Wer arm ist, hat weniger lange zu leben.
Gegen den allgemeinen Trend ist die Lebenserwartung von Arbeitern mit geringem Einkommen in Deutschland im letzten Jahrzehnt erstmals gesunken. 2001 lag sie noch bei 77,5 Jahren, im Jahr 2010 aber nur noch bei 75,5 Jahren. In den östlichen Bundesländern sank die durchschnittliche Lebenserwartung von Geringverdienern sogar von 77,9 auf 74,1 Jahre.
Im Bundesdurchschnitt kostet die Verschlechterung seiner Lebensbedingungen einen Menschen mit geringem Einkommen zwei Jahre seines Lebens.
(So die Auskunft der Regierung auf eine große Anfrage der Fraktion der Linken im Bundestag, berichten FTD, Süddeutsche und andere Zeitungen.)

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Auf den Bodenbarock und das ganze Auf und Ab in den Alpenländern folgen ein paar ruhige Tage in Hamburg. Ich nutze sie u.a., um ein bißchen Zeitungslektüre nachzuholen, und finde besonders interessant einige Artikel, die einmal mehr der umtriebige und gut informierte Don Alphons in seinem Blog verlinkt hat.
Einer stammt von dem amerikanischen Wirtschaftsprofessor Michael Hudson und stand letzten Samstag (3.12.11) in dem bekannt antikapitalistischen Kampfblatt Frankfurter Allgemeine Zeitung unter der Schlagzeile zu lesen:
Hudsons sehr amerikanische Empfehlung zur Lösung der Euro-Krise darf man gern skeptisch sehen; spannend ist es aber doch, die eigenen laienhaften Eindrücke und -schätzungen aus so berufenem Mund aufs Krasseste bestätigt zu sehen. Hudson scheut sich nicht, für die Beschreibung der Lage ebenso deutliche wie längst tabuisierte Begriffe wie “Krieg” und “Klassenkampf” in den Mund zu nehmen. Seine Analyse der akuten Lage beginnt natürlich in Griechenland:
“Die EZB verlangt den Verkauf von Staatsbesitz - Land, Wasser, Häfen - sowie eine Kürzung von Renten und anderen Sozialleistungen. Die „untersten 99 Prozent“ sind verständlicherweise empört, wenn sie hören, dass die Spitzenverdiener 45 Milliarden Euro allein in Schweizer Banken geparkt haben sollen und damit weitgehend für das Haushaltsdefizit verantwortlich sind [...]
Wenn die Troika aus EZB, Europäischer Union und IWF verkündet, dass die Bevölkerung aufkommen müsse für das, was die Reichen sich nehmen, stehlen, am Finanzamt vorbeischleusen, so ist das keine politisch neutrale Haltung. Hier wird unfair erlangter Reichtum privilegiert. Ein demokratisches Fiskalregime würde progressive Steuern auf Einkommen und Grundbesitz erheben und Steuerflucht ahnden. Doch die „Troika“ schreibt eine regressive Besteuerung vor, die nur durchzusetzen ist, wenn die Regierung in die Hände nicht gewählter „Technokraten“ gelegt wird. Die Bezeichnung „Technokraten“ für die Administratoren einer derart undemokratischen Politik ist ein zynischer Euphemismus für Finanzlobbyisten oder Finanzbürokraten, die im Namen ihrer Auftraggeber als nützliche Idioten fungieren [...]
Aus Sicht des Finanzsektors besteht die „Lösung“ der Eurokrise darin, die Errungenschaften der Reformer im letzten Jahrhundert rückgängig zu machen. Das Bankensystem sollte der Wirtschaft dienen und nicht umgekehrt. Doch nun ist der Finanzsektor zu einer neuen Form der Kriegsführung angetreten [...] Wer sich vorgenommen hat, Einsparungen durchzusetzen, Sozialleistungen zu kürzen, Staatseigentum zu privatisieren, den Arbeitsmarkt zu liberalisieren, Löhne und Renten zu kürzen und Einschränkungen im Gesundheitswesen durchzusetzen, muss den Leuten sagen, dass es keine Alternative gibt. Die Wirtschaft, so heißt es, werde ohne profitablen Bankensektor (wie räuberisch auch immer) einbrechen, da Verluste der Banken bei faulen Krediten und Risikogeschäften das gesamte Finanzsystem zum Einsturz bringen. Da hilft keine staatliche Aufsicht, keine bessere Fiskalpolitik, man muss die Kontrolle vielmehr den Lobbyisten überlassen, damit die nicht mit ihren angehäuften finanziellen Forderungen im Regen stehen [...]
Natürlich gibt es eine Alternative. Es ist das, was die europäische Zivilisation - seit dem Mittelalter über die Aufklärung und die Hochzeit der klassischen politischen Ökonomie - zu schaffen bestrebt war: eine Wirtschaft ohne Einkommen aus Vermögen, frei von Sonderinteressen und Privilegien zur Erzielung von „Renten“ [...]
Privatisierung führt nicht zu mehr Preisstabilität (die angebliche Priorität der EZB), sondern zu Preiserhöhungen in der Infrastruktur, auf dem Wohnungsmarkt und bei anderen Lebenshaltungskosten und im Geschäftsleben, insofern Zinsen und andere Kosten - sowie deutlich höhere Managergehälter - umgelegt werden [...]
Seit den sechziger Jahren sind Haushaltskrisen eine gute Gelegenheit für Banken und Investoren, Kontrolle über die Fiskalpolitik zu erlangen - die Steuerlast wird auf die Arbeitnehmer abgewälzt, und die Sozialausgaben werden gekürzt, alles zum Vorteil ausländischer Investoren und der Finanzwirtschaft. Eine Schuldenkrise ermöglicht es der lokalen Finanzelite und ausländischen Banken, den Rest der Gesellschaft zu verschulden, indem sie ihr Kreditprivileg nutzen, um sich Vermögen anzueignen und die Bevölkerung in Schulden-abhängigkeit zu bringen [...] Damit diese verwegene Strategie Erfolg hat, müssen die politischen und legislativen Prozesse, die das verhindern könnten, aufgehoben werden. Politische Panik und Anarchie erzeugen ein Vakuum, in das Finanzhaie rasch eindringen und ihre eigenen Lösungen als alternativlos präsentieren [...]
Banken wollen ihr Privileg der Kreditvergabe nutzen, um an der Finanzierung staatlicher Defizite Geld zu verdienen. Sie haben also ein eigenes Interesse daran, die Option einer Monetarisierung des Haushaltsdefizits zu begrenzen. Zu diesem Zweck fahren Banken massive Attacken gegen Staatsausgaben und gegen den Staat überhaupt – der als Einziger die Macht hat, sie in die Schranken zu weisen oder alternative Finanzoptionen anzubieten [...]
Wenn der Euro kollabiert, dann deswegen, weil verschuldete Staaten der Eurozone Geld bezahlen müssen, das sie sich borgen müssen und nicht durch die Notenbank beschaffen können... Also müssen sich die Staaten Geld von Geschäftsbanken leihen. Das bietet den Banken die Gelegenheit, eine Krise zu schaffen – einzelnen Staaten mit Rauswurf aus der Eurozone zu drohen, wenn sie nicht die Bedingungen des neuen Klassenkampfs der Banken gegen die Beschäftigten akzeptieren.
Was wir heute sehen, ist eine Art Krieg. Es handelt sich im Grunde um einen Finanzkrieg, aber die Ziele sind die gleichen wie bei militärischen Eroberungen – zuerst Land und Bodenschätze, dann die öffentliche Infrastruktur, deren Nutzung kostenpflichtig gemacht wird, und schließlich andere staatliche Unternehmen oder Vermögenswerte [...]
Die staatliche Politik wird in die Hände supranationaler Finanzagenturen gelegt, die im Auftrag der Banken agieren – und im Interesse der obersten Schicht der einheimischen Bevölkerung. Wenn Schulden nicht zurückbezahlt oder umgeschichtet werden können, kommt die Zeit der Zwangsvollstreckung. Regierungen müssen mit dem Erlös aus Privatisierungen Gläubiger befriedigen. Privatisierung ist nicht nur ein Bereicherungsinstrument, es geht auch darum, Staatsbedienstete durch Arbeiter zu ersetzen, die gewerkschaftlich nicht organisiert, schlechter versichert sind und kaum Mitspracherecht haben. Der alte Klassenkampf ist also wieder da [...]
Wirtschaftskrisen verstärken Arbeitslosigkeit, und die wiederum schwächt die Position der Beschäftigten. Die Hochfinanz reibt sich die Hände, während die arbeitende Bevölkerung auf Ersparnisse verzichten und Rentenkürzungen hinnehmen muss. Die Großen fressen die Kleinen. Das ist es, was sich die Finanzbranche offenbar unter guter Wirtschaftsplanung vorstellt. ”

Zwei erhellende Beispiele dafür, wohin diese “Wirtschaftsplanung” führt, lassen sich in Counterpunch und im Blog der Financial Times nachlesen: How Germany is paying for the Eurozone crisis anyway
Kernaussagen:
Der unter dem Dach der EZB etablierte Zahlungsverbund der europäischen nationalen Notenbanken (“Target2") sieht vor, daß die Gewinne, die nationale Notenbanken in einem Land machen, denen in europäischen Ländern zur Verfügung gestellt werden, die Defizite finanzieren müssen.
Die Zahl der letzteren überwiegt spätestens seit Ausbruch der derzeitigen Finanzkrise 2008 bei weitem die der Guthaben verwaltenden Notenbanken. Eine einzige von ihnen, so FT, ist mittlerweile der Schlüsselversorger für das gesamte Eurosystem geworden, die deutsche Bundesbank. Wie eine neue Untersuchung jetzt zeigt, haben die nationalen Notenbanken der PIIGS-Staaten ihre Kreditvergabe in ihren Ländern seit Anfang 2008 um annähernd 300 Milliarden Euro erhöht. Im gleichen Zeitraum hat die Bundesbank mehr als dieselbe Summe innerhalb des Euro-Systems Target2 diesen anderen Notenbanken geliehen und sind dadurch ihre eigenen Vermögensanlagen auf den tiefsten Stand ihrer Geschichte gesunken, von 268 Mrd. € Ende 2007 auf heute noch 21 Mrd. €. Es geht ihr also selbst das Geld aus. Mittlerweile stehe sie vor der Tatsache, “that the Bundesbank will soon exhaust the stock of securities that it can sell to fund further loans to the Eurosystem. At that point, the Bundesbank could sell its gold or increase the deposits it takes from the private sector.” Letzteres hat sie bereits getan, Ersteres zu tun, weigert sie sich noch.
Und jetzt die brisante Schlußfolgerung aus all dem, die im Kern den Zusammenbruch des Euro-Systems prophezeit:
“Before long, however, the Bundesbank’s stock of domestic assets is going to hit zero, and it is highly unlikely that it will agree to sell its gold or borrow more in private capital markets. At that point, the Bundesbank will not be able to lend more funds to the Eurozone TARGET mechanism. As a result we are heading towards the multiple equilibria zone in which beliefs of a breakdown of the Eurozone are self-fulfilling. In such a situation, market participants may transfer funds from financial institutions in fiscally weak countries to other ‘safe’ countries like Germany. If a critical mass of agents were to engage in such capital flight away from fiscally weak countries, the TARGET system would be overwhelmed. In principle, a speculative attack could occur within a day, and the ECB would have to assume all of the marketable securities from countries that suffer the speculative attack. Since the ECB has a relatively small capital base, it would not be able to purchase a large amount of assets from countries that suffer the attack.”
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Nach der Abreise aus Wien notiere ich mir unterwegs zum Beispiel:
• Die Frau im Flugzeugsitz neben mir hat ihre Haare in genau demselben Blond gefärbt, in dem sich wohl auch der reife Weizen in ihrer ukrainischen Heimat wiegen wird.
• Später im Zug: in der Wetterau Nebelrauch über schnurgeraden Ackerfurchen. Einmal ein Zaun, der Draht dick in weißen Reif gehüllt. Anhalten wollen; verweilen.
• Die ältere Frau: beige Rentnerschuhe, dunkle Karohose, beige, wattierte Steppjacke, Goldrandbrille vor farblosen Augen, blasse, schlaffe Gesichtshaut, Dauerwelle. Wie wird man zu einem so ausdruckslosen Wesen? Gab es Ereignisse in diesem Leben? Kaum vorstellbar. Und wenn doch, wovon ist diese Frau zurückgetreten, wovon hat sie Abstand genommen, welchen Verzicht hat es ihr abverlangt? Wozu? Aus Bescheidenheit? Um Ruhe und ihren Frieden zu haben? Nichts dergleichen verrät dieses spurenlos leere Gesicht. Vielleicht doch ein Leben, von Friseurterminen interpunktiert?
Dagegen Handke in seinem letzten Interview mit dem in diesem Jahr verstorbenen André Müller:
“Man soll in dem, was ich schreibe, das Dasein spüren, das Leben und den Tod, die Vergänglichkeit und die Unvergänglichkeit. Je schöner und tiefer und wahrer etwas ist, desto schmerzhafter ist es. Es tut doch weh, zu wissen, daß wir sterben müssen, daß wir eines Tages nicht mehr lesen können oder lieben oder Pilze suchen [...] Ein Künstler ist nur dann ein exemplarischer Mensch, wenn man an seinen Werken erkennen kann, wie das Leben verläuft. Er muß durch drei, vier, zeitweise qualvolle Verwandlungen gehen. An Goethe kann man das gut studieren. An Grass kann man überhaupt nichts studieren.”
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“Rette dich nicht ins Denken – das Betrachten ist schwieriger” (P.Handke)
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Beschlossen wurde es schon im Februar ‘45, noch vor der Entscheidungsschlacht um die Stadt, die 17.000 Rotarmisten das Leben kosten sollte. Zu ihrem Gedenken wurde das “Heldendenkmal der Roten Armee” bald nach Kriegsende und kurzer Bauzeit schon im August 1945 enthüllt.

Beim Abzug der alliierten Truppen zehn Jahre später verpflichtete sich Österreich in dem damals mit allen vier Besatzungsmächten geschlossenen “Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich” u.a., “Denkmäler, die dem militärischen Ruhm der Armeen gewidmet sind, die auf österreichischem Staatsgebiet gegen Hitler-Deutschland gekämpft haben... zu achten, zu schützen und zu erhalten”.
Dieser Verpflichtung kommt Österreich am Wiener Schwarzenbergplatz bis heute mit viel Polierpaste nach.
Die Nachbarschaft ist natürlich rein zufällig.

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Auf einer solchen Reise landet man ja in den absonderlichsten Etablissements. In Wien scheint es ebensowenig ohne Titel wie ohne anderweitiges Blattgold zu gehen.
Das Zimmer um dieses Staatsbett herum eng und dunkel, tief in den Eingeweiden eines großen, als nobel geltenden Hotels in der Josephstadt vergraben. Das einzige, kleine Fenster geht auf einen düsteren Lichtschacht, an dessen Grund ich hier untergebracht wurde. Als ich das Zimmer so bald wie möglich verlasse und durch teppichverkleidete Gänge ins Freie komme, bin ich völlig entgeistert, daß draußen hell die Sonne scheint. Das Zimmer werde ich erst in tiefster Dunkelheit wieder aufsuchen wie eine unumgängliche Schlafhöhle.

Wenn ich mir manche Leute so anschaue, kommen mir aus der Reiselektüre schon eigenartige Wiengedanken:
• “Die Leute anschauend der Gedanke: Die leben noch vor der Katastrophe”
• “Wenn ich die Banalität der Geschichten sehe und höre, die ringsum alle, jedenfalls dem ersten Anschein ihrer Sprache und ihrer Gesten nach, erlebt haben, verstehe ich kurz, wie einer Politiker werden kann – weil er wenigstens seine eigene Person vor dieser sprachlosen Gleichförmigkeit der Privatgeschichten retten will”
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Wenn ich, abgesehen von den gefälligen Formen, eins am Jugendstil mag, dann ist es seine wenig elitäre Art, sich auch mit den Gegenständen des Alltags handgemein zu machen.
Von Henri van de Velde wird kolportiert, daß er eine „psychische Allergie gegen das trostlose Aussehen der Alltagsgegenstände" gehabt habe. Wie kann ich ihm das nachfühlen!

Das 1901 mit Jugendstilelementen erneuerte Glas- oder Palmenhaus im Burggarten der Wiener Hofburg ist ein schöner Ort, wo ich mich gern niederließ, um in den letzten noch etwas wärmenden Sonnenstrahlen vor dem Winter in Gesellschaft das zu trinken, was die Wiener einen "Einspänner" nennen. Die übrigen Gäste fuhren überwiegend zweispännig.



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