Gestern abend in der “Anstalt” wäre dem aufrechten Franken Erwin Pelzig vor gerechter Entrüstung um ein Haar das notorische Hausmeisterhütchen vom Kopf geflogen. “Fünfzig Jahre nach dem Elysée-Vertrag ist Europa in Gefahr, in großer Gefahr”, warnte er, und, nein, er meinte nicht den Euro, sondern Europa, und diese Gefahr geht nicht etwa von islamistischen Terroristen oder dem korrupten griechischen Staat aus, sondern sie kommt von innen, aus dem Innersten sogar, aus der Schaltzentrale der EU: von EU-Binnenkommissar Barnier. Der nämlich plant, die Privatisierung der öffentlichen Wasserversorgung in Europa voranzutreiben.
“Noch ist ja Wasser ein öffentliches Gut, ein Allgemeingut, aber das soll sich ändern”, machte Pelzig publik. “Die Konzerne stehen schon Schlange. Es geht um ein Milliardengeschäft, um zweistellige Renditen. Aber der Herr Barnier sagt, wir müssen keine Angst haben, der Markt wird’s schon richten. Der Markt! He, Wasser ist Leben, Wasser ist ein Menschenrecht, Wasser ist öffentliches Eigentum, und Eigentum verpflichtet, steht im deutschen Grundgesetzt. Und der Gebrauch des Eigentums soll dem Wohl der Allgemeinheit dienen, steht auch im Grundgesetz. Und wenn das Wasser kein öffentliches Eigentum mehr ist, sondern in der Hand von irgendwelchen Aktiengesellschaften, dann dürfte man ja sehr gespannt sein, wem sich ein börsennotiertes Unternehmen am Ende mehr verpflichtet fühlt, dem Wohl der Allgemeinheit oder dem Wohl seiner Aktionäre und der Märkte. Und überhaupt, achtzig Prozent der Europäer wollen keine private Wasserversorgung [...] Wenn Europa scheitert, scheitert’s vielleicht gar nicht am Euro und vielleicht auch nicht daran, daß die Europäer keinen Bock mehr haben auf Europa, sondern wenn Europa scheitert, scheitert’s vielleicht nur daran, daß die Europäer einfach keinen Bock mehr haben auf irgendwelche demokratisch nicht gewählten EU-Kommissare, die sich von irgendwelchen geldscheißenden Lobbyisten bei ihren Puffbesuchen in Brüssel einreden lassen, daß der Markt schon alles richten wird.”
So weit der gerechte Zorn des Kabarettisten. Und spätestens angesichts dieses neuen Anschlags der neoliberalen Marktfetischisten in der Brüsseler Kommission – über die Faktenlage berichtete das ARD-Magazin Monitor in seiner letzten Ausgabe des Jahres 2012, ansehen! – ist es längst überfällig, daß die Bürger Europas endlich rabiat werden gegen ihre Ausverkäufer in den abgeschotteten Brüsseler Nobelbüros!
Mindestens aber sollte jeder die Europäische Bürgerinitiative zur Verteidigung des Wassers als öffentlichem Gemeingut hier unterschreiben!
Noch besser wäre, ein paar mutige Bürger würden Herrn Barnier mal aus seinem Büro entführen und für drei Tage ohne Wasser irgendwo versteckt halten. Das würde ihn für das Menschenrecht auf unbehinderten Zugang zum Allgemeingut Wasser garantiert sensibilisieren.
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Als ich das Objektiv durch die Hecke schob, guckte jemand ziemlich indigniert darüber, daß der kleine Fischteich im Garten, in dem es sonst immer schnell ein Häppchen zu holen gibt, immer noch mit einer Decke aus Eis zugedeckt ist.
Im Moor am Tümpel
am leicht vereisten Ufer
ein grauer Reiher
(nach Kito, 1740-89)
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-6°, bedeckt und ein ziemlich strammer Nordostwind. Wenn man früh genug aufbricht, bevor sich die ganzen Jogger und Gassigeher aufmachen, begegnen einem in den bewaldeten und verschneiten Dünen fast überraschend viele Tiere. Von den üblichen Karnickeln und Vögeln abgesehen, jagende und rüttelnde Falken, Rehe, und einmal war das kläglich langgezogene Bellen eines Fuchses zu hören. Ich entdeckte ihn auf dem Eis eines schilfgesäumten Teichs, wo er hin und her lief und rief. Lange nahm er uns nicht wahr, wir standen gegen den Wind, erst als er auf unser Ufer zukam, duckte er plötzlich, spähte und verschwand sofort im Schilf.
Dagegen wirkte das Meer heute ein bißchen leer und öde, wie es trüb auf den verschneiten Sand rollte.
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Beginnen wir mit der beliebten Rubrik zu fast vergessenen ehemaligen Größen: “Was macht denn eigentlich...?” Zum Beispiel Romano Prodi. Man erinnert sich, der Wirtschaftsprofessor war zweimal italienischer Ministerpräsident und zwischendurch einmal Präsident der EU-Kommission. Seit Oktober letzten Jahres hat er einen neuen Job zur Aufbesserung der Rente als UNO-Sondergesandter für die Sahel-Zone. Ende November hielt sich Prodi in dieser Mission zu Gesprächen in Marokko auf und erklärte den besorgten Maghrebinern offiziell, eine militärische Intervention in Mali “kann nicht vor September 2013 stattfinden”. –
So kann man sich irren, oder auch als hochrangiger UNO-Diplomat von der Grande nation an der Nase herumgeführt werden.
Mit entsprechender Skepsis darf und sollte man daher auch die aktuellen offiziellen Verlautbarungen aus dem Elysée-Palast nicht für bare Münze nehmen.
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Unglaublich: das Natürliche geschieht: Es ist auf einmal Winter.
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Dafür, daß es momentan wohl der brisanteste Konfliktherd weltweit ist, hört man in unseren Nachrichten in letzter Zeit verdammt wenig aus Syrien und seinen Nachbarländern. Nicht einmal der notorische Großdemagoge Achmadinedschad ist mehr zu vernehmen. Ist er ein halbes Jahr vor der Wahl eine “lame duck” wie amerikanische Präsidenten ohne Wiederwahlmöglichkeit? Was ist los im Iran? In einem Land, dem alle eine Schlüsselrolle in Syrien zumunkeln, über dessen innere Verhältnisse wir durch unsere westlichen Berichterstatter aber seit so langen Jahren schon so herzlich wenig erfahren. Ein Land, in dem nach dem Bild, das sie uns vermitteln, so gut wie alles unter der Burka oder den braunen Kaftanen der schiitischen Mullahs verdeckt oder erstickt wird. So hört man immer wieder von Greuelurteilen, nach denen Frauen und (in geringerer Zahl) Männer, die fremdgegangen sind, zum Tod verurteilt und barbarisch gesteinigt werden.
Umso mehr rieb man sich die Augen, wenn man sich letzte Woche auf arte den Film der Iranierin Sudabeh Mortezai “Im Basar der Geschlechter” ansah und daraus erfuhr, daß es in dieser atavistischen Rechtssprechung zugleich die völlig legale Institution der “Ehe auf Zeit” gibt, die beliebig oft auf jede beliebige Länge abgeschlossen werden kann, von 99 Jahren bis hinab zu einer halben Stunde. Der klingende arabische Terminus nikah al-mut’a bedeutet schlicht und klar “Genußehe”. – Wie schräg/bigott/heuchlerisch/pragmatisch ist das denn? Bedeutet das nichts anderes als die theologische Sanktionierung von Prostitution durch den schiitischen Klerus? Keineswegs, sagen die Mullahs und Ayatollahs im Film, denn eine Frau muß nach jeder Zeitehe mindestens zwei Monatsblutungen abwarten bis zur nächsten. (Damit es im Fall von Nachwuchs keine unklare Vaterschaft gibt, versteht sich. Für Männer gilt die Wartezeit nicht.) Außerdem hat der Mann jeweils den vollen Brautpreis – in Relation zur vereinbarten Dauer der Ehe – zu zahlen. Nähere Bestimmungen lassen sich auf vielen Seiten im Internet nachlesen. Vermutlich war bloß ich so ahnungslos – und deshalb auch so verblüfft über diese anscheinend völlig normale Institution im Iran, über die sich Männer und Frauen und Geistliche im Film in aller wünschenswerten Offenheit äußern. Iran, das unbekannte Wesen.

Nun aber Syrien. Seit dort vor mehr als einem Jahr der offene Bürgerkrieg ausbrach, wurden wir – anfangs fast allabendlich – mit verwackelten Filmchen aus den Handys der Aufständischen über Greueltaten der syrischen Armee, Offensiven und Eroberungen der Rebellen versorgt, denn Assad, klar, ist der Böse. Angesichts dessen, was man hier in Erfahrung bringen konnte, und bei der anfänglichen Kräfteverteilung konnte daran auch kaum Zweifel aufkommen. Wie es zunächst aussah, wurden da doch ausschließlich nahezu unbewaffnete Demonstranten von der Armee eines Diktators zusammenkartätscht. Außerdem wird das Regime Assads ja von anderen “Bösen” unterstützt: von der Volksfront zur Befreiung Palästinas, von der Hisbollah im Libanon, vom Iran und von Rußland.
Im März 2012 warf Human Rights Watch dann aber den Rebellen begründet vor, ihrerseits Gefangene zu foltern, Lösegelder zu erpressen und willkürlich Erschießungen vorzunehmen. Die Lage sei inzwischen “wesentlich unübersichtlicher”, entschuldigte gewissermaßen der Spiegel. “Zudem haben sich in den Provinzen inzwischen Dutzende kleiner, unabhängiger Milizen gegründet, deren Handeln sich jeder Kontrolle entzieht und zumindest in Teilen von Rachegelüsten und lang gehegtem Hass aufs Regime bestimmt wird.”
Die Formulierung “Dutzende kleiner, unabhängiger Milizen” klingt fast verharmlosend, wenn man sich einmal anschaut, welche “Koalition der Willigen” die USA in diesem Fall zusammengebracht haben, um wieder einmal Freiheit und Demokratie und Menschenrechte und sonst nichts in ein armes unterdrücktes Land des Nahen oder Mittleren Ostens zu bringen.
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