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“Wie sehr das „Feindbild Islam“ zum Lückenbüßer für die allgemeine Ahnungslosigkeit geworden ist, führte das öffentlich-rechtliche Fernsehen am Freitag vor [...] ARD und ZDF, aber nicht nur ihnen, kommt das fragwürdige journalistische Verdienst zu, ihre Zuschauer anstatt aufzuklären, regelrecht dümmer gemacht zu haben. Das Bedürfnis nach Sinnstiftung zu befriedigen ist verlockend, es verspricht Quote und Auflage.
Dabei ist das Muster dieser Sinnstiftung immer wieder dasselbe, es geht um die Konstruktion eines Feindbildes, einer Gefahr, die von Außen kommt und mit „uns“ möglichst nichts zu tun hat. Es geht also um Ausgrenzung, und die sah im Falle des norwegischen Attentäters so aus: Erst galt er als Islamist; dann als Rechtsradikaler, wobei er allerdings einer entsprechenden Gruppierung nicht richtig zuzuordnen war; auch ein christlicher Fundamentalist sollte er gewesen sein, aber das „christlich“ schien offenbar zu unheimlich, da zu nahe, und verschwand also wieder; und am Schluss blieb ein irgendwie wahnsinniger Einzeltäter, ein Sonderling, möglicherweise mit einer erheblichen Persönlichkeitsstörung, ein Psychopath. Weiter ließ sich Anders Behring Breivik wohl nicht aus unserer Mitte wegdefinieren.”
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Akte der Barbarei ereigneten sich vor dem Wochenende auch in Norwegen:
• Gegen 15.30h explodierte in der Grubbegata im Stadt- und Regierungszentrum von Oslo eine gewaltige Autobombe. Sie ließ im Umkreis von einem Kilometer Scheiben aus den Häusern fliegen und beschädigte vor allem das Regierungsgebäude, in dem sich das Büro des norwegischen Ministerpräsidenten befindet. Mindestens 8 Menschen wurden durch die Wucht der Detonation in dem Gebäude getötet. Dutzende andere wurden z.T. lebensgefährlich verletzt.
Angebliche Sachverständige äußerten sehr schnell den Verdacht, der Anschlag sei von einer “islamistischen Terrorgruppe” verübt worden. Damit taten sie genau das, worauf es der Attentäter angelegt und womit er kalkuliert hatte.
• Während sich die Rauch- und Staubwolke über der Innenstadt noch legte, flimmerte eine neue Meldung über die Livebilder des norwegischen Fernsehens: Auf einer 40km von Oslo entfernten kleinen Insel in einem See habe es in einem Sommerlager der norwegischen Jungsozialisten eine Schießerei gegeben. Dann hieß es, ein als Polizist uniformierter Mann sei auf die Insel gekommen, habe gesagt, Erklärungen zum Anschlag in Oslo geben zu wollen und dann aus einem Schnellfeuergewehr auf die versammelten Kinder das Feuer eröffnet. Erst sollte es dabei 2-3 Tote gegeben haben, dann 10. Bis heute zählt die Polizei 68 Getötete! 66 weitere liegen mit Schußverletzungen in Krankenhäusern. Ein Massaker an Kindern und Jugendlichen im anscheinend so friedlichen Norwegen. Die größte Katastrophe, die das Land seit dem Zweiten Weltkrieg getroffen hat.
Drei Stunden nach Beginn der Anschläge ergab sich der mutmaßliche Täter in schußsicherer Weste der Polizei. Wie die norwegischen Medien immer wieder betonten, war der Mann groß, blond, blauäugig.

Ein Norweger mit Namen Anders Behring Breivik, 32 Jahre alt, seit kurzem angeblich Betreiber eines Gemüseanbaus bei Oslo. Unter dieser Tarnung hatte er unauffällig sechs Tonnen (!) Kunstdünger gekauft. Kunstdünger enthält Ammoniumnitrat. Versetzt mit Dieselöl bildet es hochexplosiven Sprengstoff. Seit der Auswertung der Aufnahmen von Überwachungskameras in der Grubbegata geht die Polizei davon aus, daß der Attentäter dort und der Massenmörder auf der Ferieninsel Utøya ein und derselbe sind: Anders B. Breivik.
Viel ist über ihn bislang noch nicht bekannt. In den beiden letzten Jahren schrieb er mehrfach Beiträge in Internetforen, in denen er sich u.a. über einen “Völkermord” der Schwarzen an Weißen im südlichen Afrika äußerte und immer wieder gegen Multikulturalismus als “kulturellen Marxismus” und “anti-europäische Haßideologie” polemisierte. Vor wenigen Wochen eröffnete er eine eigene Facebookseite, auf der er sich unter anderem als Freimaurer präsentierte (Johannes-Loge “Søilene”), seine Einstellung als “christlich” und “konservativ” bezeichnete.
Eine Stunde, bevor die Bombe im Regierungsviertel explodierte, verschickte Breivik per Email unter der anglisierten Form seines Namens, Andrew Berwick, an ausgewählte Adressaten der rechten Szene in Finnland ein 1500 Seiten umfassendes Manifest. Inzwischen hat sich herausgestellt, daß Teile davon bis in die Fußnoten hinein nichts anderes als eine Abschrift des Manifests des berüchtigten Una-Bombers Kaczinsky aus den USA sind. Lediglich dessen Feindbegriff “Leftist” hat Breivik durch “Cultural Marxist” ersetzt. Die Instant-Video-Version davon (ebenfalls im Internet, habe sie mir angesehen) enthält krudeste Propaganda im Stil von “die UNO wird bereits heute von Moslems kontrolliert” und die Staaten Westeuropas sind “kulturmarxistische Diktaturen”. Im übrigen geht daraus hervor, dass er sich auf seine Attentate seit neun Jahren minutiös vorbereitet hat. Er machte Sprengstoffversuche, versteckte vor einem Jahr schon die Polizeiuniform, trainierte Gewehr- und Pistolenschießen und fraß seit einem halben Jahr Anabolika, um mehr Muskelmasse aufzubauen.
Was der nationalkonservative Christ Breivik dann am Freitag auf der Jugendinsel Utøya verübte, beschreibt die 18-jährige Prableen Kaur in ihrem Blog:
“Als die Panik ausbrach, stand ich im Hauptgang. Ich hörte Schüsse. Ich sah ihn schießen. Mein erster Gedanke war: ‘Wieso schießt die Polizei auf uns? Scheiße!” Ich rannte in den kleinen Saal. Auch andere rannten. Schreie. Ich hatte Angst. Ich schaffte es in einen der hinteren Räume. Wir waren viele da drin. Alle lagen wir auf dem Boden. Wir hörten weitere Schüsse. Bekamen noch mehr Angst. Ich weinte. Ich begriff gar nichts... Wir hörten immer mehr Schüsse und beschlossen, aus dem Fenster zu springen. Panik brach aus. Alle drängten ans Fenster und wollten rausspringen... Wir liefen in den Wald. Ich blickte mich um. Ist er hier? Schießt er auf mich? Sieht er mich...? Ich suchte Deckung hinter einer Art Mauer. Wir waren viele. Ich betete. Ich rief meine Mutter an und sagte, wir würden uns vielleicht nie wiedersehen, aber ich würde alles versuchen, um durchzukommen. Ich hörte die Angst in ihrer Stimme. Sie weinte. Das tat weh. Papa schickte ich eine SMS... Wir hörten wieder Schüsse. Kauerten uns zusammen. Taten alles, um uns warm zu halten... Papa rief an... Auch die anderen riefen ihre Eltern an, aber dann schickten wir nur noch SMS, weil wir Angst hatten, der Mörder könnte uns hören... Manche sprangen ins Wasser und schwammen weg. Ich blieb liegen. Ich beschloß, mich totzustellen, wenn er kommen sollte. Ich wollte nicht weglaufen oder schwimmen. Ich kann die Angst, die ich fühlte, nicht beschreiben.
Ein Mann kam. ‘Ich bin von der Polizei.’ Ich blieb liegen. Jemand schrie, er solle sich ausweisen. Ich weiß nicht mehr, was er geantwortet hat, aber er begann zu schießen. Dann lud er nach. Schoß weiter. Ich dachte: Das war’s. Er ist hier. Er knallt mich ab. Jetzt sterbe ich. Menschen schrieen. Ich hörte, wie andere erschossen wurden. Andere sprangen ins Wasser. Ich lag da. Das Handy in der Hand. Ich lag auf den Beinen eines Mädchens. Zwei andere lagen auf meinen Beinen. SMS gingen ein. Das Handy klingelte mehrmals. Ich blieb liegen. Ich stellte mich tot. So lag ich wenigstens eine Stunde lang. Es war ganz still. Ich drehte vorsichtig den Kopf, um zu sehen, ob es noch Überlebende gab. Ich sah Leichen. Ich sah Blut. Angst. Ich beschloß, aufzustehen. Ich hatte auf Leichen gelegen. Zwei Tote lagen auf mir.”
Anderthalb Stunden lang schoß Breivik auf der Insel systematisch auf alles, was sich bewegte, und “erlegte” dabei mit kaltblütiger Präzision mindestens 68 junge Menschen, die 8 Bombenopfer in Oslo nicht mitgezählt. (Noch sucht die Polizei in den Gebäuden und im Wasser nach Vermißten.) Um mit jedem Schuß möglichst großen Schaden anzurichten, verwendete er nach Aussage eines die Opfer operierenden Arztes sogar Dumdum-Geschosse.
Zur Stunde ist noch unklar, ob Breivik beide Anschläge allein verübte. Einige der Überlebenden von Utøya sprachen in ihren Aussagen von zwei Männern.
Natürlich setzt jetzt, nachdem die erste Schockstarre nachläßt, das Fragen nach den Motiven des grausamen Schlächters ein. Daß “der Einschnitt, den Nordeuropa am Freitag Nachmittag erlebte, ein besonders krasser” ist, so Matthias Hannemann heute in der FAZ, “liegt nicht zuletzt am Selbstverständnis der nordischen Wohlfahrtsstaaten, am Selbstbild eines Landes wie Norwegen zumal, das sich dem politischen, dem finanziellen und dem gesellschaftlichen Glück so nah fühlt wie kaum ein anderes Land in der Welt. Utopia, das ist Norwegen - ein Raum, in dem das Böse nichts mehr zu suchen hat, seitdem die Besatzer 1945 gingen. Die perfekte, von Mutter Staat liebevoll beschützte Gesellschaft. Das war Norwegen, vielleicht.
‘Es ist typisch Norwegisch, gut zu sein’. – Umso irritierender dürfte die Vorstellung sein, dass das „Böse“ am Freitag nicht von außen in die Idylle einbrach, sondern im Norden selbst entstehen konnte. [...] Jeder Versuch, Breivik als faschistoiden Rechtsextremen oder christlichen Fundamentalisten zu beschreiben, ist nicht mehr als ein hilfloser Reflex [...] Womöglich kam dieser Mann einfach aus der Mitte.”
Hannemann stützt sich für diese nicht undelikate Vermutung auf ein Gespräch mit dem Philosophen Lars Gule an der Høgskolen i Oslo, das die konservative Tageszeitung Aftenposten am Samstag abdruckte. Gule beobachtet das rechte Spektrum in Norwegen seit Jahren und hat selbst mit Breivik auf einer norwegischen Internetplattform debattiert. Er charakterisiert ihn in Schlagworten als “belesenen, theoretisch interessierten, vor allem aber islamophoben Nationalchauvinisten”.
“Er ist nationalkonservativ, aber kein Nazi [...] Er hat sich in seinen Beiträgen im Netz selbst von den Nazis distanziert und erklärt, Nationalsozialisten seien genauso wie Moslems und Marxisten Anhänger einer Haßideologie.”
Dass man Breivik jetzt rasch in ein “rechtsextremes Milieu” einsortiert, hält Gule für ein voreiliges Abschieben.
“Wenn man mit ‘Milieu’ meint, daß Breivik in Internetforen diskutiert und geschrieben hat, in denen er Gleichgesinnte fand, dann muß man feststellen, daß es in Norwegen ein bedeutendes – und ich unterstreiche bedeutendes – rechtsextremes Milieu gibt.”
Allein die Plattform document.no, in der Breivik schrieb und die vornehmlich dem rechten Spektrum zugeordnet wird, habe wöchentlich bis zu 40.000 Besucher, und Gule gibt zu bedenken, daß der Ton in solchen Foren durchaus zur “Entmenschlichung” des vermeintlichen Gegners, des Anderen beitrage.Der norwegische Journalist Øyvind Strømmen, der diese Szene nach eigenen Aussagen seit Jahren beobachtet und ein Buch über “Eurofaschismus. Die Renaissance des Hasses” veröffentlicht hat, äußert sich in einem ebenfalls in Aftenposten gedruckten Artikel in ähnlicher Richtung. Auch er weist die voreilige Abstempelung Breiviks zum Neonazi zurück. Ihm erscheint der Werdegang des Attentäters “eher als ein klassischer Fall von Radikalisierung durch das Internet, wie man sie auch bei anderen jungen euroäischen Dschihadisten beobachtet hat.”
“Breivik war von einem Internetmilieu inspiriert, das sich ‘counterjihadist’ nennt und eine Ideologie verficht, die man sehr wohl als rechtsextrem bezeichnen kann, und das Verbindungen zum europäischen Neofaschismus unterhält.”
Dass er sich in diesem Milieu bedient hat, schrieb Breivik selbst in seinen Forumsbeiträgen und nennt als seine Anreger untereinander vernetzte Blogs wie Gates of Vienna (das als Fanal die Verteidigung des Abendlands vor den Türken 1683 vor den Toren Wiens hochhält), The Brussels Journals (“The Voice of Conservatism in Europe”), den auch darin schreibenden anonymen norwegischen Blogger “Fjordman”, den amerikanischen Gründer von Jihad Watch, Robert Spencer, und Schriften der ägyptischen Jüdin Gisèle Littman, die 2005 unter dem Pseudonym Bat Ye'or das Buch Eurabia: The Euro-Arab Axis veröffentlichte, in dem sie eifrig Belege für eine internationale Verschwörung zugunsten einer Unterwerfung Europas unter den Islam versammelt. (In seinem Manifest verwendet Breivik für das seiner Meinung nach längst islamisch unterwanderte Europa immer wieder den Begriff “Eurabia”.)
In einem Beitrag für die bekannteste norwegische Kulturzeitschrift, Samtiden, schrieb Strømmen 2007:
“In den Medien und bei den Politikern ist der Fokus auf islamistischen Terrorismus immer einäugiger geworden [... Doch] Erklärungsmodelle, die muslimische Terroristen zu etwas grundlegend anderem machen als ‘unsere eigenen Terroristen’, erschweren es, ihn zu bekämpfen: die Übereinstimmungen zwischen rechtsextremen und islamistischen Terroristen sind viel größer als die Unterschiede.”
Heute setzt er hinzu: “Das nächste Mal, wenn ich wieder einmal jemanden das alte Mantra leiern höre ‘Nicht alle Moslems sind Terroristen, aber alle Terroristen sind Moslems’, rege ich mich richtig auf.”... link (1 Kommentar) ... comment
Mit der beeindruckend gelehrten historischen Abhandlung dieses Titels war er 1919 mit einem Schlag unter allen europäischen Geisteswissenschaftlern bekannt und eine Berühmtheit geworden. Doch war Huizinga wohl ein eher pessimistisch gestimmter Mensch. Als den auslösenden Gedanken zu seinem historiographischen Meisterwerk hat er selbst die Einsicht benannt, die ihm 1907 auf einem Spaziergang über die grünen Wiesen Frieslands aufging: “Das späte Mittelalter ist nicht die Ankündigung eines Kommenden, sondern ein Absterben dessen, was dahingeht.”
Da war er gerade 35 und frisch berufener Professor. Doch skeptisch bis pessimistisch beurteilte Huizinga auch seine eigene Zeit und ganz besonders den Aufstieg des Nationalsozialismus in der Mitte Europas, den er von Anfang an als “Barbarei” erkannte und benannte. Gegen dessen Antisemitismus setzte er gleich zu Beginn ein deutliches Zeichen. 1933 eröffnete er als Rektor an der Universität Leiden eine Tagung des International Student Service und wies einen der führenden deutschen Antisemiten, Goebbels-Mitarbeiter und Hitler-Biograph Johann von Leers, kraft seines Amts aus der Universität. Der Vorfall führte zu einem offiziellen Protest der Reichsregierung Hitler in Den Haag. Doch Huizinga ließ sich nicht einschüchtern und in seiner Zeitanalyse nicht beirren. 1935 veröffentlichte er Im Schatten von morgen. Eine Diagnose des kulturellen Leidens unserer Zeit. Das Buch und überhaupt sämtliche Schriften Huizingas landeten in Hitlerdeutschland prompt auf dem Index “schädlichen und unerwünschten Schrifttums”.
Er selbst stand nach der deutschen Besetzung der Niederlande auf einer Liste potentieller Geiseln. Eine Einladung zur Emigration in die USA lehnte er ab. Aus Protest gegen die Einmischung der Besatzer in Universitätsangelegenheiten bat er 1942 um seine Emeritierung. Die Nazis schlossen die ganze Uni. Huizinga wurde verhaftet und im August ‘42 mit siebzig Jahren im niederländischen Geisellager Sint-Michielsgestel interniert. Doch war er international zu bekannt, als daß die Nazis seinen Tod in ihrer Haft riskieren wollten. Unter der Auflage, nicht nach Leiden zurückzukehren, wurde er entlassen und erhielt einen Wohnsitz in der Nähe von Arnheim zugewiesen. Dort starb er, als die Alliierten nach der verlorenen Schlacht um die Brücke von Arnheim gerade ein zweites Mal zum Angriff auf den Niederrhein antraten, am 1. Februar 1945. Der unmittelbar bevorstehende totale Zusammenbruch der Nazidiktatur war ihm sicher längst klar. Bei der Arbeit an seinem letzten Werk, Geschändete Welt. Eine Betrachtung über die Aussichten auf Genesung unserer Kultur, geschrieben im Sommer ‘43, konnte er wohl wieder Hoffnung schöpfen.... link (0 Kommentare) ... comment
Was ist aus den zu kanonischen erklärten Texten der christlichen Überlieferung im Neuen Testament zum Beispiel über Maria Magdalena zu erfahren?
Nicht viel. Aber auch nicht ganz wenig.
• Etwa, dass diese Mariam aus Magdala am See Genezareth zu Jesu Jüngern gehört haben soll, denn – von den auserwählten Zwölf und der Kirche nicht unbedingt an die große Glocke gehängt – ihm folgten mehr als die glorreichen Zwölf nach und darunter befanden sich, horribile dictu, viele Frauen, von Mönch Luther “Weiber” genannt:
“Und es begab sich darnach, daß er reiste durch Städte und Dörfer und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes; und die zwölf mit ihm, dazu etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißt, von welcher waren sieben Teufel ausgefahren”
(Lukas 8,1-2)
“Und es waren viele Weiber da, die von ferne zusahen, die da Jesus waren nachgefolgt aus Galiläa und hatten ihm gedient; unter welchen war Maria Magdalena”
(Matthäus 27,55f.).
“Jesus aber, da er auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er am ersten der Maria Magdalena, von welcher er sieben Teufel ausgetrieben hatte.”
(Markus 16,9)
Das wird kein Zufall gewesen sein. Zufall kommt doch in der Bibel an keiner Stelle vor, kann doch gar nicht, alles ist doch stets Gottes Wille: “Es fällt kein Spatz vom Himmel...” Mit anderen Worten, MM hat für Gottes Sohnemann anscheinend eine besondere Rolle gespielt.
Welche?, möchte man natürlich fragen, doch darüber hüllen sich die vier Apostel erst recht in beredtes Schweigen. Der Apostel Johannes gibt immerhin das kurze Gespräch zwischen MM und Jesus nach dessen Auferstehung wieder. Und zwar so:

“Maria aber stand vor dem Grabe und weinte draußen. Als sie nun weinte, guckte sie ins Grab und sieht zwei Engel in weißen Kleidern sitzen... und spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hin gelegt haben. Und als sie das sagte, wandte sie sich zurück und sieht Jesus stehen und weiß nicht, daß es Jesus ist.
Spricht er zu ihr: Weib, was weinest du? Wen suchest du?
Sie meint es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo hast du ihn hin gelegt, so will ich ihn holen.
Spricht Jesus zu ihr: Maria!
Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Meister!
Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater.”
(Johannes 20, 11-18)
• Das berühmte “Noli me tangere” oder “Faß mich nicht an!” – Warum ist es das erste, was er sagt, nachdem sie ihn erkannt hat? Weil sie ihn sonst immer angefaßt hat? Auch dazu schweigt der Apostel Höflichkeit.
Nicht so die der führenden frühen Bibelinterpreten. Nach Auskunft des Ökumenischen Heiligenlexikons soll der im 4. Jahrhundert als Leiter der Schule von Nisibis lehrende Ephraim der Syrer erstmals die Meinung vertreten haben, MM sei die im Lukas-Evangelium erwähnte Sünderin im Haus des Pharisäers Simon:
“Siehe, ein Weib war in der Stadt, die war eine Sünderin. Da die vernahm, daß er zu Tische saß in des Pharisäers Hause, brachte sie ein Glas mit Salbe und trat hinten zu seinen Füßen und weinte und fing an, seine Füße zu netzen mit Tränen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küßte seine Füße und salbte sie mit Salbe.”
(Lukas 7,37)
• Ende 1945 fanden Bauern im ägyptischen Nag Hammadi einen versiegelten Tonkrug, der nicht weniger als 13 in Leder gebundene Bücher enthielt: eine im Zeitalter Ephraims des Syrers niedergeschriebene Sammlung älterer biblischer Schriften, die allesamt von der Orthodoxie als unkanonisch ausgesondert worden waren. Unter ihnen befanden sich mehrere Evangelien, darunter eines des Thomas und eines des Philippus. Im letzteren heißt es in Vers 55 ausdrücklich:
“Die Gefährtin von [Christus] ist Maria Madgalena. Der [Herr liebte] sie mehr als [alle] (anderen) Jünger, und er küßte sie [oftmals] auf ihren [Mund]. Die übrigen [Jünger], sie sagten zu ihm: ,Weshalb liebst du sie mehr als uns alle?’ Es antwortete der Erlöser, er sprach zu ihnen: ,Weshalb liebe ich euch nicht (so) wie sie?’
Welche Reichweite hat hier das Wort “Gefährtin”? Was bedeutet hier “lieben”, und welcher Art waren die Küsse, die Jesus MM auf den Mund gab? Das läßt sich nicht klären. Deutlich ist jedenfalls, daß die anderen Jünger auf MM eifersüchtig waren.Das Thomasevangelium wird in dieser Hinsicht noch eindeutiger. Sein 114. und letzter Vers lautet:
“Simon Petrus sprach zu ihnen: „Mariham soll von uns fortgehen, denn die Frauen sind des Lebens nicht würdig.“
Jesus sprach: „Seht, ich werde sie führen, um sie männlich zu machen, daß auch sie ein lebendiger Geist wird, der euch Männern gleicht. Denn jede Frau, die sich männlich macht, wird in das Königreich des Himmels eingehen.“
• Aber die Leiche, die man vor der Zeit vergräbt, kann ein langes Nachleben als Wiedergängerin führen. Und so ist es ja auch mit der Legende von MM als der Geliebten Jesu. Von Nikos Kazantzakis (Die letzte Versuchung Christi), über Luise Rinser (Mirjam) und weniger bedeutende Schriftsteller wie Marianne Fredriksson (Maria Magdalena) bis hinab zu Dan Brown reicht allein die Kette jüngerer literarischer Bearbeitungen. In der Malerei waren Darstellungen der MM natürlich ein noch lockenderes Sujet, dem von früh an ein Parfüm des Verruchten anhing und mit dem man ungestraft gegen das christliche Nacktheitsverbot auf der Leinwand verstoßen durfte.
• Endgültig hat nämlich der erste Mönch und erste und letzte “Kirchenvater” auf dem Papstthron, Gregor der Große, MM’s Ruf vorsätzlich zerstört. Vermutlich weil er die bevorzugte Stellung der MM bei Jesus zugunsten des Apostels Petrus abbauen wollte, auf dessen persönliche Nachfolge er ja seinen eigenen Anspruch auf den Primat seiner römischen Kirche vor anderen stützte. Im Jahr 591, ein Jahr, nachdem der Patriziersohn (natürlich höchst demütig-widerwillig) den Stuhl Petri bestiegen hatte, hielt er in der Clemens-Basilika in Rom eine Predigt über die Sünderin im Lukas-Evangelium und ging darin über die Meinung des Syrers noch hinaus:
"Hanc vero quam Lucas peccatricem mulierem, Joannes Mariam nominat, illam esse Mariam credimus de qua Marcus septem dæmonia ejecta fuisse testatur" (“Wir glauben, daß die sündige Frau bei Lukas, die Johannes Maria nennt, die gleiche Maria ist, der laut Markus die sieben Teufel ausgetrieben wurden.”
(SS Gregorius I Magnus: Homiliarum In Evangelia Libri Duo (Nr. XXXIII), in: Migne, Patrologia Latina, Bd. 76)
Der selbsternannte Nachfolger des eifersüchtigen Petrus stempelte also Jesu liebste Gefährtin zur Hure.
• Diesen mehr als zweifelhaften Ruf ist MM seitdem nicht mehr losgeworden. Mit offenen Haaren und roten Kleidern, den Attributen der Prostituierten, hat man sie wieder und wieder gemalt, bei Leonardo trägt sie das rote Gewand sogar schamlos offen und nichts darunter. Jules Lefebvre malte sie im 19. Jahrhundert völlig nackt sich räkelnd in einer Grotte wie Leda, die den Schwan erwartet.
Daneben gab es zu allen Zeiten auch Darstellungen ihrer Rolle bei der Grablegung und Auferstehung Christi. Seit dem großen Gregor steht Maria Magdalena in dem altbekannten paradoxen patriarchalischen Spannungsfeld, daß man sie zugleich als Heilige verehrt und als Hure verachtet.
• Nach meinem Eindruck ist diese Doppelheit der Frau nirgends besser in einem Gesicht und in einem Blick vereint als in der Maria Magdalena des Venezianers Carlo Crivelli von 1487.
Vielleicht gelang sie ihm aufgrund eigenen Erlebens so überzeugend. Genau dreißig Jahre vorher war er nämlich in seiner Heimatstadt ins Gefängnis geworfen worden, weil er ein leidenschaftliches Verhältnis mit Tarsia Cortese, einer verheirateten Frau, unterhalten und sie am Ende sogar entführt und monatelang versteckt gehalten hatte.
“But essentially, he was a loner”, schrieb das Time Magazine anläßlich einer Werkausstellung im Dogenpalast 1961. “Though he had lived in Venice, he spent most of his life in the hilly region called The Marches on the Adriatic. There he worked alone, perfecting a style that has intrigued and puzzled critics ever since. Wild Gentleness. On the surface, his Mary Magdalene seductive though she may be, seems an excessive display of virtuosity, as stilted and brittle as a piece of porcelain.”
Zur Zeit ist das fragile Porzellangesicht mit dem vieldeutigen Blick in Erasmus’ Rotterdam zu besichtigen.

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Es gibt Blicke, denen entzieht man sich nicht. Nicht einmal, wenn sie bloß gemalt sind.

So erging es mir bei einem neuerlichen Rundgang durch die phantastische Kunstsammlung Boijmans Van Beuningen in Erasmus’ Geburtsstadt Rotterdam, deren Grundstock aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt, inzwischen aber auf rund 140.000 Objekte angewachsen ist. Sie passen längst nicht mehr in die 12.000 qm Ausstellungsfläche des eindrucksvollen Museumsbaus von 1935 im Stil des Stockholmer Rathauses, und die Sammlung empfängt den Besucher mit einem Raum, in dem sie Bilder zeigt, die aus unterschiedlichen Gründen leider nicht in den eigentlichen Ausstellungsräumen Platz fanden. Abgesehen von den berühmtesten Werken wie einigen von Hieronymus Bosch, Pieter Bruegel d.Ä., Dürer, Rembrandt bis Kandinsky werden darum auch in der Dauerausstellung ab und zu Bilder ausgetauscht, so daß es sich lohnt, das Museum in Abständen wieder zu besuchen. Dabei findet man Lieblinge, die man immer wieder gern betrachtet. Ich glaube auch, daß keine Reproduktion einem den miniaturhaften Detailrealismus im Original von Bruegels “Turm zu Babel” wiedergeben kann, und ich gehe nun mal ab und zu gern in den unglaublich narrativen Bildern alter Meister spazieren. Diesmal war u.a. die 1,65 Meter breite “Landschaft am Anfang der Zivilisation” des Wiedertäufer-Anhängers Cornelis van Dalem aus Antwerpen an der Reihe. Der kleine Eichelhäher auf einem Felsvorsprung darin hatte am Morgen noch genauso im Baum vor meinem Fenster gesessen.
Es war aber nicht der Blick des Eichelhähers in dem Bild, der mir nachging, sondern, begreiflicher, der einer Frau. Dummerweise einer Heiligen, aber immerhin einer “Frau mit Vergangenheit”, wie Zarah Leander einmal über sich sang.
Der Text paßt vielleicht auch gut zu der Heiligen, jedenfalls nach ihrer Zurichtung durch die katholische Kirche:
"Ich bin eine Frau mit Vergangenheit
voll moralischer Unbefangenheit.
Oft träumt man von Idealen,
folgt dem wilden Herzensdrang,
und dann muss man dafür zahlen,
zahlen sein Leben lang.
Freiwild wird man für jedermann,
ohne Pardon
Und was dann folgt, verfolgt uns
bis zur Endstation."
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Es gibt aber auch noch erfreuliche Initiativen in diesem Land (natürlich gehen sie nicht von Politikern aus, daran hat man sich gewöhnt). Der Freitag berichtet, daß der kleine, aber feine Verbrecher-Verlag in Berlin (nomen non est omen) soeben auf höchst innovative Weise die Tagebücher von Erich Mühsam ediert hat. Nette Dinge kann man darin lesen. Kaum wurde das erste Blatt beschrieben ("Bei strömendem Regen war ich eben unten im Dorf, um mir dies Heft zu kaufen. Es soll mein Tagebuch sein."), geht es auch schon zur Sache:
"Château d’Oex, Montag, 22.8.1910
Johannes gab mir 3 Bände der Tagebücher Varnhagens von Ense mit, die ich gierig lese. Damals lohnte es noch Tagebücher zu schreiben! Trotz der Armseligkeit der vormärzlichen Politiker – welche bewegte Zeit! Welche Beziehung zwischen Geistigkeit und Öffentlichkeit! Welche Teilnahme der großen Geister (Varnhagen, Humboldt, Tieck, Bettina v. Arnim usw.) an den Geschehnissen des Tages! – Und heute? Unsre Zeit ist bei Gott nicht minder armselig, unsre Regierungen nicht minder jämmerlich, unsre Politik nicht minder chikanös, knechtschaffen und vormärzlich. Nur eins unterscheidet unsre Tage von Varnhagens: heut ist auch das Volk interesselos, und die Geistigkeit nimmt schon garnicht teil an allem was vorgeht!"
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