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Samstag, 25. April 2015
Der Gast(geber)

„Der Lehrer schaute zu, wie die beiden Männer zu ihm emporstiegen. Der eine war beritten, der andere zu Fuß. Sie waren noch nicht bei dem Steilhang angelangt, der zu seiner an den Hügel gebauten Schule führte. Inmitten der Steine stapften sie mühsam durch den Schnee über die unermeßliche Weite der öden Hochebene. Das Pferd strauchelte von Zeit zu Zeit. Man hörte es noch nicht, aber man sah die Dampfwolke, die dann jedesmal aus seinen Nüstern drang.
Der Tag war mit einem schmutzigen Licht angebrochen, das kaum an Stärke zunahm, als die Wolkendecke höher stieg. Um zwei Uhr nachmittags hätte man meinen können, der Tag beginne eben erst zu dämmern. Aber das war immer noch besser als diese drei Tage, da inmitten der unaufhörlichen Finsternis dichter Schnee gefallen war, während hier und da ein Windstoß an der Doppeltür des Klassenzimmers rüttelte... plötzlich dieser Schnee, ohne Warnung, ohne die entspannende Wohltat des Regens.”

So weit der Anfang von Camus kurzer Erzählung L’Hôte, deren Titel den deutschen Übersetzer zu einer Wahl zwang, mit der er die Hälfte verloren geben mußte. Für das folgende ist die englische Übersetzung von Justin O'Brien einfach besser:
„This is the way the region was, cruel to live in, even without men.
No one in this desert, neither he nor his guest, mattered.”

„Dans ce désert, personne, ni lui ni son hôte n'étaient rien.”

(Temperatur an diesem Morgen des 25. April 2015 in Island: - 5°)

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Donnerstag, 26. März 2015
The cry of the mountain-grouse.
Wo und wann hinterließ Liebe zur Natur erste literarische Spuren?

‟I could not say when I first grew to love the wild, only that I did, and that a need for it will always remain strong in me. As a child, whenever I read the word, it conjured images of wide spaces... isolated islands off Atlantic coasts.”
Sind das wirklich die Worte eines anderen?

Liebe zur Wildnis oder zumindest den Wunsch, ihr nicht zu entkommen, sondern im Gegenteil in ihr zu leben, den man für einen Spleen zivilisationsmüder Städtebürger der Moderne halten könnte, fand MacFarlane schon bei den iroschottischen Einsiedlermönchen des frühen Mittelalters. Sie hatten davon gehört, daß Glaubensbrüder im vorbildgebenden christlichen Oströmischen Reich als Eremiten in die Wüste und die Einsamkeit zogen und dort wie Simon Stylites und andere Teile ihres Lebens in völliger Askese auf einem Felsen oder einer Säule zubrachten. Denen wollten sie es in ihrem Glaubenseifer nachtun. Um Gott näher zu kommen, suchten sie die menschenleere Einsamkeit. So wurden besonders Orte, die man als ‟Lands End” bezeichnen kann, Ziele ihres Exodus und ihrer Pilgerreisen. Dazu gehören etwa der berühmte Inselfelsen Skellig Michael vor der Westküste Irlands oder Bardsey/Ynys Enlli vor dem westlichsten Zipfel von Wales, wo schon im 5. Jahrhundert Mönche ein kleines Eremitenkloster gründeten. Die Säulenheiligen im römischen Kleinasien und Syrien kamen aus der antiken Stadtkultur, der sie auf ihrer Gottsuche entflohen. Für sie war die Natur, die Wildnis ein Ort der Entsagung.
Auch die irokeltischen Mönche am Nordwestrand Europas verließen die Zivilisation und zogen so weit hinaus, wie sie konnten. Einige kamen in unglaublichen, winzigen, nur mit Leder bespannten Booten (curraghs) sogar bis nach Island. Auch sie suchten Gott in der Einsamkeit, aber sie fanden etwas anderes: Sie entdeckten die Schönheit der wilden, ungezähmten Natur, die sie umgab und der sie sich aussetzten.
Etliche von ihnen hielten Eindrücke, Momente ihres Naturerlebens in Versen fest. Der irische Einsiedlermönch Marban zum Beispiel, der im 7. Jahrhundert lebte, stimmte, von seinem ri (König) nach dem Grund für sein Leben in der Einsamkeit der Wildnis befragt, geradezu ein Hohelied auf die Natur an:

The voice of the wind against the branchy wood
Upon the deep-blue sky,
Falls of the river, the note of the swan,
Delightful music...

(Übersetzung: Kuno Meyer: Ancient Gaelic Poetry
s. auch: Kenneth Hurlstone.Jackson: A Celtic Miscellany, 1971)

Buile Shuibhne (‟Sweeneys Wahnsinn”), eine umfangreiche irische Dichtung aus dem Mittelalter, erzählt von dem Ulster-König Sweeney. Er hört, wie der Missionar Ronan mit dem Klang einer Glocke das Territorium einer neuen Kapelle für die Kirche requirieren will, läuft nackt, wie er gerade ist, dorthin, entreißt dem Geistlichen wutentbrannt dessen Psalter und schleudert ihn in einen See. Anschließend zerrt er Ronan aus der Kirche, wird aber von einem Boten unterbrochen, der Sweeney auffordert, sich dem Heer anzuschließen, das in die Schlacht von Magh Ragh/Moira zieht. (Die Schlacht fand unter Teilnahme von Tausenden von Kriegern im Juni des Jahres 637 statt.) Als Ronan das irische Heer mit einigen Helfern für den Kampf segnen will, schleudert Sweeney seine Speere auf sie, trifft einen der Helfer und Ronan selbst an der Glocke vor seiner Brust, die dadurch zerspringt. Der fromme Heilige belegt den König daraufhin mit einem zweifachen Fluch: Bei jedem scharfen Klang wie dem Zerspringen einer Glocke solle Sweeney in Wahnsinn verfallen und nackt in Gestalt eines Vogels umherirren. (Es gibt zu Sweeney in Vogelgestalt einige schöne Arbeiten des in Irland lebenden Künstlers Holger C. Lönze.) Schließlich solle Sweeney durch einen Speer fallen: ‟I pray the mighty Lord that high as went the spear-shaft into the air and among the clouds of Heaven may you go likewise even as any bird, and may the death which you have inflicted on my foster-child be that which will carry you off, to wit, death from a spear-point.”

Der Lärm der entbrennenden Schlacht läßt Sweeney in Wahnsinn verfallen, ‟and darkness, and fury, and giddiness, and frenzy, and flight, unsteadiness, restlessness, and unquiet filled him, likewise disgust with every place in which he used to be and desire for every place which he had not reached. His fingers were palsied, his feet trembled, his heart beat quick, his senses were overcome, his sight was distorted, his weapons fell naked from his hands, so that through Ronan's curse he went, like any bird of the air, in madness and imbecility... it was seldom that his feet would touch the ground because of the swiftness of his course, and when he did touch it he would not shake the dew from the top of the grass for the lightness and the nimbleness of his step.” – ‟For a long time thereafter he was (faring) throughout Ireland, visiting and searching in hard, rocky clefts and in bushy J branches of tall ivy-trees, in narrow cavities of stones, from estuary to estuary, from peak to peak, and from glen to glen.”
Anfangs stimmt er in seinen Schlafbäumen (meist immergrüne und langlebige, aber auch giftige Eiben, aus denen halluzinogene Alkaloide gewonnen wurden. Bei den Kelten galten sie als heilige Bäume, die in Verbindung mit dem Totenreich standen) die Hiobsklagen an, doch als er wieder einmal den Klang einer Kirchenglocke hört, sagt er, daß ihm der Ruf des Kuckucks in den Wäldern lieber sei.

‟From Loch Diolair of the cliff
to Derry Coluim Cille
it was not strife that I heard
from splendid, melodious swans.
The belling of the stag of the desert above the cliffs
in Siodhmuine Glinne—
there is no music on earth
in my soul but its sweetness.”

Einmal aus seinen Wahnzuständen zurückgeholt, singt Sweeney ein Loblied auf Bäume und Gehölze:

‟O holly, little sheltering one,
thou door against the wind;
o ash-tree, thou baleful one,
hand-weapon of a warrior.
O birch, smooth and blessed,
thou melodious, proud one,
delightful each entwining branch
in the top of thy crown...
Going through the ivy-trees —
I conceal it not, O warrior —
like good cast of a spear
I went with the wind.”

Ebenso preist er die Eigenschaften der Vögel und anderer Tiere des Waldes:

‟I love not the merry prattle
that men and women make:
sweeter to me is the warbling
of the blackbird in the quarter in which it is. –
water is my mead, my trees hard and bare or close-sheltering are my friends.”

Gegen Ende seines Lebens wird Sweeney der harten Umstände seine Herumirrens verständlicherweise müde, doch selbst in die alte Heimat zurückkommend verläßt ihn die Liebe zur Natur nicht:

‟Water of bright Glen Bolcain,
listening to its many birds;
its melodious, rushing streams,
its islands and its rivers.
Its sheltering holly and its hazels,
its leaves, its brambles, its acorns,
its delicious, fresh berries,
its nuts, its refreshing sloes.
The number of its packs of hounds in woods,
the bellowing of its stags,
its pure water without prohibition;
'tis not I that hated it.”

Der Mann der Kirche aber bleibt unversöhnlich: ‟At that time it was revealed to Ronan that Suibhne had recovered his reason and that he was going to his country to abide among his folk; whereupon Ronan said: ‘I entreat the noble, almighty King that that persecutor may not be able to approach the church to persecute it again as he once did, and, until his soul has parted from his body, may there be no help or relief to him from the vengeance which God inflicted on him in revenge”.
Sweeney verharrt seinerseits bis zum Ende in seiner antikirchlichen Haltung. Einmal begegnet er einem Mönch, der ihm seinen Psalter vorhält:
‟Delightful is the leaf of this book,
the psalter of holy Kevin.
Suibhne: More delightful is a leaf of my yew
in happy Glen Bolcain.”

Wie wirst du dein Leben enden, fragt ihn der Mönch. ‟Dein Schweinehirt wird mich eines frühen Morgens töten”, antwortet Sweeny. Doch gegen eine tägliche Mahlzeit erklärt er sich bereit, den Mönch wieder zu besuchen, damit der seine Geschichte aufschreiben kann. Eines Morgens durchbohrt ihn der Mann der Köchin (und Schweinehirt des Mönchs) eifersüchtig mit seinem Speer.
Sweeney stimmt sein Sterbelied an:

‟There was a time when I deemed more melodious
than the quiet converse of people,
the cooing of the turtle-dove
flitting about a pool.

There was a time when I deemed more melodious
than the sound of a little bell beside me
the warbling of the blackbird to the mountain
and the belling of the stag in a storm.

There was a time when I deemed more melodious
than the voice of a beautiful woman beside me,
to hear at dawn
the cry of the mountain-grouse.

There was a time when I deemed more melodious
the yelping of the wolves
than the voice of a cleric within
a-baaing and a-bleating”.

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Montag, 23. März 2015
"Where are your dictionaries of the wind, the grasses?"

By the graveyard, Luskentyre

From behind the wall death sends out messages
That all mean the same, that are easy to understand.

But who can interpret the blue-green waves
That never stop talking, shouting, wheedling?

Messages everywhere. Scholars, I plead with you,
Where are your dictionaries of the wind, the grasses?

Four larks are singing in a showering sprinkle
Their bright testaments: in a foreign language.

And always the beach is oghamed and cunieformed
By knot and dunlin and country-dancing sandpipers.

- There's Donnie's lugsail. He's off to the lobsters.
The mast tilts to the north, the boat sails west.

A dictionary of him? - Can you imagine it? -
A volume thick as the height of the Clisham,

A volume big as the whole of Harris,
A volume beyond the wit of scholars.

(Norman MacCaig, 1910-96)

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Dienstag, 3. März 2015
Beschränkung auf den Winter

Mimi tohki / ukiyo no koto ya / fuyu-gomori

Tired of hearing
Worldly things:
Winter confinement

(Takahama Kyoshi)

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Montag, 6. Oktober 2014
To sit on rocks

Es gibt eben doch Gedichte, die den Charakter unrettbar enthüllen.

To sit on rocks, to muse o'er flood and fell,
To slowly trace the forest shady scene,
Where things that own not man's dominion dwell,
And mortal foot hath ne'er or rarely been;
To climb the trackless mountain all unseen,
With the wild flock that never needs a fold;
Alone o'er steeps and foaming falls to lean,
This is not solitude; 'tis but to hold
Converse with Nature's charms, and view her stores unroll'd.

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Samstag, 10. Mai 2014
Der Hof, der Wald, der Weg

‟... da ist noch mancher Waldrücken mit manchem Namen, sie gehen viele Meilen in die Länder fort. Einst waren die Wälder noch viel größer als jetzt... es gab noch Wölfe darin, und die Hirsche konnten wir in der Nacht, wenn es die Zeit war, bis in unsere Betten brüllen hören. Siehst du die Rauchsäule dort... diese Rauchsäulen kommen alle von den Menschen, die in dem Walde ihre Geschäfte treiben. Da sind zuerst die Holzknechte... dann die Kohlenbrenner, die Sammler... Alle diese Leute haben keine bleibende Stätte im Wald, denn sie gehen bald hierhin bald dorthin, je nachdem sie ihre Arbeit getan haben... Darum haben auch die Rauchsäulen keine bleibende Stelle... Das ist das Leben der Wälder.”

(Adalbert Stifter: Granit)

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Mittwoch, 9. April 2014
Caliban, Kynokephalos (I)
Hundsköpfige Menschen auf dem Tympanon in Vezelay

Eine Figur in Shakespeares ‟Sturm”, die schon immer Neugier erregt hat, ist das hundsköpfige Monster Caliban, Sohn der mächtigen Zauberin-Hexe Sycorax, ursprünglich von der heidnischen Piratenküste Algeriens, eine Berberin also, und des Setebos, eines Gottes, Unholds oder gar Teufels? Über dessen Herkunft und Verbleib erfährt man nichts, Sycorax bannte den Luftgeist Ariel in eine Fichte und starb. Nach ihr ist Caliban der rechtmäßige Besitzer der sonst unbewohnten Insel. ‟Dieses Eiland / Ist mein, von meiner Mutter Sycorax, / Das du mir wegnimmst”, klagt er Prospero (in der Übersetzung Schlegels) an, den sein Schicksal nach der Verbannung aus Mailand an die Küste der Insel verschlagen hat. Prospero, der gebildete Ex-Fürst aus der italienischen Renaissance habe sich zuerst bei ihm eingeschmeichelt und ihn dann versklavt. ‟Wie du erstlich kamst, / Da streicheltest du mich und hielt'st auf mich, / Gabst Wasser mir mit Beeren drein und lehrtest / Das große Licht mich nennen und das kleine, / Die brennen tags und nachts; da liebt' ich dich / Und wies dir jede Eigenschaft der Insel – Ihr lehrtet Sprache mir, und mein Gewinn / Ist, daß ich weiß zu fluchen. / Hol' die Pest Euch / Fürs Lehren Eurer Sprache!” – Caliban also ein Naturwesen, ein Repräsentant der vom Zivilisationsmenschen unterworfenen Natur? Ja, aber auch mit den ungezähmten, triebgesteuerten Verhaltensweisen des Biests. Als er Prosperos Tochter Miranda sah, wollte er gleich über sie herfallen. Dafür hat Prospero ihn unterworfen. ‟PROSPERO: Du lügnerischer Sklav', / Der Schläge fühlt, nicht Güte! Ich verpflegte, / Kot wie du bist, dich menschlich; nahm dich auf / In meiner Zell', bis du versucht zu schänden / Die Ehre meines Kindes.” Darauf CALIBAN: ‟Ho, ho! Ich wollt', es wär' geschehn. / Du kamst / Mir nur zuvor, ich hätte sonst die Insel / Mit Calibans bevölkert.” Und als Prosperos Sturm seine Feinde auf die Insel wirft, will Caliban sie verleiten, seinen Herrn zu ermorden, um sich von dessen Joch zu befreien: ‟Will nicht mehr Fischfänger sein, / Noch Feu'rung holen, / Wie's befohlen; / Noch die Teller scheuern rein: / Ban, ban, Ca – Caliban / Hat zum Herrn einen andern Mann: / Schaff einen neuen Diener dir an! / Freiheit, heisa! heisa, Freiheit!”

Shakespeares ‟Sturm” vor allem als gedankenspielerischen Schwanengesang eines abtretenden Autors zu verstehen, diese Lektüre nehme dem Stück seine ‟brisante politische Ladung”, schreibt der holländische Regisseur Johan Doesburg zu seiner Haager Inszenierung. In dem Stück gehe es vor allem um Macht, Ohnmacht und Allmachtfantasien. Der von seinem eigenen Bruder entmachtete Prospero unterwerfe sich auf ‟seiner” Insel alles, Natur, Geister und Elemente. Auch der Luftgeist Ariel ist ihm mit all seinen Künsten nur aus Dankbarkeit und vor allem Zwang zu Diensten. Prospero droht, ihn jederzeit wieder in die Fichte sperren zu können. Und als Prospero seine Feinde in die Hand bekommt, will er an ihnen vor allem Rache üben. Er setzt sogar seine eigene Tochter als Lockmittel ein, um seine ehemalige Machtstellung wiederzuerlangen. Kein Wunder, daß Caliban gegen einen solchen Gewaltherrscher aufbegehrt.
Aber der titelgebende Sturm des Stücks ist auch ein Sturm des rachsüchtigen Affekts in Prosperos Kopf. Als aufbegehrendes Ungezähmtes der Natur ist Caliban nicht nur ein Naturwesen, er ist auch die andere Seite von Prosperos Ich, sein ‟Wille zur Macht”, wenn man so will, und das erkennt Prospero am Ende selbst, wenn er erklärt:
‟Dies Geschöpf der Finsternis erkenn' ich / Für meines an.”

Falls jemand weiterlesen möchte, bitte hier anklicken.

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Caliban, Kynokephalos (II)
Hundsköpfiger Mensch aus der Schedelschen Weltchronik

Mag Caliban vielleicht auch die Personifizierung einer düster wilden Seite von Prosperos Psyche sein, so hat er auch als solche doch eine ganz interessante äußere Gestalt vorzuweisen.
Er selbst bezeichnet sich als ‟scheckig Wechselbalg”, Prospero nennt ihn einen ‟Erdkloß”, einen ziemlich ungeschlachten Waldschrat dürfen wir uns also vorstellen. Der Hofnarr Trinculo – und Narren dürfen ja an Feudalhöfen mehr als andere die Wahrheit aussprechen – wird am präzisesten und lacht sich ‟zu Tode über dies mopsköpfige Ungeheuer”. Was heißt das? Ist Caliban von Shakespeare als halbmenschliches Mischwesen gedacht, mit einem menschlichen Körper und einem Hundekopf? Das ergäbe schon ein ziemlich anderes Bild als das, das Robert Browning in seinem Monolog Caliban upon Setebos Mitte des 19. Jahrhunderts von Caliban als Mensch in Rousseaus Naturzustand zeichnete. Unser ehemaliger Sete-Boss Arno Schmidt hat in seiner Browning aufgreifenden Erzählung Caliban über Setebos genau hundert Jahre später außer netten Flüchen à la ‟Potz Tittsian & Pimporetto” und der Vorstellung von Bucheinbänden aus ‟patagonischen Jungfernhäutchen” wenig zum Calibanbild beizutragen; doch darum geht es ihm ja auch gar nicht. Interessant immerhin der Hinweis auf Patagonien. Wieso Patagonien? Was wußte Shakespeare von Patagonien?
Darüber wissen wir nicht viel, denn Shakespeare hat seine Quellen ja gern verschleiert. ‟He was rarely content with one narrative or dramatic source alone”, konstatierte Geoffrey Bullough in Narrative and Dramatic Sources of Shakespeare, und H.H. Furness seufzte schon 1892 in seiner Studie zum Sturm: ‟Seeing that no single source of the whole play has yet been discovered, we must forego the pleasure of a fortright, and be restricted to meanders”.
Aus solchen Mäandern zog der amerikanische Literaturwissenschaftler Gary Schmidgall 1986 eine neue Quelle für den ‟Sturm” ans Tageslicht, einen ursprünglich spanischen Ritterroman nach Art des Amadis: Primaleon von Griechenland von Francisco Vazquez aus dem Jahr 1521. Schmidgall, der sich sonst vornehmlich mit den Werken schwuler Autoren wie Oscar Wilde oder Walt Whitman beschäftigte, veröffentlichte seine Entdeckung im selben Jahr 1986, in dem Bruce Chatwin an Aids erkrankte und begreiflicherweise mit anderem beschäftigt war, als die Shakespeare Quarterly zu lesen. Sonst hätte er vermutlich Einspruch erhoben. Die These, daß Shakespeare den Primaleon kannte, hat Chatwin nämlich schon 1977 in seinem Patagonienbuch* veröffentlicht und natürlich eine spannende Episode draus gemacht.
(*Die folgenden Zitate nach der dt. Ausg.: In Patagonien (1984), übs. von Anna Kamp, S.129ff.)

‟Bernal Diaz berichtet, daß sich die spanischen Eroberer beim Anblick der juwelengeschmückten Städte Mexikos gefragt hätten, ob sie nicht vielleicht in eine Erzählung aus den Amadis-Romanen geraten seien oder in einen Traum”, beginnt Chatwin das 49. Kapitel seines Patagonienbuchs. ‟Ähnliches trug sich bei der Ankuft Magellans in San Julián im Jahre 1520 zu: Vom Schiff aus sahen sie, wie ein nackter Riese am Ufer tanzte [...] Magellans Chronist Pigafetta sagt [...]: Magellan habe «Ha, Patagon!» gesagt und damit ‘großer Fuß’ gemeint, weil der Indianer große Mokassins anhatte. Dieser Ursprung des Wortes ‘Patagonien’ wird im allgemeinen akzeptiert. Aber auch wenn 'pata' im Spanischen ‘Fuß’ heißt, so hat das Suffix 'gon' keine Bedeutung. Das griechische Wort 'pata???' hingegen bedeutet ‘Brüllen’ oder ‘Zähneknirschen’, und da Pigafetta von den Patagoniern behauptet, sie ‘brüllten wie Stiere’, ist es durchaus möglich, daß zur Besatzung Magellans ein griechischer, vielleicht vor den Türken geflohener Matrose gehört hatte. Ich las die Mannschaftsrollen durch, konnte aber keine Registrierung eines griechischen Matrosen finden. Dann machte mich Professor Gonzáles Diaz aus Buenos Aires auf ‘Primaleon von Griechenland’ aufmerksam, einen Ritterroman, der ebenso unglaubwürdig und ebenso beliebt war wie ‘Amadis von Gaula’.
Ritter Primaleon segelt zu einer abgelegenen Insel und triff dort auf ein grausames, häßliches Volk, das rohes Fleisch ißt und sich in Felle kleidet. Im Innern der Insel lebt ein Ungeheuer mit dem ‘Kopf einer Dogge’ und den Füßen eines Hirsches, das der ‘Große Patagon’ genannt wird, aber trotz seiner äußeren Erscheinung menschliche Regungen erkennen läßt und Frauen liebt.” – Sounds familiar, eh?
‟Das Oberhaupt der Insulaner fleht Primaleon an, sie von dem Ungeheuer zu befreien [...] Daraufhin beschließt Primaleon, die Kreatur in seine Heimat Polonia mitzunehmen, um die königliche Kuriositätensammlung zu bereichern [...] Als Magellan den Winter in San Julián verbrachte, faßte er ebenfalls den Entschluß, zwei dieser Riesen für Karl V. und seine Kaiserin zu entführen. Er legte ihnen irgendeinen Tand in die Hände, während sie von seinen Männern an den Knöcheln mit Eisenringen gefesselt wurden, und erklärte, das sei auch eine Art Schmuck. Als die Riesen begriffen, daß man ihnen eine Falle gestellt hatte, brüllten sie auf (in Richard Edens Übersetzung) ‘wie Stiere und riefen ihren Oberteufel Setebos um Hilfe’.
Shakespeares Quellen für das Stück sind Gegenstand heftigster Auseinandersetzungen. Wir wissen aber, daß er den Bericht über den üblen Trick von San Julián in Pigafettas ‘Reise’ gelesen hat”, denn so heißt es im 'Sturm': ‟Kann ich ihn wieder zurechtbringen, und ihn zahm machen, und nach Neapel mit ihm kommen, so ist er ein Präsent für den besten Kaiser, der je auf Rindsleder getreten ist.”
‟Die Frage ist nur: Kannte Shakespeare auch das Buch, das die Ereignisse von San Julián ausgelöst hat? Ich glaube, er kannte es”, meint Chatwin. ‟Beide Ungeheuer waren halb Mensch, halb Tier. Der Große Patagon war ‘gezeugt von einem Biest in den Wäldern’ und Caliban ein giftiger Sklave, vom Teufel selbst gezeugt. Beide erlernten eine fremde Sprache. Beide liebten eine weiße Prinzessin (auch wenn Caliban versuchte, Miranda zu vergewaltigen). Und beide stimmten in einem wichtigen Punkt überein: der Patagon hatte den ‘Kopf der Dogge’.”

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Samstag, 5. April 2014
De storm

In der kgl. Schauburg: De storm. Eine muntere, sehr unterhaltsame Inszenierung. Der enthaltene Shakespeare-Slapstick und Klamauk als zeitgemäße Nummernrevue (der Speerschüttler hätte sicher sein falstaffiges Vergnügen dran gehabt) vor einem sehr schön minimalistischen, unendliche Weite vorspiegelnden Bühnenbild: Die Rückwand der Bühne nichts als abstrahierte Zeichnung von Cirruswolken am Himmel in wechselnder Beleuchtung und von Spiegelwänden begrenzt oder ins Unendliche gespiegelt. Besonders spielfreudig Anniek Pheifer als Ariel, die bei ihrem ersten Auf(t)ritt in Stewardesstracht auf einem Rollkoffer mit Tretroller erscheint: ‟Dag, grote heer. Ik kom al wat u wenst vervullen; al is het vliegen, zwemmen, duiken in het vuur, al is het rijden op de wolkenwieken; uw machtig woord is wet voor Ariëls krachten.”
Im Vorfeld hatte es Krach um Mevrouw Pheifers Nippel gegeben. Die amerikanische Firma, die die Werbebanner für das Königliche Theater im Internet schaltet, fand ihre halbtransparente Bluse auf dem Plakat unzumutbar anstößig und bestand auf einer retuschierten Fassung. Von der Fassade der Königlichen Schauburg aber grüßt Ariel in unzensiert frivoler Anstößigkeit hinüber zur amerikanischen Botschaft auf der anderen Straßenseite.

Ehre, Reichtum, Eh'bescherung,
Lange Dauer und Vermehrung!
Stündlich werde Lust zu teil euch!
Juno singt ihr hohes Heil euch.


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Samstag, 15. März 2014
Lesetipp: Stoner

Mag sein, daß ich mal wieder der Letzte bin, der mitkriegt, was bei andern längst angesagt und schon wieder durch ist – Südholland ist ja vielleicht nicht immer und in allem der Nabel der Welt (obwohl es gerade heftig gepierct wird) – aber falls es da draußen womöglich jemanden gibt, der John Williams amerikanischen Roman Stoner aus dem Jahr 1965 noch immer nicht gelesen hat, möchte ich empfehlen, das nachzuholen.
Julian Barnes hat die gleiche Empfehlung auf dem Höhepunkt der Wiederentdeckung von Williams’ Roman letzten Herbst im Guardian ausgesprochen: ‟I remember unwrapping my copy of the novel back in March... it got the first-page test. And Stoner turned out to be the name of the main character, which was a relief. And the prose was clean and quiet; and the tone a little wry. And the first page led to the second, and then what happened was that joyful internal word-of-mouth that sends a reader hurrying from one page to the next; which in turn leads to external word-of-mouth, the pressing of the book on friends, the ordering and sending of copies.”

Das verrät nichts über den Inhalt des Buchs, und da gibt es auch nicht viel zu verraten. Diskussionen darüber landen sehr schnell bei der Frage, ob Stoners Leben nun ein versäumtes und verfehltes sei oder nicht. Aber Barnes hebt den Ton und die Prosa von Williams hervor. Ob Bernhard Robben beides in seiner deutschen Übersetzung getroffen hat, weiß ich nicht, weil ich das Original gelesen habe, und da ist es der Ton, der einen von Seite zu Seite mitnimmt.
Hier Stoner am Anfangspunkt seines Berufslebens, der sich als zugleich auch seine Endhaltestelle erweisen wird:

‟William Stoner saw the last vestige of the bright, ironic man he had known as a student when Archer Sloane gave him his teaching assignment for the academic year: ‘I thought it might amuse you to begin your formal career as a teacher where you started as a student.’
So Stoner began where he had started, a tall, thin, stooped man in the same room in which he had sat as a tall, thin, stooped boy listening to the words that had led him to where he had come. He never went into that room that he did not glance at the seat he had once occupied, and he was always slightly surprised to discover that he was not there.”

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