
Unter den Kindern, die hier nachts in die Schlafsäle eingesperrt wurden, bewegte sich tagsüber auch Strehlows jüngster Sohn Theodor. (Seine fünf älteren Geschwister hatten die Eltern zur Erziehung nach Deutschland geschickt.) Seine Muttersprache war Deutsch, doch seine zweite Sprache Aranda (Englisch seine dritte). Der Vater nahm Erziehung und Unterricht seines Jüngsten selbst in die Hand und unterwies ihn auch in klassischen Fächern wie Latein und Griechisch so gut, daß Theodor nach dem frühen Tod des Vaters 1922 mit Auszeichnung die höhere Schule und anschließend die Universität in Adelaide absolvierte. Auf Vermittlung seiner Mentoren dort erhielt er ein Stipendium zur Erforschung der Aranda-Kultur und kehrte nach Hermannsburg zurück.
Dort erwarb er sich das Vertrauen der Eingeborenen, die ihn von früher kannten und deren Sprache er beherrschte. Der letzte Ingkata oder Ceremonial chief eines Klans führte Strehlow 1933 in eine Runde von Stammesältesten ein, die alle befürchteten, ihr geheimes Wissen werde mit ihnen aussterben, weil die Jungen dessen nicht würdig oder unter dem Einfluß der Missionare desinteressiert seien. In den folgenden beiden Jahren ließen die Ältesten Strehlow an mehr als 160 geheimen Ritualen ihres Volkes teilnehmen.
1936 übernahm er den Posten eines Patrol Officers für seinen Heimatdistrikt, um weiter Informationen über die Kultur der Aborigenes sammeln zu können. Viele Weiße nahmen ihn nicht ernst, doch mit Beginn des Zweiten Weltkriegs schlug die Belustigung oft in Anfeindungen wegen seiner deutschen Herkunft um. Immerhin wurde Strehlow so weit geachtet, daß man ihn nicht internierte, und 1942 trat er in die australische Armee ein. Erst weit nach Kriegsende und nachdem alle seine eingeborenen Gewährsleute gestorben waren, publizierte er 1947 seine Studie über Aranda Traditions. – Mehr offizielle Anerkennung erhielt er für seine linguistischen Arbeiten über die Sprache der Aranda, die ihm eine Stelle an der Adelaider Universität eintrugen.
An seinem eigentlichen magnum opus arbeitete Strehlow lange und hielt es noch länger zurück. 1971 veröffentlichte er in einer kleinen Auflage von 1000 Exemplaren Songs of Central Australia. Da hatten Interessierte womöglich schon von “Songlines” bei den Eingeborenenstämmen im Landesinneren gehört. 1956 etwa hatte sich die amerikanische Ethnologin Nancy D. Munn ein Jahr lang bei den Warlpiri in Yuendumu aufgehalten, um Zusammenhänge zwischen ihren Bildern, Erzählungen und Gesängen zu erforschen. Sie erfuhr, die Ahnen hätten ihren Träumen konkrete Form in Gestalt von (a) Spuren in der Landschaft und (b) Gesängen gegeben, die diese Spuren lokalisierten und benannten. Zu jedem von den Vorvätern bezeichneten Ort mit Spuren aus der Traumzeit gebe es einen überlieferten Gesang. Dem Weg, den die Vorväter durchs Land genommen hatten, könne man anhand einer bestimmten Abfolge dieser Gesänge folgen. Das Warlpiriwort für Gesang, yiri, bedeutet auch Name und Spur. Eine bestimmte Abfolge von yiris bezeichneten die Warlpiri als “Songline”.
Die Ergebnisse ihrer Forschungen veröffentlichte Munn erst 1973 (Walbiri Iconography); da lag im Prinzip auch Ted Strehlows Buch über die Songs of Central Australia vor, doch zunächst interessierte sich in Australien niemand dafür. Erst Jahre später bezeichnete Adolphus Elkin, die emeritierte Eminenz der australischen Anthropologie, Strehlows Buch als eines der drei wichtigsten ethnologischen Werke, die je über Australien geschrieben worden seien.
Strehlow hatte so gut wie nichts von diesem Lob. Die weiße Gesellschaft las und beachtete sein Buch nicht, mit den Aborigenes hatte Strehlow selbst eine Fehde begonnen, indem er ihnen vorwarf, durch Aufgabe ihrer traditionellen Lebensweise ihre eigene Kultur und ihr Land selbst zu verraten. Solche Vorwürfe kamen der gerade erst aufkeimenden Landrechtebewegung natürlich quer, und sie warf Strehlow ihrerseits vor, sich fälschlich anzumaßen, mehr über ihre alte Kultur wissen zu wollen als die Aborigenes selbst.
Besonders lauten Widerspruch rief es hervor, als bekannt wurde, daß Strehlow in seinem Haus in Adelaide eine Sammlung geheimer Zeremonialgegenstände aufbewahrte, darunter viele Tjurungas, mit Magie aufgeladene heilige Steine oder hölzerne Artefakte, die allein von initiierten Eingeborenen überhaupt angesehen werden dürften.
Vier Monate nach seinem 70. Geburtstag und nachdem er der deutschen Illustrierten Stern Fotoaufnahmen von geheimen Initiationszeremonien verkauft hatte, starb Ted Strehlow an den Folgen eines Herzinfarkts. Vielleicht rührte er aber auch von der Aufregung von der für denselben Tag geplanten Eröffnung einer Strehlow-Forschungsgesellschaft her.
Nach der Beerdigung stellte sich heraus, daß der Verstorbene seine Frau Kath als Treuhänderin seiner ethnografischen Sammlung eingesetzt hatte, was die Aborigenes noch mehr erbitterte, denn eine Frau durfte die Tjuringas schon gar nicht zu Gesicht bekommen!
Knapp fünf Jahre nach Strehlows Tod klopfte ein Mann von Anfang vierzig in Khakishorts und weißen Socken, mit einem Lederrucksack über der Schulter bei Kath Strehlow an. Telefonisch hatte er sich als begeisterter Leser von Theodor Strehlows Aranda Traditions ausgegeben. Sein Name war Bruce Chatwin.

Chatwins neustes Buch, On the Black Hill, erklomm zwar gerade die Bestsellerlisten auch in Australien und wurde sogar von Berühmtheiten wie John Updike positiv besprochen, persönlich aber steckte er in einer tiefen Krise und war aus zweierlei Gründen von England nach Australien geflogen. Zum ersten mußte er sich noch von einer Operation erholen, über deren Ursache er sich nicht äußern wollte. Diana Melly, die Frau von Jazzsänger George Melly, in deren Haus in Wales er die ersten Wochen nach dem Eingriff verbracht hatte, erklärte seinem Biografen Nicholas Shakespeare: “It was something genital and he did not want to talk about it.”
Der zweite Grund war nicht körperlicher Natur. Nach der Vollendung von On the Black Hill bekannte er seiner Frau Elizabeth “tremendous difficulty dreaming up what to do next.” Chatwin steckte auch in einer Schreibkrise. Im Dezember ‘82 hatte er schließlich den Zettelkasten mit den Notizen zu seinem ewig unvollendeten Buch über “Die nomadische Alternative” eingepackt und war damit nach Australien geflogen. Nach einem anscheinend recht wilden Aufenthalt in Sydney und am Bondi Beach (“the surfers so unbelievably elegant”) verfiel er auf den Gedanken, sich mit seinem Manuskript “in the most abstract desert I could think of” zurückzuziehen, und dort eine “ausführliche Meditation über die Wüste” zu schreiben.
Am 28. Januar 1983 landete er bei Kath Strehlow in Adelaide zwischen, um mehr über die von ihrem Mann beschriebenen “Tjuringa Lines”, auch “Dreaming tracks” oder “Songlines” genannt, zu erfahren und möglichst ein Exemplar der Songs of Central Australia zu ergattern. Sie gab ihm ein ungebundenes Probeexemplar und eine Landkarte und legte noch Strehlows Tagebuch dazu. Die nächsten Stunden, so Shakespeare, wurden für Chatwins nächste vier Jahre entscheidend.
“I sat down, only for a morning”, erzählte Chatwin seinem Schriftstellerkollegen Colin Thubron, “and I suddenly realised everything that I rather hoped these songlines would be, just were.”
1987 erschienen Bruce Chatwins Songlines, auf deutsch: Traumpfade.
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Obwohl sich die christlichen Missionswerke gern als humane Zufluchtsorte gegenüber den staatlichen Erziehungslagern (und erst recht gegen die “schrecklichen” Zustände im wilden, heidnischen Busch) positionieren möchten, enthalten solche Abgrenzungen vor allem eine Menge Heuchelei, denn zum einen gingen staatliche und kirchliche Maßnahmen von Anfang an oft genug Hand in Hand, und zum anderen sind die seelischen Grausamkeiten, die die Missionare in Form ihrer Dauergehirnwäsche an den Schwarzen verübten, kaum subtiler, in ihren Folgen jedoch ebenso verheerend gewesen wie der physische Zwang und die Gewalt von weltlicher Seite.
“In the end they created a group of people who lost their roots and did not belong, nor were accepted, by either white or black societies.” (Klaassen)
Die Hermannsburger Mission im Outback ist keine Ausnahme, sondern ein prominentes Beispiel unter anderen wie Kahlin Compound oder Moore River und Carrolup in Westaustralien, dem “kleinen Gulag von Internierungslagern”, wie Lindqvist schreibt.Um die Eingeborenenstämme im neulich vermessenen Zentrum des Kontinents zu kontrollieren und die wichtige Telegraphenleitung zu schützen, richtete die Regierung Südaustraliens nach 1872 bei den ausreichend Wasser führenden Alice Springs ein Versorgungslager für Aborigenes ein. Zu dessen Leitung wurde der Hermannsburger Georg Adam Heidenreich aus Thüringen als Superintendent berufen, der 1866 mit der ersten Lieferung deutscher Missionare nach Adelaide gekommen war und eine Pfarrstelle in Bethanien im Barossa Valley angenommen hatte. 1875 stellte er mit seinen frisch aus Hermannsburg nachgekommenen Kollegen Kempe und Schwarz einen großen Viehtreck zusammen und machte sich auf den Weg. Von der aufgegebenen Station am Lake Hope nahmen sie nach längerem Zwischenaufenthalt die Schafe mit (bestimmt zur großen Freude von Heinrich Vogelsang und Frau) und zogen – wegen Wasser- und Futterknappheit in mehreren Abteilungen – langsam weiter nach Norden zum Finke River. Erst im Juni 1877 fanden sie am Fluß einen für ihr Vorhaben geeigneten Ort, an dem sie mit dem Bau der ersten Häuser begannen. Im nächsten Jahr kam Missionar Schulze mit drei Handwerksgehilfen und den Bräuten von Schwarz und Kempe nach. 1879 wurde der Station offiziell der Status als Versorgungslager und Schulort für Aborigenes zuerkannt. Im nächsten Jahr ließ Kempe bereits eine von ihm auf Aranda verfaßte Lesefibel drucken.
“Was die deutschen Missionare am meisten von britischen unterschied, war ihr schlechtes Englisch”, schreibt Regina Ganter von der Griffith University in Brisbane auf der Seite ihres Forschungsprojekt “German Missionaries in Queensland”.
“Und daraus ergab sich, daß sie eher bereit waren, in den Sprachen der Eingeborenen zu predigen und zu unterrichten.” Zumal die Bereitschaft dazu ohnehin bis auf ihren Konfessionsgründer Luther zurückging. 1891 wurde in Hermannsburg ein 150 Seiten starkes Buch mit Bibeltexten, Katechismus, Gebeten und Kirchenliedern auf Aranda gedruckt. Danach aber gab auch Kempe auf, der im selben Jahr seine Frau und einen Sohn verloren hatte. Schwarz war 1889 in den Süden zurückgekehrt (und Heidenreich hatte es vorgezogen, seine Leitungstätigkeit gleich wieder dort auszuüben).
1894 verließ der letzte Hermannsburger die Station und die Immanuel Synode übernahm in Zusammenarbeit mit der Neuendettelsauer Missionsgesellschaft die Station am Finke River. Sie schickte ihren Missionar Carl Strehlow, seit zwei Jahren an der Bethesda-Station in Killalpaninna tätig, und der sture Pommer blieb bis zu seinem Tod 1922.
Sehr schnell lernten er und seine Frau Frieda die Sprache der Aranda, was Strehlow bald in die Lage versetzte, Gillen und Spencer mit wichtigen Einblicken und Beobachtungen zu versorgen. Eins aber teilte er nicht mit Spencer: dessen sozialdarwinistischen Blick auf die angeblich zum Aussterben verurteilten Objekte ihrer Studien. Entsprechend kritisch las er dessen und Gillens Buch und entschloß sich, seine eigenen Beobachtungen zu publizieren. 1907 erschien in Frankfurt der erste Band von Die Aranda- und Loritja-Stämme in Zentral-Australien, in dem etliche Aussagen von Spencer/Gillen kritisch infragegestellt wurden. Sieben weitere Bände sollten bis 1920 noch folgen.
Spencer, die international gerühmte Koryphäe, tat seinerseits alles, um die Kenntnisnahme und Anerkennung von Strehlows Werken zu hintertreiben. In der englischsprachigen Welt gelang ihm das weitgehend; im deutschen Sprachraum und in Frankreich aber fanden Strehlows Werke Beachtung. Sowohl Lévi-Strauss’ Lehrer, der Philosoph und Ethnologe Lucien Lévy-Bruhl (La mentalité primitive, 1922), als auch Elias Canetti stützten sich auf sie.
Spencer hatte die Missionsstation in Hermannsburg als gescheitert schließen lassen wollen, die Strehlows aber verbesserten im Lauf der Jahre die Lebensbedingungen der unter ihnen lebenden Aborigenes, behauptet jedenfalls ihr Enkel John Strehlow in seiner umfangreichen Biografie über die beiden (The tale of Frieda Keysser, 2011)
Im Bericht der Australischen Menschenrechtskommission, Bringing them home, steht anderes zu lesen. Etwa eine Beschreibung der Schlafsäle für die Kinder in der Mission aus dem Jahr 1923:
“One [dormitory], measuring 22 feet by 12 feet is used as a sleeping room for about 25 boys. It has three small barred windows and a small closet at one end. The floor is sanded, and on this the boys sleep with a bluey between each two of them. They are locked in at sundown and released at 8 o'clock in the morning. The other is somewhat larger... The floor of this is also sanded, and on it about 30 girls sleep. The hygienic state of these dungeons during the extremely hot summer nights can better be imagined than described. The sand is renewed once every two weeks, which is quite necessary.”
Als wir Hermannsburg erreichen, bietet es ein genauso trostloses Bild. Zuerst fahren wir an einer Art Township vorbei, verwahrloste, flache Häuser zwischen Büschen und unter Eukalypten geduckt, viele halb ausgeschlachtete Autos in den Gärten, Glasscherben, ausgebaute Motoren, weggeworfene Lappen, alte Reifen; ein Drahtzaun darum herum und ein paar offizielle Schilder daran, die Fotografieren verbieten. Das Ortszentrum besteht aus einer Tankstelle mit angeschlossenem Supermarkt, beide miteinander vergittert, verdrahtet und verrammelt wie ein Sicherheitstrakt. Überwachungskameras an jeder Ecke, Taschenkontrolle am Ausgang, Verbotsschilder für Alkoholverkauf und -konsum. Auch hier sehen uns die Aborigenes, die aus dem Laden kommen oder ihre Pickups betanken, nicht an. Keine ostentative Abwendung, sondern Blicke zur Seite, zu Boden oder ins Unbestimmte irrlichternd, als wären wir gar nicht da. Dabei sind wir außer dem Tankwart die einzigen sichtbaren Weißen und natürlich sofort als Fremde und Touristen kenntlich, und ich bin sicher, daß wir sehr genau observiert werden.Der Tankwart ist ein geduldiger junger Kerl, der seine liebe Mühe damit hat, alles im Blick zu behalten, den Ein- und Ausgang am Laden, die Trauben schwarzer Kinder, die das Süßigkeitenregal umlagern, einkaufende Frauen, die anschreiben lassen wollen, und die Männer, die draußen tanken. Trotzdem erklärt er uns zwischendurch, welche Pisten in der Umgebung befahrbar und welche gesperrt sind, denn auch für den Straßenzustandsbericht hier draußen ist er anscheinend zuständig.
Die ehemalige Mission ist ein ebenfalls eingezäunter, leerer und staubig roter Platz mit ein paar älteren, weiß gekalkten einfachen Steinhäusern, Kirche, Wohnhaus, Schmiede, das älteste Gebäude von 1882. Kein Mensch ist auf dem Missionsgelände zu sehen. Das Ganze wirkt in der stechenden Hitze nicht einmal museal, sondern nur aufgegeben, verlassen.
Schon als Carl Strehlows jüngster Sohn Theo 1974 noch einmal nach Hermannsburg zurückkehrte, wunderte er sich über die Verhältnisse dort. Um diese Zeit hatte man im weißen Australien erstmals begonnen, über die Ansprüche der Aborigenes als traditionelle Besitzer des Landes nachzudenken und in Hermannsburg den Eingeborenen mehr Mitspracherechte bei der Verwaltung der Gemeinde eingeräumt. Doch die nutzten viele von ihnen, um die Gemeinde einfach zu verlassen und ihre traditionelle Lebensweise wieder aufzunehmen. Ted Strehlow staunte nicht schlecht, als ein früher mit ihm eng befreundeter Aborigene, der in der Gemeinde sogar das Amt eines Predigers bekleidete, ihm plötzlich totemistische Verse (tjilpa)vorsang, die seit langem als ausgestorben galten. “The culture, even among Christian converts, had been secretly passed on”, schreibt Barry Hill in seiner Strehlow-Biographie Broken Song. Und so ist das nahezu unbeachtet dastehende Ensemble der Missionarshäuser in Hermannsburg heute weniger ein Denkmal für den Erfolg weißer Missionsbestrebungen als vielmehr eines für das Beharrungsvermögen der Aborigenes im verborgenen Festhalten an ihrer eigenen, uralt überlieferten Kultur.

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der Weißen für Aborigenes
Mit dem Northern Territory Aboriginals Act 1910 wurde das Amt eines Chief protector of Aborigines eingerichtet, der als “legal guardian of every Aboriginal and every half-caste child up to the age of 18 years” die Macht und Befugnis erhielt, jeden Aborigene oder Mischling in ein Reservat oder eine Anstalt für Ureinwohner einweisen zu lassen.
1912 ernannte die Regierung den berühmten Professor Walter Baldwin Spencer zum Chief Protector. Genau jenen englischen Anthropologen, der 1894 mit der Horn-Expedition durch Zentralaustralien gezogen war und anschließend zusammen mit dem de facto Verwalter Zentralaustraliens, Francis Gillen, von den Arrernte oder Aranda eingeladen worden war, ihren Riten beizuwohnen, um der Welt der Weißen ein Bild von ihren Vorstellungen zu vermitteln. Das daraus resultierende Buch Native Tribes of Central Australia (1899) wurde eine Sensation in der gesamten wissenschaftlichen Welt. Nicht nur Durkheim (Die elementaren Formen des religiösen Lebens, 1912) und Freud (Totem und Tabu, 1913) bedienten sich unmittelbar daraus. “It is undoubtedly to Spencer and Gillen that we owe the major part of our knowledge about Australia”, schrieb Bronislaw Malinowski 1913 in seiner Studie The family among the Australian aborigenes (S. 128).
Spencer trug das Buch zunächst den Titel eines Ehrendirektors des australischen Nationalmuseums und die Mitgliedschaft in der Royal Society ein. In seinem Jahr als “Oberster Beschützer” der Aborigenes ordnete er dann im Northern Territory die Errichtung von Erziehungs- und Arbeitslagern für die Ureinwohner an, denen er seine Karriere zu großen Teilen zu verdanken hatte.
“No half-caste children should be allowed to remain in any native camp, but they should all be withdrawn and placed on stations... even though it may seem cruel to separate the mother and child, it is better to do so, when the mother is living, as is usually the case, in a native camp.”
(Zit. nach: Bringing them Home. Report of the National Inquiry into the Separation of Aboriginal and Torres Strait Islander Children from Their Families, April 1997. Daraus auch die folgenden Zitate.)
Besonders der letzte Satz setzt sich in einem fest:
“It has often been said that missions and missionaries, of whatever religion, have done more harm than good among the Aboriginal population of Australia. There is much evidence to support that statement.”

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Landvermesser, Prospektoren und Viehtreiber drangen im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts immer weiter ins Zentrum Australiens vor, und es kam nicht selten zu bewaffneten Zusammenstößen mit – oder zutreffender gesagt: Massakern an den hoffnungslos unterlegenen Ureinwohnern. Bei Moorundie am Murray River knallten Weiße 1839 mal eben dreißig Aborigenes über den Haufen. Der vom südaustralischen Gouverneur darauf zum “Resident Magistrate and Protector of Aborigines on the Murray River” ernannte Grundbesitzer John Eyre hielt in seinem Tagebuch fest:
“the only idea of the men was retaliation, to shoot every native they saw [...] if nothing be done to check it, the whole of the Aborigonal tribes of Australia will be swept away from the face of the earth.”
(Edw. John Eyre: Journals of expeditions of discovery into Central Australia, 1845)

Wie man einen ganzen Erdteil trotz offensichtlich vorhandener Bewohner kurzerhand zur Terra nullius erklärt und dementsprechend zweihundert Jahre lang mit Land und Bewohnern zu verfahren beliebt, läßt sich in groben, aber sehr deutlichen Zügen in Sven Lindqvists gleichnamigem (leider noch nicht auf Deutsch, aber wenigstens auf Englisch erschienenen) Buch aus dem Jahr 2005 nachlesen, das so etwas wie eine Chronik der weißen Verbrechen an den Aborigenes darstellt.
Am Beispiel der Wave Hill-Farm im Northern Territory zeichnet Lindqvist in wenigen Strichen paradigmatisch nach, was im Innern Australiens passiert ist. Die Farm umfaßt Weideland von annähernd 100.000 km². Das ist dreimal so groß wie Belgien. In den 1880er Jahren wurde es dem Aboriginevolk der Gurindji einfach weggenommen. Es war ja offiziell Niemandsland, Terra Nullius. Der Wikipedia-Artikel über den Gurindji strike schreibt zu der brutalen Enteignung:
“Aboriginal groups in this predicament found their waterholes and soakages fenced off or fouled by cattle, which also ate or trampled fragile desert plant life, such as bush tomato. Dingo hunters regularly shot the people's invaluable hunting dogs, and kangaroo, a staple meat, was also routinely shot since it competed with cattle for water and grazing land. Gurindji suffered lethal "reprisals" for any attempt to eat the cattle – anything from a skirmish to a massacre. The last recorded massacre in the area occurred at Coniston in 1928.”

Zu der Zeit befand sich das Land längst im Besitz der Vesteys. Sie hatten sich aus einem Liverpooler Fleischerladen ins britische Oberhaus und zu einem Adelstitel hochverdient. Das Geheimnis ihres Erfolgs hieß Kühlfleisch. Sie kauften Viehfarmen in Südamerika, Neuseeland und Australien und verschifften das Schlachtfleisch tiefgekühlt in Schiffen ihrer firmeneigenen Reederei nach England. Für seine Versorgung Englands mit argentinischem Rindfleisch während des Ersten Weltkriegs wurde William Vestey zum Baron erhoben. Da ihm eine ausnahmsweise Befreiung von der Einkommenssteuer jedoch leider nicht bewilligt wurde, verlegte er den Firmensitz zeitweilig nach Buenos Aires, nach Chicago, dann nach Paris, während die Firma weiterhin den englischen Groß- und Einzelhandel dominierte. Die Vesteys waren frühe global player, deren Imperium 1995 teilweise zusammenbrach, inzwischen aber wieder einen in siebzig Ländern operierenden Privatkonzern, die Vesteys Group, darstellt. Der heutige (3.) Lord Vestey besitzt natürlich ein Londoner Stadthaus im vornehmen Viertel Belgravia, seit 1921 den 24 km² großen Landsitz Stowell Park in Gloucestershire und ein Ferienhaus in Nizza; ein geschätztes Privatvermögen von 650 Millionen Pfund nicht zu vergessen, was seinen präsumptiven Nachfolger William Guy Vestey auf Rang vier einer vom Guardian erstellten Liste der reichsten Erben Englands bringt.

Dieses gewaltige Vermögen rafften die Vesteys u.a. mit brutalster Ausbeutung ihrer Landarbeiter zusammen. Ein Untersuchungsausschuß der Regierung des Northern Territory hielt noch 1930 schriftlich fest, “that they [die Vesteys] had been ... quite ruthless in denying their Aboriginal labour proper access to basic human rights.”
Der Aborigene Billy Bunter Jampijinpa, der damals auf Wave Hill Station lebte, erklärte:
“We were treated just like dogs... We lived in tin humpies you had to crawl in and out on your knees. There was no running water. The food was bad – just flour, tea, sugar and bits of beef like the head or feet of a bullock. The Vesteys mob were hard men. They didn't care about blackfellas.”
Weißen Farmarbeitern wurden dagegen wenigstens der gesetzliche Mindestlohn gezahlt und menschenwürdige Unterkünfte zur Verfügung gestellt. “In der Praxis betrieb man die Fleischproduktion Nordaustraliens mit eingeborener Arbeitskraft, die man mit dem Zugeständnis bezahlte, auf dem Land wohnen bleiben zu dürfen, das man ihr vorher gestohlen hatte”, bringt Lindqvist das System auf den Punkt.1966 begannen die Gurindji einen Streik mit dem ultimativen Ziel, ihr Land zurückzubekommen. Dieser Streik hielt neun Jahre lang an und wuchs zu einer nationalen Angelegenheit, die die Rechtssprechung ganz Australiens zu den Landrechten änderte. 1975 erhielten die Gurindji von Premierminister Whitlam etwas mehr als 3000 km² ihres Landes (also gerade einmal 3% vom Gesamtbesitz der Wave Hill Station) rückübereignet. Anregungen, endlich vernünftige Wohnbedingungen und Sozialleistungen für die schwarzen Arbeiter zu schaffen, lehnte Vesteys ab und investierte stattdessen in Hubschrauber und Road trains. Die Arbeiter wurden entlassen und sind seitdem arbeitslos. So macht man das, wenn die Lohnsklaven nicht spuren, wie seine feine Lordschaft in London oder New York oder Nizza oder auf der Privatjacht das will.

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Am nächsten Tag versuchten wir, wenigstens bis Hermannsburg durchzukommen. Es liegt ja kaum 130 Kilometer von Alice entfernt; ein Katzensprung, und die beiden Zufahrtsstraßen, der Larapinta Drive oder der nördlich davon am Fuß der Macdonnel Range nach Westen führende Namatjira Drive, sind größtenteils asphaltiert, doch ab und zu von einigen rostroten Schotter-und-Staub-Abschnitten mit üblen Schlaglöchern, Waschbrettern oder tief ausgefahrenen Spurrillen unterbrochen. Diese Abschnitte sahen jünger aus als die Asphaltstrecken; als hätte man die Straße an den ausgesetztesten Stellen dem Flugsand aus der Wüste überlassen oder die Asphaltdecke sogar wieder abgerissen. Jedenfalls war es gut, den Allradantrieb zu haben. Der Wagen rollte und rollte, vorbei an überfahrenen Kängurus und winzig kleinen Melonen, die wild gleich neben der Fahrbahn wuchsen. Sie schmeckten noch sehr bitter.
Das lange Fahren durch die gleichförmig karge Landschaft – im Norden das skoliotische Rückgrat der Bergkette, nach Süden eine verstaubt grüne Savanne mit locker stehenden Bäumen und leeren Flecken roter Erde dazwischen – ließ mehr als genug Zeit, sich im Anrollen Paster Harms, den ollen Knasterkopp, vorzustellen, wie er mit der langstieligen Pfeife in der Hand bequem im grünen Hermannsburg an der Örtze, nicht weit von Bergen-Belsen entfernt, auf seinem Ohrensessel saß und schmauchte wie Lehrer Lämpel, während seine von ihm ausgebildeten “Kinder” draußen in der heißen Welt unter auszehrenden Entbehrungen versuchten, den Hottentotten in Afrika und den Kanaken in der Südsee und Australien endlich den rechten Glauben beizubringen und so auch ihre Seelen zu retten.
Der so deutsch klingende Name und der Ort im Outback gehen tatsächlich auf das gleichnamige Hermannsburg in der Lüneburger Heide zurück. Dort gründete der Prediger Ludwig Harms, wenigen noch als der “Erwecker der Heide” bekannt, 1849 ein Missionsseminar. Es sollte vor allem ungebildeten Bauernsöhnen aus der Umgebung in der Nach-‘48er Zeit ein festes, restauratives Weltbild, eine Aufgabe und eine berufliche Perspektive bieten. Bei den eigenen Vorgesetzten in der hannoverschen Landeskirche war Harms seit längerem verpönter pietistischer Neigungen verdächtig. Er selbst verstand sich vor allem als strenggläubiger Lutheraner und politisch als Antidemokrat. So verwahrte er sich strikt gegen jede Art von Mitbestimmung oder gar die 1848 eingeführte Wahl von Kirchenvorständen und sonstigen “demokratischen Kram”. Seine Schüler, die “Kinder”, mußten ihm einen persönlichen Treueid leisten und ihn mit “Vater” anreden. Er unterwarf sie einem strikten Regiment mit einem von morgens bis spätabends streng klösterlich geregelten Tagesablauf. Doch als der erste Jahrgang seiner jungen Missionare vom Konsistorium der Landeskirche examiniert werden sollte, stellten die Prüfer eklatante Wissenslücken besonders auf geistlichem Gebiet fest. In allen anderen Fächern lautete die Note ohnehin: “defectus scientiae”. Pastor Harms focht das nicht an. Er war der Meinung, seine Bauernmissionare sollten mit Axt und Mistforke womöglich besser umgehen können als mit Buch und Feder und schickte sie mit der im Auftrag der Mission gebauten Zweimastbark Candace 1853 zunächst nach Ostafrika. (Ja, sie ist Namengeber und Vorbild für das Schiff, das 1969 mit Missionaren an Bord als Königin Kandace in der Schule der Atheisten Schiffbruch erleidet: "Hier sitz'Ich; hier will Ich fossilisieren." - "Auf einer Reise ist Àlles intressant; sèlbst das UnIntressante".) Der noch im 19. Jahrhundert die ostafrikanische Küste beherrschende Sultan von Maskat und Oman verweigerte den deutschen Missionaren allerdings die Landeerlaubnis, und so fuhren sie zurück nach Südafrika und errichteten in den Bergen von Natal eine erste Missionsstation mit Namen Hermannsburg. Eine zweite wurde 1864 in der indischen Provinz Madras gegründet. Beide standen unter peinlichster Aufsicht des Stammhauses in der Heide und mußten für jede Anschaffung, und sei es nur ein Buch, bei Harms brieflich um Genehmigung nachsuchen.

Im Jahr seines Todes, 1865, erhielt Ludwig Harms einen Brief aus Australien. Dort hatte John McDouall Stuarts erste Durchquerung des Kontinents die Aufmerksamkeit auf das riesige unerschlossene Innere gelenkt und den Missionaren neue Betätigungsfelder zur Bekehrung der unwissend im Heidentum befangenen Schwarzen dort aufgezeigt. Das mildtätige Werk der Heidenmission auf dem Fünften Kontinent sollte in ganz überproportionalem Maß von Deutschen betrieben werden. In den ersten sechzig Jahren der weißen Besiedlung wurde die Hälfte von sechzehn Missionsstationen von Deutschen eingerichtet und unterhalten. Einer der Gründe mag gewesen sein, daß deutsche Staaten zu der Zeit noch keine eigenen Kolonien besaßen, während englische Missionare sich im riesigen britischen Empire angenehmere Posten als im australischen Outback aussuchen konnten. Zudem standen die Protestanten in Preußen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem Druck des Königs, die lutherische und die reformierte Konfession zu einer “unierten” Kirche zusammenzulegen. Nicht wenige Pfarrer und Gemeinden weigerten sich und wollten in jenen Jahren der Massenauswanderungen lieber Deutschland verlassen. Das galt u.a. auch für die altlutherische Gemeinde im brandenburgischen Klemzig (heute Klepsk in Westpolen). Ihr Pastor, August Ludwig Christian Kavel, reiste Anfang 1836 nach Hamburg, um Möglichkeiten eines Exodus’ seiner Gemeinde nach Rußland oder Amerika zu sondieren. Dort hörte er, daß man für die erst zwei Jahre zuvor formell gegründete Kolonie Südaustralien dringend Siedler suchte, und reiste weiter nach London, um George Fife Angas zu treffen, den Vorsitzenden der South Australian Company, die in der Kolonie Land erwarb und an integre Siedler weiterverkaufte. (Die Deportation oder Einreise von Sträflingen nach Südaustralien war, anders als im Rest Australiens, gesetzlich verboten.)
Von November 1838 bis Januar 1839 landeten vier englische Schiffe mit knapp 600 deutschen Emigranten aus Klemzig in Adelaide. 1841 folgten noch einmal 224 Auswanderer. Sie gründeten um Adelaide fünf Dörfer, und die deutsche Gemeinde in Südaustralien gedieh und suchte für die ständig wachsende Zahl ihrer Mitglieder Pastoren bei den diversen Missionsgesellschaften in der alten Heimat, darunter auch in Hermannsburg. Am 27. Juli 1865 schrieb Harms seinem Superintendenten Karl Hohls nach Südafrika, daß Gott ihrer Mission ein neues Einflußfeld eröffnet habe. Im Inneren von “Neu-Holland” seien zahlreiche Eingeborenenvölker entdeckt worden, die als lernfähig gälten. Zwölf lutherische Gemeinden dort hätten ihn dringend ersucht, Missionare für die Heidenmission zu entsenden. (Ludwig Harms: In treuer Liebe und Fürbitte, Gesammelte Briefe von 1830 - 1865, Münster, 2004)
Am 24. August 1866 trafen die ersten fünf Hermannsburger in Adelaide ein, vier Missionare und ein Schmied, der ihnen als Gehilfe zur Hand gehen sollte, Hermann Heinrich Vogelsang aus Osnabrück.
Kein Mitglied der Südaustralischen Missionsgesellschaft hatte das Innere des Landes je mit eigenen Augen gesehen, aber sie beauftragten die beiden neuen Missionare Johann Friedrich Gößling und Ernst Homann, mit Vogelsang und einem weiteren deutschen Laienbruder namens Ernst Jacob am Killalpaninna oder Lake Hope im Lake Eyre-Becken 720 Kilometer nördlich von Adelaide eine Missionsstation für die Eingeborenen zu errichten. In dem Jahr hatte es vergleichsweise viel geregnet, und der See enthielt sogar Wasser. Doch das änderte sich in den folgenden Hitzeperioden. 1871 kehrte Homann händeringend an die Küste zurück, um seine Vorgesetzten von der Unhaltbarkeit der Lage zu überzeugen. Vergeblich. Man schalt ihn einen Kleingläubigen und schickte einen Brunnenbohrer und einen Ersatzmann in die Wüste. Der kapitulierte nach zwei Jahren ebenfalls. Heinrich Vogelsang und seine Frau hielten als letzte aus, doch die Missionstätigkeit am Lake Hope kam 1873 zum Erliegen.
Wir hatten auch so ein Ausnahmejahr erwischt, denn die schwarz verkohlten Baumstämme draußen trugen alle frisches Grün. In einigen flachen Senken standen sie sogar mit den Füßen in bräunlich-violettblau schimmernden Wasseransammlungen. Die Herzogin mußte glatt aussteigen und ein kleines Tänzchen vollführen. (Das darf ich aber im Bild nicht zeigen. Darum hier eins ohne savannengrasbehüpfende Elfe.)

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