oder was man findet, wenn man etwas über einen Garten erfahren möchte

Im Jahr 1801 gab es in der erst sechs Jahre jungen Batavischen Republik der Niederlande einen kleinen Staatsstreich, diplomatisch eingefädelt vom Ersten Konsul der Schutzmacht Frankreich, Napoleon Bonaparte, der immer mehr monarchische Bestrebungen erkennen ließ. So wurden durch eine von ihm erzwungene Verfassungsreform demokratische Errungenschaften auch in der Batavischen Republik wieder zurückgenommen, und man bezeichnete den niederländischen Satellitenstaat Frankreichs fortan offiziell lieber als Bataafs Gemenebest.

Drei Jahre nach dem Coup kam der Ratgeber des holländischen Königshauses Baron Arnold Willem van Brienen in den Besitz des schönen Barockschlößchens Clingendael beim Regierungssitz Den Haag. (Sein Stadtpalais dort war das heutige Hotel des Indes.) Clingendael blieb Eigentum derer van Brienen bis zum Tod ihrer letzten Vertreterin, der Baroneß Marguerite Marie van Brienen van de Groote Lindt, 1939. Die Baroneß besaß ausgezeichnete Verbindungen auch zu ausländischen, besonders britischen Adelskreisen und sprach angeblich mehr Englisch als Holländisch.

Seit den Weltausstellungen in Wien 1873 und Paris 1889, auf denen nach der jahrhundertelangen Isolation des Landes die ersten japanischen Gartenpavillons und -anlagen in Europa zu bestaunen waren, kam es zu einer kleinen Japanwelle in den Parks mondäner englischer Gartenbesitzer. Zu ihnen gehörte auch Frances Maynard, seit ihrer Heirat mit Francis Greville Lord Brooke, dem 5. Earl of Warwick, nicht nur Erbin der Ländereien ihres Großvaters, dem Viscount Maynard, sondern auch Herrin auf Warwick Castle (gegründet von Wilhelm dem Eroberer) mit seinem fast drei Quadratkilometer großen Park.
“It was not uncommon in the Victorian era for a married woman of social prominence to become romantically involved with a man higher on the social ladder than her husband. This was often with the husband's knowledge, as it could also assist in his advancing socially or politically, and was considered normal for the times.” (English Wikipedia)

Lady Brooke of Warwick, von vertrauten Freunden kurz Daisy genannt, unterhielt mehrere solcher Affairen, die bekannteste – sie sorgte selbst dafür, daß sie bekannt wurden, weshalb man sie in ihren Kreisen auch gern “Babbling Brooke” nannte – war eine über Jahre andauernde mit dem damals “ewigen” Prince of Wales, dem späteren König Edward VII. Sie bestand immerhin zwölf Jahre. Danach nahm sich die schöne Daisy, die selbst Rodin Modell stand, andere Liebhaber; einer ihrer Favoriten war das Vorbild für “John Bull”, Admiral Lord Beresford, ein anderer der schnauzbärtige Brigadegeneral Joseph Laycock, mit dem sie zwei Kinder hatte.
“Brookie, to whom Daisy remained married until his death in 1924, proved to be a man of surprising and devoted resilience, tolerant not only of his wife's endless affairs but of the arrival of children in whose creation he had no part”, schreibt eine ihrer Biografinnen, Sushila Anand.
“Brookies” Bruder, Louis George Grenville, war zeitweilig britischer Botschafter in Tokyo und ließ sich nach seiner Heimkehr bei seinem Landsitz Heale House einen japanischen Garten anlegen; seine Schwägerin folgte diesem Beispiel bei ihrem eigenen Lieblingslandhaus, Easton Lodge in Essex."

Baroneß van Brienen in Den Haag unterhielt beste Beziehungen zu diesen Kreisen der britischen High Society. Sie kannte auch König Edwards noch bekanntere langjährige Maitresse, Alice Keppel (deren Urenkelin rein zufällig die langjährige Geliebte des jetzigen Prince of Wales ist: Camilla Carter-Bowles). Alice Keppels Tochter Violet ging bereits mit 10 Jahren eine enge Freundschaft mit Vita Sackville-West ein, die sich über Jahre hinweg zu einer wild-bewegten lesbischen amour fou entwickeln sollte.
Mevrouw van Brienen oder “Freule Daisy” war mit Vitas Mutter Victoria Sackwell-West persönlich befreundet und ebenso mit den Schwestern Ella und Florence Du Cane, die in den ersten Jahren nach der Jahrhundertwende als Malerin und Schriftstellerin ausgedehnte Reisen unternahmen und anschließend illustrierte Bücher darüber veröffentlichten: Flowers and Gardens of Madeira (1909), ...of the Canary Islands (1911) und, als erstes in der Reihe: Flowers and Gardens of Japan, 1908. Ein Exemplar schenkten sie bei einem Besuch in Clingendael ihrer Gastgeberin und Freundin.
Drei Jahre später begab sich Marguerite van Brienen selbst auf eine Japanreise. Von dort brachte sie einige Dekorationsstücke für ihren eigenen Garten nach den Vorstellungen der europäischen Japonaiserie mit: einen kleinen Schrein, ein Teehäuschen, Steinlaternen, eine kleine, rot lackierte Holzbrücke. Mit der Anlage des Gartens beauftragte sie ihren Gutsverwalter Theodoor J. Dinn, der bereits in den Parks von Versailles, London und Kew gearbeitet hatte, bevor er sich 1905 von der Baroneß anwerben ließ, um in Clingendael eine Pflanzenzucht aufzubauen.

Während in Den Haag der einzige Japanische Garten in den Niederlanden anwuchs, wuchs im Haus Keppel in London Skandalträchtiges heran, und das waren nicht die mehr oder weniger diskreten Affären von Lady Alice, sondern das trotzige Beharren von Tochter Violet, ihre Liebe und ihre lesbische Beziehung zu Vita Sackville-West offen ausleben zu wollen. Vita war inzwischen mit dem Diplomaten Harold Nicholson verheiratet, doch weil der auch gern seinen eigenen homosexuellen Neigungen nachging, konnte sich das Paar bestens arrangieren. 1918 trafen sich die beiden Freundinnen wieder, ließen Vitas Kinder bei der Gouvernante zurück und brannten, unbeeindruckt vom Weltkriegsgeschehen um sie herum, zusammen nach Frankreich durch. Als sie Monate später nach England zurückkehrten, drängte Alice Keppel, um dem Skandal die Spitze zu nehmen, ihre Tochter in eine Ehe mit dem Offizier Dennis Trefusis. Doch noch im gleichen Jahr gönnten sich Vita und Violet eine erneute gemeinsame Auszeit von zwei Monaten in Paris und Monte Carlo, bis Trefusis seine frisch Angetraute auf Drängen der Schwiegermutter zurückholte. Und im Jahr 1920 mußten beide Ehemänner in einem Privatflugzeug auf die Suche nach ihren wieder einmal entwischten Frauen gehen. Sie fanden sie in Amiens und trennten sie nur dadurch, daß sie sie aufeinander eifersüchtig machten. Lady Alice reichte es jetzt mit Violets Eskapaden, zumal das Gerede in London allmählich die bevorstehende Hochzeit ihrer jüngeren Tochter zu gefährden drohte. Also mußte Violet für eine Weile aus der Öffentlichkeit verschwinden. Was konnte sich besser für einen nervenberuhigend abseits gelegenen und doch standesgemäßen “Kuraufenthalt” eignen als das ruhige Haus der befreundeten Baroneß van Brienen im Park von Clingendael?



“...It is such a heavenly night - if only you were here; there is a really lovely little Japanese garden in the middle of the wood. I have just been out to look at it. It has a little paper house in the middle, where it would be divine to sleep”, schrieb Violet im Oktober 1920 von dort an ihre Freundin Vita.
Im nächsten Frühjahr waren sie zum letzten Mal zusammen in Frankreich, bevor Nicholson, auf seinen Ruf bedacht, seine Frau vor die Alternative stellte: Ende der Affäre oder Scheidung.
Violet wurde daraufhin für viele Jahre die Geliebte von Winnaretta Singer, der Tochter und Erbin des amerikanischen Nähmaschinenproduzenten Isaac M. Singer. Vita Sackville-West wurde später bekanntlich die Geliebte von Virginia Woolf, die ihr mit ihrem Roman Orlando eine literarische Liebeserklärung schenkte.

Solche Geschichten findet man, wenn man nur etwas über einen alten Garten in Erfahrung bringen will, der nun immerhin seit bald hundert Jahren besteht. Im Anfang war er natürlich hell und licht und nach den Wünschen der Besitzerin auch voller seltener, exotischer Blumen, darunter japanische Lilien und Seerosen, Azaleen und Chrysanthemen, die Wappenblumen des Tenno. Heute sind die damals gepflanzten Bäume so hoch, daß der Garten mehr und mehr im Schatten liegt. Üppig blühende Pflanzen bekommen nicht mehr genügend Licht, und auf dem feuchtigkeitsgesättigten dunklen Boden haben sich vor allem verschiedene Moose ausgebreitet. Um die fragile Bepflanzung zu schützen ist Mvr. van Brienens japanischer Garten wieder ein hortus clausus; nur an wenigen Wochen im Frühjahr zur Blütezeit und zwei Wochen im Herbst, wenn sich das Laub der japanischen Ahorne rot färbt, wird er für Besucher geöffnet. Jetzt liegt er wieder still und verschlossen da, und Moos wächst über den Schuhabdrücken einsam liebender Frauen.

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Was aber noch steht, ist das Haus in Nieuwe Uitleg Nr. 16. Darin wohnte einmal Margaretha Geertruida Zelle, geborene Friesin aus Leeuwarden, als sie sich im Ersten Weltkrieg unter der Deckbezeichnung “H 21" als Agentin für die Deutschen anwerben ließ. Bekannter war sie allerdings unter einem anderen falschen Namen, der auf Malaiisch “Auge des Tages” oder, schlicht, Sonne bedeutet: Mata Hari.
Mitnehmen möchte ich Sie aber bei Gelegenheit auf verborgenere Pfade, auf moosüberwachsene zwischen großen Rhododendren und Azaleenbüschen, an stillen, grünen Kanälen entlang, von hohen, alten Bäumen beschattet. (Denn jetzt kann ich’s gefahrlos tun, weil das Paradiesgärtlein bis auf zwei Wochen im goldenen Oktober wieder verschlossen ist.)

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Wie man auf dem Foto vielleicht noch lesen kann, ist die Aufnahme schon zwei Jahre alt, aber sie paßt dennoch ganz gut, weil der Architekt des Haager Gemeentemuseums, Hendrik Petrus Berlage, seine Laufbahn nämlich 1893 mit einer Schrift über “Baukunst und Impressionismus” begann. Zuvor hatte er bei Gottfried Semper in Zürich studiert, verwarf aber als selbständiger Architekt den Historismus in der Baukunst als unzeitgemäß und verlogen. In seiner Schrift formulierte er dagegen Grundzüge für eine zeitgemäßere Bauweise für eine von ihm erhoffte demokratische Gesellschaft; sie solle einfach, allgemeinverständlich und erschwinglich sein.
Ein bißchen Ironie steckt schon darin, daß die ersten großen Aufträge, die der Sozialist Berlage erhielt, in Bauten für einen Versicherungskonzern (De Nederlanden in Den Haag, Kerkplein, von 1897) und die Amsterdamer Börse (1898-1903) bestanden. Beide gelten noch immer als bedeutende Architekturdenkmäler. Besonders De Beurs van Berlage wird als erstes modernes Gebäude in den Niederlanden und Vorbild für die “Amsterdamer Schule” angesehen und steht auf der Liste der “1000 wichtigsten Bauwerke des 20. Jahrhunderts”.

Die Art, wie Berlage in den Jahren 1915-20 den Wunsch des Reeders, Erzhändlers und Kriegsgewinnlers Anton Kröller nach einem Jagdschloß im Zeichen des heiligen Hubertus umsetzte, kann ich fast nur als hintersinnig-ironische Desavouierung des Bauherrn gelten lassen. (Für den “Hausfreund” von Kröllers deutscher Ehefrau Helene Müller, der Tochter eines Essener Stahlbarons, die das Vermögen in die Ehe brachte, richtete Berlage eigens ein Apartment in der ersten Etage ein, von dem eine kleine, geheime Treppe direkt in das Schlafzimmer von Frau Kröller-Müller hinabführte. Der Grundriß in Form eines riesigen Hirschgeweihs setzte dem Großhändler mit Poposcheitel und Walroßschnauzbart dann auch von außen deutlich sichtbar Hörner auf.)
Das Gemeentemuseum ist dagegen Berlages letztes großes Projekt, und es wurde erst ein Jahr nach seinem Tod 1935 fertiggestellt. Für viele ist es aber gerade sein vollendetstes Bauwerk. Auf geometrischem Grundriß ist es voll und ganz nach einer Maßzahl gebaut, der 11, die in christlichen Zusammenhängen häufig als symbolische Zahl für die Übertretung der zehn Gebote und dann allgemein als Symbol der Überschreitung vollendeter Systeme verstanden wird. Jeder Pfeiler, jede Mauer des Museums steht auf einem rechtwinkligen Raster mit einer Kantenlänge von 1,10 Metern, und in allen Maßen des Gebäudes kommen die 11 oder ihre Vielfachen vor. Auch die eigens hergestellten gelben Klinkersteine der Fassade wurden passend auf Maß gefertigt, so daß am ganzen Bau nicht ein gekürzter oder zerschnittener Stein zu sehen ist. Das Gemeentemuseum ist ein auch im Detail vollendetes Gesamtkunstwerk der klassischen Moderne.

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Wunderbar: es regnet. Nach mindestens acht, neun Wochen ohne nennenswerten Niederschlag, nach denen man in Holland ernsthaft zu fürchten begann, die Deiche könnten austrocknen und rissig werden, begann vorgestern abend mit einem krachenden Gewitter eine kleine Regenzeit. Pünktlich zum Pfingstwochenende. Das dürfte uns eine Menge spontaner und spontan verärgerter Verlängertes-Wochenende-Urlauber auch aus dem Nachbarland vom Leib halten. Die, die dummerweise schon seit langem fest gebucht hatten (“wir kommen seit dreißig Jahren regelmäßig, immer dieselbe Pangsion”), müssen nun anstatt zum Strand z.B. ins Museum gehen. Geschieht ihnen recht. Ein bißchen Kultur und Bildung hat noch keinem geschadet. Empfehlenswert wäre (vor allem nach der ganzen Tübinger Butzenscheibenromantik) natürlich schon als Bau das Gemeentemuseum von Berlage aus dem Jahr 1935 (obwohl ich den gerade dort gehängten Ensor nicht mag) oder, für die altmeisterliche Bilderkost, das Mauritshuis. Wer meint, auch bei Regen, aber im Trockenen, einen Blick auf den Scheveninger Strand nicht missen zu wollen, sollte dem Haager Panorama einen kurzen, aber lohnenden Besuch abstatten. Oder - ist auch nicht weit vom Strand - den Kriegsverbrechern Mladic und Karadzic in der Penitentiaire Inrichting Haaglanden mal kurz im Vorbeigehen den verdienten Stinkefinger zeigen, bevor man sich dann z.B. im Dudok genüßlich ein Appeltaartje med slagroom und koffie verkeerd reinschiebt wie alle auswärtigen Besucher.

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“Glaserwerkstatt – Er hockte am Boden, riß den Diamanten durch gläserne Bäume, den verglühenden Himmel, warf einen Blick in den Schatten, den ich warf.”
(Peter Schünemann: Scardanellis Gedächtnis, 2007)
Erdacht und diskutiert wurden solche Gedanken im gemeinsamen »Communismus der Geister« der Tübinger Drei.
Hölderlin, so hat auch Christoph Jamme festgestellt, war wohl derjenige von ihnen, der unter der Zwangsatmosphäre im Stift (und im Land) am meisten gelitten hat. Nachdem sein älterer Freund Neuffer das Stift 1791 verlassen hatte, trat Hölderlin noch einmal mit dem Wunsch, ebenfalls auszutreten, – wieder vergeblich – an seine Mutter heran. Mitte September 1793 legte Hegel vorzeitig sein Examen ab, um in Bern eine Hofmeisterstelle antreten zu können. Gleich in der Woche darauf suchte Hölderlin unangemeldet Schiller in Ludwigsburg auf, um sich bei ihm Empfehlungen zu besorgen. Nur drei Monate später wurde auch er examiniert und verließ sofort das Stift, Tübingen und seine Fast-Verlobte Elise Lebret, die Tochter des Kanzlers. Den seit langem oft wiederholten Wunsch seiner Mutter, sich um eine Vikarsstelle zu bewerben, erfüllte er nicht, sondern nahm eine erste Anstellung als Hofmeister bei Schillers Geliebter, der Freifrau Charlotte von Kalb, an.

13 Jahre später kehrte Friedrich Hölderlin nach Tübingen zurück; nicht freiwillig, sondern im geschlossenen Wagen und im (berechtigten) Glauben, entführt worden zu sein. Im September 1806 lieferte man ihn als geisteskrank in die gerade erst gegründete Klinik von Professor Autenrieth ein, wo man ihn behandelte wie Hannibal Lecter. Wenn er sich aufregte, knebelte man ihn mit der nach ihrem Erfinder benannten Autenriethschen Maske: “Aus Schuhsohlenleder gefertigte Maske mit Öffnungen für Augen und Mund, aber so, dass der Mund nicht zum Schreien geöffnet werden konnte. Gleichzeitig Fesselung der Arme. Ihr Zweck sei ‘das vernunftlose Schreien oder das vorsätzliche laute Heulen und Jammern zu unterbrechen’” (Lexikon Psychiatrie).
Autenrieths Diagnose lautete: “Krätzmanie”.
“Durch falsche Behandlung von Hautkrankheiten wie der Krätze oder auch durch ausschweifende Sinnesfreuden, so Autenrieth, könne der Fluss der Körpersäfte in Stockung geraten. Aus dieser Art »Humoralpathologie« zog der Mediziner den fatalen Schluss, dass Heilung nur möglich sei, wenn man die Stauung der Körpersäfte auflöste und den Überfluss derselben ableitete. Konkret hieß das:
Um die Leiden der Seele zu bekämpfen, musste man solche des Körpers künstlich erzeugen”, erklärt Steve Ayan in seinem Hölderlin-Artikel “Der Schattenmann” in der Zeitschrift Gehirn & Geist (1/2007). “Für ein Martyrium in Autenrieths Klinik spricht die Äußerung eines Zeitgenossen, Hölderlin sei noch Jahre später stets in heftigen Aufruhr geraten, wenn er auf der Straße einem Mitarbeiter der Klinik begegnete.
Nach knapp einem Dreivierteljahr war Autenrieth mit seinem Latein am Ende. Er erklärte Hölderlin für unheilbar krank und gab ihm noch höchstens drei Jahre zu leben.” – Und solche Koryphäen hofierte man trotz derartiger Fehldiagnosen und Methoden immer weiter die Karriereleiter hinauf. Autenrieth wurde erst Vizekanzler, 1822 Kanzler der Universität Tübingen, Mitglied der Württembergischen Ständeversammlung und der Gelehrtenakademie Leopoldina und schließlich sogar Landtagsabgeordneter. “Die in seiner Klinik – vor allem im Palisadenzimmer – anfallenden Holzarbeiten führte ein Schreinermeister namens Ernst Zimmer aus. Obwohl schulisch wenig gebildet, wusste er um das Genie des Dichters. »Im Klinikum wurde es mit ihm noch schlimmer «, erinnerte sich Zimmer im Jahr 1835. »Damals habe ich seinen Hyperion gelesen, welcher mir ungemein wohl gefiel. Ich besuchte Hölderlin im Klinikum und bedauerte ihn sehr, dass ein so schöner herrlicher Geist zu Grund gehen soll. Da im Klinikum nichts weiter mit Hölderlin zu machen war, so machte … Autenrieth mir den Vorschlag, Hölderlin in mein Haus aufzunehmen.«"
Für die restlichen 36 Jahre, die zweite Hälfte seines Lebens, blieb Hölderlin in Zimmers Haus mit dem Turm am Neckar, anfangs noch häufig polternd aufbegehrend, im Lauf der vielen Jahre, die folgten, zunehmend apathisch.
Tübingen, das einmal die Rolle des Steins gespielt hatte, an dem sich Verstand und Widerstand Hölderlins und seiner Freunde schärften, hat ihm am Ende den Nerv gezogen.
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