Der erste Zyperneindruck, der zählt, ist die Ruine des ehemaligen Augustinerklosters Abbaye de la Paix (durch venezianische und griechische Münder verballhornt zu Bellapais, auf Türkisch kernig artikuliert: Beylerbeyi) mit dem kleinen Bergdörfchen, in dem sich Mitte der Fünfziger Jahre Lawrence Durrell niederließ.
“I was prepared for something beautiful, and I already knew that the ruined monastery of Bellapaix was one of the loveliest Gothic survivals in the Levant, but I was not prepared for the breathtaking congruence of the little village which surrounded and cradled it against the side of the mountain.”
(L. Durrell: Bitter Lemons, 1957)
Auf einer natürlichen Felsterrasse über der Küstenebene ragen verwitternde gotische
Spitzbögen aus umliegenden Orangenhainen. Alles Gemäuer strebt nach oben und wird doch überragt von vier riesigen Zypressen im ehemaligen Kreuzgang der Abtei.
Erbaut wurde die Anlage um die Wende zum 13. Jahrhundert von französischen Augustinermönchen, die nach der Einnahme Jerusalems durch Salah ad-Din 1187 aus dem Heiligen Land nach Zypern geflohen waren. Unter den Königen aus dem Haus Lusignan (im französischen Poitou) – Guy de Lusignan, der Verlierer von Hattin, war als Kreuzfahrer vorübergehend zum König von Jerusalem aufgestiegen und hatte nach dem Verlust der Stadt und seiner Absetzung dem Templerorden das von Richard Löwenherz auf der Anreise zum Kreuzzug eroberte Zypern abgekauft, um sich vorerst aus der Schußlinie zu bringen – wurde die Abtei das bedeutendste Kloster der Insel. Die Mönche nahmen die Regel und den weißen Habit der Prämonstratenser-Chorherren an. Guys Bruder und Nachfolger Amaury (Amalrich) erhielt Zypern 1197 auf einem Reichstag zu Gelnhausen von Kaiser Heinrich VI. zu Lehen. (König Richard hatte nach seiner Gefangenschaft in Deutschland vom Kaiser sein eigenes Reich zu Lehen nehmen müssen.)
Fast dreihundert Jahre lang regierten die immer wieder auch in Palästina und Armenien agierenden Lusignans die Insel, die nach dem Verlust von Akko, dem letzten Kreuzfahrerstützpunkt im Heiligen Land, zur wichtigsten Drehscheibe für den Austausch der christlichen Welt mit der Levante avancierte. Zypern selbst wurde einer der Hauptlieferanten von Zucker ins Abendland. Infolgedessen errichteten die italienischen Handelsrepubliken Venedig und Genua Niederlassungen auf Zypern und machten zunehmend (und konkurrierend) ihren Einfluß geltend.
Der siebzehnte und letzte König aus dem Haus Lusignan, Jakob II., ein Bastard, hatte große Mühe, überhaupt auf den Thron zu kommen. Als Erzbischof von Nikosia ließ er den Kämmerer seines regierenden Vaters ermorden und wurde deshalb vorübergehend suspendiert, weshalb seine legitime Halbschwester Charlotte beim Tod des Vaters gekrönt wurde. Jakob belagerte sie drei Jahre lang in der Burg von Kyrenia, unterhalb der Abtei, bis sie 1463 nach Rom floh und auf den Thron verzichtete. Jakob regierte mit finanzieller Hilfe reicher Venezianer, vor allem der Familie Corner, die ein Jahrhundert zuvor den 59. Dogen von Venedig gestellt hatte und damit zu höchsten Würden gekommen war. Marco Cornaro konnte daher eine Enkelin des byzantinischen Kaisers Manuel III. Komnenos von Trapezunt heiraten. Seine älteste Tochter Caterina bot er Jakob von Zypern an. 1468 wurde die Dreizehnjährige in einer Prokurationsehe mit dem dreißigjährigen Jakob verheiratet. Mit 17 sollte sie nach Zypern verschifft werden, wurde vorher jedoch noch offiziell von der Republik Venedig adoptiert. Jakob schaffte es gerade noch, sie zu schwängern, ehe er im Sommer 1473 so überraschend verstarb, daß sogleich Gerüchte über venezianisches Gift aufkamen. Auch das bald danach geborene Söhnchen starb noch in seinem ersten Lebensjahr. Caterina wurde Regentin unter der Fuchtel Venedigs; ihren Thronanspruch begründete man mit ihrer Abstammung aus dem byzantinischen Kaiserhaus. Als eine von Genua unterstützte Partei am Hof sie zu einer neuen Ehe drängte, um dem Land einen Thronerben zu geben und so den Fortbestand des eigenen Königshauses zu garantieren, kreuzte 1489 eine venezianische Flotte vor Zypern auf und überzeugte die Königin mit Nachdruck, es sei nun an der Zeit, zugunsten der Serenissima abzudanken. Die Adopivmutter Venedig übernahm offiziell die Herrschaft auf Zypern.
Caterina durfte ihren Titel weiter führen und bekam als Entschädigung Stadt und Burg Asolo in Norditalien. Dort unterhielt die zunehmend fülliger werdende Matrone einen Musenhof, an dem unter anderem der Humanist Bembo und der junge Giorgione verkehrten. Doch nicht nur er hat sie gemalt, sondern auch Dürer, Bellini und Veronese. Die abgedankte letzte Königin von Zypern war eine Berühmtheit.
Auf der Insel ging es derweil in jenen venezianischen Zeiten in der Abtei des Friedens anscheinend recht lebhaft und munter zu. Ein Visitator stellte fest, daß sich einige der Mönche in den Klostermauern bis zu drei Konkubinen hielten und ihr Kinderreichtum das Vermögen der Abtei aufzehrte, während die Gebäude verfielen. Als die Osmanen 1570 Zypern eroberten, vertrieben sie nicht nur die Venezianer von der Insel, sondern jagten auch die Mönche aus dem Kloster und übergaben die Kirche den Orthodoxen der griechischen Bevölkerungsmehrheit.
An diesem Sonntag ist es sehr ruhig im Dorf und in den Ruinen der Abtei. Nur zwei Grüppchen junger türkischer Pärchen sind außer uns in den Kreuzrippengewölben des riesigen Refektoriums unterwegs. Ein paar Tauben flattern aus Höhlungen im Gesims aus porösem Sandstein. Ihr Flügelschlagen ist das lauteste Geräusch. Ein kräftiger, böiger Nordwind fegt den Schnee der Mandelblüten durch Höfe und Straßen. Zitronen-, Orangen- und Mandarinenbäume tragen noch schwer an ihren leuchtenden Früchten. Besonders die Zitronen haben ein wunderbares Aroma. Ein paar Spritzer von ihrem gar nicht sauren Saft, über frischen Salat gegeben, schmecken besser als jedes herkömmliche Dressing.
Nach dem Essen im stillen Innenhof einer alten Taverne – wir sind auch hier die einzigen Gäste – schlendern wir an einem Nachfolger von Durrells “Baum des Müßiggangs” vorbei die Saure-Zitronen-Straße hinauf zu seinem stattlichen Wohnhaus. Es ist geschlossen, die Läden sind vorgelegt, wir dürfen nur das dunkle Holz und die solide Machart des massiven Holztors bewundern, auf das er zu recht stolz war.
“A large box-like house in Turkish-Cypriot mode, with huge carved doors made for some forgotten race of giants and their oxen.
‘God’, Sabri said, ‘this is fine wood. From Anatolia. In the old days they floated the great timbers over the water behind boats. This is Anatolian timber – it will last forever.’”
Immerhin hält es jetzt seit 115 Jahren und wird auch noch etliche Jahrzehnte mehr überdauern. Länger jedenfalls als Durrells Buch, dessen kolonialistische Haltung ihr Verfallsdatum längst überschritten hat. Als ihn die britische Regierung zum Commander des St. Michael-and-St. George-Ordens machen wollte, lehnte er selbst mit der Begründung ab, seine "conservative, reactionary, and right-wing" Ansichten könnten für Peinlichkeiten sorgen.
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Abseits maroder Banken und russischen Schwarzgelds ist Zypern vor allem eins, eine Insel, die aus unglaublich weit in die Zeit zurückreichenden Sedimentschichten verschiedener Kulturen aufgebaut ist. Was oben auf der Oberfläche steht, kann man getrost weitgehend vergessen. Die Insel hat sich in beiden Teilen, dem türkischen wie dem griechischen, völlig dem Pauschaltourismus und dem Ausverkauf seines Grund und Bodens als Bauland für Ferienvillen von Engländern, Russen und neuerdings Chinesen verschrieben. (Dazu allgemein gerade ein aktueller Artikel im Guardian.)
Stößt man jedoch eine der schweren, alten Türen auf, wird es gleich chtonisch, geht es immer tiefer und tiefer hinab in vergangene Epochen, der Osmanen, der Kreuzritter, der Byzantiner, der Ptolemaier, der Griechen und der Perser und noch tiefer in die Bronzezeit, ja, bis zurück ins Paläolithikum.
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“Comes over one an absolute necessity to move.”
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Wenn man den Landeanflug seiner Herzallerliebsten live im Internet beobachten möchte und dann auf dem Bildschirm so etwas miterlebt, möchte man doch augenblicklich das Notfalltelefon des Flughafens anrufen.
Erst kommt die Maschine quer über den Bildschirm und zu allen Landebahnen angeruckelt, rollt dann genau auf die vielbefahrene Autobahn zu und scheint schließlich auf einem der quietschnassen Äcker liegenzubleiben.
Zum Glück aber war der Pilot nicht so besoffen wie das Gerät, das so ungenaue GPS-Koordinaten an Flightradar24 meldet. Ich gucke mir keine Flüge von Bekannten mehr darauf an. Ist besser für die Nerven.
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Die Frühlingsvisionen verfliegen spätestens beim morgendlichen Blick aus dem Fenster und in die Zeitung: Ein großes Unternehmen hat “gewerkschaftlich organisierte Hafenarbeiter durch Kontraktarbeiter ersetzt, die nur die Hälfte verdienen; es gibt keine Tarifverträge, auch keine berufliche Ausbildung, dafür aber reduzierte Rentenansprüche, kürzere Arbeitspausen und unbezahlte Überstunden. Beschäftigte, die gegen ihre unsicheren Arbeitsverhältnisse protestierten, wurden entlassen... Hunderte meist ungelernte Zeitarbeiter werden über einen Subunternehmer angefordert und nur Stunden vor ihrem Einsatz per SMS abgerufen.”
Noch ein Artikel zu amazon? Nein, keineswegs. Vielmehr ein Bericht im aktuellen Le Monde diplomatique über die Betriebspraktiken der staatseigenen China Ocean Shipping Company (Cosco) im Athener Hafen Piräus. Paradigmatisch belegt er, wie recht Blogger Kelly mit seiner generellen Einschätzung zu dieser Art skandalträchtiger Unternehmenspolitik hat:
“Die ist politisch gewollt und vom Wähler so abgenickt.”
Cosco wurde in der akuten Verschärfung der griechischen Krise 2008 von der damaligen griechischen Regierung mit Steuererleichterungen und Befreiung von Sozialabgaben förmlich eingeladen, brachial in Piräus einzusteigen. Der Deal war Teil der von der Troika geforderten Privatisierung von griechischem Staatseigentum. “In Piräus macht das Cosco-Management eigentlich nur das, was die beiden Hauptakteure der griechischen Politik verlangen: die mächtige Lobby der griechischen Reeder und die Troika”, resümiert der Artikel. Großunternehmer und die unheilige Allianz aus EU-Kommission, EZB und IWF sind die beiden Walzen der Mangel, durch die nicht nur Griechenland, sondern auch Menschen in anderen Ländern Europas derzeit systematisch gedreht und ausgequetscht werden.
Mal sehen, wie lange sie sich das noch gefallen lassen. In Portugal bringt das Volk den Ministerpräsidenten und andere Spitzenpolitiker bei öffentlichen Auftritten und im Parlament regelmäßig mit dem Revolutionslied "Grandola, Vila Morena" zum Schweigen: "Viele Hände, die sich fassen / Solidarität und Freiheit / geht der Ruf durch deine Straßen / gleich und gleich sind unsre Schritte".
Als nächste neoliberale Regierung ist gerade die in Italien gestürzt. Goldman-Sachs-Funktionär Monti wurde am Wochenende schallend abgewählt.
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Freitag war noch grandios: kalt, aber klar und sonnig. Nach Einbruch der Dunkelheit knipste jemand der üblichen Lichtverschmutzung über Holland zum Trotz sogar ein paar müde und kalt blinkende Sterne an. Im Licht der Straßenlaternen glitzerten auf dem Straßenbelag erste Eiskristalle auf. Doch die Herzogin ließ schon mit ihrer Miene keine Ausflucht zugunsten heimisch-heimeliger Gemütlichkeit am Kamin zu. Sie hatte schließlich Karten für ein Konzert besorgt. Und weder daß sie am nächsten Morgen zeitig zum Flughafen mußte noch eine frostige Winternacht waren da Grund genug, uns zuhause im Warmen bleiben zu lassen.
Als wir vor die Tür traten, hatte sich die Luft draußen mit Feuchtigkeit von der Nordsee richtig vollgesogen, und auf dem Fahrrad fühlte es sich an, als würde uns der böige Wind fortwährend in Eiswasser getränkte kalte Umschläge ins Gesicht klatschen.
Dafür durfte im “Trojanischen Pferd” zum Aufwärmen kräftig geschunkelt werden! So etwas wie eine Fortsetzung des niederländisch-rheinischen Karnevals mit Pedal-Steel-Guitar und Mariachi-Trompeten war im Gange. Oh boy, was ist denn aus Calexico geworden? Sind die in den letzten Jahren nur noch bei Country Festivals und Square Dance Jamborees aufgetreten? Nachdem sie bei Giant Sand ausgeschieden waren, haben Joey Burns & Co. doch durchaus ein paar ganz nette Lieder eingespielt, nichts Aufregendes aber ganz gut nebenher zu hören; doch was sie hier ablieferten, klang manchmal schon wie Jahrmarktsmusik. Da schrömmelten die Gitarren, schmetterten die Trompeten im höchsten Diskant und nagelte Schlagzeuger John Convertino im Zweivierteltakt Polkas und Pasodobles. Nur selten lief diese Sound factory zu guter Form auf. Ich begann schon bald, Kälte hin oder her, mich auf den Heimweg zu freuen. Das Quecksilber hatte sich draußen noch weiter zusammengezogen, der Hygrometerzeiger dafür kräftig Viagra eingeworfen.
Samstagmorgen lag Schnee, mittags taute er weg, Grauwetter, gemeiner Wind, schneidend aus Nord, kein Spaß, am Strand spazierenzugehen, mußte aber sein. Frontal anfliegende Schneekörner schlugen ins Gesicht. Heute morgen alles weiß, um Mittag dasselbe Tauspiel wie gestern, Regen, Schnee, Schneeregen, horizontal. Allein, mache ich endlich den Kamin an und gestatte mir, an den kurzen Ausflug in den Pariser Frühling zurückzudenken, wo leichte, bunte Kleider beschwingt durch sonnenwarme Mailuft tanzten. Ach ja...
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