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Samstag, 5. April 2014
De storm

In der kgl. Schauburg: De storm. Eine muntere, sehr unterhaltsame Inszenierung. Der enthaltene Shakespeare-Slapstick und Klamauk als zeitgemäße Nummernrevue (der Speerschüttler hätte sicher sein falstaffiges Vergnügen dran gehabt) vor einem sehr schön minimalistischen, unendliche Weite vorspiegelnden Bühnenbild: Die Rückwand der Bühne nichts als abstrahierte Zeichnung von Cirruswolken am Himmel in wechselnder Beleuchtung und von Spiegelwänden begrenzt oder ins Unendliche gespiegelt. Besonders spielfreudig Anniek Pheifer als Ariel, die bei ihrem ersten Auf(t)ritt in Stewardesstracht auf einem Rollkoffer mit Tretroller erscheint: ‟Dag, grote heer. Ik kom al wat u wenst vervullen; al is het vliegen, zwemmen, duiken in het vuur, al is het rijden op de wolkenwieken; uw machtig woord is wet voor Ariëls krachten.”
Im Vorfeld hatte es Krach um Mevrouw Pheifers Nippel gegeben. Die amerikanische Firma, die die Werbebanner für das Königliche Theater im Internet schaltet, fand ihre halbtransparente Bluse auf dem Plakat unzumutbar anstößig und bestand auf einer retuschierten Fassung. Von der Fassade der Königlichen Schauburg aber grüßt Ariel in unzensiert frivoler Anstößigkeit hinüber zur amerikanischen Botschaft auf der anderen Straßenseite.

Ehre, Reichtum, Eh'bescherung,
Lange Dauer und Vermehrung!
Stündlich werde Lust zu teil euch!
Juno singt ihr hohes Heil euch.


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Mittwoch, 2. April 2014
Den Gipfel versüßen

Es ist kein verspäteter Aprilscherz, die Stadt Den Haag hat sich nach den ganzen Einschränkungen und Behinderungen durch den Nukleargipfel nun entschlossen, die Betroffenen für all die Beeinträchtigungen auf sehr holländische Weise großzügigst zu entschädigen. Sie erhielten heute ein mächtiges Stück Zuckergußtorte, das sich mit dem Makroobjektiv fast maßstabsgetreu abbilden ließ.

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Sonntag, 30. März 2014

Eigentlich möchte ich hier ja kaum mehr als im Halbverborgenen eine Chronik meiner Fahrten und meines Alltagslebens führen, aber ständig stehen einem die Gitter und Absperrungen und Machenschaften der Weltgipfeltreffen so im Weg, daß man sich auch dazu irgendwie verhalten und äußern muß. Doch jetzt werden die Barrackaden langsam abgebaut, und ich finde endlich Zeit zu melden, daß der selbstgezogene Agapanthus aus Njusiländ auch in diesem Jahr wieder kräftig blüht, und die Birken tun’s auch. Ich mag Birken, aber ihr Pollenflug tut mir auch in diesem Frühling wenig gut.


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Donnerstag, 27. März 2014
Demnächst dreckiges Gas aus USA?

O Bama, die Bande ist weg! Anständige Menschen können jetzt versuchen, ein normal funktionierendes ziviles Stadtleben wiederherzustellen.
In Brüssel hat Obama einmal mehr den dicken Maxe markiert und Richtung Putin und Rußland gebellt, aber interessant an seinen dortigen Äußerungen war eine wirtschaftspolitische Initiative:
‟Neu akzentuiert wurde, dass die USA mit den Europäern jetzt ein neues Kapitel der gemeinsamen Energiepolitik aufschlagen wollen mit dem Ziel, dass Europa von russischem Gas unabhängiger wird. Obama sagte Van Rompuy und Barroso zu, dass die Europäer mit Schiefergaslieferungen aus den USA rechnen könnten”, berichtete gestern Der Standard.

Ach sieh mal an, sollte das ganze Säbelrasseln an der Ostfront vielleicht auch die Nebenabsicht verfolgen, dem Drecksgas aus den USA neue Absatzmärkte zu erschließen, indem man die Europäer vom Bezug des russischen Erdgases abbringt?
‟Der US-Präsident schlug vor, dass die Energiefrage ein essenzieller Teil der Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen (TTIP) werden solle. Wenn es ein solches gebe, werde die Vergabe von Lizenzen zur Lieferung von Flüssiggas durch US-Unternehmen einfacher.”
Genau das, was wir uns schon immer gewünscht haben: durch Fracking gewonnenes Gas aus "God's own country". Wir könnten aber im Zeichen des Unabhängigmachens von Putins Greuelstaat auch endlich selbst damit anfangen, unser Grundwasser zu vergiften. Richtig, meint Obama. ‟Er mahnte von den Europäern aber auch ein, dass sie selber wesentlich mehr tun müssten für die eigene Energieversorgung und -gewinnung. Sie müssten selber die "Diversifizierung vorantreiben", um von Russland unabhängiger zu werden. Worin das bestehe, sprach er nicht aus. Aber für die USA ist klar, dass Schiefergas auch in Europa gefördert werden muss - ebenso wie die Nuklearenergie.”

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Sonntag, 23. März 2014
Den Haag, belagerte Stadt

Jetzt ist es so weit: Der Ausnahmezustand ist verhängt.
Gestern morgen schredderte zum Frühstück zum ersten Mal ein Geschwader von sechs US-Militärhubschraubern im Tiefflug über die Stadt. In Amsterdam wunderte man sich schon vorgestern, wie die Herzogin überhaupt noch aus dem belagerten Den Haag herausgekommen ist, und in der Tat gehen überall Schlagbäume herab, wurden ganze Viertel eingezäunt, die man nur noch durch Kontrollschleusen wie an Flughäfen betreten darf, wurden Straßenbahnschienen von Pionieren der Armee mit Panzerplatten abgedeckt, die Oberleitungen abmontiert und Straßen allen Ernstes mit Panzersperren blockiert. Nördlich der Stadt ging eine Luftabwehrraketenbatterie in Stellung.
Von der ganzen Überwachungsarmatur gar nicht zu reden. Das Vorfeld um die Sperrzone sieht aus wie eine zeitgemäß reinstallierte DDR-Zonengrenze: In mächtige Sandcontainer gepflanzte Flutlichtmasten leuchten das Vorfeld der Zäune aus wie das Glacis von Grenzanlagen. Die Wachtürme sind zeitgemäß durch einen Mastenwald ersetzt, dessen Kameras keinen toten Winkel unerfaßt lassen.

Hier geht es weiter, read more: Belagerte Stadt, Teil II

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Freitag, 21. März 2014
Erste Sonnenstrahlen. Märzmorgen am Wasser

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Mittwoch, 19. März 2014
Amsterdam, French Connection und VOC

Die zum Wochenende angekündigte Rückkehr des Winters mit Regen und Temperatursturz blieb erstaunlicherweise aus, über dem Frühdunst blaute es zusehends, und eine blanke, wenn auch noch etwas blasse Frühlingssonne stieg am Himmel auf. Wir beschlossen, daß es ein Tag wie geschaffen für einen Sonntagsausflug nach Amsterdam sei und machten uns auf den Weg. Zu früh für viele andere Ausflügler, die Autobahn Richtung Norden sowie der Ring um Amsterdam waren noch einigermaßen frei. Amsterdamer Freunde hatten uns einen Tip gegeben, und ohne Probleme fanden wir die neue, riesige Tiefgarage auf dem Oosterdokseiland gleich unter der neuen Openbaren Biblioteek nahe dem Hauptbahnhof, die den aberwitzigen Parkkosten in Amsterdam einen Kampfpreis entgegensetzt: Wer länger als fünf Stunden parkt, bezahlt für den Tag nicht mehr als 10 Euro. Außerdem ist sie mit mehr als 1300 Plätzen riesig, aufgeräumt, und die einzelnen Einstellplätze sind im Gegensatz zu vielen anderen holländischen Parkhäusern nicht nur für Smarts bemessen. Eine echte Empfehlung, sofern man sich traut, sein Auto unter dem Meeresspiegel abzustellen.

Oben an der Oberfläche blendete grell die Sonne und reflektierte zusätzlich noch von den zahllosen Fensterscheiben der Neubaufassaden, zwischen denen wie so oft in Amsterdam ein ziemlich kühler Wind über die offenen Wasserflächen heranstrich. Wir schlenderten los, die ersten Hausbootbesitzer frühstückten auf ihren schwimmenden Terrassen, ein paar junge Männer kamen aus einem der Treppengiebelhäuser, verabschiedeten sich von Freunden, die barfuß und im Bademantel auf dem Treppenabsatz standen, und stiegen in ein Auto mit französischen Nummernschildern. Das Ganze hätte einen für Amsterdam ungewöhnlich ruhigen und friedlichen Eindruck machen können, wenn nicht in dem Moment vor und hinter uns zugleich Polizeisirenen aufgeheult hätten. Ein Streifenwagen sperrte vor uns die schmale Fahrbahn, zwei andere schossen hinten in die enge Straße an der Gracht, hielten, ein Überfallkommando in schwarzen Uniformen sprang heraus und hielt den jungen Franzosen Pistolen an die Köpfe. Sie wurden gefesselt, in die Streifenwagen gesteckt und abtransportiert. Ein ruhiger, friedlicher Sonntagmorgen in Amsterdam.

Wir gingen weiter und warfen einen Blick in das frühere Zentrum der niederländischen Macht, in den Innenhof des Oost-Indisch Huis am Kloveniersburgwal, der im Mittelalter einen Abschnitt des Stadtgrabens um das alte Amsterdam bildete. An Stelle des ehemaligen Sint-Paulusbroederkloosters für fromme Bürger errichtete die Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) hier 1606 ihren ersten eigenen Verwaltungsbau im sehr repräsentativen Baustil der Amsterdamer Renaissance. Darin tagte das oberste Gremium der Gesellschaft, de Heeren XVII, und traf seine Entscheidungen und Anweisungen für das weltumspannende Handels- und Kolonialimperium der Kompanie, die, von der niederländischen Regierung per Privileg ermächtigt, in den überseeischen Besitzungen schalten und walten und sogar Krieg führen durfte wie ein eigener Staat, obwohl sie nicht mehr war als eine, nein, die erste Aktiengesellschaft der Weltgeschichte.
Ein Jahr nach dem Bau des Ostindienhauses segelte der Kaufmann Jan Pieterszoon Coen mit einer Flotte der VOC nach Südostasien, um dort die begehrtesten Gewürze der Welt einzuhandeln. Einer seiner Vorgänger hatte 1599 von der zweiten niederländischen Expedition nach Indonesien 600.000 Pfund Pfeffer, 250.000 Pfund Gewürznelken und 20.000 Pfund Muskatnüsse mitgebracht und einen geradezu sagenhaften Erlös erzielt: Nach Rückzahlung des gesamten Investitionskapitals an die Anteilseigner blieben noch 265% Reingewinn übrig. Allein die Muskatnüsse, die damals ausschließlich auf den zu den Molukken gehörenden Banda-Inseln wuchsen, konnten mit einem Preisaufschlag von 32.000 Prozent gegenüber dem Einkaufspreis verkauft werden! Kein Wunder also, daß die VOC derart erfolgreiche Unternehmungen zu wiederholen wünschte. Coen erledigte das so erfolgreich für sie, daß die Heeren XVII ihn 1618 zum Gouverneur-generaal für alle Besitzungen der Kompanie außerhalb der Niederlande ernannten.
Als früher Merkantilist wollte Coen der VOC unbedingt ein alleiniges Handelsmonopol auf die nicht mit Gold aufzuwiegenden Gewürze verschaffen und vor allem auf den Molukken die Portugiesen und die englische East India Company vom Markt verdrängen. Doch mit wirtschaftlichen Maßnahmen oder Verträgen ließ sich die reiche Oberschicht der einheimischen Clanchefs und Händler (Orang Kaya = ‟reiche Männer”) nicht dazu überreden, nur noch exklusiv mit den Holländern Handel zu treiben. Darum schickte Coen 1621 vom neu angelegten Hauptstützpunkt Batavia seine ostindische Flotte zu den Banda-Inseln. In einer Strafaktion köpften seine Soldaten zunächst die gesamte Führungsschicht der Inseln, verschleppten etwa 800 Molukker als Geiseln nach Java und führten einen Aushungerungs- und Zermürbungskrieg gegen die gesamte Inselbevölkerung, bis von den ursprünglich rund 15.000 Menschen dort kaum mehr 1000 am Leben waren, die sich unter den Schutz der Engländer gerettet hatten. Es war ein von dem strenggläubigen Calvinisten Coen mit äußerster Berechnung geplanter und durchgeführter lupenreiner Völkermord.

Oost-Indisch Huis der VOC am Kloveniersburgwal, Amsterdam

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