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Sonntag, 5. August 2012
Behaagliches II: Tribunale, Strafanstalten

VIRTUTIS EST DOMARE QUAE CUNCTI PARVENT

“Es ist eine Tugend, die zu züchtigen, die die Gesamtheit fürchtet”



Ich halte es nicht für einen Zufall, daß etliche der internationalen Gerichtshöfe und Strafeinrichtungen in der Hauptstadt der Niederlande, in Den Haag, eingerichtet wurden: Der Internationale Gerichtshof, der Internationale Strafgerichtshof, das Exjugoslawien-Tribunal, das Libanon-Tribunal. Die Niederländer pflegen schließlich eine lange Tradition des Strafens und Erziehens.
Um ihre Mentalität als Nation herauszuarbeiten (früher hätte man von “Volkscharakter” gesprochen, sofern es so etwas überhaupt gibt, was sich mit guten Gründen bezweifeln läßt), beginnt Simon Schama seine Studie ausgerechnet, aber nicht von ungefähr mit einer Schilderung des Amsterdamer Tugthuis, des Zuchthauses.
Darin wurde seit 1595 an Delinquenten eine frühe, speziell holländische Form des heutzutage bei amerikanischen CIA-Folterern so beliebten Waterboarding praktiziert. Man flutete die Zelle eines Gefangenen im Keller, in der eine Handpumpe installiert war, und ließ dem Insassen die Wahl, jämmerlich zu ersaufen oder zu pumpen, bis ein “wahrer” Holländer aus ihm wurde, denn worin bewies sich der Holländer, wenn nicht im unermüdlichen Abpumpen von Wasser.
Anschließend durfte der umzuerziehende Sträfling im Obergeschoß seine restliche Haftzeit damit verbringen, sich von einem unordentlichen Kriminellen zu einem nützlichen Glied der Gesellschaft zu wandeln, indem er Tag für Tag Rotholz aus Brasilien zu Färbepulver für die Textilmanufakturen sägte und raspelte. Dabei mußte er sich von Besuchern begaffen lassen wie ein Affe im Käfig, denn gemäß der herrschenden kalvinistischen Moral sollte auch öffentliche Scham der Besserung dienen. Und wenn man nebenher noch ein kleines Sümmchen daran verdiente, war das den bigotten Frömmlern im Magistrat nicht unwillkommen. So wurden denn im 17. und 18. Jahrhundert das Rasphuis und die entsprechende Einrichtung für Frauen, das Spinhuis, fest ins Amsterdamer Sightseeingprogramm aufgenommen und Scharen von Touristen gegen Eintrittsgeld zum Begaffen der Häftlinge geführt.
Nach dem Abbruch des stark veralteten Zuchthauses 1892 errichtete die Stadt an seiner Stelle – ein Schwimmbad.


Nachtrag:
Fast könnte man den Abbruch des Rasphuis bedauern, denn gerade derzeit wüßte ich so manchen, dem ich gern ein paar Stunden kräftiges Pumpen bei hohem Wasserstand verordnen würde, angefangen bei Signore Monti, dem antidemokratischen Vollzieher (vulgo “Technokrat”) vom Bilderberg, und dann weiter mit anderen selbsternannten “Euro-Rettern” wie Gabriel und Schäuble, bei dem man allerdings fairerweise den Wasserstand etwas senken müßte.
Was hat der Monti jetzt öffentlich erklärt? Die europäischen Regierungen sollten sich nicht von den Parlamenten behindern lassen und hätten die “Pflicht, das Parlament zu erziehen.” – Allein für diese Äußerungen hätte er mindestens acht Stunden Wasserpumpen verdient, aber am Ende wird man ihm in Aachen genauso den Karlspreis um den Hals hängen wie Schäuble, Trichet, Merkel, Juncker und - vor zehn Jahren - dem Euro selbst!

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Donnerstag, 2. August 2012
Behaagliches I


Im Gegensatz zu den meisten werde ich mich ausgerechnet im Ferienmonat August einmal durchgehend an meinem Wohnort aufhalten. Gelegenheit also für Versuche, auch die nähere Umgebung mit dem unverwandten Blick des Kameraauges anzusehen, und für ein paar unspektakuläre Fingerübungen am Auslöser. Den(n) Haag ist größtenteils eine ruhige, gutbürgerliche Stadt im Verständnis von Simon Schamas eklektisch zusammengewerkelter Mentalitätsgeschichte der Niederlande im Goldenen Zeitalter, Überfluß und schöner Schein, von 1987: sauber, ordentlich, wohlanständig, wohlhabend, moralindurchsäuert. Kein durch und durch unbehaglicher Ort für ein ruhiges, zurückgezogenes Wohnen für den, der Trubel lieber andernorts als gleich vor der Haustür sucht. Wer lieber im ewigen Kuddelmuddel hausen mag, zieht sowieso nach Amster- oder Rotterdam oder gleich nach Berlin. Nichts Aufregendes also hier zu sehen in den kommenden Wochen. Ich werde lediglich sehr holländisch ein bißchen vor der eigenen Tür kehren. “Elk keere voor zijne eigene deur.” Am schönsten klingt die alte Redewendung aber auf Ungarisch:
Ki-ki söpörjön a maga portáján.


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Dienstag, 31. Juli 2012
Rotterdam überrascht mit ausgelassener Buntheit




Mitte der Achtziger Jahre war es den Zuwanderern von den Niederländischen Antillen in Holland endgültig zu kalt geworden. Sie beschlossen, Karneval zu feiern wie in ihrer alten Heimat, und zwar nicht vor Beginn der katholischen Fastenzeit im Spätwinter, sondern in der Jahreszeit, in der die Temperaturen sogar in Holland das Tragen eher leichter und stoffsparender Kostüme wie in der Karibik manchmal zulassen. Andere Bevölkerungsgruppen aus dem Süden schlossen sich bald begeistert an, aus dem anfangs kleinen Umzug wurde ein von Jahr zu Jahr immer größerer, und nun war am Wochenende in Rotterdam zum 28. Mal laut und bunt:




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Donnerstag, 26. Juli 2012
Als das Meckern mal geholfen hat
Ein Blick auf die Straßen beweist es. Seit dem letzten Wochenende sind sie in unserem Viertel tagsüber komplett verstopft; alle freien Parkplätze, an denen sonst kein Mangel herrscht, bis in den letzten Winkel belegt und selbst die Straßenecken noch zugestellt mit parkenden Autos mit gelben, aber häufig auch weißen Nummernschildern. Der Blick nach oben bestätigt es: ja, es ist doch noch Sommer geworden. Geradezu heiß fühlt es sich an nach der Kühle der vergangenen Wochen. Nein, nicht zu heiß. Ich werde doch jetzt nicht anfangen, an den hochsommerlichen Temperaturen wieder etwas aussetzen. Am Ende wird womöglich auch dieses Genörgel erhört. Nein, es ist gerade recht so, danke. So darf es gern eine Weile bleiben. – Obwohl, wenn ich mir die endlosen Reihen abgestellter Autos ansehe, kann ich mir lebhaft vorstellen, was für ein Gedränge jetzt am Strand herrscht. Da mag ich tagsüber gar nicht hingehen, auf den Rummelplatz südlich der Pier schon gar nicht. Aber auch hinter den Dünen nördlich davon liegen sie jetzt bald auf Handtuchfühlung; jedenfalls deutlich unterhalb meiner Fluchtdistanz. Da bleibt eigentlich nur der frühe Morgen, bevor der Zug der Lemminge einsetzt, aber das Wasser ist noch lausekalt, und ganz besonders morgens, zu kalt für mich bekennenden Warmduscher. Oder aber ich schwinge mich am späten Nachmittag noch schnell aufs Rad und zykle antizyklisch den Massen entgegen und genieße die Abendsonne über der Nordsee und die Abstrahlwärme des Sandes. Jedenfalls kommen endlich die unschätzbaren Vorteile des Wohnens am Meer einmal richtig zum Tragen. Und da Sommer ist, reicht mittags auch ein leichter Imbiß im Halbschatten für eine Weile. (Nette Sommerlektüre übrigens, die ich mir da bereitgelegt habe.)


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Dienstag, 24. Juli 2012
Kauzige Beobachtungen in München

Neulich hatte ich beruflich im Deutschland südlich benachbarten Bayern, genauer in der Hauptstadt München, zu tun. Ich sah dem Termin mit gewissen bangen Erwartungen entgegen. Als Nicht-Bayer hat man schließlich seine Vorbehalte gegenüber diesem ganz besonderen Bundesland unter dem hellblauweiß karierten Biertischtuch, doch war der Besuch unumgänglich, und ich muß im nachhinein zugeben, man sieht dort Dinge, die man so vielleicht doch nicht erwartet hätte.
Nach der Landung ging es gleich los. Beim Anflug hatte von oben noch alles wie gemalt ausgesehen: sattgrüne Wiesen, gelbe Felder, bretteben – sollen da nicht irgendwo Berge stehen? Doch statt Bodenbarock Kirchtürme mit barocken Zwiebeln an Stelle einer Spitze. Nun gut. Dann aber rollte die Maschine auf den Terminal zu, und München demonstrierte gleich, daß es etwas anders tickt, denn darauf prangte in Riesenlettern... also ich sage mal, daß Bundeswehrkasernen nach allerlei zwielichtigem Gesindel benannt wurden, ist ja kein Einzelfall, aber gewissermaßen den ersten Empfangssaal einer Stadt nach einem notorisch cholerischen, korrupten Politiker zu benennen, gegen dessen Aufstieg über die Landesgrenzen hinaus sich seinerzeit im Rest der Republik ganze Bürgerbewegungen und Volksbegehren formiert hatten – Respekt! So viel Chuzpe bringt nicht jede Stadt auf.
Gleiches gälte in meinen Augen übrigens für einen etwaigen Versuch, den Nachfolgebau des Olympiastadions für ästhetisch gelungen zu erklären. Was da auf dem Weg in die Stadt am Rand steht, ist kein Stadion, sondern eine ringförmige Wurst in aufgeblasener Plastikpelle, die durch ein Einkaufsnetz notdürftig gehalten wird, damit der kommerzielle Charakter des Ganzen schon in der äußeren Form sinnfällig wird. Angesichts dessen bin ich schon fast wieder froh, daß man solche Stätten ursprünglich sportlicher Begegnung heutzutage nicht mehr Stadion nennen darf, sondern söldnerisch-gladiatorenhaft “Arena”. Daß der Ort für entsprechend unfallverdächtige circenses in München ausgerechnet einem Versicherungskonzern gehört, verleiht dem Ganzen eine wohl ungewünscht komische Beinote.
Später wurde ich belehrt, alles sei Ausdruck eines gesund unerschütterlichen Selbstbewußtseins von eigener Art (man könnte es adjektivisch auch “eigenartig” nennen), das sich in dem Slogan “Mia san mia”, sagen wir, artikuliert. Übersetzt: Der Rest der Welt geht uns am Oarsch vorbei, weil mia sowieso was Besseres sind.
Wenn man auf den an sich langweiligen, aber völlig überteuerten Einkaufsstraßen der Stadt von (Bayerns) Welt erwachsene Männer heute, im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, in kurzen Lederhosen hagestolzen sieht, wird einem klar, daß diese Einstellung tatsächlich tief in der Psyche des Münchner Bayern verwurzelt sein muß. Es sind keineswegs nur irgendwelche hinterwäldlerischen Wurzelsepps von der Alm oder aus dem Wald, die auf der Ludwig- oder Maximilianstraße so rumlaufen, sondern Herrn, die das augenscheinlich in vollem (Sonder-)Modebewußtsein tun. Bei jungen Frauen verhält es sich nicht anders, bei ihnen gilt auch sommers und nicht etwa nur zur “Wies’n-Zeit” ein Dirndl-light-Look als tragbar. Fotografieren lassen sie sich darin allerdings nur unter Wahrung ihrer Anonymität.



Es spricht natürlich nichts dagegen, das Straßenbild im Sommer bunt und vielfältig aufzulockern, zumal gerade in dieser Zeit bodenlanges Schwarz besonders in den Münchener Straßen mit den teuersten Geschäften und Edelboutiquen unübersehbar zunimmt. Man hat auch außerhalb schon davon gehört, daß reich gewordene Araber aus den Ölemiraten zum Shoppen unter anderem nach München fliegen, aber daß sie dort in ganzen Familienverbänden ausschwärmen und etwa so zahlreich und auffällig sind wie die neureichen Russen in Helsinki, das ist mir erst jetzt aufgegangen.
Trüge das alles nur zu einem bunten, lockeren Straßenbild bei, wäre alles schön und bestens, aber die bunte Gemengelage ist nur der äußere Schein; hinter den Sonnenbrillen spielt sich ein gnadenloser Konkurrenzkampf ab.



Gegen die Blicke, die einen in München auf der Straße blitzschnell von oben bis unten taxieren und sofort in eine vom Preis der Kleidung bestimmte Hierarchiestufe einsortieren, ist ein Nacktscanner ein Nebelwerfer. Nach ihrem Befund bemißt sich, ob der leere Stuhl am Wirtshaustisch noch frei ist oder ob man Entgegenkommenden ausweicht oder sie mit Blicken vom Trottoir in die Gosse schubst. Besonders unbarmherzig kamen mir bei etlichen beobachteten Gelegenheiten die Blicke vor, mit denen Frauen andere Frauen abschätzten: ernstzunehmende Rivalin auf der Piste oder nicht? Da fanden in völliger Stille kurze, aber erbitterte Duelle statt, ohne daß man als Unbeteiligter ohne genaues Zusehen überhaupt etwas davon mitbekommen hätte.
Anders als, denke ich, die meisten Männer erfassen Frauen mit ihrem holistischen Bodyscan unfehlbar immer auch die Schuhe des Objekts, und ich war heilfroh, daß es so warm war, daß ich am Morgen die weißen Socken in den Sandalen weglassen konnte. Für den Deutschland- bzw. Bayernbesuch hatte ich natürlich eigens die dort üblichen Birkenstöcke angelegt. Durch meinen Aufenthalt in den Niederlanden hat sich meine Haltung in Fußbekleidungsfragen noch weiter simplifiziert, als sie es vorher schon war. In Holland tragen ja bekanntlich alle nur “Klompen” an den Füßen (im Sommer die zierlicheren Modelle ohne Stroheinlage), und so lief ich schon bald mit gesenktem Kopf durch Münchens Straßen und konnte den Blick nicht von den Schuhen der Passantinnen wenden. München - nördlichste Stadt Italiens; für keinen Bereich des öffentlichen Lebens trifft dieses Epitheton genauer zu als für den der Damenschuhmode.



Ich bekam den Kopf erst wieder hoch, als plötzlich Asphalt und Straßenpflaster in meinem Blickfeld durch Kieswege und Rasengrün abgelöst wurden. Der Englische Garten war erreicht und wurde von Süd nach Nord durchwandelt. “Was ich gesehn”, um es mit den Worten des Dichters zu sagen, “verrate ich nicht, ich habe zu schweigen versprochen...” Nur so viel: ich habe als “Biergärten” deklarierte Tränken und Schwemmen gesehen, in denen mit Sicherheit mehr als tausend Menschen bei- und aufeinanderhockten, um den Tag gemütlich (!) ausklingen zu lassen. Den Lärm aus tausend Kehlen hörte man selbst durch die zum Schallschutz angepflanzten Waldstücke Hunderte von Meter weit. Bayerische Urgemütlichkeit. Prosit! Wohlsein!
Irgendwann bog meine Cicerona nach links ab und verkündete, jetzt gehe es nach Alt-Schwabing. Was sie nicht sagte, war, daß der Weg uns von der Tränke in die Traufe führte.

Ich weiß nicht, wie Alt-Schwabing sonst so ist, an jenem Abend war es ein einziger Ballermann. Fetter Bratwurstqualm wälzte sich in dichten Schwaden durch die Straßen, durch die sich in noch dichteren Pulks die Menschenmengen schoben, die noch nicht mit einem Litereimer Dünnbier vor sich auf den sämtliche Bürgersteige vollstellenden Biertischbänken Platz gefunden hatten. Und das Publikum sah ganz so aus, als seien es in Vielzahl dieselben Leute, die für den Urlaub schon den Billigflieger zum Druckbetanken und Kampfsaufen auf Malle gebucht hatten. Mei, was für a Gaudi! Der Münchner läßt’s halt raus und krachen, gell? – In Details verlieren, lieber nicht. “ ... den Deckel drauf!” Irgendwann bleibt meineinem wohl nur noch der Gang in die Eremitage. Da ist wenigstens alles schön grau in grau.


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Dienstag, 17. Juli 2012
Eine Hand



Was macht man mitten im Sommer am besten in Rotterdam? Man geht ins Museum. In das Museum, in dessen versammelten Bildern ich bei solchem “Sommerwetter” immer wieder gern spazieren gehe. Diesmal nicht in einer “Landschaft am Anfang der Zivilisation”, und diesmal fesselte mich auch nicht der Blick einer Maria Magdalena wie im letzten Jahr. Diesmal blieb mein eigener Blick an einer Hand hängen, an einer schönen, sehr blassen Frauenhand mit einem auffälligen Ring am Daumen, die über einem Kleid schwebt, das über und über glänzt und schimmert wie Mondstein, obwohl es nur aus Ölfarbe auf Leinwand besteht.

Der Mann, dem die dunklere Hand auf dem Bild gehört, Mijnheer Abraham del Court, hat das Gemälde 1654 in Auftrag gegeben, zwei Jahre nach seiner Hochzeit, und nicht bei irgendwem, sondern beim angesehensten und beliebtesten Porträtisten der Amsterdamer High Snobiety des Goldenen Zeitalters, bei Bartholomeus van der Helst. Ja, das ist der, der in seinem fünfeinhalb Meter breiten Kolossalgemälde mit dem ebenso breiten Titel “Das Schützenmahl der Amsterdamer Bürgergarde zur Feier des Westfälischen Friedens" 1648 mehr als zwei Dutzend naturgetreue Porträts unterbrachte. Der Kunstkritiker Arnold Houbraken hat es in seiner “Groote schouburgh der Nederlantsche konstschilders en schilderessen” als eines der wichtigsten Gemälde überhaupt und seinen Schöpfer van der Helst und nicht etwa Rembrandt als den “Phönix der niederländischen Malerei” bezeichnet. Auch der offizielle Hofmaler des englischen Königshauses, Godfrey Kneller (1646 als Gottfried Kniller in Lübeck geboren), der “gleich nebenan” bei Rembrandt gelernt hatte, schätzte van der Helsts Porträtkunst sehr. Man halte nur einmal die flachen Gesichter auf Gerard ter Borchs vergleichbarem Bild von der Unterzeichnung des Friedens zu Münster von 1648 daneben, um die Lebendigkeit und Qualität von van der Helsts Porträts zu erkennen.
Viel mehr aber als die Gesichter nahm mich eine Hand der Dame auf dem Doppelporträt für Mr. del Court gefangen.




Van der Helst war nicht umsonst Holländer, er wußte seine Kunst und sein Renommee sehr genau in Gulden umzurechnen. Die Preise für seine Porträts berechnete er nach der Zahl der abgebildeten Personen und verlangte pro Kopf über 300 Gulden. So strich er 1658 für ein Familienporträt die mehr als stolze Summe von 1400 Gulden ein (das war fast so viel, wie Rembrandt für seine “Nachtwache” bekam) und verlangte 1664 für eine dreiköpfige Familie die runde Summe von 1000 Gulden, erhielt nach einem langen Rechtsstreit am Ende 400 Gulden, weil das Gericht 300 für angemessen befand und ihm noch 100 Gulden extra ‘ten respecte vande meester sijn naem ende reputatie’ zuerkannte.* Nur zum Vergleich: 1626 hatte Peter Minuit aus Wesel, der Gouverneur von Nieuw-Amsterdam (heute New York), den Indianern die Insel Manhattan für 60 Gulden abgekauft. (Na ja, andererseits hätte man auf dem Höhepunkt des Tulpenwahns 1637 für 1000 Gulden nicht einmal eine einzige Tulpenzwiebel kaufen können.)

Es waren jedoch nicht nur seine Honorare (“wat nix kost’, is auch nix’) und die meisterhaft naturgetreue und doch meist gefällige Ausführung seiner Porträts, die den teuren van der Helst für del Court empfahl, sondern ebenso etwas anderes, auf das er in dem dann bestellten Bild allergrößte Sorgfalt verwandte: die malerische Wiedergabe von Stoffen. Ich glaube nicht, daß man silberweißen Satin vorher schon einmal so hat glänzen sehen wie auf dem gemalten Kleid von del Courts Frau Maria de Kaersegieter (oder Keerssegieter). Nicht von ungefähr, denn Abraham del Court stammte aus einer im wahrsten Sinn des Wortes gut betuchten Hugenottenfamilie, war Tuchhändler und Stofflieferant für die reiche Kaufmannschaft und das Patriziat der damaligen Weltstadt Amsterdam. Das Bild, das ihn und seine acht Jahre jüngere Frau als frisch getrautes Ehepaar vorstellt (der Garten, die kleine Fontäne im Hintergrund und die gerade aufgeblühte Rose, die sie mit der anderen Hand anfaßt, als Embleme (ehelicher) Liebe), soll zugleich Reklame für die Qualität seiner Stoffe machen.




Schwarz und weiß schimmernd bedecken sie fast die Hälfte des Bildes. Eine heutige Kunsthistorikerin nahm es zum Anlaß, um vom Porträt des Goldenen Zeitalters in den Niederlanden als einer frühneuzeitlichen “PR-Maschine” zu schreiben. Und in ihrer Besprechung der gleichen Ausstellung schrieb Charlotte Higgins 2007 im Guardian:

Black was predominant, according to Betsy Wieseman, curator of Dutch paintings at the gallery, partly because it implied "sobriety and modesty. But at least as important was the fact that it was fashionable. These days, when you go out somewhere special, the chances are that you reach for black. Well, for much of the 17th century it was like that in the Netherlands." So black is the old black; but... this black is all about rich detail and texture. Abraham's black silk get-up is almost blinding in its splendid sheen.
Even the John Terry or Gary Neville weddings at the weekend would find it hard to rival this for garish, nouveau riche ostentation. That dress of hers is not black, you will have noted. If wearing a beautiful white suit in 2007 announces that you are far too rich to take a bus or walk in the rain, ratchet that up a few notches for Holland in the 17th century: no dry cleaning, and even filthier streets. Maria is too damn rich and stylish to move, we can infer. What is hilarious about this painting is that it is more or less an advertisement. Del Court was a cloth merchant. His wife's white frock - which takes up half the painting and whose fabric is painted with loving luminescence by van der Helst - is showing what a nice bit of schmutter he can put his wife in, just as Sir Philip Green wouldn't want Lady Green to be seen slopping around in a stained tracksuit. That moonstone-coloured dress is set off by amazing silver-thread embroidery, quintuple strands of pearls at each wrist, a diamond ring and brooch, and ropes of pearls in her hair and at her throat. Talk about bling.

Zu den Klunkern gehört auch der Brilli an Mevrouws Daumen, vermutlich ihr Ehering, den ich allerdings eher wie einen Fremdkörper an ihrer vornehm blassen Hand empfinde, die, leicht gestützt und umfaßt von Mijnheers gebräunter Linken, so entspannt über dem rauschenden Stoff schwebt. Nicht für sehr lange. Auf dem Bild ist Maria de Kaersegieter etwa 25 Jahre alt, ihr Mann war, wie gesagt, acht Jahre älter. Zu dem Arrangement, in dem van der Helst die beiden malte, gibt es eine makabre Parallele. Zu der Zeit war Raadpensionaris, also oberster Verwaltungsbeamter der Provinz Holland, Jakob Cats, der sich jedoch weniger als Politiker denn viel mehr als Verfasser didaktisch-moralischer Gedichte einen Namen gemacht hatte. Unter anderem hatte er ein Emblembuch mit dem Titel Proteus of Minne-beelden verandert in Sinne-beelden ("Proteus oder Liebes- in Sinnbilder verändert") herausgegeben, und darin findet sich folgendes Emblem.


Quelle: Emblemproject Utrecht

Ähnlichkeiten zu van der Helst’ Doppelporträt sind kaum zu übersehen. Nur hält die Dame auf dem Stich in ihrer Linken keine aufblühende Rose, sondern einen sterbenden Frosch. Das Motto über der Pictura lautet: Tibi mors, mihi vita. Dir den Tod, mir das Leben.




1663 malte Pieter de Hooch eine musizierende Familie. Es wurde von Kunsthistorikern mehrfach behauptet, zu sehen sei darauf die Familie del Court. Die von de Hoogh gemalte Frau des Hauses ist aber nicht Maria de Kaersegieter, Abraham del Courts erste Frau. Sie hat nach ihrer Hochzeit keine zehn Jahre mehr gelebt. Ihre Hand auf van der Helsts Porträt könnte schon vom Tod so blaß gezeichnet sein.

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Montag, 16. Juli 2012
Rotterdam. Im Schatten von morgen *



"Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Bilder."
(Erasmus von Rotterdam, Rotterdam, 16. Juli 1503)



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