
Das Unwetter konnte die Isländer aber nicht davon abhalten, ihre Wahllokale aufzusuchen, denn ihr Präsident hatte ihnen durch sein Veto gegen einen Regierungsbeschluß zum zweiten Mal die Gelegenheit eröffnet, in einem Referendum über die von Großbritannien und den Niederlanden geforderte Rückzahlung von annähernd 4 Milliarden Euro Schulden abzustimmen, die die 2008 zusammengebrochenen isländischen Banken im Ausland hinterlassen haben. Es war den Isländern offenbar sehr wichtig, zu dieser Frage ihre Stimme abzugeben; die Wahlbeteiligung lag bei über 75%. Auch wenn die inzwischen ausgehandelten Bedingungen für eine Rückzahlung erheblich günstiger waren als zu Beginn, stimmten fast 60% des Wahlvolks erneut mit einem glasklaren Nein.
Der kundige Nordeuropa-Korrespondent der Frankfurter Rundschau, Hans Gamillschegg, kommentiert das heute so:
“Ein mutiges Volk, diese Isländer! Zum zweiten Mal schon haben sie nun allen Sturmwarnungen getrotzt und ein Abkommen zur Schuldentilgung verworfen, das sie für ungerecht halten – ungeachtet der Unkenrufe, dass sie dies eine lange Periode der Ungewissheit, möglicherweise viel Geld und letztlich die EU-Mitgliedschaft kosten werde. Das ist demokratisch erfrischend.
Dass nicht die Steuerzahler für das Versagen der Banken und die Gier der von hohen Zinsen gelockten Kunden aufkommen sollen, sehen sicher viele Menschen in anderen Ländern ebenso. Doch sie werden nicht gefragt. Es ist das Verdienst des isländischen Präsidenten Grimsson, das Referendum erzwungen zu haben.”
"Bei dem Icesave-Streit geht es nicht primär um einen Streit zwischen Niederlande und Großbritannien einerseits und Island andererseits. Es geht um einen Konflikt zwischen öffentlichen Haushalten und privaten Gläubigerbanken. Das europaweit verbreitete Prinzip 'Privatisierung der Gewinne und Sozialisierung der Verluste' muss endlich durchbrochen werden.
Die meisten europäischen Staaten haben die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die öffentlichen Haushalte abgewälzt. Diese stehen nun unter massivem Konsolidierungsdruck, meist auf Kosten sozialer Errungenschaften. Es ist gut, dass die älteste kontinuierliche Demokratie Europas diese Frage per Volksabstimmung geklärt hat. Dem sollten die anderen europäischen Länder folgen."
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Von Dresden aus korrespondierte Carus auch mit Alexander von Humboldt. Der schrieb ihm enthusiastisch:
“Seit fünf Tagen besize ich durch die Güte des Geh[eimen] R[ats] Schulze Ihre herrliche Schrift über den Knochenbau und seit fünf Tagen bin ich ununterbrochen damit beschäftigt. Lange hat mich nichts so bewegt als Ihre großartigen Ansichten der Natur... Ich fühle bei Erscheinung dieser Ihrer lezten Arbeit doppelt was wir entbehren, aber ich ehre und billige die Motive, welche Sie in dem schönen Lande zurükhalten, dem ich meine mineralogische und bergmännische Bildung verdanke und in dem die Freunde meiner freilich nun schon vordeucalionischen Jugend leben.”
In Dresden lebte und studierte damals auch der junge Caspar David Friedrich, ein schwedischer Staatsbürger aus Greifswald im damaligen Schwedisch-Pommern. Professor Carus, der ebenfalls als Landschaftsmaler dilettierte, war von Friedrichs Malweise begeistert, begleitete ihn auf einer Reise nach Rügen zum Zeichnen und empfahl ihn danach Humboldt als Zeichner für dessen naturwissenschaftliche Studienreise durch die spanischen Kolonien. Humboldt stimmte zu, und so reiste der fünfundzwanzigjährige Friedrich mit ihm über Paris und Marseille nach Spanien an den Madrider Hof, wo sich auf ein Empfehlungsschreiben des kgl. sächsischen Hof- und Medizinalrats Carus hin der sächsische Gesandte Forell für die Humboldtsche Expedition verwandte.Auf der ersten Seereise an Bord der leichten Fregatte Pizarro litt Friedrich im Gegensatz zum unerschütterlich seefesten Humboldt heftig an Seekrankheit und war froh, auf Teneriffa wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Während Humboldt in Santa Cruz und Orotava die Besteigung des Teide vorbereitete, unternahm Friedrich auf der Suche nach pittoresken Motiven einen Ausflug in die Berge an der Punta Naga, die sie bei der Anreise vom Schiff aus gesehen hatten. Dort malte Caspar David Friedrich das erste, wenig bekannte seiner Bilder, die später den Titel “Morgen im Gebirge” erhielten. (Es befindet sich heute in Privatbesitz.)
Wegen der fatalen Auswirkungen seiner Seekrankheit, sah Friedrich der Fortsetzung der Reise und vor allem der bevorstehenden Atlantiküberquerung mit solchen Bedenken entgegen, daß er sich am Ende schweren Herzens entschloß, auf die Weiterreise zu verzichten. Mit dem nächsten Postschiff kehrte er auf den Kontinent und sicheren Boden zurück. Das Meer hat er seither in seinen Bildern immer nur vom Land aus gemalt, oft als eine Landschaft des Eises und der Scheiterns wie in seinem berühmten Bild "Das Eismeer" oder "Die gescheiterte Hoffnung".

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Zurückgekehrt nach Santa Cruz, empfinden wir es als wohltuend, daß es eine ganz normale Stadt ist, in der nicht Touristen das Bild und das Geschehen prägen, sondern Einheimische, die hier ihr ganz alltägliches Leben führen, ihren Arbeiten und Beschäftigungen nachgehen.
In der Zwischenzeit hat sich herausgestellt, daß der schöne Beiname “Insel des ewigen Frühlings” durchaus auch die feuchteren Seiten von Frühlingswetter einschließt. Mit anderen Worten: es regnet. Täglich. Aber es regnet eben wie auf Atlantikinseln: in schnellem Wechsel. Lag in den ersten Wochen jeden Morgen eine graue Wolkenbank draußen auf dem Meer und löste sich unweigerlich im Lauf des Tages in harmloses Wohlgefallen auf, ist zumindest der Anfang jetzt umgekehrt: über der Stadt liegt morgens ein dunkelgrau dräuender Deckel und das Meer leuchtet draußen in hellstem Himmelsblau. Es fängt an zu tropfen, zu schütten, zu prasseln, die Wolke zieht hinaus aufs Meer, als könne sie kein Wässerchen mehr trüben, und löst sich auf. Dann saugt die Sonne in Dampfschlieren das Wasser von der Terrasse. Doch kaum hat man Tisch und Stuhl trockengewischt und sich draußen niedergelassen, fallen aus vermeintlich heiterem Himmel Tropfen klatschend aufs Schreibpapier.
Man blickt auf und sieht die nächste schwer feuchte Wolke heranschieben, flüchtet ins Innere und wartet den Schauer ab, das dauert, man richtet sich drinnen ein, doch bald lockt die Sonne wieder so unwiderstehlich, daß man’s nicht aushält und das vergleichsweise dunkle Zimmer aufs Neue mit der in gleißendem Sonnenlicht badenden Terrasse vertauschen muß. Für maximal eine Viertelstunde, denn dann beginnt es zu regnen.Zur Normalität von Heiligkreuz abseits der touristischen Disney-Welt gehören auch Zeichen der wirtschaftlichen Krise, in der Spanien steckt. So ist die geplatzte Immobilienblase ganz deutlich zu sehen. Es gibt immens viele neue Wohnblocks mit spiegelnden Glasfassaden, gar nicht mal häßlich, funktionale Neue Sachlichkeit der Jahrtausendwende, zehn, zwölf und mehr Stockwerke hoch, funkelnagelneu, alle sicher in den letzten höchstens fünf Jahren hochgezogene Renditeobjekte, als der Preis für Immobilien scheinbar nur eine Richtung und nach oben ebensowenig ein Ende kannte wie die Zahl der Stockwerke. Viele von ihnen stehen leer. "Se vende" rufen Plakate an vielen Scheiben, aber es gibt keine Käufer. Dafür gibt es - ebenso neu aufgemacht - in allen Vierteln etliche Pfandleiher. Fast immer sind sie gut gefüllt, Schlangen von Wartenden bis hinaus auf die Straße. Die Leute brauchen Geld und versetzen, was sie entbehren können.

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“Obgleich wir den Drachenbaum in Herrn Franquis Garten aus Reiseberichten kannten, so setzte uns seine ungeheure Dicke dennoch in Erstaunen. Man behauptet, der Stamm dieses Baumes, der in mehreren sehr alten Urkunden erwähnt wird, weil er als Grenzmarke eines Feldes diente, sey schon im fünfzehnten Jahrhundert so ungeheuer dick gewesen wie jetzt. Seine Höhe schätzten wir auf 50 bis 60 Fuß [16 bis 19,5 m]; sein Umfang nahe über den Wurzeln beträgt 45 Fuß [14,6 m].Unter den organischen Bildungen ist dieser Baum, neben der Adansonie oder Baobab in Senegal, ohne Zweifel einer der ältesten Bewohner unseres Erdballs. Der Drachenbaum, der nur in den angebauten Strichen der Canarien, auf Madera und Porto Santo vorkommt, ist eine merkwürdige Erscheinung in Beziehung auf die Wanderung der Gewächse. Auf dem Kontinent und Afrika ist er nirgends wild gefunden worden, und Ostindien ist sein eigentliches Vaterland. Auf welchem Wege ist der Baum nach Teneriffa verpflanzt worden?”
Anschließend fuhren wir hinab ans Meer, nach Orotava-Hafen, wie Humboldt schrieb, doch ist der Ort heute unter dem Namen Puerto de la Cruz bekannt, und da traf uns der Schlag.


Nach einem kurzen Rundgang durch diese künstlich angelegte Robbenkolonie und einer dazu passenden Abspeisung durch ein Touristenmenü, das in allen Urlaubersprachen Mittel- und Nordeuropas inklusive des Finnischen ausgehängt war, nur mit spanischer Küche nicht mehr das Geringste gemein hatte, entschlossen wir uns noch an Ort und Stelle, auf eine Besichtigung der Südküste der Insel mit der berühmten Playa de las Americas und anderen beliebten Ferienorten freiwillig zu verzichten.
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"Die Küste war wie ein Garten angebaut. Ich möchte sie mit der Umgegend von Capua oder Valencia vergleichen, nur ist die Westseite von Teneriffa unendlich schöner wegen der Nähe des Pics, der bei jedem Schritt wieder eine andere Ansicht bietet. Der Anblick dieses Berges ist nicht allein wegen seiner imposanten Masse anziehend; er beschäftigt lebhaft den Geist und läßt uns den geheimnisvollen Quellen der vulkanischen Kräfte nachdenken. Ungeheure Seitenausbrüche, deren letzter im [vorigen] Jahre 1798 erfolgte, beweisen die fortwährende Thätigkeit eines nicht erlöschenden Feuers. Der Anblick eines Feuerschlundes mitten in einem fruchtbaren Lande mit reichem Anbau hat indessen etwas Niederschlagendes. Die Geschichte des Erdballes lehrt uns, daß die Vulkane wieder zerstören, was sie in einer langen Reihe von Jahrhunderten aufgebaut. Inseln, welche die unterirdischen Feuer über die Fluthen emporgehoben, werden durch dieselben Kräfte zerstört. Vielleicht waren Eilande, die jetzt nichts sind als Schlacken- und Aschenhaufen, einst so fruchtbar als die Gelände von Tacoronte und Sauzal. Wohl den Ländern, wo der Mensch dem Boden, auf dem er wohnt, nicht mißtrauen darf!"(Alexander von Humboldt: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents)
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“Auf unserem Wege zum Hafen von Orotava kamen wir durch die hübschen Dörfer Matanza und Victoria. Diese beiden Namen findet man in allen spanischen Colonien neben einander; sie machen einen widrigen Eindruck in einem Lande, wo alles Ruhe und Frieden atmet. Matanza bedeutet Schlachtbank, Blutbad, und schon das Wort deutet an, um welchen Preis der Sieg erkauft worden. In der neuen Welt weist er gewöhnlich auf eine Niederlage der Eingeborenen hin; auf Teneriffa bezeichnet Matanza den Ort, wo die Spanier von denselben Guanchen geschlagen wurden, die man bald auf den spanischen Märkten als Sklaven verkaufte.”
(Alexander von Humboldt: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1803 und 1804)
Zum Bild: Die südländische Sitte, Tote in solche Schließfächer einzumauern, weckt in mir immer ein leises Unbehagen. Mir fehlt da die Verbindung zur Erde. Der Rücklauf, der Wiedereingang ins Organische wird unterbrochen oder zumindest noch einmal hinausgeschoben.
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“Zwischen der Stadt Laguna, und dem Hafen von Orotava und der Westküste von Teneriffa kommt man zuerst durch ein hügligtes Land mit schwarzer thonigter Dammerde, in der man hin und wieder kleine Augitkrystalle findet. Wahrscheinlich reißt das Wasser diese Krystalle vom anstehenden Gestein ab, wie zu Frascati bei Rom. Leider entziehen eisenhaltige Flötzschichten den Boden der geologischen Untersuchung.
Wenn man ins Tal von Tacoronte hinabkommt, betritt man das herrliche Land, von dem die Reisenden aller Nationen mit Begeisterung sprechen. Ich habe im heißen Erdgürtel Landschaften gesehen, wo die Natur großartiger ist, reicher in der Entwicklung organischer Formen; aber nachdem ich die Ufer des Orinoko, die Cordilleren in Peru und die schönen Thäler von Mexiko durchwandert, muß ich gestehen, nirgends ein so mannigfaltiges, so anziehendes, durch die Vertheilung von Grün und Felsmassen so harmonisches Gemälde vor mir gehabt zu haben.
Das Meeresufer schmücken Dattelpalmen und Cocosnußbäume; weiter oben stechen Bananengebüsche von Drachenbäumen ab, deren Stamm man ganz richtig mit einem Schlangenleib vergleicht. Die Abhänge sind mit Reben bepflanzt, die sich um sehr hohe Spaliere ranken. Mit Blüthen bedeckte Orangenbäume, Myrten und Cypressen umgeben Capellen, welche die Andacht auf freistehenden Hügeln errichtet hat. Ueberall sind die Grundstücke durch Hecken von Agave und Cactus eingefriedigt. Unzählige kryptogamische Gewächse, zumal Farne, bekleiden die Mauern, die von kleinen klaren Wasserquellen feucht erhalten werden.

Im Winter, während der Vulkan mit Eis und Schnee bedeckt ist, genießt man in diesem Landstrich eines ewigen Frühlings. Sommers, wenn der Tag sich neigt, bringt der Seewind angenehme Kühlung. Die Bevölkerung der Küste ist hier sehr stark; sie erscheint noch größer, weil Häuser und Gärten zerstreut liegen, was den Reiz der Landschaft noch erhöht. Leider steht der Wohlstand der Bewohner weder mit ihrem Fleiße, noch mit der Fülle der Natur im Verhältniß. Die das Land bauen, sind meist nicht Eigenthümer desselben; die Frucht ihrer Arbeit gehört dem Adel, und das Lehnssystem, das so lange ganz Europa unglücklich gemacht hat, läßt noch heute das Volk der Canarien zu keiner Blüthe gelangen."
(Alexander von Humboldt: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1803 und 1804)
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