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Dienstag, 30. August 2011
Kleine Zeitreise in die Anfänge der holsteinischen Landesgeschichte (IV)
Die Baronie Edessa übernahm ein gleichnamiger Vetter Balduins, doch als erster der Kreuzfahrerstaaten wurde sie im Jahr 1144 von Zengi, dem Emir von Mossul, erobert. Durch diesen Erfolg der Moslems fühlten sich die restlichen Kreuzfahrerstaaten bedroht, und Papst Eugen rief den französischen König zu einem zweiten Kreuzzug auf. Der Brandstifter Bernhard von Clairvaux trug den Aufruf nach Deutschland hinüber, und in den Städten am Rhein kam es zu heftigen Judenverfolgungen. Durch seine Weihnachtspredigt vor dem deutschen König brachte Bernhard Konrad und zahlreiche deutsche Fürsten dazu, das Kreuz zu nehmen, und auf einem Reichstag im März 1147 wurde ein allgemeiner zweiter Kreuzzug beschlossen.

Die großen Fürsten im Norden und Osten Deutschlands waren wie viele ihrer Standesgenossen gern bereit, das Kreuz zu nehmen; allerdings ließen sie wenig (Glaubens-)eifer dazu erkennen, sich mit den Moslems im Nahen Osten herumzuschlagen. Wozu denn in die Ferne schweifen, wo doch das Heidnisch-Böse lag so nah?
Schon nach dem Erfolg des Ersten Kreuzzugs hatte man im Erzbistum Magdeburg zu einem Kreuzzug gegen die Slawen im Osten aufgerufen. „Denn dies ist unser Jerusalem, das anfangs frei war und durch die Grausamkeit der Heiden zur Magd erniedrigt wurde!“ heißt es in einer dortigen Urkunde aus dem Jahr 1108. Sie verhehlt keineswegs, daß es dabei nicht allein um die Ausbreitung des Christentums gehen sollte: „Wenn die Kreuzfahrer es wünschten, könnten sie das beste Land zum Siedeln erwerben.” (zit. nach Friedrich Lotter: Die Konzeption des Wendenkreuzzugs, 1977)
Besonders die mächtigsten Fürsten in Sachsen, Heinrich der Löwe und Albrecht der Bär, wollten ihre Herrschaft weiter nach Osten ausdehnen und ergriffen die günstige Gelegenheit beim Schopf, ihre persönlichen Absichten von der Massenbewegung der Kreuzfahrer verwirklichen zu lassen. Auf dem Kreuzzugsreichstag im März 1147 in Frankfurt erklärten sie, nicht nach Palästina gehen zu können, weil ihre eigenen Grenzen von heidnischen Slawen bedroht würden, und besonders Bernhard von Clairvaux fand ihren Vorschlag, dass sie stattdessen einen Kreuzzug gegen die Slawen unternehmen wollten, ganz klasse. Er verfaßte rasch eine theologische Begründung, wie sie ihm nie schwer fielen, und ließ im ganzen Reich zum “Wendenkreuzzug” aufrufen. In seinem Aufruf forderte er nicht weniger als die Vernichtung der Slawen als Volk: “natio deleatur”.
Papst Eugen III., ein ehemaliger Schüler Bernhards, bestätigte eilends in einer Bulle, was ihm sein geistlicher Goebbels in die Feder diktierte. Der Kreuzzug gegen die Slawen sei ebenso gottgefälliges Werk wie die Reconquista in Spanien oder das Heidenschlachten im Heiligen Land. Vollständiger Sündenablaß wurde jedem Teilnehmer gewährt. Bernhard, wohlgemerkt ein Geistlicher und in der Kirchenhierarchie nicht mehr als der Abt eines erst von ihm gegründeten Tochterklosters in der französischen Campagna, legte fest, wann sich die sächsischen Kreuzfahrer wo sammeln sollten: zum Ende Juni 1147 in Magdeburg.

Die beiden führenden weltlichen Fürsten dürften sich um diese Zeit darauf verständigt haben, ihre Interessen getrennt in zwei Marschsäulen zu verfolgen, denn der Magdeburger Heerhaufen brach allein unter der Führung Albrechts ins Gebiet der slawischen Liutizen ein und stieß gleich möglichst weit nach Osten vor. Doch vor der alten Festung Demmin an der Peene blieb er stecken. In einem weiteren Vorstoß wurde auch Stettin nicht eingenommen.
Natürlich war den Slawen der gewaltige Aufmarsch an der Elbe nicht verborgen geblieben, doch fühlten sich die Abodriten zunächst offenbar nicht ernsthaft bedroht (dafür lag ein Sammelpunkt Magdeburg auch zu weit im Süden). Ihr Fürst Niklot baute zudem auf einen persönlichen Freundschaftsvertrag mit Graf Adolf von Holstein. Erst als dieser ebenfalls das Kreuz genommen hatte und es ablehnte, Niklot seine Neutralität zuzusichern, schwante dem Abodriten, was auch auf ihn zukam.
Er holte sehr schnell zu einem Präventivschlag aus, und am Morgen des 26. Juni 1147 wurden die Bewohner Lübecks im Schlaf überrascht. Die Stadt wurde überrannt, die Schiffe im Hafen wurden in Brand gesteckt, nur die Burg hielt. Insgesamt sollen bei dem Handstreich mehr als 300 Menschen umgekommen sein. Nachdem die Abodriten auch im umliegenden christlichen Wagrien bis auf Segeberg alle Siedlungen abgefackelt hatten, zogen sie sich in ihr Land zurück und errichteten am Nordostufer des Schweriner Sees die Fluchtburg Dobin.
Gegen sie wandte sich die zweite Abteilung des sächsischen Kreuzfahrerheers unter Heinrich dem Löwen. Doch auch diese Burg konnte von den Kreuzrittern nicht erobert werden. Oder sie sollte es nicht. Es gab nämlich zwei durch ihr Verhalten im Kampf deutlich voneinander verschiedene Lager unter den Christen. Die einen münzten Bernhards Aufruf zur Auslöschung der Slawen als Nation in den Schlachtruf “Taufe oder Tod” um und wollten alle einen Kopf kürzer machen, die sich nicht augenblicklich unterwarfen und taufen ließen. Besonders die Ritter aus den Gefolgschaften Heinrichs und Albrechts behinderten dieses rabiate Vorgehen anscheinend sogar und verhinderten so durchgreifende Erfolge. Die Begründung für dieses Verhalten legte ihnen Helmold, Chronist dieses Feldzugs, selbst in den Mund: „Ist nicht das Land, das wir verwüsten, unser Land und das Volk, das wir bekämpfen, unser eigenes Volk? Weshalb also sind wir uns unsere eigenen Feinde geworden und Vernichter unserer Einkünfte?” (Helmold von Bosau, Chronica Slavorum, I, 65)
Mit anderen Worten, Heinrich der Löwe und Albrecht der Bär betrachteten sich schon als zumindest zukünftige Herren des Slawenlandes und wollten es nicht mehr als nötig zur Ader lassen, um ihre zukünftigen Profite nicht unnötig zu schmälern. Außerdem brauchte das Land nicht unter erfolgreichen Mitstreitern, die Belohnungen für ihren Einsatz erwarteten, aufgeteilt zu werden, solange es nicht als vollständig unterworfen angesehen werden konnte. Eine Anerkennung ihrer Oberherrschaft konnten die beiden Fürsten bei den anschließenden Friedensverhandlungen mit den nun zumindest formal sich taufen lassenden Slawen aber sehr wohl erreichen, die ihnen in den kommenden Jahren satte Tributzahlungen einbrachten. Außerdem wurden in den Slawengebieten östlich der Elbe alte und neue Missionsbistümer (wieder-)eingerichtet, die natürlich auch der Herrschaftsausübung über die Slawen dienten.


Zu ihnen gehörte auch das wagrische Bistum in Oldenburg. Zu seinem Bischof weihte Erzbischof Hartwig von Bremen den alten Missionar in diesem Gebiet, Vizelin. Seines Amtes froh wurde der fromme Mann jedoch nicht so recht. Der Erzbischof war nämlich ein Bruder des letzten Stader Grafen aus der reich begüterten Familie der Udonen, die nach Auskunft ihres Angehörigen Thietmar von Merseburg sogar mit Kaiser Otto dem Großen verwandt waren. Deren ausgedehnte Besitztümer von der Unterweser bis zur Eider bildeten ein nicht zu unterschätzendes Schwergewicht im nördlichen Sachsen.
Hartwig, damals noch Dompropst, schloß einen Deal mit dem noch amtierenden Erzbischof: Er wollte dem Bremer Erzstift das gesamte Udonenerbe schenken und es im Gegenzug zusätzlich mit allen Grafschaftsrechten des Stader Hauses im Erzbistum als Lehen auf Lebenszeit zurückerhalten. Da griff der Herzog zu. Heinrich behauptete kurzerhand völlig unbewiesene eigene Erbansprüche und eignete sich das Stader Erbe gewaltsam an. Bei einem Schlichtungstreffen in Ramelsloh kidnappte er, jedes geltende Recht mit Füßen tretend, Erzbischof Adalberg und ließ ihn erst frei, nachdem dieser seine Ansprüche anerkannte.
Als nach dem Tod Adalbergs 1148 das Bremer Domkapitel seinen Propst Hartwig zum Erzbischof wählte, bedeutete das eine Kampfansage an die Adresse des Herzogs. Ebenso daß Hartwig gleich im nächsten Jahr für die Bistümer im wagrischen Oldenburg und in Mecklenburg Bischöfe ernannte, ohne den Herzog auch nur vorab zu informieren.
Wieder schlug Heinrich der Löwe herzhaft drein. Er behauptete, erneut unter Entbehrung jeglicher Rechtsgrundlage, seine Vorfahren hätten das Land erobert und deshalb komme ihm das Recht der Investitur zu. Vizelin verwies zunächst darauf, daß dieses Recht allein dem König zustehe, worauf ihm der Herzog durch Graf Adolf den ihm zustehenden Zehnt wegnehmen ließ. Vizelin erlitt einen Schlaganfall und mußte in Neumünster bleiben. Geschwächt gab er seinen Widerstand auf und erschien im Dezember 1150 vor Heinrich in Lüneburg. Der überreichte ihm feierlich den Bischofsstab und schenkte dem Oldenburger Bistum als Erstausstattung das Dorf Bosau am Plöner See, wo Vizelin seinen Aufenthalt nahm, weil er sich auch drei Jahre nach dem Wendenkreuzzug noch nicht nach Oldenburg wagen konnte.
“Bischof Vizelin aber begann die Insel, welche Bozowe hieß, zu bewohnen und lagerte unter einer Buche, bis sie Hütten erbaut hatten, in denen sie sich aufhalten konnten. Dort begann er eine Kirche zu erbauen im Namen des Herrn und zum Gedächtnis des heiligen Petrus, des Apostelfürsten”, schreibt der inzwischen aus Braunschweig nach Nordelbien zurückgekehrte Helmold von Bosau in seiner Slawenchronik. Vizelin selbst hat also die wuchtige Bosauer Petrikirche noch bauen lassen, die damit, was man ihr heute nicht mehr unbedingt ansieht, ihr Dasein als Bischofskathedrale begann.
König Konrad war als schwer kranker Mann vom verlustreich gescheiterten Zweiten Kreuzzug zurückgekehrt und starb Mitte Februar 1152 in Bamberg. Sein Neffe Friedrich, Herzog von Schwaben, bestieg als Friedrich I. (Barbarossa) den Thron und hielt zu Pfingsten desselben Jahres in Merseburg einen Reichstag vornehmlich für die nördlichen Teile des Reichs ab. Erzbischof Hartwig von Bremen nötigte Vizelin, ihn dorthin zu begleiten. Er wollte, daß sich Vizelin vom König noch einmal rechtmäßig in sein Amt investieren ließ, um Herzog Heinrichs Investitur damit als unrechtmäßig zu dokumentieren; doch eine weitere Brüskierung des Löwen lehnte Vizelin, der wußte, wie abhängig er und sein Bistum vom Welfen waren, ab. Nach seiner Rückkehr an den Plöner See konnte er seine neue Kirche dort weihen. Wenige Tage später erlitt er einen zweiten Schlaganfall und wurde nach Neumünster gebracht, wo er, halbseitig gelähmt und fast sprechunfähig, noch zwei Jahre gepflegt wurde, bis er am 12.12.1154 starb.
Als seinen Nachfolger wählte die Frau Herzog Heinrichs, Clementia von Zähringen, den aus ihrer schwäbischen Heimat stammenden Kaplan am Braunschweiger St.Blasien-Stift mit Namen Gerold aus. Natürlich verweigerte Erzbischof Hartwig diesem Bischof von des Welfen Gnaden die Weihe. Damit er sich überhaupt irgendwo in seinem Bistum etablieren konnte, übereignete ihm Heinrich aus dem Besitz Graf Adolfs den inzwischen von Holländern besiedelten, ehemals von Abodriten gegründeten Marktflecken Eutin. Seinen ehemaligen Schüler Helmold machte Gerold zum Pfarrer in Bosau und ermunterte ihn vor seinem Tod 1163 in Bosau, seine Aufzeichnungen zur Chronica Slavorum auszuweiten. So entstand in diesem winzigen Ort auf der Insel im Plöner See in den Jahren von etwa 1167-72 die bedeutendste schriftliche Quelle für die Geschichte Nord- und Ostdeutschlands im 12. Jahrhundert.

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Samstag, 27. August 2011
Kleine Zeitreise in die Anfänge der holsteinischen Landesgeschichte (III)
Eigentlich wollte ich ja nur nach Bosau, aber die Umwege der Geschichte sind verschlungen und weitläufig. Heute führen sie – aber nur ganz kurz – nach... Şanlıurfa. – ???

Das “ruhmreiche Urfa” liegt nicht ganz in Ostholstein, sondern in Südostanatolien. Sorry. Es ist etwas älter als alles, was sich in Holstein Stadt nennen durfte, und wahrscheinlich identisch mit dem hurritischen Urschu auf sumerischen Keilschrifttexten aus der Zeit um 2000 vor unserer Zeitrechnung. Wie so vieles wurde es von Alexander dem Großen erobert und von seinem Diadochengeneral Seleukos unter dem makedonischen Namen Edessa neu gegründet. Im Lauf der Jahrhunderte bekam die Stadt noch viele wechselnde Herrn. Ende des 11. Jahrhunderts befand sie sich gerade in der Hand der Byzantiner, die sich jedoch kaum noch der türkischen Seldschuken erwehren konnten, bis sich im Frühsommer 1097 das nach neueren Berechnungen gut 50.000 Menschen umfassende Heer der Kreuzfahrer auf dem Ersten Kreuzzug durch Kleinasien wälzte.
Eroberung Jerusalems, Miniatur 13. Jh. cc)Unter den Kreuzrittern befand sich ein Graf Balduin von Boulogne am Ärmelkanal. Wie einige seiner Standesgenossen war er, da Zweitgeborener und nicht Haupterbe seiner Familie, von Anfang an mit auf den Kreuzzug gegangen, um sich eine eigene Herrschaft zu erobern. Als der byzantinische Stadtherr von Edessa die Kreuzfahrer um Hilfe bat, trennte sich Balduin mit seinem Gefolge vom christlichen Heer und warf sich, als der byzantinische Kuropalates schon bald darauf ermordet wurde (von wem eigentlich?), selbst zum Herrn über Stadt und Umland auf. Nach Auskunft eines wichtigen Zeitzeugen, des Abts Guibert aus dem Benediktinerkloster Nogent-sous-Coucy in der Picardie, waren die überwiegend armenisch-orthodoxen Bewohner Edessas von den “Franken” keineswegs angetan. Balduin nahm darum die führenden Bürger kurzerhand gefangen, ließ ihnen laut Guiberts Dei gesta per Francos Hände, Füße, Ohren, Nasen, Lippen oder Zungen abschneiden und alle kastrieren und warf sie aus der Stadt. (Kleines Schlaglicht auf die von der Kreuzzugspropaganda behauptete “Befreiung” des Heiligen Landes.)
Dieses, sagen wir konsequente Auftreten gegen eine andersgläubige Stadtbevölkerung ließ ihn in den Augen der anderen Kreuzritter anscheinend besonders geeignet erscheinen, nach der Einnahme von Jerusalem und dem unglaublichen Massaker der Christen an den Moslems dort sowie nach dem Tod seines Bruders Gottfried von Bouillon zum König von Jerusalem gekrönt zu werden - oder dem, was von ihm übrig war. Nach Angaben zeitgenössischer Chronisten sollen die christlichen Befreier an dem einen Tag nach der Erstürmung der Stadt am 15. Juli 1099 zwischen 30.000 und 70.000 Menschen massakriert haben.

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Donnerstag, 25. August 2011
Kleine Zeitreise in die Anfänge der holsteinischen Landesgeschichte (II)
Am 7. August 1106 starb in Lüttich Kaiser Heinrich IV., nachdem er in der Karwoche desselben Jahres das Heer seines abtrünnigen Sohnes noch einmal geschlagen hatte. Keine drei Wochen später starb in Sachsen mit Herzog Magnus auch der letzte männliche Sproß der Billunger.
König Heinrich V. überging dessen Schwiegersöhne und gab das sächsische Herzogtum aus welchen Gründen auch immer in die Hände eines seiner Parteigänger, des eher zweitrangigen Adligen Lothar von Süpplingenburg (bei Helmstedt). Allerdings hatte dieser Lothar sechs Jahre zuvor mit 25 die höchstens 13jährige Richenza von Northeim geheiratet, eine Enkelin des ehemaligen Bayernherzogs Otto aus dem Geschlecht der in Sachsen sehr begüterten Northeimer Grafen, die Lothar nach deren Erlöschen im Mannesstamm ebenso beerben konnte wie die mütterliche Linie seiner Frau, die Brunonen. Doch schon vorher zeigte Lothar, daß er – in Sachsen besser verwurzelt als die schwäbischen Ministerialen, mit denen Kaiser Heinrich das Land hatte regieren wollen – in seinem Herzogtum und darüber hinaus sehr viel energischer zu walten gedachte. Besonders zog er gleich mehrfach gegen die Slawen nördlich und östlich der Elbe zu Felde.

Siegel der Schauenburger Grafen von Holstein, 13. Jh.Im Jahr 1110 tötete ein Trupp Abodriten, die einen Vergeltungszug unternommen hatten, in einem Hinterhalt den Hamburger Grafen Gottfried. Als Nachfolger rief Lothar im folgenden Jahr seinen sächsischen Lehnsmann Adolf von Schauenburg von der mittleren Weser in den Norden und ernannte ihn auch zum Grafen der nordelbischen Sachsengaue Stormarn und Holstein. Es war eine der zukunftsträchtigsten Entscheidungen des späteren Kaisers Lothar, denn die Schauenburger sollten 350 Jahre lang die regierende Dynastie in Holstein bleiben, und ihr Familienwappen ist noch heute als gezacktes Nesselblatt das des Landes. Als Zugereister hatte Graf Adolf I. jedoch zeit seines Lebens einen schweren Stand gegen den einheimischen Adel, gegen die Abodriten und auch gegen die immer wieder von Norden angreifenden Dänen. Aber er behauptete sich und ging allmählich sogar in die Offensive.

“Mit der Berufung der Schauenburger nach Nordelbingen schuf Lothar die Voraussetzung, daß in der Folgezeit Mission und deutsche Siedlung im Raum an der westlichen Ostsee erfolgreich beginnen konnten.” (Karl Jordan)

1126 tauchte der ehemalige Bremer Domscholaster Vizelin bei Graf Adolf auf. Nach fortgesetzten Studien in Frankreich hatte er sich nach seiner Rückkehr auf eigenen Wunsch von Erzbischof Adalbert II. zum Missionar in Wagrien ernennen lassen. Doch bekam er dort kein Bein auf den Boden und durfte mit Erlaubnis seines Erzbischofs zunächst auf der halbwegs sicheren Seite des Sächsischen Limes im Faldera-Gau am sogenannten Ochsenweg nach Dänemark ein neues Kloster gründen. Aus diesem novum monasterium wurde später Neumünster.
Wie undurchsichtig verwickelt die Verhältnisse in dem Grenzraum damals waren, erhellt vielleicht am schnellsten aus dem Umstand, daß sich 1129 mit Knud Lavard ein Sohn des dänischen Königs Erik Ejegod zum knes oder Fürsten der slawischen Wagrier aufschwingen konnte, das Land dann aber von dem inzwischen zum deutschen König aufgestiegenen Lothar zu Lehen nahm. (Seine Residenz behielt er allerdings nach wie vor auf der Juriansburg in Schleswig.)
1128 hatte Knud damit begonnen, den Kalkberg im nachmaligen Segeberg zu befestigen, doch ließ Graf Adolf die Bauten kurz vor seinem Tod 1130 wieder abreißen. Auch Knuds Vetter Magnus in Dänemark fürchtete dessen wachsende Macht, lud ihn Anfang 1131 zu einer Unterredung ein und brachte ihn beim Gastmahl kurzerhand um.
Für König Lothar war die Ermordung seines Lehnsmanns Grund genug, augenblicklich mit einem Heer in Dänemark einzufallen. Magnus unterwarf sich kampflos und erkannte den deutschen König als Lehnsherrn Dänemarks an.
Nachdem Lothar 1134 von seinem Italienzug als gekrönter Kaiser zurückgekehrt war, gelang es Vizelin, ihn zu einem nochmaligen Besuch der nördlichen Grenzgebiete zu veranlassen. Dabei führte er Lothar auch zum Segeberger Kalkberg und machte ihn auf dessen strategische Lage aufmerksam. Der Kaiser befahl, auf dem Gipfel eine Burg zu errichten, die den Namen Siegesburg erhielt und später dem Ort ihren Namen gab. An ihrem Fuß gründete er ein Stift der Augustinerchorherren wie in Neumünster und unterstellte es ebenfalls Vizelin. Zu den ersten Mönchen dort gehörte auch ein damals wohl erst 14jähriger Helmold aus dem Harzvorland, der bald zur Ausbildung an die Braunschweiger Domschule geschickt wurde.
Kaiser Lothar war unterdessen ein zweites Mal nach Italien gezogen, um Papst Innozenz II. und den Kirchenstaat vor dem inzwischen Süditalien beherrschenden Normannenkönig Roger II. von Sizilien zu schützen. Sein Schwiegersohn, der Welfe Heinrich, wegen seines hochfahrenden und übergriffigen Wesens mit dem Beinamen der Stolze belegt, begleitete ihn mit einem eigenen Ritteraufgebot und eroberte Bari. Dann wurde es den Sachsen im apulischen Sommer zu heiß. Viele erkrankten, wohl auch an Malaria, unter ihnen der Kaiser. Der Feldzug wurde abgebrochen. Auf dem Rückzug über die Alpen starb Kaiser Lothar Anfang Dezember in Tirol. Vor seinem Tod übergab er seinem Schwiegersohn die Reichsinsignien.
Heinrich der Stolze war auch so schon der mächtigste Fürst im Reich; er war Herzog sowohl in Bayern als auch in Sachsen und rühmte sich, seine Macht reiche “von Meer zu Meer, von Dänemark bis nach Sizilien”. Gerade darum aber gab es unter den Fürsten und in der römischen Kirche auch Gegner, die seinen vorgezeichneten Aufstieg zum König verhindern wollten.
Der Wahltermin für einen Nachfolger Lothars war auf Pfingsten 1138 festgesetzt worden, doch der Wahlleiter, Erzbischof Adalbero von Trier, berief nahezu heimlich eine Versammlung von Fürsten des anti-welfischen Lagers schon Anfang März nach Koblenz, wo man in einem Coup überraschend den Staufer Konrad zum deutschen König wählte. Ein Gesandter des Papstes war natürlich nicht zufällig gleich zur Stelle, um Konrad nur wenige Tage später wenigstens am rechten Ort, nämlich am Thron Karls des Großen in Aachen, zu krönen.
Der stolze Heinrich lieferte zwar die Reichsinsignien aus, verweigerte dem Nacht-und-Nebel-König Konrad aber die Huldigung, weil dieser ihm seine Reichslehen nicht bestätigen wollte. Ein Enkel des letzten Billungerherzogs, Albrecht der Bär aus dem Haus der Askanier, erhob offiziell Ansprüche auf Sachsen, und als Heinrich nicht auf einem Reichstag zur Klärung erschien, wurde er für geächtet und seiner Herzogtümer für verlustig erklärt.
Damit brach der Konflikt zwischen Welfen und Staufern im Reich offen aus, und selbst Nordelbien wurde hineingezogen. Da Graf Adolf II. seinem Lehnseid und damit dem von Lothar designierten Nachfolger treu blieb, wurde er vom neuen Herzog abgesetzt und der aus dem Lüneburgischen stammende Heinrich von Badwide mit der Grafschaft belehnt. Der unternahm erst einmal einen Plünderungs- und Verwüstungsfeldzug durch Wagrien, der postwendend mit einem Vergeltungszug der Wagrier unter Pribislaw aus der Abodritendynastie der Nakoniden gegen die erste sächsische Siedlung auf wagrischem Boden in Segeberg beantwortet wurde.
Anfang 1139 überließ Heinrich der Stolze den Kampf gegen die Staufer in Süddeutschland seinem Bruder Welf und zog mit einem Heer nach Sachsen. Selbst König Konrad, der sich dort aufhielt, verzog sich fluchtartig, und Albrecht der Bär mußte ihm bald folgen. Im Oktober desselben Jahres starb der 40jährige Heinrich plötzlich in Quedlinburg eines so raschen Todes, daß sofort von Gift gemunkelt wurde.
Sein damals acht oder neun Jahre alter Sohn Heinrich, der spätere Löwe, wurde in Sachsen sogleich als sein Nachfolger anerkannt. Seine Mutter Gertrud und seine Großmutter, die Kaiserinwitwe Richenza, übernahmen für ihn die Regentschaft. Besonders die etwa 50jährige Richenza führte erfolgreich den Kampf gegen den Askanier weiter. Erst ihr Tod im Juni 1141 erlaubte die Anbahnung eines Ausgleichs. Albrecht der Bär verzichtete auf seinen Herzogstitel und erhielt dafür seinen Eigenbesitz in Sachsen zurück. Heinrich der Löwe verzichtete auf das Herzogtum Bayern zugunsten des österreichischen Markgrafen Heinrich II. aus der Familie der Babenberger, der des Löwen erst 28jährige Mutter Gertrud heiratete, und wurde dafür mit dem Herzogtum Sachsen belehnt.
Sogleich kümmerte sich der junge Löwe um die unsichere Lage im Norden seines Herzogtums. Gegen eine größere Geldsumme belehnte er Adolf II. erneut mit der Grafschaft Holstein; für seinen Rivalen Heinrich von Badwide richtete er im Land der Polaben eine nach deren Hauptort Ratzeburg benannte neue Grafschaft ein. Um seine Herrschaft über das Land (und die Slawen) zu festigen, ließ Adolf nicht nur südlich der Elbe und in Westfalen, sondern bis hinüber nach Flandern, Holland und Friesland Einwanderer anwerben, die sich zunächst vor allem um den Plöner See und am Unterlauf der Trave ansiedelten. Dort, an der Einmündung der Schwartau in die Trave, lag seit dem 9. Jahrhundert eine slawische Siedlung: Liubice, “die Liebliche”. Die christlichen Abodritenfürsten hatten sie seit dem Ausgang des 11. Jahrhunderts zu einer stadtähnlichen Siedlung mit Hafen, Kaufmanssiedlung, Burg und Kirche ausgebaut. 1138 zerstörten die heidnischen Ranen von Rügen auf einem Kriegszug Liubice, doch Graf Adolf gründete bei einer jüngeren slawischen Wallanlage auf einer Halbinsel etwas traveaufwärts 1143 eine neue Siedlung gleichen Namens: Lübeck.



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Mittwoch, 24. August 2011
Kleine Zeitreise in die Anfänge der holsteinischen Landesgeschichte (I)

Warum steht diese kleine, alte Kirche mitten in der idyllischen Holsteinischen Schweiz so wuchtig und gedrungen gebaut da? Die Geschichte interessiert außer mir natürlich niemanden, und die wenigen, die sie vielleicht doch interessieren könnte, kennen sie bestimmt längst; aber man schreibt so ein Blog ja nicht ausschließlich für andere, und darum schreibe ich das folgende trotzdem einmal auf.

Das Kirchlein stand in seiner Anfangszeit, wenn man so will, mitten “im feindlichen Ausland”, im slawischen Wagrien.
Jawohl, slawisch. Nach der Abwanderung der Goten, der Wandalen und Burgunder und anderer Germanenvölker im Verlauf der Völkerwanderung rückten allmählich slawische Stämme in die siedlungsleer zurückgebliebenen Räume im Osten und Nordosten des späteren Deutschland ein. Im Lauf des 8. Jahrhunderts erreichte der Stammesverband der Abodriten den Südrand der Ostsee im heutigen Mecklenburg und drängte von da weiter nach Westen gegen die Sachsen. Damit empfahlen sie sich als Wunschbündnispartner Karls des Großen, denn mit ihnen konnte er seine hartnäckigsten Widersacher in die Zange nehmen. Nach einem gemeinsamen Sieg über die Sachsen 798 auf dem Schwentinefeld bei Bornhöved schlossen die Abodriten mit dem Frankenkönig einen Vertrag, der die Grenze zwischen dem jetzt fränkisch beherrschten Sachsen und ihrem Gebiet festlegte. In dem ihnen darin vertraglich zugesicherten Ostteil Holsteins siedelte sich der abordritische Teilstamm der Wagrier an.
Der sogenannte Limes Saxoniae war keine befestigte Grenze wie sein römischer Vorläufer, sondern ein so gut wie menschenleerer Grenzstreifen aus undurchdringlichen Sümpfen und Urwäldern. Ein kleiner Grenzverkehr fand nur sporadisch statt. Schrecklich viel wußte man hüben und drüben anscheinend zunächst nicht voneinander.
Als sich ein Augustinermönch, die einzigen Schriftgelehrten ihrer Zeit in diesem Raum, im späten 12. Jahrhundert (also nach 300 Jahren Nachbarschaft) daran machte, eine “Chronik der Slawen” aufzuzeichnen, schrieb er in einem einleitenden ethnographischen Überblick:

“Die Völker der Slawen sind zahlreich. Sie wohnen am Ufer des Baltischen Meeres, das sich vom westlichen Ozean gegen Morgen hin ausdehnt. Es wird deshalb das Baltische genannt, weil es sich wie ein Balteus (Gürtel) in langem Zug durch die skythischen Gegenden bis nach Griechenland erstreckt.”

Geographie war wohl nicht die starke Seite des Mönchs, der über die Slawen natürlich nur deswegen schrieb, weil sie in der Zwischenzeit interessant geworden waren, als zu beherrschende und zu bekehrende Objekte.

“Es lohnt sich, am Eingang dieses Werks etwas von den Ländern, dem Wesen und den Sitten der Slawen vorauszuschicken und zu schildern, in wie verschlungenen Gewinden des Irrwahns sie gefesselt waren, damit an der Schwere der Krankheit um so leichter die Wirksamkeit des göttlichen Heilmittels erkannt werde.”

Besonders unter den sächsischen Kaisern hatte das sich herausbildende und verfestigende Heilige Römische Reich Deutscher Nation immer weiter nach Osten ausgegriffen und die Slawen östlich der Elbe unter dem Vorwand und mit den Mitteln der Missionierung Stamm für Stamm tributpflichtig gemacht. Man denke in diesem Zusammenhang nur an die Gründung des Erzbistums Magdeburg durch Otto den Großen 967, dessen ostelbisches Vorland durch die Errichtung von Marken und Burgbezirken militärisch gesichert wurde. Die Mark an der unteren Elbe wurde nach ihrem ersten Markgrafen Hermann Billung die Billunger Mark genannt und umfaßte die Siedlungsgebiete vor allem der Abodriten. Noch bevor sie unterworfen und bekehrt waren, stiftete der Kaiser schon neue Bistümer in den Slawengebieten, im Norden sollte eines seinen Sitz in der alten Hauptburg der Wagrier, in der Oldenburg (slaw. Starigrad) nehmen. (Die päpstliche Zustimmung dazu war nicht schwer zu erhalten gewesen.) Die Slawen fügten sich jedoch nicht einfach unter diese deutschen Oberherrschaftsansprüche, sondern warfen die Deutschen in kraftvollen Erhebungen mehrfach wieder hinter die Elbe zurück. Im Jahr 1018 etwa zerstörten sie sämtliche Kirchen in ihren Gebieten, und der Oldenburger Bischof konnte seine Diözese seitdem für lange Zeit nicht mehr betreten. Das Gleiche wiederholte sich nach dem Sturz des Erzbischofs Adalbert von Bremen in den Jahren 1066/67. Damals wurde sogar Hamburg von den Abodriten unter dem heidnischen Wagrierfürsten Kruto geplündert. Das Missionsbistum im wagrischen Oldenburg erlosch für die nächsten 80 Jahre.

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Sonntag, 21. August 2011
Jungfernstiegschuhwerk
Versace, Hamburg, Elbphilharmonie, Binnenalster, Jungfernstieg - alles klangvolle Namen für den von weither anreisenden Besucher, mondän geradezu, aber vielleicht sollte man seine neue Kamera besser nicht überall so nah und genau hinschauen lassen. Denn wer würde schon das Schuhwerk, in dem diese Jungfer des orangen Fußnagellacks stieg, auf dem Jungfernstieg erwarten. Hat sich was mit der Mondänität.



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Samstag, 20. August 2011
Kurzreise durch ein östliches Nachbarland (I)












Hamburg. Wie es sich für ausländische Touristen gehört, bummeln wir bei schönem Wetter über den Jungfernstieg und durch die Poststraße zum Gänsemarkt. Der Bürgersteig ist zu überfüllt, um gegen den Strom zu laufen, also gehen wir auf der Straße, an einer Reihe parkender Edelkarossen entlang. Vor uns ein kleiner Mann in weißem Hemd mit dunklen Haaren und sonnenverbranntem Nacken. Neben einem besonders aufgeblasenen und absichtsvoll schlecht eingeparkten Schlitten bleibt er stehen und streichelt den mattschwarzen Lack.
“Das ist doch eine totenhäßliche Farbe”, sage ich.
Der Mann dreht sich um. Augenscheinlich ein Zigeuner, mit einem Akkordeon vor dem Bauch. Er grinst mich an, daß die Goldzähne blitzen und belehrt mich in akzentfreiem Deutsch: “Eh, Mann, das ist doch genau die Versace-Farbe.”
Bettler in Hamburg.

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Freitag, 12. August 2011




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