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Mittwoch, 30. November 2011
Ein Tempel für die Kunst





Secessionsgebäude, Wien (Architekt: Joseph Maria Olbrich)

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Dienstag, 29. November 2011
Secession in Wien
Wenn man tagelang aus diesem Fin de siècle-Plüsch in Marmor und Gips nicht mehr herauskommt, fängt man langsam an zu begreifen, daß die Absetzbewegung des selbst so plüschigen Klimt dagegen eine programmatische Reduktion und Befreiung darstellen sollte.



“Wenn im alten Rom die Spannung, welche wirtschaftliche Gegensätze stets hervorrufen, einen gewissen Höhepunkt erreicht hatte, dann geschah es wiederholt, dass der eine Theil des Volkes hinauszog auf den Mons sacer, auf den Aventin oder das Janiculum, mit der Drohung, er werde dort im Angesichte der alten Mutterstadt und den ehrwürdigen Stadtvätern gerade vor der Nase ein zweites Rom gründen, falls man seine Wünsche nicht erfülle. Das nannte man Secessio plebis. Die ehrwürdigen Stadtväter waren gescheite Leute, sie schickten dann einen biederen Vermittler zu den Secessionisten, versprachen viel und hielten wenig – und die Secessio plebis war beendet.
Wenn aber eine grosse Gefahr dem Vaterlande drohte, dann weihte das gesammte Volk alles Lebende, das der nächste Frühling brachte, den Göttern als heilige Frühlingsspende – VER SACRUM, und wenn die im heiligen Frühling Geborenen herangewachsen waren, dann zog die jugendliche Schar, selbst ein heiliger Frühling, hinaus aus der alten Heimatstätte in die Fremde, ein neues Gemeinwesen zu gründen aus eigener Kraft, mit eigenen Zielen.
Und weil die Künstlerschar, welche sich freiwillig losgelöst hat aus alten Beziehungen, eine neue selbständige Künstlervereinigung in Wien zu gründen, nicht darum aus dem alten Verbande geschieden ist, weil sie irgendwelche wirtschaftliche Begünstigungen anzustreben hätte [...] oder um sich durch einen modernen Menenius Agrippa hinterdrein wieder beschwatzen zu lassen, hat sie auch nicht durch den Namen „Secession" an die Ursachen, Ziele und den Ausgang der alten Secessiones plebis erinnern wollen.
Weil sie vielmehr nicht ihre persönlichen Interessen, sondern die heilige Sache der Kunst selbst für gefährdet erachtet hat und in weihevoller Begeisterung für diese jedes Opfer auf sich zu nehmen bereit war und bereit ist, und nichts will, als aus eigener Kraft ihre eigenen Ziele erreichen, darum hat sie sich unter das Zeichen des
VER SACRUM gestellt. Der Geist der Jugend, der den Frühling durchweht, er hat sie zusammengeführt.”

(Max Burckhard, Ver Sacrum, 1. Jahrg., 1. Heft, Januar 1898)



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Sonntag, 27. November 2011
Wiener Dachzier oder Die hatten doch 'nen Sparren locker!



Überall stehen diese Püppchen herum, falten pummelige Putten andächtig die Patschehändchen oder stützen Atlanten vorkragende Simse, keulen Herakliden barbarisch unschuldige Frauen, wölben Sphinxe dralle Brüste, aber keusche Hinterteile, drehen sich verspielte Nymphen, Schäferinnen rokokös, in Parks und mit Vorliebe auf den Dächern.
Fehlt eigentlich nur noch, daß sie sich zu Klängen von Strauß & Sohn auf André Rieus Geige im Dreivierteltakt drehen.





Auf dem Dach des Parlaments (wer denkt da nicht an Numminen?) geben sie sich auf einmal griechisch-römisch, ringen aber nicht miteinander, sondern stehen gravitätisch neo-klassizistisch aufgereiht oder jagen in Quadrigen flüchtig und mit Flügeln dahin. Draußen vor dem Parlament steht eine vier Meter hohe, von wilden Triebpferden gebissene Pallas Athene, die dann ihrerseits nochmal so ein goldenes Flügelpüppchen in der Hand halten muß, das eine Jahresendzeitsbrauchtumsfigur sein könnte, aber wohl doch eher eine Nike, besser ein Nikchen, Siegchen, darstellen soll und murmelt: “Klug samma net, tapfa samma nett, aber fesch samma.”




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Freitag, 25. November 2011
Schwulst-und-Schnörkel-Wien


Was auf die Schweiz und ihren Zumthor-Minimalismus folgt, ist die Antiklimax:
Wien.

Um Himmels Willen! Gegen das, was die kuk-Habsburger da in der Innenstadt belle-epochisiert haben, ist ja der Petersdom stilvoll und bescheiden. Amerikanische Touristen mögen meinetwegen die überall sich breit machenden Christkindlsmärkte “cude” finden und neureiche Russen die Swarovski-Läden plündern, ich stehe auf Seiten aller, die sezessionierten, von Bernhard bis Handke:
“Das Fette, an dem ich würge: Österreich”, heißt es gleich zu Beginn im Gewicht der Welt. Und auch mir sträuben sich angesichts der Überwältigungsarchitektur rund um die Hofburg widerborstig die Nackenhaare.
“Das ist doch scheußlich!”, ruft selbst der Schauspieler, der seit 35 Jahren fest “an der Burg” spielt. Ja, das ist es und zeigt einmal mehr, daß Macht und Geld auf der einen und Geschmack auf der anderen Seite Kategorien sind, die notwendig nichts, gar nichts miteinander zu tun haben. Aber zu viel aufschnaubenden Widerwillen brauche ich hier auch nicht in mir hochkommen zu lassen. Das Ganze Brimborium ist historisch passé, mausetot, ebenso erledigt und abgeschafft wie die kuk-Monarchie selbst. (Mehr ärgert mich, daß man in Berlin keine bessere Idee hat, als ähnlichen Schwulst der Hohenzollern wieder aufzubauen.) Manches ist auch einfach zu blöd und albern, um sich drüber aufzuregen. Von den Feigenblatträgern vor dem Tempel im Volksgarten über die billig gemachten Najaden in den Springbrunnen von Belvedere bis zur psychedelischen Lightshow im Stephansdom!














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Montag, 21. November 2011
Abend im Valser Tal
Dunkel wird es oben im Valser Tal von unten. Aus der Rheinschlucht und dann vom Talgrund kriecht die Dunkelheit feucht herauf, schiebt sich allmählich die Hänge hinauf und läßt sie in Dunkel ertrinken. Gerade als auch der Himmel endlich tief tintenblau ist, geht oben der Wolkenvorhang auf und der Mond an.
Was habe denn ich eigentlich am Montauk-Wochenende im Mai 1974 gemacht? Ich weiß es noch gut. Im Kern war es gar nicht so verschieden von dem Frischs. “Plötzlich hilft keine Lektüre gegen dieses Gedächtnis der Haut”, schrieb er, und so ist es auch bei mir. Aber auch darin stimmen wir überein: “Er will keine Memoiren. Er will den Augenblick.” - Dein Pech, Leser, es folgen jetzt keine Erinnerungen an eine schöne frühe Verliebtheit. Ihr Gegenstück magst Du in Montauk lesen. “Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser, und was verschweigt es und warum?” Die wirklichen Erinnerungen der Haut vertraut man eben nicht der Öffentlichkeit an.

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Donnerstag, 17. November 2011
Im Wasserreich des Steins


Es ist nicht die berüchtigte Via Mala, die keine zwanzig Kilometer weiter östlich die Schlucht des Hinterrheins hinaufsteigt, aber auch die Poststraße, die sich bei Ilanz vom Vorderrhein durch die Schlucht des Valser Rheins windet, führt hinauf ins Reich der Steine. Im Valsergebirge lagern Mineralien wie Rauchquarz, Hämatit, Amethyst, Granat und Turmalin. Das Vorherrschende aber ist grüner Gneis, oben in Vals zum Decken der Hausdächer zwingend vorgeschrieben. Das macht sich ganz rustikal und allemal besser als die hochglanzglasierten Dachpfannen, die neuerdings immer mehr deutsche Dächer verunzieren, aber dann gehen einem in Vals über der ganzen Almhüttennostalgie die Augen über. Moderner, minimalistischer, monolithischer geht’s kaum: die THERME VALS, Mitte der neunziger Jahre vom Graubündner Architekten Peter Zumthor erbaut.
Der gleiche Stein, 3000 Kubikmeter aus einem nahen Steinbruch, auf alle erdenkliche Weise bearbeitet; gebrochen, geschnitten, gesägt, gesprengt, gespalten, geschichtet, glatt, poliert, rauh. Darin Rohre aus matt schimmerndem Messing wie Erzadern. Stein, Fels, Wasser, Licht. Mehr nicht.





"Räume mögen ihre Existenz einer Idee verdanken, aber am Schluss bestehen sie aus Stoff, aus Material, das häufig keiner Idee gehorcht, sondern zu seinem Recht kommen will."
(Peter Zumthor)


Kulturplatz vom 14.04.2009

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Sonntag, 13. November 2011



Berge über dem Valser Rhein

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