Mag sein, daß ich mal wieder der Letzte bin, der mitkriegt, was bei andern längst angesagt und schon wieder durch ist – Südholland ist ja vielleicht nicht immer und in allem der Nabel der Welt (obwohl es gerade heftig gepierct wird) – aber falls es da draußen womöglich jemanden gibt, der John Williams amerikanischen Roman Stoner aus dem Jahr 1965 noch immer nicht gelesen hat, möchte ich empfehlen, das nachzuholen.
Julian Barnes hat die gleiche Empfehlung auf dem Höhepunkt der Wiederentdeckung von Williams’ Roman letzten Herbst im Guardian ausgesprochen: ‟I remember unwrapping my copy of the novel back in March... it got the first-page test. And Stoner turned out to be the name of the main character, which was a relief. And the prose was clean and quiet; and the tone a little wry. And the first page led to the second, and then what happened was that joyful internal word-of-mouth that sends a reader hurrying from one page to the next; which in turn leads to external word-of-mouth, the pressing of the book on friends, the ordering and sending of copies.”
Das verrät nichts über den Inhalt des Buchs, und da gibt es auch nicht viel zu verraten. Diskussionen darüber landen sehr schnell bei der Frage, ob Stoners Leben nun ein versäumtes und verfehltes sei oder nicht. Aber Barnes hebt den Ton und die Prosa von Williams hervor. Ob Bernhard Robben beides in seiner deutschen Übersetzung getroffen hat, weiß ich nicht, weil ich das Original gelesen habe, und da ist es der Ton, der einen von Seite zu Seite mitnimmt.
Hier Stoner am Anfangspunkt seines Berufslebens, der sich als zugleich auch seine Endhaltestelle erweisen wird:
‟William Stoner saw the last vestige of the bright, ironic man he had known as a student when Archer Sloane gave him his teaching assignment for the academic year: ‘I thought it might amuse you to begin your formal career as a teacher where you started as a student.’
So Stoner began where he had started, a tall, thin, stooped man in the same room in which he had sat as a tall, thin, stooped boy listening to the words that had led him to where he had come. He never went into that room that he did not glance at the seat he had once occupied, and he was always slightly surprised to discover that he was not there.”
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Letzte Woche habe ich den Frühlingsbeginn im Haag besonders in den großbürgerlichen Villenvierteln von Belgisch Park bis Scheveningen mit ihrer teils charmant verspielten Bäderarchitektur aus der Belle Époque vor dem Ersten Weltkrieg festgehalten; aber es geht auch moderner. In denselben sandgründigen Stadtteilen, in denen übrigens die auffällig vielen Jaguars in den Auffahrten allmählich durch edler geformtes Blech aus Italien ersetzt werden. Folge der Krise, bei Jaguar versteht sich. Denn kann ein indisches Auto wirklich standesgemäß sein?
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Wie immer in solchen Krisen werden auch im akuten Fall des Umsturzes in der Ukraine von beiden Seiten nach Kräften Nebelkerzen geworfen und wird Desinformation betrieben. Trotz aller "ARD-Brennpunkte" und "ZDF-spezial"s kann man nicht weiter als bis zu der Feststellung kommen: Nichts Genaues weiß man nicht.
Und ebenfalls wie immer in solchen Lagen tut man gut daran, nach dem alten Grundsatz zu verfahren: audiatur et altera pars, man höre auch die Gegenseite.
Kaum fängt man z.B. dank Fefes unschätzbarem Blog damit an, gehen einem wieder einmal Augen und Ohren über vor all den Meldungen, die unsere offiziellen Berichterstattungsorgane alle nicht bringen. Sie haben ja auch alle Hände voll damit zu tun, uns die Opposition, die jetzt mithilfe der tapferen Menschen auf dem Kiewer Maidan in der Ukraine die Macht an sich gerissen haben, als "die Guten" hinzustellen. Daß die, vom Weihrauch der orthodoxen Popen geläutert, die seit dem sich abzeichnenden Sieg gegen das Janukowitsch-Regime andauernd lauthals singend auf dem Platz zu hören sind, z.B. mit ultrarechten Nationalisten von der Swoboda und ebenso ultrarechten Fußballhooligans gemeinsame Sachen machen, wird in unseren Medien genauso beständig schön und klein geredet, wie es von russischer Seite wohl aufgeblasen wird.
Interessantes gibt es auch über den neuen Interimspräsidenten der Ukraine zu erfahren: Ein millionenschwerer Ex-Bank(st)er, im Westen bestens vernetzt, z.B. mit der stellvertretenden US-Außenministerin Nuland (die neulich so saftig auf die EU pfiff), der noch am Abend seiner Schilderhebung erst einmal "extrem unpopuläre Maßnahmen" ganz im Sinne westlicher Kapitalgeber und -nehmer wie etwa dem Internationalen Währungsfonds & Co. ankündigte. Wenn der ganze Aufstand nicht ein bißchen aus dem Ruder seiner Regisseure gelaufen wäre, stünde der Ukraine wohl schon eine Schröpfkur von griechischen Ausmaßen ins Haus.
Jetzt war aber durch russische Nachrichtenagenturen noch weitaus Brisanteres zu erfahren:
Anscheinend waren Heckenschützen, die auf dem Maidan auf Protestierende schossen, von Seiten der Opposition selbst angeheuert, um politisch opportune Opfer zu liefern.
Desinformation, Greuelpropaganda? Ich kann über den Wahrheitsgehalt der Meldung natürlich nicht entscheiden, aber die Quelle für diese Meldung ist keine russische; vielmehr handelt es sich um ein abgehörtes Telefonat zwischen dem Außenminister Estlands, der am 25. Februar den Maidan in Kiew persönlich besucht hat, und Madame Ashton.
“There is now stronger and stronger understanding that behind the snipers, it was not Yanukovich, but it was somebody from the new coalition”, hat Urmas Pät in diesem Telefonat gesagt.
Diese Erkenntnis hatte er aus erster Hand: von Olga Boromets, einer Ärztin, die in dem provisorischen Lazarett auf dem Maidan die Opfer behandelt hat.
“And second, what was quite disturbing, this same Olga [Bogomolets] told as well that all the evidence shows that the people who were killed by snipers from both sides, among policemen and then people from the streets, that they were the same snipers killing people from both sides”, erklärte Päts.
Das Gespräch wurde von janukowitschtreuen ukrainischen Geheimdienstlern mitgehört und ins Internet gestellt, erläutert Russia Today. - Ach so, alles klar, könnte man versucht sein, das Ganze als Ente abzutun. Aber so einfach ist es nicht. Die Echtheit des Telefonats und des Mitschnitts wurde vom estnischen Außenministerium auf seiner Homepage offiziell bestätigt.
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Es ist wieder so weit: wie in jedem Jahr zeigt sich auch in diesem wieder, daß sich in Den Haag im Frühling ganz schön wohnen läßt. In den richtigen (d.h. auf Sand gebauten) Vierteln versteht sich.
Fortsetzung folgt.
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Manchmal blitzt im Karneval ja doch noch etwas auf.
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Die systematische Demontage der niederländischen Libertät geht zügig weiter und ist keineswegs auf einen vorübergehenden Ausnahmezustand beschränkt. Am Wochenende trat ein neues Gesetz in Kraft, das, wie es De Volkskrant formuliert, ‟die Jagd auf Fremde mit zusätzlicher Munition versieht”. Das Gesetz trägt den Titel ‟Ausweitung der Befugnisse bei der Ausländerkontrolle” und richtet sich erklärtermaßen gegen die Ausländer im Land.
Sobald ein Mensch in den Augen der Polizei wie ein Ausländer aussieht und nicht auf der Stelle ein Ausweispapier vorzeigen kann, ist die Polizei von jetzt an befugt, ohne dessen Zustimmung oder jeglichen Durchsuchungsbeschluß sofort den Menschen und seine Wohnung nach einem Identitätsbeweis gründlichst zu durchsuchen. Damit, so De Volkskrant, genießt ein Ausländer in den Niederlanden weniger Rechte als ein gewöhnlicher Krimineller. ‟Sobald du nicht unmittelbar deine Papiere vorweisen kannst, bist du vogelfrei. – Das Recht auf Unverletzlichkeit des Körpers und der Privatwohnung gilt dann nichts mehr.”
Wie gründlich die Polizei dabei vorgehen darf, läßt der Gesetzestext durchblicken: Die Durchsuchung sei zwar so durchzuführen, daß keine ‟vorhersehbaren substantiellen Schäden” verursacht würden, wobei als Grenzfälle erwähnt wird, daß das ‟völlige Ausräumen einer Wohnung und das Einreißen von Zwischenwänden” nicht gestattet seien. Z.B das Aufschlitzen von Matratzen hingegen sehr wohl. Ob das Abtasten und Penetrieren von Körperöffnungen wirklich jemals die verlangten Ausweispapiere zum Vorschein bringen wird, darf wohl bezweifelt werden. Aber ihrem Verlangen danach dürfen Beamte und Beamtinnen der niederländischen Sicherheitsbehörden jetzt an vermeintlichen Ausländern und Ausländerinnen nach Belieben frönen.
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... trifft vielleicht für mein heutiges Fuhrwerken in der Küche zu, aber nicht für die niederländischen Sicherheitsbehörden. Aus Anlaß des Nukleargipfels werden sie sogar den freien Reiseverkehr einschränken und an den Grenzen wieder Paßkontrollen einrichten.
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