Die Frühlingsvisionen verfliegen spätestens beim morgendlichen Blick aus dem Fenster und in die Zeitung: Ein großes Unternehmen hat “gewerkschaftlich organisierte Hafenarbeiter durch Kontraktarbeiter ersetzt, die nur die Hälfte verdienen; es gibt keine Tarifverträge, auch keine berufliche Ausbildung, dafür aber reduzierte Rentenansprüche, kürzere Arbeitspausen und unbezahlte Überstunden. Beschäftigte, die gegen ihre unsicheren Arbeitsverhältnisse protestierten, wurden entlassen... Hunderte meist ungelernte Zeitarbeiter werden über einen Subunternehmer angefordert und nur Stunden vor ihrem Einsatz per SMS abgerufen.”
Noch ein Artikel zu amazon? Nein, keineswegs. Vielmehr ein Bericht im aktuellen Le Monde diplomatique über die Betriebspraktiken der staatseigenen China Ocean Shipping Company (Cosco) im Athener Hafen Piräus. Paradigmatisch belegt er, wie recht Blogger Kelly mit seiner generellen Einschätzung zu dieser Art skandalträchtiger Unternehmenspolitik hat:
“Die ist politisch gewollt und vom Wähler so abgenickt.”
Cosco wurde in der akuten Verschärfung der griechischen Krise 2008 von der damaligen griechischen Regierung mit Steuererleichterungen und Befreiung von Sozialabgaben förmlich eingeladen, brachial in Piräus einzusteigen. Der Deal war Teil der von der Troika geforderten Privatisierung von griechischem Staatseigentum. “In Piräus macht das Cosco-Management eigentlich nur das, was die beiden Hauptakteure der griechischen Politik verlangen: die mächtige Lobby der griechischen Reeder und die Troika”, resümiert der Artikel. Großunternehmer und die unheilige Allianz aus EU-Kommission, EZB und IWF sind die beiden Walzen der Mangel, durch die nicht nur Griechenland, sondern auch Menschen in anderen Ländern Europas derzeit systematisch gedreht und ausgequetscht werden.
Mal sehen, wie lange sie sich das noch gefallen lassen. In Portugal bringt das Volk den Ministerpräsidenten und andere Spitzenpolitiker bei öffentlichen Auftritten und im Parlament regelmäßig mit dem Revolutionslied "Grandola, Vila Morena" zum Schweigen: "Viele Hände, die sich fassen / Solidarität und Freiheit / geht der Ruf durch deine Straßen / gleich und gleich sind unsre Schritte".
Als nächste neoliberale Regierung ist gerade die in Italien gestürzt. Goldman-Sachs-Funktionär Monti wurde am Wochenende schallend abgewählt.
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Freitag war noch grandios: kalt, aber klar und sonnig. Nach Einbruch der Dunkelheit knipste jemand der üblichen Lichtverschmutzung über Holland zum Trotz sogar ein paar müde und kalt blinkende Sterne an. Im Licht der Straßenlaternen glitzerten auf dem Straßenbelag erste Eiskristalle auf. Doch die Herzogin ließ schon mit ihrer Miene keine Ausflucht zugunsten heimisch-heimeliger Gemütlichkeit am Kamin zu. Sie hatte schließlich Karten für ein Konzert besorgt. Und weder daß sie am nächsten Morgen zeitig zum Flughafen mußte noch eine frostige Winternacht waren da Grund genug, uns zuhause im Warmen bleiben zu lassen.
Als wir vor die Tür traten, hatte sich die Luft draußen mit Feuchtigkeit von der Nordsee richtig vollgesogen, und auf dem Fahrrad fühlte es sich an, als würde uns der böige Wind fortwährend in Eiswasser getränkte kalte Umschläge ins Gesicht klatschen.
Dafür durfte im “Trojanischen Pferd” zum Aufwärmen kräftig geschunkelt werden! So etwas wie eine Fortsetzung des niederländisch-rheinischen Karnevals mit Pedal-Steel-Guitar und Mariachi-Trompeten war im Gange. Oh boy, was ist denn aus Calexico geworden? Sind die in den letzten Jahren nur noch bei Country Festivals und Square Dance Jamborees aufgetreten? Nachdem sie bei Giant Sand ausgeschieden waren, haben Joey Burns & Co. doch durchaus ein paar ganz nette Lieder eingespielt, nichts Aufregendes aber ganz gut nebenher zu hören; doch was sie hier ablieferten, klang manchmal schon wie Jahrmarktsmusik. Da schrömmelten die Gitarren, schmetterten die Trompeten im höchsten Diskant und nagelte Schlagzeuger John Convertino im Zweivierteltakt Polkas und Pasodobles. Nur selten lief diese Sound factory zu guter Form auf. Ich begann schon bald, Kälte hin oder her, mich auf den Heimweg zu freuen. Das Quecksilber hatte sich draußen noch weiter zusammengezogen, der Hygrometerzeiger dafür kräftig Viagra eingeworfen.
Samstagmorgen lag Schnee, mittags taute er weg, Grauwetter, gemeiner Wind, schneidend aus Nord, kein Spaß, am Strand spazierenzugehen, mußte aber sein. Frontal anfliegende Schneekörner schlugen ins Gesicht. Heute morgen alles weiß, um Mittag dasselbe Tauspiel wie gestern, Regen, Schnee, Schneeregen, horizontal. Allein, mache ich endlich den Kamin an und gestatte mir, an den kurzen Ausflug in den Pariser Frühling zurückzudenken, wo leichte, bunte Kleider beschwingt durch sonnenwarme Mailuft tanzten. Ach ja...
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Ich sage es gleich, ich halte nicht sehr viel von David Herbert Lawrence. Lady Chatterley’s Lover ist ein Schmachtschinken und seine Reisebücher, nun ja, die Etruscan Places habe ich irgendwann zur Seite gelegt, und in Sea and Sardinia geht mir der dauerexaltierte Ton auf die Nerven. Aufregung aber nicht aus Begeisterung, sondern aus Ablehnung. Man fragt sich, warum der Kerl, seine arme Frau im Schlepptau (eine entfernte Verwandte Manfred von Richthofens übrigens), überhaupt nach Sardinien gereist ist; und man findet eigentlich bloß die Antwort, weil er Sizilien, den Ätna und vor allem die Sizilianer noch schlimmer fand:
“das stumpfste Volk der Erde”, “bar jeden Gefühls”. Einerseits.
“So entsetzlich leibhaft miteinander. Da ergießt sich einer über den andern wie zerlassene Butter über Pastinaken.” Andererseits. Und wo Lawrence schon außer Rand und Band beim Verdammen in Bausch und Bogen ist, gleich auch Italien in toto:
“so sanftmütig wie gekochte Makkaroni.”
Sardinien gefällt ihm erst ab dem Augenblick, in dem er plötzlich zu erkennen meint: “das war Cornwall”.
Es geht doch nichts über merry old England. Wiedererkennen, anheimeln ist eben der höchste Genuß des Touristen. “Niagara? Hat mich gleich an unser Schaffhausen erinnert.” Man kennt solche Sprüche. “Et fählt bloß vom Balkon die Aussicht op dä Dom.”
Sardinien “war so ähnlich, daß meine alte Sehnsucht nach keltischen Landschaften in mir wach wurde... viel hinreißender, aufrührender als der liebliche Glanz von Italien”. Einerseits. Doch er liebt die “Rundungen” von Granit in den “keltischen Landschaften”, “und ich hasse die ausgezackte Dürre des Kalksteins”. Andererseits. Ja, was denn nun?
Die Emphase seiner Ablehnung läßt den Erzähler völlig widersprüchliche Urteile zusammenklauben, wie sie ihm impulsiv gerade einfallen, als wüßte er nicht mehr, daß er drei Seiten vorher genau das Gegenteil behauptet hat. Bei einem überlegten Schriftsteller ist solche Widersprüchlichkeit nicht unbeabsichtigt, sondern stilisiert, Stil und letztlich Pose: Seht her, was für ein komplexer, sogar in sich widersprüchlicher Geist ich doch bin!
In dieser Pose läßt sich Lawrence zu Sätzen hinreißen, die selbst in Anbetracht der anderen Zeitläufte, Ansichten und Redeweisen damals zwischen den Weltkriegen, den, der sie äußert und auch noch auf Papier druckt, auf ewig verdächtig machen. Vehement widerspricht er im Vorübergehen der Abschaffung der Todesstrafe: “ein großer Fehler.” “Wäre ich Diktator würde ich den Älteren sofort hängen lassen... weil der sichere Herzensinstinkt einen Mann als übel erkennt, würde ich diesen Mann vernichtet haben.” Lukaschenko & Spießgesellen könnten es nicht besser ausdrücken.
Aber wichtiger ist ihm eine andere, daraus resultierende Frage: Wo gibt es überhaupt noch Männer?
“Mit Schrecken begreift man, daß die männliche Rasse in Europa fast ausgestorben ist. Da gibt es nur noch Helden nach dem Vorbild Christi und Frauenverehrer wie Don Juan und gleichheitswütigen Barbaren. Den alten, harten, unzähmbaren, männlichen Schlag gibt es nicht mehr. Seine stolze Eigenheit wird erdrückt. Die letzten Funken verglühen in Sardinien und Spanien. Und übrig bleibt das Herden-Proletariat und die Herden-Gleichheit der Mischlinge”.
Das ist mir vielleicht ein Brüderle.Nun könnte man diesen D.H. Lawrence natürlich einfach in die Literaturgeschichte entsorgen und dem großen Vergessen darin überlassen, wenn der Kerl nicht manchmal Sätze in den Raum stellte wie Monolithe. Da stehen sie so vollendet, daß man kein Jota daran ändern will und kann. Das merkt man spätestens, wenn man sie einmal mit ihren Übersetzungen vergleicht, wie es Hans-Ulrich Treichel in seinem Sardinien-Buch mit dem ersten Satz von Lawrence tut. “Es überkommt einen – man muß reisen”, hat Georg Goyert übersetzt. Das ist ein Satz, untadelig, aber kein Monolith. Das Original schlägt man auf, und da steht einleitungslos und herrlich anti-pascalsch:
“Comes over one an absolute necessity to move.”
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Warum nicht gleich heute? Es war ein sehr schön sonniger Wintersonntag, der gerade in einem spektakulären Sonnenuntergang über der Nordsee ausglüht. Die Luft draußen riecht leicht angeräuchert, wie nach Kaminfeuer.
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Das mußte ja so kommen.
Kaum schreibt man mal über etwas harmlos Nettes und Privates wie andere Bloggerinnen auch, über die Innenwelt der Außenwelt sozusagen, schon fallen genau an diesem einen Tag in der Außenwelt Sterne vom Himmel, explodieren Meteoriten krachend und mit gewaltiger Druckwelle wie eine Supernova über Sibirien, stürzt ein Teil der Schutzhülle um den strahlenden Reaktor in Tschernobyl ein und schrammt die Erde haarscharf an einer Kollision mit einem Asteroiden vorbei, die das Ende unserer Tage hätte bedeuten können wie ein ähnlicher Einschlag vor Zeiten für die Dinosaurier.
Wenn es eine Message von ganz oben gewesen sein sollte, habe ich sie verstanden und werde mich, wie Commander McLane, nach Belieben wieder darüber hinwegsetzen.

Hier noch ein wenig zeittypische akustische Untermalung dazu:
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Schnee, Regen, Eis. Draußen ist es alles andere als einladend.
Was kann man da Besseres unternehmen, als sich mit ein paar netten Leuten zu einem guten Essen und guten Gesprächen zusammenzusetzen?
Die Geschmacksrichtungen der Gerichte wandern im Verlauf der Gänge vom Mittelmeer über Indien Richtung Thailand, die Musik kommt von überall her, die Gesprächsthemen bleiben europäisch, da gibt es genug zu bereden. Der Wein stammt aus Regionen mal nördlich, mal südlich der Pyrenäen, bis am Ende jemandem vom ganzen Hin und Her fast ein bißchen schwummerig wird. Für den Heimweg kommt nur noch ein Taxi in Frage. Draußen Schnee, Regen, Eis.
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Es wurde überall als Sensation bekannt gemacht: Der unter dem Künstlernamen Benedikt bekannt gewordene Joseph Ratzinger stuft sich im Karnevalstaumel des Rosenmontags selbst auf menschenähnlich zurück.
Den treffendsten Kommentar dazu hat nicht der (laut Spiegel) “Fundamentalkatholik” Mosebach abgesondert, der heute in der FAZ das lange Sterben des Karol Woytila ein “Fest der katholischen Kirche” nennt, sondern, auch wenn ihr von Katholiken natürlich Unkenntnis in rechten Glaubensdingen vorgeworfen wird, Ines Pohl, die Chefredakteurin der taz, geschrieben: “Gut, daß er weg ist.”
Viel vergnüglicher noch aber fiel der Nachruf auf den “spiritual Rottweiler” in dem Blog Africa is a country aus; auch weil man sich dort augenzwinkernd schon auf den vierten Papst vom schwarzen Kontinent freut. Und jetzt ein dreimal fröhliches “Helau” zum Veilchendienstag.
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