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Donnerstag, 10. November 2011
Föhn in Graubünden
Noch immer unterwegs, weiter nach Süden, dem Alpenhauptkamm zu. Durch die Täler weht uns Föhn entgegen. An einigen Orten ist es 20° warm, im November.
In Graubünden ist die Erde, die Ackerkrume der gepflügten Felder wirklich grau mit einem Stich ins Grüne. Der noch unverwitterte Fels in den Berghängen könnte grüngrauer, schiefriger Gneis sein, unter hohem Druck tief im Erdinnern gehärtetes Urgestein, durch die Auffaltung der Alpen nach oben gepreßt. Naß wirkt er sehr dunkel. Umso heller leuchten davor die goldgelben Fackeln der Lärchen im schütteren Herbstkleid. Schöne Herbstbäume, auch wenn aller goldenen Farbpracht zum Trotz fast immer eine melancholische Stimmung von Vergänglichkeit von ihnen ausgeht.
Von Chur fahren wir in die Rheinschlucht des Vorderrheins. So nah bin ich gebürtiger Rheinländer den Quellen des großen Stroms noch nie gekommen, der hier als noch gletschergrüner Gebirgsfluß in einer imposanten Schlucht fließt, im hiesigen Rätoromanischen Ruinaulta geheißen. Darüber vielleicht später mehr, wenn Zeit ist. Wäre schön, ins Oberengadin und nach Sils-Maria fahren zu können, aber dazu reicht die Zeit wohl nicht.


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Mittwoch, 9. November 2011
Vornehme Diskretion in Zug

Tiefer hinein in die Innerschweiz. Tief wie der Zuger See ist in Stadt und Kanton die Verschwiegenheit, die Diskretion. 25.000 Einwohner und 12.000 eingetragene Firmensitze – das sagt dennoch einiges. Auffällig viele Ölgesellschaften wie BP und Transocean (Stichwort “Deepwater Horizon”) sind neben Tausenden Briefkastenfirmen darunter, aber auch Boris Becker & Co. und die Infront Sports & Media, ehemals KirchSport AG, geleitet von einem Neffen von FIFA-Chef und “Saubermann” Sepp Blatter und Günter Netzer.
Groß geprotzt wird in dem schmucken Städtchen am Zuger See, dessen historische Altstadt innerhalb der Mauern aus zwei Straßenzügen besteht (eine dritte Gasse mit 26 Häusern ist 1435 im See versunken), allerdings nicht, und so kann man kaum ahnen, daß die Steueroase Zug tief im Schweizer Mittelland und weiter als 300 km von der nächsten Hafenstadt entfernt der zweit- oder drittgrößte Handelsplatz für Ölgeschäfte weltweit ist. Da kann man den paar einheimischen Bürgern schon mal ein kleines Afrikamuseum oder eines für Fischerei spendieren. Das Zuger Kunsthaus ist hingegen voll und ganz aus Leihgaben und Schenkungen alteingesessener Sammler ein nicht unbedeutendes Museum geworden. Es enthält die bedeutendste Kollektion zur Wiener Moderne außerhalb Wiens und veranstaltet auch immer wieder Ausstellungen mit international höchst renommierten Künstlern wie Olafur Eliasson oder Kandinsky und Schönberg.
Gegen neu zugezogene Mitarbeiter der zahlreichen Firmen und Niederlassungen schirmen sich die Alteingesessenen sorgsam ab. Neben oder besser über der Einwohnergemeinde (Kommune) besteht eine Bürgergemeinde, der u.a. die Erteilung des Gemeindebürgerrechts zusteht. Noch erlauchter ist ein innerer Zirkel alteingesessener Familien, der in der Korporationsgemeinde zusammengeschlossen ist und besonders aus den Grundbesitzern in Stadt und Umland besteht. Zwar beklagen die Zuger, daß die neu Zugezogenen kaum Anteil am kommunalen Leben in der Stadt nähmen und sich in ihrer Freizeit stets nach Zürich orientierten, aber ich bezweifle, daß man innerhalb einer Generation überhaupt akzeptierter Zuger Bürger werden kann.

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Dienstag, 8. November 2011
Zürich, Novemberlicht



Noch einmal in die Schweiz, noch einmal Zürich, herbstlich diesmal, Novembernebel. Die Seefläche fast ein Spiegel, jeder Schwan verdoppelt. Die Badeanstalten auf dem Wasser winterfest verschlossen, leise schwappt es dunkel um die Planken. Der Garten des Café de la Terrasse am Bellevue leer, Gartenstühle und Tische auch aus den Innenhöfen hinter der Bahnhofstrasse verschwunden. Die Stadt hat sich nach drinnen geräumt, erwartet den Winter.

Auch wenn es die “Samstagsgesellschaft” nicht mehr gibt, lese ich Max Frisch. Montauk diesmal. Ich finde, diese Erzählung wie ein Tagebuch eignet sich ganz besonders für die Lektüre in einem Hotelzimmer. Gedanken eines trotz recht junger Geliebten imgrunde recht einsamen alten Mannes (“Er ist nicht verliebt. Er freut sich.”), der der Öffentlichkeit gern etwas vorlügt: “Leben ist langweilig, ich mache Erfahrungen nur noch, wenn ich schreibe.”
Persönlich und distanziert zugleich, intim und sich gleichwohl nicht ausliefernd. Entspricht es nicht der Situation in Hotels? Mit gänzlich Fremden Wand an dünner Wand und einander doch fremd bleibend. So auch die Situation des Lesers gegenüber dem Erzähler in Montauk. Man erfährt Dinge, die man vielleicht gar nicht wissen möchte, zugleich behält er sich vor, nicht alles und nicht einmal Authentisches über sich preiszugeben: “Ich spiele meine Rolle.”
Wieder ein Spiel mit Identität wie schon im Stiller: “Ich bin nicht Stiller.”
Nachdem das sommerliche, fast mediterrane Flair dem trüben, allseits die Stadt umlagernden Novemberdunst gewichen ist, finden im Nebel Stillers Worte über Zürich und die Schweiz mehr Widerhall als im goldenen Oktoberlicht:

“Meine Zelle ist klein wie alles in diesem Land, sauber, so daß man kaum atmen kann vor Hygiene, und beklemmend gerade dadurch, daß alles recht, angemessen und genügend ist. Nicht weniger und nicht mehr! Alles in diesem Land hat eine beklemmende Hinlänglichkeit. – Ein humanes Gefängnis, man kann nichts dagegen sagen, und darin liegt die Gemeinheit... Man ist nicht unmenschlich. Nur, versteht sich, Ordnung muß sein, auch ein gewisser Ernst. Schließlich sind wir in einem Untersuchungsgefängnis.”
“Ich ersuche Sie in Ihrem eigenen Interesse, jede Kritik an unserem Land fortan zu unterlassen”, sagt der Schweizer Verteidiger. “Man ist hier sehr empfindlich.”

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Mittwoch, 2. November 2011
Laßt die Griechen abstimmen!


Im Ernst, was geht in EU-Europa eigentlich gerade vor sich? Da wagt es ein Regierungschef, in einer für sein Volk zukunftsentscheidenden Frage eben dieses Volk befragen zu wollen... - und die EU-Oberhäupter berufen einen Krisengipfel ein.
Das allein sagt doch genug über Stand und Wertschätzung von Demokratie in dieser Europäischen Union.
Ich glaube, ich bin wirklich nicht allzu oft mit Herrn Schirrmacher von der FAZ einer Meinung, aber ich danke ihm für seinen Beitrag Demokratie ist Ramsch in der heutigen Ausgabe der Zeitung.

"Dass der griechische Ministerpräsident die Schicksalsfrage seines Volkes diesem selben Volk vorlegt. Darauf reagieren der angeblich vorbildlich sparsame Bundesbürger und seine Politiker mit Panik - aber nur deshalb, weil die Finanzmärkte mit Panik reagieren. Sie alle haben sich zu Gefangenen der Vorwegnahme von Erwartungen gemacht, die an den Finanzmärkten gehegt werden... Sieht man denn nicht, dass wir jetzt Ratingagenturen, Analysten oder irgendwelchen Bankenverbänden die Bewertung demokratischer Prozesse überlassen? Sie alle wurden in den letzten 24 Stunden befragt und bestürmt, als hätten sie irgendwas dazu zu sagen, dass die Griechen über ihre Zukunft selbst abstimmen wollen", ruft Schirrmacher und berichtet, daß in britischen Blättern wie dem Telegraph und dem amerikanischen Finanzmagazin Forbes, noch in die Form von Witzen gekleidet, schon nach einem neuerlichen Putsch und einer Militärjunta für Griechenland gerufen werde!

"Only half in jest is it sometimes said that a better use for Germany’s money than pouring it down the drain of further bail-outs would be to sponsor a Greek military coup and solve the problem that way" (Telegraph, 25.10.2011)

„Dieser Witz ist deshalb so traurig und bitter, weil - wenn wir das kleine Problem ignorieren, dass Griechenland dann eine Militärdiktatur wäre - er in Wahrheit eine gute Lösung für Griechenland zeigt“, stand letzte Woche in Forbes zu lesen, aber es war natürlich nicht so gemeint, versichert Autor Worstall (nomen est omen?) in einer Nachschrift.
So platt es auch klingt, aber wenn Kapital und Finanzwirtschaft die Bedingungen bedroht sieht, unter denen sie ungestört Profite einstreichen können, rufen sie nach dem Militär und Diktatur.
"Die angebliche Rationalität finanzökonomischer Prozesse hat dem atavistischen Unterbewussten zum Durchbruch verholfen. Dass man ganze Länder als faul und betrügerisch beschimpfen konnte, schien mit der Ära des Nationalismus untergegangen und vorbei. Jetzt ist dieses Gebaren wieder da", stellt Schirrmacher in deutlicher Anspielung auf das Heraufdämmern des Faschismus fest und fordert, "in dieser neuen Lage müsste Europa alles tun, um die Griechen davon zu überzeugen, warum der Weg, den es zeigt, der richtige ist."

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Dienstag, 1. November 2011



Nur kurz zu Hause, um nach dem Rechten zu sehen und Wäsche zu wechseln. Am Strand nicht viel los; lediglich ein paar Griechen wollten unter dräuenden Unwetterwolken unbedingt ein bißchen Bungeejumpen.

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Sonntag, 30. Oktober 2011
"Es fährt ein Zug..."


Während ich im ICE kreuz und quer durchs Land pfeile, schießt auch der Euro-Zug dahin. Aber kann eigentlich noch irgendwer wissen wohin? Da werden Milliarden - inzwischen ist von bis zu einer Billion die leichtfertige Rede - von einem Wagen in den anderen verschoben, vielleicht verlieren wir unterwegs ein paar Waggons, die die Balance verlieren und die es aus der Kurve reißen wird. Oder wird der Zug als Ganzes in den Abgrund donnern? Überall fehlen Milliardensummen, und jetzt sollen auf einmal 55 falsch verbuchte Milliarden € einfach so wie aus dem Nichts aufgetaucht sein, die man uns seit einem Jahr auf den Schuldenbuckel gepackt hatte. 55.500.000.000 Euro.
Das ist jeweils zehnmal das BIP von Moldawien, Ruanda oder dem Kosovo.
Bei uns macht's plups, und die gesamte Wirtschaftsleistung dieser Länder in zehn Jahren ist wieder da. Jedenfalls in den Büchern. Oder wird erst jetzt ein Buchungsfehler begangen, wie die meinen, die darauf pochen, daß man nach dem Handelsgesetzbuch Forderungen und Verbindlichkeiten in der Bilanz nicht gegeneinander aufrechnen dürfe. Jedenfalls: “Eine schlechte Nachricht gibt es auch”, meldet die FAZ, “reicher wird Deutschland nur auf dem Papier.”
Wie real ist das Ganze überhaupt, fragt sich auch der vermeintlich kritische Zeitungsleser, der hinter jedem Geschwafel von “den Märkten” immer noch die lebenden und “in echt” agierenden Käufer-Verkäufer, Spekulanten, Menschen sehen will. Oder sind das letztlich alles Luftbuchungen, mit denen uns himmelangst gemacht wird? Nein, ganz sicher nicht. Und die Auswirkungen sind erst recht real zu spüren. Aber ein wenig irre ist das Ganze schon, oder?
Der Zug rollt weiter. Der Himmel ist blau. Und die Luftschlösser stehen noch. Europa im Herbst 2011.





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Freitag, 28. Oktober 2011
Noch einmal Lichtenbergs Göttingen, weil's so schön war

“Sagt, ist noch ein Land außer Deutschland, wo man die Nase eher rümpfen lernt als putzen?”



“Die Linien der Humanität und Urbanität fallen nicht zusammen.”

(Georg Christoph Lichtenberg, 1742-1799)

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