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Montag, 25. Juli 2011
Zum Massaker in Norwegen



Akte der Barbarei ereigneten sich vor dem Wochenende auch in Norwegen:

• Gegen 15.30h explodierte in der Grubbegata im Stadt- und Regierungszentrum von Oslo eine gewaltige Autobombe. Sie ließ im Umkreis von einem Kilometer Scheiben aus den Häusern fliegen und beschädigte vor allem das Regierungsgebäude, in dem sich das Büro des norwegischen Ministerpräsidenten befindet. Mindestens 8 Menschen wurden durch die Wucht der Detonation in dem Gebäude getötet. Dutzende andere wurden z.T. lebensgefährlich verletzt.
Angebliche Sachverständige äußerten sehr schnell den Verdacht, der Anschlag sei von einer “islamistischen Terrorgruppe” verübt worden. Damit taten sie genau das, worauf es der Attentäter angelegt und womit er kalkuliert hatte.

• Während sich die Rauch- und Staubwolke über der Innenstadt noch legte, flimmerte eine neue Meldung über die Livebilder des norwegischen Fernsehens: Auf einer 40km von Oslo entfernten kleinen Insel in einem See habe es in einem Sommerlager der norwegischen Jungsozialisten eine Schießerei gegeben. Dann hieß es, ein als Polizist uniformierter Mann sei auf die Insel gekommen, habe gesagt, Erklärungen zum Anschlag in Oslo geben zu wollen und dann aus einem Schnellfeuergewehr auf die versammelten Kinder das Feuer eröffnet. Erst sollte es dabei 2-3 Tote gegeben haben, dann 10. Bis heute zählt die Polizei 68 Getötete! 66 weitere liegen mit Schußverletzungen in Krankenhäusern. Ein Massaker an Kindern und Jugendlichen im anscheinend so friedlichen Norwegen. Die größte Katastrophe, die das Land seit dem Zweiten Weltkrieg getroffen hat.
Drei Stunden nach Beginn der Anschläge ergab sich der mutmaßliche Täter in schußsicherer Weste der Polizei. Wie die norwegischen Medien immer wieder betonten, war der Mann groß, blond, blauäugig.

Ein Norweger mit Namen Anders Behring Breivik, 32 Jahre alt, seit kurzem angeblich Betreiber eines Gemüseanbaus bei Oslo. Unter dieser Tarnung hatte er unauffällig sechs Tonnen (!) Kunstdünger gekauft. Kunstdünger enthält Ammoniumnitrat. Versetzt mit Dieselöl bildet es hochexplosiven Sprengstoff. Seit der Auswertung der Aufnahmen von Überwachungskameras in der Grubbegata geht die Polizei davon aus, daß der Attentäter dort und der Massenmörder auf der Ferieninsel Utøya ein und derselbe sind: Anders B. Breivik.

Viel ist über ihn bislang noch nicht bekannt. In den beiden letzten Jahren schrieb er mehrfach Beiträge in Internetforen, in denen er sich u.a. über einen “Völkermord” der Schwarzen an Weißen im südlichen Afrika äußerte und immer wieder gegen Multikulturalismus als “kulturellen Marxismus” und “anti-europäische Haßideologie” polemisierte. Vor wenigen Wochen eröffnete er eine eigene Facebookseite, auf der er sich unter anderem als Freimaurer präsentierte (Johannes-Loge “Søilene”), seine Einstellung als “christlich” und “konservativ” bezeichnete.
Eine Stunde, bevor die Bombe im Regierungsviertel explodierte, verschickte Breivik per Email unter der anglisierten Form seines Namens, Andrew Berwick, an ausgewählte Adressaten der rechten Szene in Finnland ein 1500 Seiten umfassendes Manifest. Inzwischen hat sich herausgestellt, daß Teile davon bis in die Fußnoten hinein nichts anderes als eine Abschrift des Manifests des berüchtigten Una-Bombers Kaczinsky aus den USA sind. Lediglich dessen Feindbegriff “Leftist” hat Breivik durch “Cultural Marxist” ersetzt. Die Instant-Video-Version davon (ebenfalls im Internet, habe sie mir angesehen) enthält krudeste Propaganda im Stil von “die UNO wird bereits heute von Moslems kontrolliert” und die Staaten Westeuropas sind “kulturmarxistische Diktaturen”. Im übrigen geht daraus hervor, dass er sich auf seine Attentate seit neun Jahren minutiös vorbereitet hat. Er machte Sprengstoffversuche, versteckte vor einem Jahr schon die Polizeiuniform, trainierte Gewehr- und Pistolenschießen und fraß seit einem halben Jahr Anabolika, um mehr Muskelmasse aufzubauen.
Was der nationalkonservative Christ Breivik dann am Freitag auf der Jugendinsel Utøya verübte, beschreibt die 18-jährige Prableen Kaur in ihrem Blog:


“Als die Panik ausbrach, stand ich im Hauptgang. Ich hörte Schüsse. Ich sah ihn schießen. Mein erster Gedanke war: ‘Wieso schießt die Polizei auf uns? Scheiße!” Ich rannte in den kleinen Saal. Auch andere rannten. Schreie. Ich hatte Angst. Ich schaffte es in einen der hinteren Räume. Wir waren viele da drin. Alle lagen wir auf dem Boden. Wir hörten weitere Schüsse. Bekamen noch mehr Angst. Ich weinte. Ich begriff gar nichts... Wir hörten immer mehr Schüsse und beschlossen, aus dem Fenster zu springen. Panik brach aus. Alle drängten ans Fenster und wollten rausspringen... Wir liefen in den Wald. Ich blickte mich um. Ist er hier? Schießt er auf mich? Sieht er mich...? Ich suchte Deckung hinter einer Art Mauer. Wir waren viele. Ich betete. Ich rief meine Mutter an und sagte, wir würden uns vielleicht nie wiedersehen, aber ich würde alles versuchen, um durchzukommen. Ich hörte die Angst in ihrer Stimme. Sie weinte. Das tat weh. Papa schickte ich eine SMS... Wir hörten wieder Schüsse. Kauerten uns zusammen. Taten alles, um uns warm zu halten... Papa rief an... Auch die anderen riefen ihre Eltern an, aber dann schickten wir nur noch SMS, weil wir Angst hatten, der Mörder könnte uns hören... Manche sprangen ins Wasser und schwammen weg. Ich blieb liegen. Ich beschloß, mich totzustellen, wenn er kommen sollte. Ich wollte nicht weglaufen oder schwimmen. Ich kann die Angst, die ich fühlte, nicht beschreiben.
Ein Mann kam. ‘Ich bin von der Polizei.’ Ich blieb liegen. Jemand schrie, er solle sich ausweisen. Ich weiß nicht mehr, was er geantwortet hat, aber er begann zu schießen. Dann lud er nach. Schoß weiter. Ich dachte: Das war’s. Er ist hier. Er knallt mich ab. Jetzt sterbe ich. Menschen schrieen. Ich hörte, wie andere erschossen wurden. Andere sprangen ins Wasser. Ich lag da. Das Handy in der Hand. Ich lag auf den Beinen eines Mädchens. Zwei andere lagen auf meinen Beinen. SMS gingen ein. Das Handy klingelte mehrmals. Ich blieb liegen. Ich stellte mich tot. So lag ich wenigstens eine Stunde lang. Es war ganz still. Ich drehte vorsichtig den Kopf, um zu sehen, ob es noch Überlebende gab. Ich sah Leichen. Ich sah Blut. Angst. Ich beschloß, aufzustehen. Ich hatte auf Leichen gelegen. Zwei Tote lagen auf mir.”


Anderthalb Stunden lang schoß Breivik auf der Insel systematisch auf alles, was sich bewegte, und “erlegte” dabei mit kaltblütiger Präzision mindestens 68 junge Menschen, die 8 Bombenopfer in Oslo nicht mitgezählt. (Noch sucht die Polizei in den Gebäuden und im Wasser nach Vermißten.) Um mit jedem Schuß möglichst großen Schaden anzurichten, verwendete er nach Aussage eines die Opfer operierenden Arztes sogar Dumdum-Geschosse.
Zur Stunde ist noch unklar, ob Breivik beide Anschläge allein verübte. Einige der Überlebenden von Utøya sprachen in ihren Aussagen von zwei Männern.

Natürlich setzt jetzt, nachdem die erste Schockstarre nachläßt, das Fragen nach den Motiven des grausamen Schlächters ein. Daß “der Einschnitt, den Nordeuropa am Freitag Nachmittag erlebte, ein besonders krasser” ist, so Matthias Hannemann heute in der FAZ, “liegt nicht zuletzt am Selbstverständnis der nordischen Wohlfahrtsstaaten, am Selbstbild eines Landes wie Norwegen zumal, das sich dem politischen, dem finanziellen und dem gesellschaftlichen Glück so nah fühlt wie kaum ein anderes Land in der Welt. Utopia, das ist Norwegen - ein Raum, in dem das Böse nichts mehr zu suchen hat, seitdem die Besatzer 1945 gingen. Die perfekte, von Mutter Staat liebevoll beschützte Gesellschaft. Das war Norwegen, vielleicht.
‘Es ist typisch Norwegisch, gut zu sein’. – Umso irritierender dürfte die Vorstellung sein, dass das „Böse“ am Freitag nicht von außen in die Idylle einbrach, sondern im Norden selbst entstehen konnte. [...] Jeder Versuch, Breivik als faschistoiden Rechtsextremen oder christlichen Fundamentalisten zu beschreiben, ist nicht mehr als ein hilfloser Reflex [...] Womöglich kam dieser Mann einfach aus der Mitte.”

Hannemann stützt sich für diese nicht undelikate Vermutung auf ein Gespräch mit dem Philosophen Lars Gule an der Høgskolen i Oslo, das die konservative Tageszeitung Aftenposten am Samstag abdruckte. Gule beobachtet das rechte Spektrum in Norwegen seit Jahren und hat selbst mit Breivik auf einer norwegischen Internetplattform debattiert. Er charakterisiert ihn in Schlagworten als “belesenen, theoretisch interessierten, vor allem aber islamophoben Nationalchauvinisten”.
“Er ist nationalkonservativ, aber kein Nazi [...] Er hat sich in seinen Beiträgen im Netz selbst von den Nazis distanziert und erklärt, Nationalsozialisten seien genauso wie Moslems und Marxisten Anhänger einer Haßideologie.”
Dass man Breivik jetzt rasch in ein “rechtsextremes Milieu” einsortiert, hält Gule für ein voreiliges Abschieben.

“Wenn man mit ‘Milieu’ meint, daß Breivik in Internetforen diskutiert und geschrieben hat, in denen er Gleichgesinnte fand, dann muß man feststellen, daß es in Norwegen ein bedeutendes – und ich unterstreiche bedeutendes – rechtsextremes Milieu gibt.”

Allein die Plattform document.no, in der Breivik schrieb und die vornehmlich dem rechten Spektrum zugeordnet wird, habe wöchentlich bis zu 40.000 Besucher, und Gule gibt zu bedenken, daß der Ton in solchen Foren durchaus zur “Entmenschlichung” des vermeintlichen Gegners, des Anderen beitrage.

Der norwegische Journalist Øyvind Strømmen, der diese Szene nach eigenen Aussagen seit Jahren beobachtet und ein Buch über “Eurofaschismus. Die Renaissance des Hasses” veröffentlicht hat, äußert sich in einem ebenfalls in Aftenposten gedruckten Artikel in ähnlicher Richtung. Auch er weist die voreilige Abstempelung Breiviks zum Neonazi zurück. Ihm erscheint der Werdegang des Attentäters “eher als ein klassischer Fall von Radikalisierung durch das Internet, wie man sie auch bei anderen jungen euroäischen Dschihadisten beobachtet hat.”
“Breivik war von einem Internetmilieu inspiriert, das sich ‘counterjihadist’ nennt und eine Ideologie verficht, die man sehr wohl als rechtsextrem bezeichnen kann, und das Verbindungen zum europäischen Neofaschismus unterhält.”
Dass er sich in diesem Milieu bedient hat, schrieb Breivik selbst in seinen Forumsbeiträgen und nennt als seine Anreger untereinander vernetzte Blogs wie Gates of Vienna (das als Fanal die Verteidigung des Abendlands vor den Türken 1683 vor den Toren Wiens hochhält), The Brussels Journals (“The Voice of Conservatism in Europe”), den auch darin schreibenden anonymen norwegischen Blogger “Fjordman”, den amerikanischen Gründer von Jihad Watch, Robert Spencer, und Schriften der ägyptischen Jüdin Gisèle Littman, die 2005 unter dem Pseudonym Bat Ye'or das Buch Eurabia: The Euro-Arab Axis veröffentlichte, in dem sie eifrig Belege für eine internationale Verschwörung zugunsten einer Unterwerfung Europas unter den Islam versammelt. (In seinem Manifest verwendet Breivik für das seiner Meinung nach längst islamisch unterwanderte Europa immer wieder den Begriff “Eurabia”.)
In einem Beitrag für die bekannteste norwegische Kulturzeitschrift, Samtiden, schrieb Strømmen 2007:

“In den Medien und bei den Politikern ist der Fokus auf islamistischen Terrorismus immer einäugiger geworden [... Doch] Erklärungsmodelle, die muslimische Terroristen zu etwas grundlegend anderem machen als ‘unsere eigenen Terroristen’, erschweren es, ihn zu bekämpfen: die Übereinstimmungen zwischen rechtsextremen und islamistischen Terroristen sind viel größer als die Unterschiede.”

Heute setzt er hinzu: “Das nächste Mal, wenn ich wieder einmal jemanden das alte Mantra leiern höre ‘Nicht alle Moslems sind Terroristen, aber alle Terroristen sind Moslems’, rege ich mich richtig auf.”

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Samstag, 23. Juli 2011
Johan Huizinga
Wenn ich etwas über den berühmtesten Sohn der Stadt erfahren wollte, über Erasmus von Rotterdam, könnte ich mir keinen besseren Vermittler denken, als seinen Landsmann Johan Huizinga, den wohl besten Kenner der niederländischen Verhältnisse im Herbst des Mittelalters.
Mit der beeindruckend gelehrten historischen Abhandlung dieses Titels war er 1919 mit einem Schlag unter allen europäischen Geisteswissenschaftlern bekannt und eine Berühmtheit geworden. Doch war Huizinga wohl ein eher pessimistisch gestimmter Mensch. Als den auslösenden Gedanken zu seinem historiographischen Meisterwerk hat er selbst die Einsicht benannt, die ihm 1907 auf einem Spaziergang über die grünen Wiesen Frieslands aufging: “Das späte Mittelalter ist nicht die Ankündigung eines Kommenden, sondern ein Absterben dessen, was dahingeht.”
Da war er gerade 35 und frisch berufener Professor. Doch skeptisch bis pessimistisch beurteilte Huizinga auch seine eigene Zeit und ganz besonders den Aufstieg des Nationalsozialismus in der Mitte Europas, den er von Anfang an als “Barbarei” erkannte und benannte. Gegen dessen Antisemitismus setzte er gleich zu Beginn ein deutliches Zeichen. 1933 eröffnete er als Rektor an der Universität Leiden eine Tagung des International Student Service und wies einen der führenden deutschen Antisemiten, Goebbels-Mitarbeiter und Hitler-Biograph Johann von Leers, kraft seines Amts aus der Universität. Der Vorfall führte zu einem offiziellen Protest der Reichsregierung Hitler in Den Haag. Doch Huizinga ließ sich nicht einschüchtern und in seiner Zeitanalyse nicht beirren. 1935 veröffentlichte er Im Schatten von morgen. Eine Diagnose des kulturellen Leidens unserer Zeit. Das Buch und überhaupt sämtliche Schriften Huizingas landeten in Hitlerdeutschland prompt auf dem Index “schädlichen und unerwünschten Schrifttums”.
Die letzte Aufnahme von Huizinga, 1944 c) Universität LeidenEr selbst stand nach der deutschen Besetzung der Niederlande auf einer Liste potentieller Geiseln. Eine Einladung zur Emigration in die USA lehnte er ab. Aus Protest gegen die Einmischung der Besatzer in Universitätsangelegenheiten bat er 1942 um seine Emeritierung. Die Nazis schlossen die ganze Uni. Huizinga wurde verhaftet und im August ‘42 mit siebzig Jahren im niederländischen Geisellager Sint-Michielsgestel interniert. Doch war er international zu bekannt, als daß die Nazis seinen Tod in ihrer Haft riskieren wollten. Unter der Auflage, nicht nach Leiden zurückzukehren, wurde er entlassen und erhielt einen Wohnsitz in der Nähe von Arnheim zugewiesen. Dort starb er, als die Alliierten nach der verlorenen Schlacht um die Brücke von Arnheim gerade ein zweites Mal zum Angriff auf den Niederrhein antraten, am 1. Februar 1945. Der unmittelbar bevorstehende totale Zusammenbruch der Nazidiktatur war ihm sicher längst klar. Bei der Arbeit an seinem letzten Werk, Geschändete Welt. Eine Betrachtung über die Aussichten auf Genesung unserer Kultur, geschrieben im Sommer ‘43, konnte er wohl wieder Hoffnung schöpfen.

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Samstag, 16. Juli 2011
MM, eine Bildbetrachtung
Das zwiespältige Verhältnis der allein seligmachenden Kirche zu Frauen ist in Grundzügen ja allgemein bekannt; aber wenn man wieder einmal etwas genauer hinsieht, welche Bocksprünge und Kopfstände die Kirche in einzelnen Fällen veranstaltet hat, kommt man aus dem Kopfschütteln nicht heraus.
Was ist aus den zu kanonischen erklärten Texten der christlichen Überlieferung im Neuen Testament zum Beispiel über Maria Magdalena zu erfahren?
Nicht viel. Aber auch nicht ganz wenig.
• Etwa, dass diese Mariam aus Magdala am See Genezareth zu Jesu Jüngern gehört haben soll, denn – von den auserwählten Zwölf und der Kirche nicht unbedingt an die große Glocke gehängt – ihm folgten mehr als die glorreichen Zwölf nach und darunter befanden sich, horribile dictu, viele Frauen, von Mönch Luther “Weiber” genannt:

“Und es begab sich darnach, daß er reiste durch Städte und Dörfer und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes; und die zwölf mit ihm, dazu etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißt, von welcher waren sieben Teufel ausgefahren”
(Lukas 8,1-2)

• Vom Teufel besessen war diese Maria Magdalena (ab hier: MM) also, und nicht bloß von einem, sondern gleich von 7 (magische Zahl). Arme Frau! Oder, seitdem man aufgrund der zahlenmäßigen Übereinstimmung später dazu überging, die sieben Teufel als symbolische Vertreter von sieben Todsünden anzusehen, ein ganz schlimmes Weib! Bevor sie sich Jesus von Nazareth anschloß, bis zu seinem bitteren Ende. Denn der Apostel Matthäus erwähnt sie in seiner Schilderung der Kreuzigung ausdrücklich:

“Und es waren viele Weiber da, die von ferne zusahen, die da Jesus waren nachgefolgt aus Galiläa und hatten ihm gedient; unter welchen war Maria Magdalena”
(Matthäus 27,55f.).

• Viele Frauen folgten Jesus und dienten ihm, sagt die Bibel. Und nicht seinen namentlich bekannten männlichen Jüngern des engeren Kreises, sondern ausgerechnet seinen “Weibern” erschien der Wiederauferstandene, denn die hatten sich nach seiner Beerdigung durch Joseph von Arimathia trauernd an seinem Grab niedergelassen.

“Jesus aber, da er auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er am ersten der Maria Magdalena, von welcher er sieben Teufel ausgetrieben hatte.”
(Markus 16,9)

Die Sache mit den sieben Teufeln soll offenbar nicht in Vergessenheit geraten. Geschenkt. Ansonsten aber mußte der Apostel Markus Maria Magdalena, dem (ehemaligen) Teufelsweib, eine ganz besondere Auszeichnung zuerkennen: Unter seinen vielen Jüngern (Männlein wie Weiblein) wählt der auferstandene Christus nicht Petrus, nicht Paulus, nicht Bartholomäus, Jakobus Zebedäus, Simon, Philippus, Thaddäus oder Judas Ischariot aus, sondern: MM, um die wichtigste und folgenreichste Nachricht an die übrigen Jünger und durch sie in der Welt zu verbreiten, die von seiner Auferstehung.
Das wird kein Zufall gewesen sein. Zufall kommt doch in der Bibel an keiner Stelle vor, kann doch gar nicht, alles ist doch stets Gottes Wille: “Es fällt kein Spatz vom Himmel...” Mit anderen Worten, MM hat für Gottes Sohnemann anscheinend eine besondere Rolle gespielt.

Welche?, möchte man natürlich fragen, doch darüber hüllen sich die vier Apostel erst recht in beredtes Schweigen. Der Apostel Johannes gibt immerhin das kurze Gespräch zwischen MM und Jesus nach dessen Auferstehung wieder. Und zwar so:

“Maria aber stand vor dem Grabe und weinte draußen. Als sie nun weinte, guckte sie ins Grab und sieht zwei Engel in weißen Kleidern sitzen... und spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hin gelegt haben. Und als sie das sagte, wandte sie sich zurück und sieht Jesus stehen und weiß nicht, daß es Jesus ist.
Spricht er zu ihr: Weib, was weinest du? Wen suchest du?
Sie meint es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo hast du ihn hin gelegt, so will ich ihn holen.
Spricht Jesus zu ihr: Maria!
Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Meister!
Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater.”

(Johannes 20, 11-18)


• Das berühmte “Noli me tangere” oder “Faß mich nicht an!” – Warum ist es das erste, was er sagt, nachdem sie ihn erkannt hat? Weil sie ihn sonst immer angefaßt hat? Auch dazu schweigt der Apostel Höflichkeit.
Nicht so die der führenden frühen Bibelinterpreten. Nach Auskunft des Ökumenischen Heiligenlexikons soll der im 4. Jahrhundert als Leiter der Schule von Nisibis lehrende Ephraim der Syrer erstmals die Meinung vertreten haben, MM sei die im Lukas-Evangelium erwähnte Sünderin im Haus des Pharisäers Simon:

“Siehe, ein Weib war in der Stadt, die war eine Sünderin. Da die vernahm, daß er zu Tische saß in des Pharisäers Hause, brachte sie ein Glas mit Salbe und trat hinten zu seinen Füßen und weinte und fing an, seine Füße zu netzen mit Tränen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küßte seine Füße und salbte sie mit Salbe.”
(Lukas 7,37)

Mehr als pure Vermutung ist diese Gleichsetzung nicht, denn Lukas nennt nirgends den Namen der Sünderin. Ephraim hat aber wie so viele Theologen einen großen Teil seiner Zeit und seiner öffentlichen Äußerungen darauf verwandt, Menschen zu bekämpfen, die anderer Meinung waren als er selbst. In jener frühkirchlichen Epoche stand das Dogmengebäude der christlichen Kirchen ja längst nicht fertiggezimmert, und so erklärten sich Anhänger verschiedenster Glaubenssätze gegenseitig zu Abweichlern, Irrgläubigen und Ketzern. Im Lauf ihrer institutionellen und dogmatischen Verfestigung hat die Kirche sogar ursprünglich biblische Schriften wie ganze Evangelien rundweg für unglaubwürdig erklärt und als häretisch ausgesondert. Die Bibel, wie wir sie (mehr oder weniger gut) kennen, ist eine gekürzte, eine zensierte Schrift.

• Ende 1945 fanden Bauern im ägyptischen Nag Hammadi einen versiegelten Tonkrug, der nicht weniger als 13 in Leder gebundene Bücher enthielt: eine im Zeitalter Ephraims des Syrers niedergeschriebene Sammlung älterer biblischer Schriften, die allesamt von der Orthodoxie als unkanonisch ausgesondert worden waren. Unter ihnen befanden sich mehrere Evangelien, darunter eines des Thomas und eines des Philippus. Im letzteren heißt es in Vers 55 ausdrücklich:

Die Gefährtin von [Christus] ist Maria Madgalena. Der [Herr liebte] sie mehr als [alle] (anderen) Jünger, und er küßte sie [oftmals] auf ihren [Mund]. Die übrigen [Jünger], sie sagten zu ihm: ,Weshalb liebst du sie mehr als uns alle?’ Es antwortete der Erlöser, er sprach zu ihnen: ,Weshalb liebe ich euch nicht (so) wie sie?’

Welche Reichweite hat hier das Wort “Gefährtin”? Was bedeutet hier “lieben”, und welcher Art waren die Küsse, die Jesus MM auf den Mund gab? Das läßt sich nicht klären. Deutlich ist jedenfalls, daß die anderen Jünger auf MM eifersüchtig waren.
Das Thomasevangelium wird in dieser Hinsicht noch eindeutiger. Sein 114. und letzter Vers lautet:

“Simon Petrus sprach zu ihnen: „Mariham soll von uns fortgehen, denn die Frauen sind des Lebens nicht würdig.“
Jesus sprach: „Seht, ich werde sie führen, um sie männlich zu machen, daß auch sie ein lebendiger Geist wird, der euch Männern gleicht. Denn jede Frau, die sich männlich macht, wird in das Königreich des Himmels eingehen.“

Starker Tobak, nicht wahr? Petrus, der Fels, auf den Jesus seine Kirche bauen wollte, ist dermaßen eifersüchtig auf MM, daß er Frauen für lebensunwürdig erklärt. Vielleicht ganz gut, daß diese apokryphe Schrift für lange Zeit im ägyptischen Wüstensand verbuddelt wurde.

• Aber die Leiche, die man vor der Zeit vergräbt, kann ein langes Nachleben als Wiedergängerin führen. Und so ist es ja auch mit der Legende von MM als der Geliebten Jesu. Von Nikos Kazantzakis (Die letzte Versuchung Christi), über Luise Rinser (Mirjam) und weniger bedeutende Schriftsteller wie Marianne Fredriksson (Maria Magdalena) bis hinab zu Dan Brown reicht allein die Kette jüngerer literarischer Bearbeitungen. In der Malerei waren Darstellungen der MM natürlich ein noch lockenderes Sujet, dem von früh an ein Parfüm des Verruchten anhing und mit dem man ungestraft gegen das christliche Nacktheitsverbot auf der Leinwand verstoßen durfte.

• Endgültig hat nämlich der erste Mönch und erste und letzte “Kirchenvater” auf dem Papstthron, Gregor der Große, MM’s Ruf vorsätzlich zerstört. Vermutlich weil er die bevorzugte Stellung der MM bei Jesus zugunsten des Apostels Petrus abbauen wollte, auf dessen persönliche Nachfolge er ja seinen eigenen Anspruch auf den Primat seiner römischen Kirche vor anderen stützte. Im Jahr 591, ein Jahr, nachdem der Patriziersohn (natürlich höchst demütig-widerwillig) den Stuhl Petri bestiegen hatte, hielt er in der Clemens-Basilika in Rom eine Predigt über die Sünderin im Lukas-Evangelium und ging darin über die Meinung des Syrers noch hinaus:

"Hanc vero quam Lucas peccatricem mulierem, Joannes Mariam nominat, illam esse Mariam credimus de qua Marcus septem dæmonia ejecta fuisse testatur" (“Wir glauben, daß die sündige Frau bei Lukas, die Johannes Maria nennt, die gleiche Maria ist, der laut Markus die sieben Teufel ausgetrieben wurden.”
(SS Gregorius I Magnus: Homiliarum In Evangelia Libri Duo (Nr. XXXIII), in: Migne, Patrologia Latina, Bd. 76)

Dann fuhr er in einer beachtlichen Männerphantasie für einen keusch lebenden Mönchspapst fort: Die Salbe, mit der diese Frau (sc. MM) die Füße des Herrn eingerieben habe, habe sie vorher benutzt, “illicitis actibus sibi pro odore suae carnis adhibuit”, “um bei verbotenen Handlungen ihr Fleisch zu parfümieren.”
Der selbsternannte Nachfolger des eifersüchtigen Petrus stempelte also Jesu liebste Gefährtin zur Hure.

• Diesen mehr als zweifelhaften Ruf ist MM seitdem nicht mehr losgeworden. Mit offenen Haaren und roten Kleidern, den Attributen der Prostituierten, hat man sie wieder und wieder gemalt, bei Leonardo trägt sie das rote Gewand sogar schamlos offen und nichts darunter. Jules Lefebvre malte sie im 19. Jahrhundert völlig nackt sich räkelnd in einer Grotte wie Leda, die den Schwan erwartet.
Daneben gab es zu allen Zeiten auch Darstellungen ihrer Rolle bei der Grablegung und Auferstehung Christi. Seit dem großen Gregor steht Maria Magdalena in dem altbekannten paradoxen patriarchalischen Spannungsfeld, daß man sie zugleich als Heilige verehrt und als Hure verachtet.

• Nach meinem Eindruck ist diese Doppelheit der Frau nirgends besser in einem Gesicht und in einem Blick vereint als in der Maria Magdalena des Venezianers Carlo Crivelli von 1487.
Vielleicht gelang sie ihm aufgrund eigenen Erlebens so überzeugend. Genau dreißig Jahre vorher war er nämlich in seiner Heimatstadt ins Gefängnis geworfen worden, weil er ein leidenschaftliches Verhältnis mit Tarsia Cortese, einer verheirateten Frau, unterhalten und sie am Ende sogar entführt und monatelang versteckt gehalten hatte.
“But essentially, he was a loner”, schrieb das Time Magazine anläßlich einer Werkausstellung im Dogenpalast 1961. “Though he had lived in Venice, he spent most of his life in the hilly region called The Marches on the Adriatic. There he worked alone, perfecting a style that has intrigued and puzzled critics ever since. Wild Gentleness. On the surface, his Mary Magdalene seductive though she may be, seems an excessive display of virtuosity, as stilted and brittle as a piece of porcelain.”
Zur Zeit ist das fragile Porzellangesicht mit dem vieldeutigen Blick in Erasmus’ Rotterdam zu besichtigen.


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Dienstag, 12. Juli 2011
Rotterdam. Boijmans-van Beuningen
475. Todestag des Erasmus von Rotterdam

Es gibt Blicke, denen entzieht man sich nicht. Nicht einmal, wenn sie bloß gemalt sind.

So erging es mir bei einem neuerlichen Rundgang durch die phantastische Kunstsammlung Boijmans Van Beuningen in Erasmus’ Geburtsstadt Rotterdam, deren Grundstock aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt, inzwischen aber auf rund 140.000 Objekte angewachsen ist. Sie passen längst nicht mehr in die 12.000 qm Ausstellungsfläche des eindrucksvollen Museumsbaus von 1935 im Stil des Stockholmer Rathauses, und die Sammlung empfängt den Besucher mit einem Raum, in dem sie Bilder zeigt, die aus unterschiedlichen Gründen leider nicht in den eigentlichen Ausstellungsräumen Platz fanden. Abgesehen von den berühmtesten Werken wie einigen von Hieronymus Bosch, Pieter Bruegel d.Ä., Dürer, Rembrandt bis Kandinsky werden darum auch in der Dauerausstellung ab und zu Bilder ausgetauscht, so daß es sich lohnt, das Museum in Abständen wieder zu besuchen. Dabei findet man Lieblinge, die man immer wieder gern betrachtet. Ich glaube auch, daß keine Reproduktion einem den miniaturhaften Detailrealismus im Original von Bruegels “Turm zu Babel” wiedergeben kann, und ich gehe nun mal ab und zu gern in den unglaublich narrativen Bildern alter Meister spazieren. Diesmal war u.a. die 1,65 Meter breite “Landschaft am Anfang der Zivilisation” des Wiedertäufer-Anhängers Cornelis van Dalem aus Antwerpen an der Reihe. Der kleine Eichelhäher auf einem Felsvorsprung darin hatte am Morgen noch genauso im Baum vor meinem Fenster gesessen.

Es war aber nicht der Blick des Eichelhähers in dem Bild, der mir nachging, sondern, begreiflicher, der einer Frau. Dummerweise einer Heiligen, aber immerhin einer “Frau mit Vergangenheit”, wie Zarah Leander einmal über sich sang.
Der Text paßt vielleicht auch gut zu der Heiligen, jedenfalls nach ihrer Zurichtung durch die katholische Kirche:
Cornelis van Dalem: Landschaft am Anfang der Zivilisation (um 1560; Ausschnitt)
"Ich bin eine Frau mit Vergangenheit
voll moralischer Unbefangenheit.
Oft träumt man von Idealen,
folgt dem wilden Herzensdrang,
und dann muss man dafür zahlen,
zahlen sein Leben lang.
Freiwild wird man für jedermann,
ohne Pardon
Und was dann folgt, verfolgt uns
bis zur Endstation."

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Samstag, 9. Juli 2011
Moment mal: Panzer für Saudis Arabien
Moment mal, wie ist das: der Bundessicherheitsrat tagt geheim, “in guter Tradition” ohne das Volk und seine gewählten Vertreter über seine Beschlüsse zu informieren, ausländischen Mächten wie den USA und Israel legt der Ausschuß seine Beschlüsse aber schon zum Absegnen offen, bevor er sie trifft? – So offenbart sich die “realpolitische” Auslegung der vorgeblichen Grundwerte Demokratie und nationale Souveränität in unserem Land.


Es gibt aber auch noch erfreuliche Initiativen in diesem Land (natürlich gehen sie nicht von Politikern aus, daran hat man sich gewöhnt). Der Freitag berichtet, daß der kleine, aber feine Verbrecher-Verlag in Berlin (nomen non est omen) soeben auf höchst innovative Weise die Tagebücher von Erich Mühsam ediert hat. Nette Dinge kann man darin lesen. Kaum wurde das erste Blatt beschrieben ("Bei strömendem Regen war ich eben unten im Dorf, um mir dies Heft zu kaufen. Es soll mein Tagebuch sein."), geht es auch schon zur Sache:

"Château d’Oex, Montag, 22.8.1910
Johannes gab mir 3 Bände der Tagebücher Varnhagens von Ense mit, die ich gierig lese. Damals lohnte es noch Tagebücher zu schreiben! Trotz der Armseligkeit der vormärzlichen Politiker – welche bewegte Zeit! Welche Beziehung zwischen Geistigkeit und Öffentlichkeit! Welche Teilnahme der großen Geister (Varnhagen, Humboldt, Tieck, Bettina v. Arnim usw.) an den Geschehnissen des Tages! – Und heute? Unsre Zeit ist bei Gott nicht minder armselig, unsre Regierungen nicht minder jämmerlich, unsre Politik nicht minder chikanös, knechtschaffen und vormärzlich. Nur eins unterscheidet unsre Tage von Varnhagens: heut ist auch das Volk interesselos, und die Geistigkeit nimmt schon garnicht teil an allem was vorgeht!"

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Dienstag, 5. Juli 2011
Ehemaligentreffen
Am Wochenende stand es an: ein seit langem anberaumtes Wiedersehen mit alten Klassenkameraden. Ehemaligentreffen. Meine alte Schule veranstaltet jedes Jahr eins aus Anlaß der Abiturientenentlassung, aber ich gehe seit vielen, vielen Jahren nicht hin, wohnte zu weit weg oder konnte nichts Tröstendes daran finden, mein eigenes Altern auch an meinen ehemaligen Schulfreunden festzustellen. “Geteiltes Leid ist halbes Leid” will bei mir in dieser Hinsicht nicht recht verfangen.
Vor zehn Jahren, ich war gerade von einem längeren Auslandsaufenthalt zurückgekehrt und wohnte nicht allzu weit von meiner Geburtsstadt entfernt, hatte ich mich einmal aufraffen können, ein solches Treffen meines Jahrgangs zu besuchen. Obwohl ich mich mit etlichen Befürchtungen vorab gewappnet hatte, war es ein Schock. Was war aus all den aufgeweckten, sportbegeisterten, musisch begabten, frechen, politisch aufbegehrenden, rumflippenden “Was kostet die Welt”-Oberstufenschülern geworden? Etwa dieses Gruselkabinett aus kahlköpfigen, hängebäuchigen, fischäugigen Anwälten, Notaren und Steuerberatern??
Ja.
Leute, mit denen ich hinterher versuchte, die Enttäuschung etwas zu verarbeiten, haben mir versichert, es sei so etwas wie ein Gesetz von Ehemaligentreffen, daß daran immer bloß die teilnähmen, für die man sich schon zu Schulzeiten nicht interessiert hätte. So war es auch in meinem Fall. Von weiteren Wiederbegegnungen war ich einstweilen kuriert.
Nun also ein zweiter Versuch. Ich kann im nachhinein sagen: das Erschrecken fiel milder aus. Vielleicht weil ich noch vom letzten Mal imprägniert war, oder weil der weitere Sturz in den vergangenen zehn Jahren einfach nicht noch einmal so tief hinab gehen konnte. Wenn die Haare weg sind, sind sie weg; der Sprung von 0 Bauch auf 1 Bauch ist größer als der von 1 Bauch auf anderthalb Bäuche (ist wohl wie mit dem Kinderkriegen). Und die eingeschlagenen Laufbahnen standen ja schon damals fest. Keiner der Erschienenen hatte je den Beruf gewechselt. Der Bankabteilungsleiter war vielleicht zum Bankfilialleiter aufgestiegen, der Zahnarzt war Zahnarzt geblieben, der Anwalt Anwalt; immer in der gleichen Stadt versteht sich.
“Du bist aber ganz schön rumgekommen”, meinte einer zu mir, der seinen A. nie länger aus D. wegbewegt hatte, und das Gegenteil hätte ich zur Mehrheit der Versammelten sagen können.

Der Rest des Abends verlief bis auf wenige Ausnahmen erwartungsgemäß. Höchst lokale Themen bestimmten die bierseligen Gespräche der Ewigzuhausegebliebenen, oder, wenn es weit hinaus ging, ging es um das Ferienhaus am Comer See, das man irgendwann günstig erworben und inzwischen den gestiegenen Ansprüchen entsprechend um- und ausgebaut hatte.
Ich gab mich geduldig, spielte mit, fragte, erzählte ein wenig. Nur einmal konnte ich nicht an mich halten, als ein abgewählter Oberstadtdirektor a.D. einer Kleinstadt aus dem Weichbild sich darüber ereiferte, daß man ihm per Gesetzesbeschluß neuerdings seine “Nebenverdienste” als Anwalt auf seine mit Mitte vierzig schon erreichte Beamtenpension anrechnet. Für ihn, Hausbesitzer und (neben dem Alltagsmercedes) Oldtimerfahrer grenzte es an Enteignung. Irgendwann brachte man uns (dankenswerterweise) mit dem Aufruf auseinander, wir sollten doch an einem solchen Abend die Politik lieber aus dem Spiel lassen. Daraufhin begann der Erbe des Schönheitstcrèmefabrikanten, dem jetzt folgerichtig eine Firma zur Einrichtung von Schönheitsstudios gehört, alte Anekdötchen aus der Schulzeit und seine schon damals abgeschmackten Sprüche zu klopfen. “Eh, damals kamen die Mädels zu meinem Alten, um sich bei ihm mit Selbstbräunungscrème einzuschmieren, und heute kommen sie zu mir, um sich die Runzelhaut wieder glätten und aufhellen zu lassen. Zyklisches, aber krisensicheres Geschäft, hä, hä.”
Nein, der merkte nichts mehr, aber was wundere ich mich? Der hatte nie wirklich etwas geschnallt. Außer aus Falten Geld zu machen. Genau der Schlag Leute, die mit einem gewieften Steuerberater so viel absetzen und am Fiskus vorbeipfuschen, wie sich gerade noch unauffällig tricksen läßt, aber gleichzeitig lauthals schreien, wir sollten den arbeitsfaulen Griechen doch nicht mit “unseren” Steuergeldern aus der schließlich selbstverschuldeten Misere helfen.

D,1979. c)Günther Otten
Da ich nun schon einmal da war, beschloß ich am nächsten Morgen, mir nun auch noch den Rest zu geben. Ich begab mich auf einen Rundgang durch das Viertel, in dem ich prägende Jahre meiner Kindheit verbracht hatte. Natürlich lag alles viel näher beieinander als mir die kürzere Schrittlänge der Kinderbeine ins Gedächtnis geschrieben hatte. Damals hatte es noch Lücken in der Zahnreihe der Häusergiebel gegeben: Trümmergrundstücke, mit ihren von Brombeerranken und Brennesseln überwucherten Häuserruinen und feuchten Kellern. Die Abenteuerspielplätze meiner Kindheit. Diese Lücken waren natürlich längst gefüllt. Die damals bereits bewohnten Vorkriegshäuser standen meist unverändert, hatten vielleicht einen Fassadenanstrich bekommen, einige auch einen Styropormantel, unter dem sie im Sommer viel Schwitzwasser ansammeln würden; in die Ladenlokale waren größtenteils neue Geschäfte eingezogen, aber die Räume und Fassaden waren noch ebenso leicht wiederzuerkennen wie all die anderen Dinge im Viertel.
Viel mehr als die Veränderungen verblüfften mich die Kontinuitäten. Ein kleines Autohaus trug noch den gleichen Schriftzug wie damals, und das Garagentor war noch in den gleichen Farben gestrichen. Aus dem “Fischmann”, der auch einen Imbiss für Bratfisch und die ersten Pommes Frites meines Lebens betrieb, war ein “Asian Finger Food to go” geworden, aber eben immer noch ein Imbiss. Die Drogerie von damals gehörte jetzt einer Drogeriekette, die damalige Stammkneipe meiner Eltern hatte sich anscheinend zum Restaurant aufgewertet, als Inhaber firmierte aber immer noch die gleiche Familie. Inzwischen vielleicht von der Tochter geführt, die ich damals verstohlen angehimmelt hatte, weil sie jederzeit hinter den Tresen durfte und sich da unbegrenzt mit Erdnüßchen versorgen konnte.
Und da, ein paar Häuser weiter, war die Toreinfahrt, das schwere, zweiflügelige Holztor stand offen wie eh und je, und es hing noch immer ein städtisches Schild daneben. Ich ging durch die dunkle Einfahrt, der Weg dahinter war noch immer von Mauern aus unverputzten, dunkelroten Ziegelsteinen eingefaßt wie damals, dann kam der erste Hof, darauf jetzt Spielgeräte, die es früher nicht gegeben hatte, und dahinter stand, wie fälschlich in einen Hinterhof gesetzt, genauso wie in meiner Erinnerung und auf den alten Fotos, das alte Schulgebäude aus Kaisers Zeiten. Drei Etagen, hohe Fenster, ein klein wenig wilhelminische Neogotik am Gesims, ansonsten der schlichte, dunkel angelaufene Backstein vom Niederrhein. Auf der Rückseite floß noch immer der kleine Bach, der auch damals den Schulhof geteilt hatte. Inzwischen war er vollständig von Geländern eingefaßt, aber er war noch da, nicht als unterirdischer Kanal zum Verschwinden gebracht, und das Wasser sah klarer aus, als ich es von früher in Erinnerung hatte. Ich hatte ihn immer gemocht, den kleinen Bach, der als etwas Lebendiges zwischen den zugepflasterten, vermauerten und asphaltierten Höfen hingluckerte. Oft hatte ich von der kleinen Brücke hineingespuckt oder weiter oberhalb ein Stück Rinde oder ein Blatt hineingeworfen und dann zugesehen, wie es unter der Brücke hindurchtanzte.
Der Spielplatz, der an den Schulhof anschloß, war auch noch da, aber doch sehr umgestaltet. Was sollten die Kinder heute auch mit einer Rollschuhbahn anfangen? Der Spielplatz, die von ihm wegführenden Straßen und der vordere Teil des Parks, zu dem sie hinliefen, das war damals mein “Revier” gewesen, oder vielmehr das meiner “Bande”. Da konnten wir uns einigermaßen sicher fühlen (denn es regierte so etwas wie das sozialdarwinistische Gesetz der Straße unter uns Kindern im Viertel), und Eindringlinge rivalisierender “Banden” wurden zuerst argwöhnisch beobachtet und dann im geeigneten Moment überfallen und verjagt. Ebenso erging es uns, wenn wir das Territorium einer feindlichen Bande durchqueren mußten. Später, als ich aufs Gymnasium kam, mußte ich das täglich, und es ging nicht immer gut aus. Eine Chance hatte man nur, wenn man schnell genug den schweren Tornister von den Schultern werfen konnte, um in der Bewegungsfreiheit nicht eingeschränkt zu sein. Blutig gekloppt haben wir uns nicht, aber es gab schon mal dicke Lippen und ein blaues Auge. Das fiel nicht unbedingt auf, weil wir vom Bäume Erklettern im Park (wobei uns der damals obligatorische Parkwächter nicht erwischen durfte), beim Stromern durch das Brombeergestrüpp der Trümmergrundstücke oder von Stürzen mit dem Fahrrad sowieso stets irgendwelche Kratzer, Abschürfungen oder sonstwelche Blessuren hatten. Bei meinen Eltern stand immer ein Apothekenfläschchen mit rotbrauner Jodtinktur im Badezimmerschrank, womit Abend für Abend meine frischen Schrammen beißend betupft wurden. Wimmern oder gar wehleidiges Zetern waren streng verpönt.
Später traten an die Stelle der blutenden Schürfwunden Verletzungen, die sich nicht einfach mit Jod desinfizieren ließen. In dem Haus, das unserem gegenüber stand, wohnten zwei Schwestern. Die ältere der beiden war vermutlich das erste Mädchen, das mich als Vertreterin des anderen Geschlechts interessierte und nicht als wehrlose Beute beim “Mädchenfangen” auf dem Schulhof oder als Spezies, die nicht Fußball spielen konnte. Merken lassen durfte ich sie das natürlich nicht, und bei den Versuchen, unauffällig in ihre Nähe zu kommen, hatte ich einen Konkurrenten mit einem uneinholbaren Standortvorteil: ein Junge aus meiner Klasse wohnte im gleichen Haus wie die Schwestern.
Daraus wurde also nichts. Aber das hier, vor dem ich jetzt stand, das war der Hauseingang, in dem ich zum ersten Mal ein Mädchen geküßt hatte. Offen gestanden zwei. Es waren nämlich Zwillingsschwestern, eineiig. Und sie nutzten es weidlich aus, daß sie äußerlich kaum zu unterscheiden waren. Mal blieb die eine im Abenddunkel länger vor der Tür, mal die andere, und sie knutschten wie die Weltmeister. Am nächsten Tag tat jede schnippisch abweisend so, als wäre nicht sie es gewesen, sondern die Schwester. Ich ließ ihnen den Spaß, denn er bewahrte mich davor, mit einer von ihnen “gehen” zu müssen, und tat so, als wäre ich ahnungslos wie ein Blinder. Dabei küßten sie sehr unterschiedlich, und ich wußte stets sehr genau, welche von ihnen ich vor mir hatte.
Ich stand vor dem Hauseingang und ließ den Blick über die Klingelschilder wandern; und es traf mich der Schlag: auf einem stand noch immer derselbe Name. Ein zweiter war hinzugekommen. Die Eltern konnten es also nicht sein. Das hieß, eines dieser Mädchen wohnte noch immer in derselben einfachen, dunklen Mietwohnung, in der schon seine Eltern gelebt hatten und in der sie und ihre Schwester aufgewachsen waren. Klingeln? Nein, besser nicht. Für mich war dieses Festsitzen im Immergleichen unvorstellbar. Aber ich sollte es auf diesem Rundgang durch das alte Viertel noch dreimal feststellen. Ich suchte gezielt Häuser auf, in denen früher Spielkameraden oder Jungen oder Mädchen aus der Jugendgruppe gewohnt hatten, an deren Namen ich mich noch erinnern konnte, und in drei weiteren Fällen fanden sich die Namen noch auf den Klingelschildern.
Fremdbestürzt fuhr ich davon. Der Spaziergang hatte mir wieder sehr deutlich vor Augen geführt, warum für mich seit den frühesten Überlegungen, was ich im Leben vielleicht einmal tun wollte, immer wie selbstgegeben festgestanden hatte, daß ich auf jeden Fall aus diesem Viertel und aus dieser Stadt raus und etwas anderes von der Welt sehen wollte. Und hier saßen also Menschen, die ich einmal gekannt hatte, sogar noch in denselben Wohnungen wie seit Kindertagen. Wie sich das wohl anfühlte, mochte ich mir nicht einmal vorstellen wollen.
Nur einer Sache war ich mir ziemlich sicher: daß sie von ihrem Ufer aus mich, diesen unsteten, heimatlosen Gesellen, mittlerweile mit ebensoviel Unverständnis und Befremden ansehen würden. “Da ergrimmte Kain sehr, und seine Gebärde verstellte sich.” Kehrte er denn da etwa nicht auf kleiner Flamme wieder, der uralte Gegensatz zwischen Kain und Abel, Bauer und Hirte, Seßhaftem und Nomaden?
Bevor ich losfuhr, wollte ich im Auto noch rasch etwas umpacken und stellte mich dazu kurz in die Einfahrt zu einem kleinen Parkplatz. Natürlich kam prompt eine Frau aus dem Haus und ging zu ihrem Wagen, wobei sie mich sehr mißbilligend ansah. “Sorry, bin gleich weg”, sagte ich. “Das will ich auch hoffen”, giftete sie. “Hier haben Sie nämlich nichts zu suchen.” – Der ewige unfreundliche Satz des Besitzenden an den Durchziehenden. Fremdes Revier, andere Bande.

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Donnerstag, 30. Juni 2011
Englisch in Holland: allgegenwärtig
Ging heute zum “Kapsalon”, d.h. Friseur. War mal wieder fällig. Unterwegs bei dem guten Fischmann dort im Viertel rasch was Leckeres fürs Mittagessen kaufen. “Today, I would recommend our absolutely fresh scallops, Sir.” Auf Englisch? Der Fischverkäufer? Sure, no problem. An der nächsten Ecke treffe ich auf den netten kongolesischen Kollegen der serbischen Großherzogin. Sein Akzent ist ein bißchen anders, weicher, französischer als der des Holländers, aber Englisch ist es doch. Dabei ist der junge Mann mit ganz anderen Sprachen aufgewachsen. Außer seiner eigentlichen Muttersprache (weiß nicht, welche es ist) spricht er natürlich (?) die Verkehrssprache im Kongo, Swahili, und, da er eine Zeitlang in Ruanda lebte, auch Kinyarwanda. Unterrichtssprache in der Schule war Französisch. Fünfsprachig ist dieser junge, dunkle Kerl mit den großen, fröhlichen Kulleraugen. Und unsereins ist schon stolz, wenn man zweisprachig ist. “O, I like languages", sagt er, "I collect them; it’s a hobby. Next I will learn Spanish. I like it. And pick up some German, maybe, ha, ha.” – Man sollte ihn erst einmal hören, wenn er in der Sprache seiner Trommeln spricht!
Die junge Frau, die mir die Haare schneidet, ist Französin. Ihr Mann hat eine Stelle an der Uni in Leiden. Ihr Englisch ist nicht so gut wie das des Fischmanns, aber es reicht. Was fragt man seinen Frisör? “Wie war der Urlaub?”
“O, nice, but not to nice.”
“Where have you been?”
“In San Francisco. But don’t tell my boss!”
“And you didn’t like it very much?”
“Yes, I liked it, but it’s not exciting, nothing very special. Bon, some nice buildings etcétera but after two or three days everything looks similar and you know it all. You ‘ave seen it on TV and in films. Everything. And the food is awful. Next time I stay in Europe, it’s more interesting, more old buildings, more history, more variety, more différences.”
Wenn man wissen will, wie es draußen in der Welt aussieht, braucht man nur seine Friseuse in Den Haag zu fragen und muß dazu nicht einmal Holländisch sprechen.

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