen verwandt waren. Deren ausgedehnte Besitztümer von der Unterweser bis zur Eider bildeten ein nicht zu unterschätzendes Schwergewicht im nördlichen Sachsen.
Hartwig, damals noch Dompropst, schloß einen Deal mit dem noch amtierenden Erzbischof: Er wollte dem Bremer Erzstift das gesamte Udonenerbe schenken und es im Gegenzug zusätzlich mit allen Grafschaftsrechten des Stader Hauses im Erzbistum als Lehen auf Lebenszeit zurückerhalten. Da griff der Herzog zu. Heinrich behauptete kurzerhand völlig unbewiesene eigene Erbansprüche und eignete sich das Stader Erbe gewaltsam an. Bei einem Schlichtungstreffen in Ramelsloh kidnappte er, jedes geltende Recht mit Füßen tretend, Erzbischof Adalberg und ließ ihn erst frei, nachdem dieser seine Ansprüche anerkannte.
Als nach dem Tod Adalbergs 1148 das Bremer Domkapitel seinen Propst Hartwig zum Erzbischof wählte, bedeutete das eine Kampfansage an die Adresse des Herzogs. Ebenso daß Hartwig gleich im nächsten Jahr für die Bistümer im wagrischen Oldenburg und in Mecklenburg Bischöfe ernannte, ohne den Herzog auch nur vorab zu informieren.
Wieder schlug Heinrich der Löwe herzhaft drein. Er behauptete, erneut unter Entbehrung jeglicher Rechtsgrundlage, seine Vorfahren hätten das Land erobert und deshalb komme ihm das Recht der Investitur zu. Vizelin verwies zunächst darauf, daß dieses Recht allein dem König zustehe, worauf ihm der Herzog durch Graf Adolf den ihm zustehenden Zehnt wegnehmen ließ. Vizelin erlitt einen Schlaganfall und mußte in Neumünster bleiben. Geschwächt gab er seinen Widerstand auf und erschien im Dezember 1150 vor Heinrich in Lüneburg. Der überreichte ihm feierlich den Bischofsstab und schenkte dem Oldenburger Bistum als Erstausstattung das Dorf Bosau am Plöner See, wo Vizelin seinen Aufenthalt nahm, weil er sich auch drei Jahre nach dem Wendenkreuzzug noch nicht nach Oldenburg wagen konnte.
“Bischof Vizelin aber begann die Insel, welche Bozowe hieß, zu bewohnen und lagerte unter einer Buche, bis sie Hütten erbaut hatten, in denen sie sich aufhalten konnten. Dort begann er eine Kirche zu erbauen im Namen des Herrn und zum Gedächtnis des heiligen Petrus, des Apostelfürsten”, schreibt der inzwischen aus Braunschweig nach Nordelbien zurückgekehrte Helmold von Bosau in seiner Slawenchronik. Vizelin selbst hat also die wuchtige Bosauer Petrikirche noch bauen lassen, die damit, was man ihr heute nicht mehr unbedingt ansieht, ihr Dasein als Bischofskathedrale begann.
König Konrad war als schwer kranker Mann vom verlustreich gescheiterten Zweiten Kreuzzug zurückgekehrt und starb Mitte Februar 1152 in Bamberg. Sein Neffe Friedrich, Herzog von Schwaben, bestieg als Friedrich I. (Barbarossa) den Thron und hielt zu Pfingsten desselben Jahres in Merseburg einen Reichstag vornehmlich für die nördlichen Teile des Reichs ab. Erzbischof Hartwig von Bremen nötigte Vizelin, ihn dorthin zu begleiten. Er wollte, daß sich Vizelin vom König noch einmal rechtmäßig in sein Amt investieren ließ, um Herzog Heinrichs Investitur damit als unrechtmäßig zu dokumentieren; doch eine weitere Brüskierung des Löwen lehnte Vizelin, der wußte, wie abhängig er und sein Bistum vom Welfen waren, ab. Nach seiner Rückkehr an den Plöner See konnte er seine neue Kirche dort weihen. Wenige Tage später erlitt er einen zweiten Schlaganfall und wurde nach Neumünster gebracht, wo er, halbseitig gelähmt und fast sprechunfähig, noch zwei Jahre gepflegt wurde, bis er am 12.12.1154 starb.
Als seinen Nachfolger wählte die Frau Herzog Heinrichs, Clementia von Zähringen, den aus ihrer schwäbischen Heimat stammenden Kaplan am Braunschweiger St.Blasien-Stift mit Namen Gerold aus. Natürlich verweigerte Erzbischof Hartwig diesem Bischof von des Welfen Gnaden die Weihe. Damit er sich überhaupt irgendwo in seinem Bistum etablieren konnte, übereignete ihm Heinrich aus dem Besitz Graf Adolfs den inzwischen von Holländern besiedelten, ehemals von Abodriten gegründeten Marktflecken Eutin. Seinen ehemaligen Schüler Helmold machte Gerold zum Pfarrer in Bosau und ermunterte ihn vor seinem Tod 1163 in Bosau, seine Aufzeichnungen zur Chronica Slavorum auszuweiten. So entstand in diesem winzigen Ort auf der Insel im Plöner See in den Jahren von etwa 1167-72 die bedeutendste schriftliche Quelle für die Geschichte Nord- und Ostdeutschlands im 12. Jahrhundert.

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