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Dienstag, 5. Juli 2011
Ehemaligentreffen
Am Wochenende stand es an: ein seit langem anberaumtes Wiedersehen mit alten Klassenkameraden. Ehemaligentreffen. Meine alte Schule veranstaltet jedes Jahr eins aus Anlaß der Abiturientenentlassung, aber ich gehe seit vielen, vielen Jahren nicht hin, wohnte zu weit weg oder konnte nichts Tröstendes daran finden, mein eigenes Altern auch an meinen ehemaligen Schulfreunden festzustellen. “Geteiltes Leid ist halbes Leid” will bei mir in dieser Hinsicht nicht recht verfangen.
Vor zehn Jahren, ich war gerade von einem längeren Auslandsaufenthalt zurückgekehrt und wohnte nicht allzu weit von meiner Geburtsstadt entfernt, hatte ich mich einmal aufraffen können, ein solches Treffen meines Jahrgangs zu besuchen. Obwohl ich mich mit etlichen Befürchtungen vorab gewappnet hatte, war es ein Schock. Was war aus all den aufgeweckten, sportbegeisterten, musisch begabten, frechen, politisch aufbegehrenden, rumflippenden “Was kostet die Welt”-Oberstufenschülern geworden? Etwa dieses Gruselkabinett aus kahlköpfigen, hängebäuchigen, fischäugigen Anwälten, Notaren und Steuerberatern??
Ja.
Leute, mit denen ich hinterher versuchte, die Enttäuschung etwas zu verarbeiten, haben mir versichert, es sei so etwas wie ein Gesetz von Ehemaligentreffen, daß daran immer bloß die teilnähmen, für die man sich schon zu Schulzeiten nicht interessiert hätte. So war es auch in meinem Fall. Von weiteren Wiederbegegnungen war ich einstweilen kuriert.
Nun also ein zweiter Versuch. Ich kann im nachhinein sagen: das Erschrecken fiel milder aus. Vielleicht weil ich noch vom letzten Mal imprägniert war, oder weil der weitere Sturz in den vergangenen zehn Jahren einfach nicht noch einmal so tief hinab gehen konnte. Wenn die Haare weg sind, sind sie weg; der Sprung von 0 Bauch auf 1 Bauch ist größer als der von 1 Bauch auf anderthalb Bäuche (ist wohl wie mit dem Kinderkriegen). Und die eingeschlagenen Laufbahnen standen ja schon damals fest. Keiner der Erschienenen hatte je den Beruf gewechselt. Der Bankabteilungsleiter war vielleicht zum Bankfilialleiter aufgestiegen, der Zahnarzt war Zahnarzt geblieben, der Anwalt Anwalt; immer in der gleichen Stadt versteht sich.
“Du bist aber ganz schön rumgekommen”, meinte einer zu mir, der seinen A. nie länger aus D. wegbewegt hatte, und das Gegenteil hätte ich zur Mehrheit der Versammelten sagen können.

Der Rest des Abends verlief bis auf wenige Ausnahmen erwartungsgemäß. Höchst lokale Themen bestimmten die bierseligen Gespräche der Ewigzuhausegebliebenen, oder, wenn es weit hinaus ging, ging es um das Ferienhaus am Comer See, das man irgendwann günstig erworben und inzwischen den gestiegenen Ansprüchen entsprechend um- und ausgebaut hatte.
Ich gab mich geduldig, spielte mit, fragte, erzählte ein wenig. Nur einmal konnte ich nicht an mich halten, als ein abgewählter Oberstadtdirektor a.D. einer Kleinstadt aus dem Weichbild sich darüber ereiferte, daß man ihm per Gesetzesbeschluß neuerdings seine “Nebenverdienste” als Anwalt auf seine mit Mitte vierzig schon erreichte Beamtenpension anrechnet. Für ihn, Hausbesitzer und (neben dem Alltagsmercedes) Oldtimerfahrer grenzte es an Enteignung. Irgendwann brachte man uns (dankenswerterweise) mit dem Aufruf auseinander, wir sollten doch an einem solchen Abend die Politik lieber aus dem Spiel lassen. Daraufhin begann der Erbe des Schönheitstcrèmefabrikanten, dem jetzt folgerichtig eine Firma zur Einrichtung von Schönheitsstudios gehört, alte Anekdötchen aus der Schulzeit und seine schon damals abgeschmackten Sprüche zu klopfen. “Eh, damals kamen die Mädels zu meinem Alten, um sich bei ihm mit Selbstbräunungscrème einzuschmieren, und heute kommen sie zu mir, um sich die Runzelhaut wieder glätten und aufhellen zu lassen. Zyklisches, aber krisensicheres Geschäft, hä, hä.”
Nein, der merkte nichts mehr, aber was wundere ich mich? Der hatte nie wirklich etwas geschnallt. Außer aus Falten Geld zu machen. Genau der Schlag Leute, die mit einem gewieften Steuerberater so viel absetzen und am Fiskus vorbeipfuschen, wie sich gerade noch unauffällig tricksen läßt, aber gleichzeitig lauthals schreien, wir sollten den arbeitsfaulen Griechen doch nicht mit “unseren” Steuergeldern aus der schließlich selbstverschuldeten Misere helfen.

D,1979. c)Günther Otten
Da ich nun schon einmal da war, beschloß ich am nächsten Morgen, mir nun auch noch den Rest zu geben. Ich begab mich auf einen Rundgang durch das Viertel, in dem ich prägende Jahre meiner Kindheit verbracht hatte. Natürlich lag alles viel näher beieinander als mir die kürzere Schrittlänge der Kinderbeine ins Gedächtnis geschrieben hatte. Damals hatte es noch Lücken in der Zahnreihe der Häusergiebel gegeben: Trümmergrundstücke, mit ihren von Brombeerranken und Brennesseln überwucherten Häuserruinen und feuchten Kellern. Die Abenteuerspielplätze meiner Kindheit. Diese Lücken waren natürlich längst gefüllt. Die damals bereits bewohnten Vorkriegshäuser standen meist unverändert, hatten vielleicht einen Fassadenanstrich bekommen, einige auch einen Styropormantel, unter dem sie im Sommer viel Schwitzwasser ansammeln würden; in die Ladenlokale waren größtenteils neue Geschäfte eingezogen, aber die Räume und Fassaden waren noch ebenso leicht wiederzuerkennen wie all die anderen Dinge im Viertel.
Viel mehr als die Veränderungen verblüfften mich die Kontinuitäten. Ein kleines Autohaus trug noch den gleichen Schriftzug wie damals, und das Garagentor war noch in den gleichen Farben gestrichen. Aus dem “Fischmann”, der auch einen Imbiss für Bratfisch und die ersten Pommes Frites meines Lebens betrieb, war ein “Asian Finger Food to go” geworden, aber eben immer noch ein Imbiss. Die Drogerie von damals gehörte jetzt einer Drogeriekette, die damalige Stammkneipe meiner Eltern hatte sich anscheinend zum Restaurant aufgewertet, als Inhaber firmierte aber immer noch die gleiche Familie. Inzwischen vielleicht von der Tochter geführt, die ich damals verstohlen angehimmelt hatte, weil sie jederzeit hinter den Tresen durfte und sich da unbegrenzt mit Erdnüßchen versorgen konnte.
Und da, ein paar Häuser weiter, war die Toreinfahrt, das schwere, zweiflügelige Holztor stand offen wie eh und je, und es hing noch immer ein städtisches Schild daneben. Ich ging durch die dunkle Einfahrt, der Weg dahinter war noch immer von Mauern aus unverputzten, dunkelroten Ziegelsteinen eingefaßt wie damals, dann kam der erste Hof, darauf jetzt Spielgeräte, die es früher nicht gegeben hatte, und dahinter stand, wie fälschlich in einen Hinterhof gesetzt, genauso wie in meiner Erinnerung und auf den alten Fotos, das alte Schulgebäude aus Kaisers Zeiten. Drei Etagen, hohe Fenster, ein klein wenig wilhelminische Neogotik am Gesims, ansonsten der schlichte, dunkel angelaufene Backstein vom Niederrhein. Auf der Rückseite floß noch immer der kleine Bach, der auch damals den Schulhof geteilt hatte. Inzwischen war er vollständig von Geländern eingefaßt, aber er war noch da, nicht als unterirdischer Kanal zum Verschwinden gebracht, und das Wasser sah klarer aus, als ich es von früher in Erinnerung hatte. Ich hatte ihn immer gemocht, den kleinen Bach, der als etwas Lebendiges zwischen den zugepflasterten, vermauerten und asphaltierten Höfen hingluckerte. Oft hatte ich von der kleinen Brücke hineingespuckt oder weiter oberhalb ein Stück Rinde oder ein Blatt hineingeworfen und dann zugesehen, wie es unter der Brücke hindurchtanzte.
Der Spielplatz, der an den Schulhof anschloß, war auch noch da, aber doch sehr umgestaltet. Was sollten die Kinder heute auch mit einer Rollschuhbahn anfangen? Der Spielplatz, die von ihm wegführenden Straßen und der vordere Teil des Parks, zu dem sie hinliefen, das war damals mein “Revier” gewesen, oder vielmehr das meiner “Bande”. Da konnten wir uns einigermaßen sicher fühlen (denn es regierte so etwas wie das sozialdarwinistische Gesetz der Straße unter uns Kindern im Viertel), und Eindringlinge rivalisierender “Banden” wurden zuerst argwöhnisch beobachtet und dann im geeigneten Moment überfallen und verjagt. Ebenso erging es uns, wenn wir das Territorium einer feindlichen Bande durchqueren mußten. Später, als ich aufs Gymnasium kam, mußte ich das täglich, und es ging nicht immer gut aus. Eine Chance hatte man nur, wenn man schnell genug den schweren Tornister von den Schultern werfen konnte, um in der Bewegungsfreiheit nicht eingeschränkt zu sein. Blutig gekloppt haben wir uns nicht, aber es gab schon mal dicke Lippen und ein blaues Auge. Das fiel nicht unbedingt auf, weil wir vom Bäume Erklettern im Park (wobei uns der damals obligatorische Parkwächter nicht erwischen durfte), beim Stromern durch das Brombeergestrüpp der Trümmergrundstücke oder von Stürzen mit dem Fahrrad sowieso stets irgendwelche Kratzer, Abschürfungen oder sonstwelche Blessuren hatten. Bei meinen Eltern stand immer ein Apothekenfläschchen mit rotbrauner Jodtinktur im Badezimmerschrank, womit Abend für Abend meine frischen Schrammen beißend betupft wurden. Wimmern oder gar wehleidiges Zetern waren streng verpönt.
Später traten an die Stelle der blutenden Schürfwunden Verletzungen, die sich nicht einfach mit Jod desinfizieren ließen. In dem Haus, das unserem gegenüber stand, wohnten zwei Schwestern. Die ältere der beiden war vermutlich das erste Mädchen, das mich als Vertreterin des anderen Geschlechts interessierte und nicht als wehrlose Beute beim “Mädchenfangen” auf dem Schulhof oder als Spezies, die nicht Fußball spielen konnte. Merken lassen durfte ich sie das natürlich nicht, und bei den Versuchen, unauffällig in ihre Nähe zu kommen, hatte ich einen Konkurrenten mit einem uneinholbaren Standortvorteil: ein Junge aus meiner Klasse wohnte im gleichen Haus wie die Schwestern.
Daraus wurde also nichts. Aber das hier, vor dem ich jetzt stand, das war der Hauseingang, in dem ich zum ersten Mal ein Mädchen geküßt hatte. Offen gestanden zwei. Es waren nämlich Zwillingsschwestern, eineiig. Und sie nutzten es weidlich aus, daß sie äußerlich kaum zu unterscheiden waren. Mal blieb die eine im Abenddunkel länger vor der Tür, mal die andere, und sie knutschten wie die Weltmeister. Am nächsten Tag tat jede schnippisch abweisend so, als wäre nicht sie es gewesen, sondern die Schwester. Ich ließ ihnen den Spaß, denn er bewahrte mich davor, mit einer von ihnen “gehen” zu müssen, und tat so, als wäre ich ahnungslos wie ein Blinder. Dabei küßten sie sehr unterschiedlich, und ich wußte stets sehr genau, welche von ihnen ich vor mir hatte.
Ich stand vor dem Hauseingang und ließ den Blick über die Klingelschilder wandern; und es traf mich der Schlag: auf einem stand noch immer derselbe Name. Ein zweiter war hinzugekommen. Die Eltern konnten es also nicht sein. Das hieß, eines dieser Mädchen wohnte noch immer in derselben einfachen, dunklen Mietwohnung, in der schon seine Eltern gelebt hatten und in der sie und ihre Schwester aufgewachsen waren. Klingeln? Nein, besser nicht. Für mich war dieses Festsitzen im Immergleichen unvorstellbar. Aber ich sollte es auf diesem Rundgang durch das alte Viertel noch dreimal feststellen. Ich suchte gezielt Häuser auf, in denen früher Spielkameraden oder Jungen oder Mädchen aus der Jugendgruppe gewohnt hatten, an deren Namen ich mich noch erinnern konnte, und in drei weiteren Fällen fanden sich die Namen noch auf den Klingelschildern.
Fremdbestürzt fuhr ich davon. Der Spaziergang hatte mir wieder sehr deutlich vor Augen geführt, warum für mich seit den frühesten Überlegungen, was ich im Leben vielleicht einmal tun wollte, immer wie selbstgegeben festgestanden hatte, daß ich auf jeden Fall aus diesem Viertel und aus dieser Stadt raus und etwas anderes von der Welt sehen wollte. Und hier saßen also Menschen, die ich einmal gekannt hatte, sogar noch in denselben Wohnungen wie seit Kindertagen. Wie sich das wohl anfühlte, mochte ich mir nicht einmal vorstellen wollen.
Nur einer Sache war ich mir ziemlich sicher: daß sie von ihrem Ufer aus mich, diesen unsteten, heimatlosen Gesellen, mittlerweile mit ebensoviel Unverständnis und Befremden ansehen würden. “Da ergrimmte Kain sehr, und seine Gebärde verstellte sich.” Kehrte er denn da etwa nicht auf kleiner Flamme wieder, der uralte Gegensatz zwischen Kain und Abel, Bauer und Hirte, Seßhaftem und Nomaden?
Bevor ich losfuhr, wollte ich im Auto noch rasch etwas umpacken und stellte mich dazu kurz in die Einfahrt zu einem kleinen Parkplatz. Natürlich kam prompt eine Frau aus dem Haus und ging zu ihrem Wagen, wobei sie mich sehr mißbilligend ansah. “Sorry, bin gleich weg”, sagte ich. “Das will ich auch hoffen”, giftete sie. “Hier haben Sie nämlich nichts zu suchen.” – Der ewige unfreundliche Satz des Besitzenden an den Durchziehenden. Fremdes Revier, andere Bande.

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Donnerstag, 30. Juni 2011
Englisch in Holland: allgegenwärtig
Ging heute zum “Kapsalon”, d.h. Friseur. War mal wieder fällig. Unterwegs bei dem guten Fischmann dort im Viertel rasch was Leckeres fürs Mittagessen kaufen. “Today, I would recommend our absolutely fresh scallops, Sir.” Auf Englisch? Der Fischverkäufer? Sure, no problem. An der nächsten Ecke treffe ich auf den netten kongolesischen Kollegen der serbischen Großherzogin. Sein Akzent ist ein bißchen anders, weicher, französischer als der des Holländers, aber Englisch ist es doch. Dabei ist der junge Mann mit ganz anderen Sprachen aufgewachsen. Außer seiner eigentlichen Muttersprache (weiß nicht, welche es ist) spricht er natürlich (?) die Verkehrssprache im Kongo, Swahili, und, da er eine Zeitlang in Ruanda lebte, auch Kinyarwanda. Unterrichtssprache in der Schule war Französisch. Fünfsprachig ist dieser junge, dunkle Kerl mit den großen, fröhlichen Kulleraugen. Und unsereins ist schon stolz, wenn man zweisprachig ist. “O, I like languages", sagt er, "I collect them; it’s a hobby. Next I will learn Spanish. I like it. And pick up some German, maybe, ha, ha.” – Man sollte ihn erst einmal hören, wenn er in der Sprache seiner Trommeln spricht!
Die junge Frau, die mir die Haare schneidet, ist Französin. Ihr Mann hat eine Stelle an der Uni in Leiden. Ihr Englisch ist nicht so gut wie das des Fischmanns, aber es reicht. Was fragt man seinen Frisör? “Wie war der Urlaub?”
“O, nice, but not to nice.”
“Where have you been?”
“In San Francisco. But don’t tell my boss!”
“And you didn’t like it very much?”
“Yes, I liked it, but it’s not exciting, nothing very special. Bon, some nice buildings etcétera but after two or three days everything looks similar and you know it all. You ‘ave seen it on TV and in films. Everything. And the food is awful. Next time I stay in Europe, it’s more interesting, more old buildings, more history, more variety, more différences.”
Wenn man wissen will, wie es draußen in der Welt aussieht, braucht man nur seine Friseuse in Den Haag zu fragen und muß dazu nicht einmal Holländisch sprechen.

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Sonntag, 26. Juni 2011
Zarte Schuhabdrücke
oder was man findet, wenn man etwas über einen Garten erfahren möchte


Im Jahr 1801 gab es in der erst sechs Jahre jungen Batavischen Republik der Niederlande einen kleinen Staatsstreich, diplomatisch eingefädelt vom Ersten Konsul der Schutzmacht Frankreich, Napoleon Bonaparte, der immer mehr monarchische Bestrebungen erkennen ließ. So wurden durch eine von ihm erzwungene Verfassungsreform demokratische Errungenschaften auch in der Batavischen Republik wieder zurückgenommen, und man bezeichnete den niederländischen Satellitenstaat Frankreichs fortan offiziell lieber als Bataafs Gemenebest.


Drei Jahre nach dem Coup kam der Ratgeber des holländischen Königshauses Baron Arnold Willem van Brienen in den Besitz des schönen Barockschlößchens Clingendael beim Regierungssitz Den Haag. (Sein Stadtpalais dort war das heutige Hotel des Indes.) Clingendael blieb Eigentum derer van Brienen bis zum Tod ihrer letzten Vertreterin, der Baroneß Marguerite Marie van Brienen van de Groote Lindt, 1939. Die Baroneß besaß ausgezeichnete Verbindungen auch zu ausländischen, besonders britischen Adelskreisen und sprach angeblich mehr Englisch als Holländisch.


Huys Clingendael

Seit den Weltausstellungen in Wien 1873 und Paris 1889, auf denen nach der jahrhundertelangen Isolation des Landes die ersten japanischen Gartenpavillons und -anlagen in Europa zu bestaunen waren, kam es zu einer kleinen Japanwelle in den Parks mondäner englischer Gartenbesitzer. Zu ihnen gehörte auch Frances Maynard, seit ihrer Heirat mit Francis Greville Lord Brooke, dem 5. Earl of Warwick, nicht nur Erbin der Ländereien ihres Großvaters, dem Viscount Maynard, sondern auch Herrin auf Warwick Castle (gegründet von Wilhelm dem Eroberer) mit seinem fast drei Quadratkilometer großen Park.

“It was not uncommon in the Victorian era for a married woman of social prominence to become romantically involved with a man higher on the social ladder than her husband. This was often with the husband's knowledge, as it could also assist in his advancing socially or politically, and was considered normal for the times.” (English Wikipedia)

Frances Greville
Lady Brooke of Warwick, von vertrauten Freunden kurz Daisy genannt, unterhielt mehrere solcher Affairen, die bekannteste – sie sorgte selbst dafür, daß sie bekannt wurden, weshalb man sie in ihren Kreisen auch gern “Babbling Brooke” nannte – war eine über Jahre andauernde mit dem damals “ewigen” Prince of Wales, dem späteren König Edward VII. Sie bestand immerhin zwölf Jahre. Danach nahm sich die schöne Daisy, die selbst Rodin Modell stand, andere Liebhaber; einer ihrer Favoriten war das Vorbild für “John Bull”, Admiral Lord Beresford, ein anderer der schnauzbärtige Brigadegeneral Joseph Laycock, mit dem sie zwei Kinder hatte.
“Brookie, to whom Daisy remained married until his death in 1924, proved to be a man of surprising and devoted resilience, tolerant not only of his wife's endless affairs but of the arrival of children in whose creation he had no part”, schreibt eine ihrer Biografinnen, Sushila Anand.
“Brookies” Bruder, Louis George Grenville, war zeitweilig britischer Botschafter in Tokyo und ließ sich nach seiner Heimkehr bei seinem Landsitz Heale House einen japanischen Garten anlegen; seine Schwägerin folgte diesem Beispiel bei ihrem eigenen Lieblingslandhaus, Easton Lodge in Essex."

Alice Keppel
Baroneß van Brienen in Den Haag unterhielt beste Beziehungen zu diesen Kreisen der britischen High Society. Sie kannte auch König Edwards noch bekanntere langjährige Maitresse, Alice Keppel (deren Urenkelin rein zufällig die langjährige Geliebte des jetzigen Prince of Wales ist: Camilla Carter-Bowles). Alice Keppels Tochter Violet ging bereits mit 10 Jahren eine enge Freundschaft mit Vita Sackville-West ein, die sich über Jahre hinweg zu einer wild-bewegten lesbischen amour fou entwickeln sollte.
Mevrouw van Brienen oder “Freule Daisy” war mit Vitas Mutter Victoria Sackwell-West persönlich befreundet und ebenso mit den Schwestern Ella und Florence Du Cane, die in den ersten Jahren nach der Jahrhundertwende als Malerin und Schriftstellerin ausgedehnte Reisen unternahmen und anschließend illustrierte Bücher darüber veröffentlichten: Flowers and Gardens of Madeira (1909), ...of the Canary Islands (1911) und, als erstes in der Reihe: Flowers and Gardens of Japan, 1908. Ein Exemplar schenkten sie bei einem Besuch in Clingendael ihrer Gastgeberin und Freundin.

Drei Jahre später begab sich Marguerite van Brienen selbst auf eine Japanreise. Von dort brachte sie einige Dekorationsstücke für ihren eigenen Garten nach den Vorstellungen der europäischen Japonaiserie mit: einen kleinen Schrein, ein Teehäuschen, Steinlaternen, eine kleine, rot lackierte Holzbrücke. Mit der Anlage des Gartens beauftragte sie ihren Gutsverwalter Theodoor J. Dinn, der bereits in den Parks von Versailles, London und Kew gearbeitet hatte, bevor er sich 1905 von der Baroneß anwerben ließ, um in Clingendael eine Pflanzenzucht aufzubauen.

Violet Trefusis Vita Sackville-West
Während in Den Haag der einzige Japanische Garten in den Niederlanden anwuchs, wuchs im Haus Keppel in London Skandalträchtiges heran, und das waren nicht die mehr oder weniger diskreten Affären von Lady Alice, sondern das trotzige Beharren von Tochter Violet, ihre Liebe und ihre lesbische Beziehung zu Vita Sackville-West offen ausleben zu wollen. Vita war inzwischen mit dem Diplomaten Harold Nicholson verheiratet, doch weil der auch gern seinen eigenen homosexuellen Neigungen nachging, konnte sich das Paar bestens arrangieren. 1918 trafen sich die beiden Freundinnen wieder, ließen Vitas Kinder bei der Gouvernante zurück und brannten, unbeeindruckt vom Weltkriegsgeschehen um sie herum, zusammen nach Frankreich durch. Als sie Monate später nach England zurückkehrten, drängte Alice Keppel, um dem Skandal die Spitze zu nehmen, ihre Tochter in eine Ehe mit dem Offizier Dennis Trefusis. Doch noch im gleichen Jahr gönnten sich Vita und Violet eine erneute gemeinsame Auszeit von zwei Monaten in Paris und Monte Carlo, bis Trefusis seine frisch Angetraute auf Drängen der Schwiegermutter zurückholte. Und im Jahr 1920 mußten beide Ehemänner in einem Privatflugzeug auf die Suche nach ihren wieder einmal entwischten Frauen gehen. Sie fanden sie in Amiens und trennten sie nur dadurch, daß sie sie aufeinander eifersüchtig machten. Lady Alice reichte es jetzt mit Violets Eskapaden, zumal das Gerede in London allmählich die bevorstehende Hochzeit ihrer jüngeren Tochter zu gefährden drohte. Also mußte Violet für eine Weile aus der Öffentlichkeit verschwinden. Was konnte sich besser für einen nervenberuhigend abseits gelegenen und doch standesgemäßen “Kuraufenthalt” eignen als das ruhige Haus der befreundeten Baroneß van Brienen im Park von Clingendael?








“...It is such a heavenly night - if only you were here; there is a really lovely little Japanese garden in the middle of the wood. I have just been out to look at it. It has a little paper house in the middle, where it would be divine to sleep”, schrieb Violet im Oktober 1920 von dort an ihre Freundin Vita.
Im nächsten Frühjahr waren sie zum letzten Mal zusammen in Frankreich, bevor Nicholson, auf seinen Ruf bedacht, seine Frau vor die Alternative stellte: Ende der Affäre oder Scheidung.
Violet wurde daraufhin für viele Jahre die Geliebte von Winnaretta Singer, der Tochter und Erbin des amerikanischen Nähmaschinenproduzenten Isaac M. Singer. Vita Sackville-West wurde später bekanntlich die Geliebte von Virginia Woolf, die ihr mit ihrem Roman Orlando eine literarische Liebeserklärung schenkte.




Solche Geschichten findet man, wenn man nur etwas über einen alten Garten in Erfahrung bringen will, der nun immerhin seit bald hundert Jahren besteht. Im Anfang war er natürlich hell und licht und nach den Wünschen der Besitzerin auch voller seltener, exotischer Blumen, darunter japanische Lilien und Seerosen, Azaleen und Chrysanthemen, die Wappenblumen des Tenno. Heute sind die damals gepflanzten Bäume so hoch, daß der Garten mehr und mehr im Schatten liegt. Üppig blühende Pflanzen bekommen nicht mehr genügend Licht, und auf dem feuchtigkeitsgesättigten dunklen Boden haben sich vor allem verschiedene Moose ausgebreitet. Um die fragile Bepflanzung zu schützen ist Mvr. van Brienens japanischer Garten wieder ein hortus clausus; nur an wenigen Wochen im Frühjahr zur Blütezeit und zwei Wochen im Herbst, wenn sich das Laub der japanischen Ahorne rot färbt, wird er für Besucher geöffnet. Jetzt liegt er wieder still und verschlossen da, und Moos wächst über den Schuhabdrücken einsam liebender Frauen.



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Donnerstag, 23. Juni 2011
Auf überwachsenen Pfaden



















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Sonntag, 19. Juni 2011
Haager Sonntagsspaziergang
Sonntag Trinitatis. Na ja, eigentlich will ich nur sagen: der Sonntag nach Pfingsten. Die Kurzurlauber sind mit windondulierten Haaren wieder abgereist, das Wetter ist ungemütlich geblieben; gestern abend ein krachendes Gewitter, heute ungestümer Westwind, der wieder dicke Regenwolken vor sich her schiebt. Noch immer kein Wetter, um am Strand zu liegen, eher um ihn abzugehen, schräg gegen den Wind gelehnt, und nach guter Beachcombermanier Treibgut zu sammeln. Es wird aber nur selten etwas Schönes angeschwemmt; kein Bernstein wie an der Ostsee, kein salzgelaugtes, silbrig glänzendes Treibholz wie in Island. Nach ein, zwei Stunden dann doch lieber, mit viel Sand zwischen den Zähnen und in den Augenwinkeln, zurück in die Stadt, um dort ein paar womöglich übersehene Trouvaillen aufzustöbern. Im engen Viertel um die Lombardstraat vielleicht, wo früher einmal die Konzerthalle “Concordia” stand. Darin fand 1872 der ganz und gar nicht einträchtige 5. Kongreß der Ersten Internationale statt, auf dem sich Marx und Bakunin angifteten, worauf der Ausschluß der Anarchisten erfolgte. Doch solche denkwürdigen Orte der Arbeiterbewegung haben die Haager Pfeffersäcke natürlich längst schleifen und vom Erdboden tilgen lassen.
Was aber noch steht, ist das Haus in Nieuwe Uitleg Nr. 16. Darin wohnte einmal Margaretha Geertruida Zelle, geborene Friesin aus Leeuwarden, als sie sich im Ersten Weltkrieg unter der Deckbezeichnung “H 21" als Agentin für die Deutschen anwerben ließ. Bekannter war sie allerdings unter einem anderen falschen Namen, der auf Malaiisch “Auge des Tages” oder, schlicht, Sonne bedeutet: Mata Hari.

Mitnehmen möchte ich Sie aber bei Gelegenheit auf verborgenere Pfade, auf moosüberwachsene zwischen großen Rhododendren und Azaleenbüschen, an stillen, grünen Kanälen entlang, von hohen, alten Bäumen beschattet. (Denn jetzt kann ich’s gefahrlos tun, weil das Paradiesgärtlein bis auf zwei Wochen im goldenen Oktober wieder verschlossen ist.)



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Donnerstag, 16. Juni 2011



Thematisch die Musik zum Ereignis des Abends, aber um was zu sehen, müßte man schon ähnliches Zeug einwerfen wie die pinken Floyder damals beim Musizieren. Bevor er von der Sonne bedeckt wurde, zog sich der Mond hier nämlich rasch schamhaft eine Wolkendecke vor. Kann man ja auch irgendwie verstehen; aber schade ist's trotzdem.

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Montag, 13. Juni 2011
H.P. Berlage und das Haager Gemeentemuseum





Wie man auf dem Foto vielleicht noch lesen kann, ist die Aufnahme schon zwei Jahre alt, aber sie paßt dennoch ganz gut, weil der Architekt des Haager Gemeentemuseums, Hendrik Petrus Berlage, seine Laufbahn nämlich 1893 mit einer Schrift über “Baukunst und Impressionismus” begann. Zuvor hatte er bei Gottfried Semper in Zürich studiert, verwarf aber als selbständiger Architekt den Historismus in der Baukunst als unzeitgemäß und verlogen. In seiner Schrift formulierte er dagegen Grundzüge für eine zeitgemäßere Bauweise für eine von ihm erhoffte demokratische Gesellschaft; sie solle einfach, allgemeinverständlich und erschwinglich sein.
Ein bißchen Ironie steckt schon darin, daß die ersten großen Aufträge, die der Sozialist Berlage erhielt, in Bauten für einen Versicherungskonzern (De Nederlanden in Den Haag, Kerkplein, von 1897) und die Amsterdamer Börse (1898-1903) bestanden. Beide gelten noch immer als bedeutende Architekturdenkmäler. Besonders De Beurs van Berlage wird als erstes modernes Gebäude in den Niederlanden und Vorbild für die “Amsterdamer Schule” angesehen und steht auf der Liste der “1000 wichtigsten Bauwerke des 20. Jahrhunderts”.


Die Art, wie Berlage in den Jahren 1915-20 den Wunsch des Reeders, Erzhändlers und Kriegsgewinnlers Anton Kröller nach einem Jagdschloß im Zeichen des heiligen Hubertus umsetzte, kann ich fast nur als hintersinnig-ironische Desavouierung des Bauherrn gelten lassen. (Für den “Hausfreund” von Kröllers deutscher Ehefrau Helene Müller, der Tochter eines Essener Stahlbarons, die das Vermögen in die Ehe brachte, richtete Berlage eigens ein Apartment in der ersten Etage ein, von dem eine kleine, geheime Treppe direkt in das Schlafzimmer von Frau Kröller-Müller hinabführte. Der Grundriß in Form eines riesigen Hirschgeweihs setzte dem Großhändler mit Poposcheitel und Walroßschnauzbart dann auch von außen deutlich sichtbar Hörner auf.)

Das Gemeentemuseum ist dagegen Berlages letztes großes Projekt, und es wurde erst ein Jahr nach seinem Tod 1935 fertiggestellt. Für viele ist es aber gerade sein vollendetstes Bauwerk. Auf geometrischem Grundriß ist es voll und ganz nach einer Maßzahl gebaut, der 11, die in christlichen Zusammenhängen häufig als symbolische Zahl für die Übertretung der zehn Gebote und dann allgemein als Symbol der Überschreitung vollendeter Systeme verstanden wird. Jeder Pfeiler, jede Mauer des Museums steht auf einem rechtwinkligen Raster mit einer Kantenlänge von 1,10 Metern, und in allen Maßen des Gebäudes kommen die 11 oder ihre Vielfachen vor. Auch die eigens hergestellten gelben Klinkersteine der Fassade wurden passend auf Maß gefertigt, so daß am ganzen Bau nicht ein gekürzter oder zerschnittener Stein zu sehen ist. Das Gemeentemuseum ist ein auch im Detail vollendetes Gesamtkunstwerk der klassischen Moderne.

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