Ich sage es gleich, ich halte nicht sehr viel von David Herbert Lawrence. Lady Chatterley’s Lover ist ein Schmachtschinken und seine Reisebücher, nun ja, die Etruscan Places habe ich irgendwann zur Seite gelegt, und in Sea and Sardinia geht mir der dauerexaltierte Ton auf die Nerven. Aufregung aber nicht aus Begeisterung, sondern aus Ablehnung. Man fragt sich, warum der Kerl, seine arme Frau im Schlepptau (eine entfernte Verwandte Manfred von Richthofens übrigens), überhaupt nach Sardinien gereist ist; und man findet eigentlich bloß die Antwort, weil er Sizilien, den Ätna und vor allem die Sizilianer noch schlimmer fand:
“das stumpfste Volk der Erde”, “bar jeden Gefühls”. Einerseits.
“So entsetzlich leibhaft miteinander. Da ergießt sich einer über den andern wie zerlassene Butter über Pastinaken.” Andererseits. Und wo Lawrence schon außer Rand und Band beim Verdammen in Bausch und Bogen ist, gleich auch Italien in toto:
“so sanftmütig wie gekochte Makkaroni.”
Sardinien gefällt ihm erst ab dem Augenblick, in dem er plötzlich zu erkennen meint: “das war Cornwall”.
Es geht doch nichts über merry old England. Wiedererkennen, anheimeln ist eben der höchste Genuß des Touristen. “Niagara? Hat mich gleich an unser Schaffhausen erinnert.” Man kennt solche Sprüche. “Et fählt bloß vom Balkon die Aussicht op dä Dom.”
Sardinien “war so ähnlich, daß meine alte Sehnsucht nach keltischen Landschaften in mir wach wurde... viel hinreißender, aufrührender als der liebliche Glanz von Italien”. Einerseits. Doch er liebt die “Rundungen” von Granit in den “keltischen Landschaften”, “und ich hasse die ausgezackte Dürre des Kalksteins”. Andererseits. Ja, was denn nun?
Die Emphase seiner Ablehnung läßt den Erzähler völlig widersprüchliche Urteile zusammenklauben, wie sie ihm impulsiv gerade einfallen, als wüßte er nicht mehr, daß er drei Seiten vorher genau das Gegenteil behauptet hat. Bei einem überlegten Schriftsteller ist solche Widersprüchlichkeit nicht unbeabsichtigt, sondern stilisiert, Stil und letztlich Pose: Seht her, was für ein komplexer, sogar in sich widersprüchlicher Geist ich doch bin!
In dieser Pose läßt sich Lawrence zu Sätzen hinreißen, die selbst in Anbetracht der anderen Zeitläufte, Ansichten und Redeweisen damals zwischen den Weltkriegen, den, der sie äußert und auch noch auf Papier druckt, auf ewig verdächtig machen. Vehement widerspricht er im Vorübergehen der Abschaffung der Todesstrafe: “ein großer Fehler.” “Wäre ich Diktator würde ich den Älteren sofort hängen lassen... weil der sichere Herzensinstinkt einen Mann als übel erkennt, würde ich diesen Mann vernichtet haben.” Lukaschenko & Spießgesellen könnten es nicht besser ausdrücken.
Aber wichtiger ist ihm eine andere, daraus resultierende Frage: Wo gibt es überhaupt noch Männer?
“Mit Schrecken begreift man, daß die männliche Rasse in Europa fast ausgestorben ist. Da gibt es nur noch Helden nach dem Vorbild Christi und Frauenverehrer wie Don Juan und gleichheitswütigen Barbaren. Den alten, harten, unzähmbaren, männlichen Schlag gibt es nicht mehr. Seine stolze Eigenheit wird erdrückt. Die letzten Funken verglühen in Sardinien und Spanien. Und übrig bleibt das Herden-Proletariat und die Herden-Gleichheit der Mischlinge”.
Das ist mir vielleicht ein Brüderle.Nun könnte man diesen D.H. Lawrence natürlich einfach in die Literaturgeschichte entsorgen und dem großen Vergessen darin überlassen, wenn der Kerl nicht manchmal Sätze in den Raum stellte wie Monolithe. Da stehen sie so vollendet, daß man kein Jota daran ändern will und kann. Das merkt man spätestens, wenn man sie einmal mit ihren Übersetzungen vergleicht, wie es Hans-Ulrich Treichel in seinem Sardinien-Buch mit dem ersten Satz von Lawrence tut. “Es überkommt einen – man muß reisen”, hat Georg Goyert übersetzt. Das ist ein Satz, untadelig, aber kein Monolith. Das Original schlägt man auf, und da steht einleitungslos und herrlich anti-pascalsch:
“Comes over one an absolute necessity to move.”
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Warum nicht gleich heute? Es war ein sehr schön sonniger Wintersonntag, der gerade in einem spektakulären Sonnenuntergang über der Nordsee ausglüht. Die Luft draußen riecht leicht angeräuchert, wie nach Kaminfeuer.
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Das mußte ja so kommen.
Kaum schreibt man mal über etwas harmlos Nettes und Privates wie andere Bloggerinnen auch, über die Innenwelt der Außenwelt sozusagen, schon fallen genau an diesem einen Tag in der Außenwelt Sterne vom Himmel, explodieren Meteoriten krachend und mit gewaltiger Druckwelle wie eine Supernova über Sibirien, stürzt ein Teil der Schutzhülle um den strahlenden Reaktor in Tschernobyl ein und schrammt die Erde haarscharf an einer Kollision mit einem Asteroiden vorbei, die das Ende unserer Tage hätte bedeuten können wie ein ähnlicher Einschlag vor Zeiten für die Dinosaurier.
Wenn es eine Message von ganz oben gewesen sein sollte, habe ich sie verstanden und werde mich, wie Commander McLane, nach Belieben wieder darüber hinwegsetzen.

Hier noch ein wenig zeittypische akustische Untermalung dazu:
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Schnee, Regen, Eis. Draußen ist es alles andere als einladend.
Was kann man da Besseres unternehmen, als sich mit ein paar netten Leuten zu einem guten Essen und guten Gesprächen zusammenzusetzen?
Die Geschmacksrichtungen der Gerichte wandern im Verlauf der Gänge vom Mittelmeer über Indien Richtung Thailand, die Musik kommt von überall her, die Gesprächsthemen bleiben europäisch, da gibt es genug zu bereden. Der Wein stammt aus Regionen mal nördlich, mal südlich der Pyrenäen, bis am Ende jemandem vom ganzen Hin und Her fast ein bißchen schwummerig wird. Für den Heimweg kommt nur noch ein Taxi in Frage. Draußen Schnee, Regen, Eis.
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Es wurde überall als Sensation bekannt gemacht: Der unter dem Künstlernamen Benedikt bekannt gewordene Joseph Ratzinger stuft sich im Karnevalstaumel des Rosenmontags selbst auf menschenähnlich zurück.
Den treffendsten Kommentar dazu hat nicht der (laut Spiegel) “Fundamentalkatholik” Mosebach abgesondert, der heute in der FAZ das lange Sterben des Karol Woytila ein “Fest der katholischen Kirche” nennt, sondern, auch wenn ihr von Katholiken natürlich Unkenntnis in rechten Glaubensdingen vorgeworfen wird, Ines Pohl, die Chefredakteurin der taz, geschrieben: “Gut, daß er weg ist.”
Viel vergnüglicher noch aber fiel der Nachruf auf den “spiritual Rottweiler” in dem Blog Africa is a country aus; auch weil man sich dort augenzwinkernd schon auf den vierten Papst vom schwarzen Kontinent freut. Und jetzt ein dreimal fröhliches “Helau” zum Veilchendienstag.
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Lapidarer Nebensatz in einem Bericht der Tagesschau gestern abend:
4 von 5 Amerikanern seien für gezielte Tötungen durch US-Militär und CIA auf der ganzen Welt – so lange keine US-Bürger gekillt werden.
Es fällt immer schwerer, denen noch Glauben zu schenken, die wunschdenken, es gäbe auch ein anderes Amerika.
Leider trifft wohl doch eher das Bild der Amerikaner zu, das Cormac McCarthy in Blood Meridian zeichnet:
Amerikaner als Kopfgeldjäger unter einem selbsternannten Friedensrichter, “geweihte Vertreter des Bestehenden, die die Welt, wie sie sich ihnen darbot, unter sich aufteilten und das, was gewesen war und nie wieder so sein würde, am Boden zerstört hinter sich ließen.”
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Schlechte Schlagzeilen sind besser als keine, lautet bekanntlich eine Devise abgetakelter Promis, welker Exschönheiten oder von Zombie-Institutionen, die auf Dumme Publikumszuspruch angewiesen sind wie zum Beispiel die FDP oder die Regierungskoalition oder die Kirche in Deutschland. Mit dem jüngsten Beschluß zur Unterbindung der Aufklärung der ewigen Ferkeleien ihrer Vertreter oder der gleich zweimaligen Verweigerung der ärztlichen Behandlung einer vergewaltigten Frau in zwei katholischen Kölner Kliniken hat sie sich gerade einmal mehr schlechte Publicity verschafft, aber immerhin Publicity, und vor allem darum muß es ihr bei mehr als 100.000 Kirchenaustritten p.a. doch gehen. Das Erste deutsche Fernsehen widmete ihr einen ganzen Themensonntagabend mit dem geradezu inquisitorisch gestimmten Jauch und kam zu dem beinah umstürzlerischen Fazit: Die Kirche sollte mit der Zeit gehen und sich modernisieren.
In den Niederlanden tut sie das längst, wie nebenstehender Aushang an einer Kirche im seeländischen Middelburg beweist.
Wo wir schon bei Christlichem sind: Einer christdemokratischen Politikerin wird man wohl ein Bibelwort vorhalten dürfen, auch wenn es oft leicht verändert zitiert wird.
Laut Matthäus-Evangelium (7,16) soll Jesus Christus in seiner Bergpredigt u.a. gewarnt haben: “Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.”
Den letzten Satz veränderte man später verständlicherweise, denn das Bild ist ja ziemlich schief bis komplett in die Hose gegangen (was für Früchte tragen Wölfe?), zu: “An ihren Worten sollt ihr sie erkennen” (so etwa Thomas Mann über Nietzsche) und erweiterte dann zu: “Nicht an ihren Worten, sondern an ihren Taten sollt ihr sie erkennen.”
Im Fall Schavan läuft alles auf dasselbe hinaus.
“Ich habe ganz klar von wissenschaftlicher Integrität als einem hohen Gut gesprochen und davon, dass die Aberkennung des Titels richtig ist.”
Hat Frau Schavan vor knapp zwei Jahren in einem Interview der Süddeutschen gesagt. Damals ging es noch nicht um sie, sondern um ihren Kabinettskollegen (auf und da)von Guttenberg, über dessen schmählichen Abtritt, so munkelte man damals in den Medien, sie sich klammheimlich ziemlich die Hände gerieben habe. Im Interview hat sie noch nachgetreten: “Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich. – Raubkopien sind kein Kavaliersdelikt.”
So ist es, Frau Schavan. Schämen Sie sich nicht mehr öffentlich für andere, sondern für sich selbst, und nehmen Sie ohne weiteres Federlesen ihren Ministerhut (einen Doktorhut haben Sie ja nicht mehr) und treten Sie zurück!
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