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Mittwoch, 26. Mai 2010
Frühling in Paris, da kann man nichts machen
Aufgefressen werden offenbar viele, die sich länger in Paris aufhalten, versuchen müssen, dort ein Auskommen zu finden, und daran scheitern. Aber wir sind nur zu Besuch hier, können es bald wieder verlassen, und bis dahin unbeschwert das herrliche Frühlingswetter genießen.
Frühling – Seine – Sonne – Sonntag – Paris.
Alte Klischees müssen ja nicht immer falsch und unzutreffend sein.













Und was sagt Das letzte Buch dazu?
"Easter came in like a frozen hare. Today it is lovely again and along the Champs-Elysées at twilight it is like an outdoor seraglio choked with dark-eyed houris. The trees are in full foliage and of a verdure so pure, so rich, that it seems as though they were still wet and glistening with dew. From the Palais du Louvre to the Etoile it is like a piece of music for the pianoforte."








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Sonntag, 23. Mai 2010
and dynamite it was
Man beachte die Zeile ganz unten auf dem Umschlag der Originalausgabe:
“Not to be imported into Great Britain or the U.S.A.”
Zusammen mit der Banderole: ”Ne doit pas étre exposé en étalage ou en vitrine” hatte der Verleger selbst, Jack Kahane, Besitzer des in Paris ansässigen englischsprachigen Verlags Obelisk Press, die Warnung gleich vorweg ohne jede behördliche Auflage anbringen lassen. Tatsächlich verbot der US-Zoll die Einfuhr des Buchs. Der amerikanische Dichter Karl Shapiro erzählte in seiner Einleitung zur ersten amerikanischen Ausgabe, daß Miller kurz nach seinem Erscheinen von Frankreich nach England reisen wollte, aber von den Hafenbehörden dort festgesetzt und mit dem nächsten Schiff zurückgeschickt wurde. Vier Jahre später, nachdem die ersten Exemplare des zunächst schwer verkäuflichen Buchs als Schmuggelware doch in den USA aufgetaucht waren, wurde Tropic of Cancer in den Vereinigten Staaten als obszön gerichtlich verboten.
Na klar, Miller hatte es drauf angelegt, er wollte ein radikales Buch schreiben, und er wollte nichts auslassen und verschweigen. Am 25. August 1932 schrieb er seinem New Yorker Freund Emil Schnellock: "I start tomorrow on the Paris book: first person, uncensored, formless – fuck everything!"
And so he did, nicht bloß alles, sondern auch (fast) jede, und dabei beobachtete und beschrieb er jede Einzelheit.

“The eternal preoccupation: cunt... what do you think the crazy bitch had done to herself? She had shaved it clean... not a speck of hair on it. Did you ever have a woman who shaved her twat?
It‘s repulsive, ain‘t it?
And the more I looked at it the less interesting it became. It only goes to show you there‘s nothing to it after all, especially when it‘s shaved. It‘s the hair that makes it mysterious. That‘s why a statue leaves you cold. Only once I saw a real cunt on a statue - that was by Rodin.”

(Dies auch als kleiner Kommentar eines großen Connaisseurs zu einer in den letzten Jahren um sich greifenden Modeerscheinung. -
It‘s the hair that makes it mysterious.)


Daß eine so explizite Sprache in der damaligen Zeit natürlich Anstoß erregen mußte, war Miller von Anfang an klar.
“ I think it will cause a riot, and, at the same time, prove a seller -- just because it is sensational in character”, schrieb er dem Freund im Juli ‘32. Aber sensationell und ultimativ sollte es nicht bloß in Hinsicht auf sexuelle Freizügigkeit sein. Ursprünglich hatte Miller den Titel The Last Book vorgesehen. Mit ihm sollte alles gesagt, kein weiteres Buch mehr nötig und möglich sein. Denn das Ende stand sowieso bevor. So dachte er damals wohl tatsächlich, denn um diese Zeit war Spenglers Untergang des Abendlands seine Bibel. Und das letzte Buch der Bibel ist die Apokalypse. Das Buch, an dem er schrieb, “is to be a new Bible - The Last Book... We will exhaust the age. After us not another book”, heißt es im Wendekreis des Krebses zu Beginn. Endzeitstimmung also; damals nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs natürlich nicht unüblich und weit verbreitet. Bei Miller aber äußert sie sich nicht resignativ, sondern aggressiv:

“The age demands violence, but we are getting only abortive explosions. Revolutions are nipped in the bud, or else succeed too quickly. Passion is quickly exhausted. Men fall back on ideas, comme d‘habitude. Nothing is proposed that can last more than twenty-four hours... For a hundred years or more the world, our world, has been dying. And not one man, in these last hundred years or so, has been crazy enough to put a bomb up the asshole of creation and set it off. The world is rotting away, dying piecemeal. But it needs the coup de grâce, it needs to be blown to smitherens.”

Die Änderung des Titels streicht das Kranke der Zeit und der Welt noch heraus. Allein klimatisch indiziert er Schwüle, den Beginn der feucht und morbid dampfenden Tropen. Seiner damaligen Geliebten, Freundin und Mäzenin Anais Nin schrieb er: “Cancer also means for me the disease of civilization, the extreme point of realization along the wrong path — hence the necessity to change one’s course and begin all over again.” Letzteres wird aus der Bedeutung des Krebses als Sternzeichen verständlich: “CANCER = House of Birth + Death”, steht über einem damals in Paris entworfenen, aber nie vollendeten anderen Manuskript Millers. “There was always the astrological implication too”, erklärte er 1956 in einem Radiointerview “a symbolic title I had chosen for a number of reasons, primarily because the cancer is the crab, and the crab has the power, or the ability to walk backwards, forwards, sideways, any direction do you see. I liked that symbol, you know? […] Able to go any direction at will, do you see.”
Sich ganz nach Belieben in jede erdenkliche Richtung zu bewegen, ist natürlich genau das, was der Erzähler in seinem inneren Monolog oder stream of consciousness unaufhörlich tut. Aber das Bild vom Krebs als Krankheit taucht ebenso immer wieder auf, gleich zu Beginn als “cancer of time”, die uns auffrißt, oder später in gleicher Weise auf die Stadt gemünzt:
Paris “grows inside you like a cancer, and grows and grows until you are eaten away.”


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Dienstag, 18. Mai 2010
Wendekreis des Krebses

I am living at the Villa Borghese. There is not a crumb of dirt anywhere, nor a chair misplaced. We are all alone here and we are dead.
The cancer of time is eating us away.
I have no money, no resources, no hopes. I am the happiest man alive.

Seit Jahren habe ich keinen so starken Romananfang gelesen. Und es ist der Anfang eines Debütromans. Henry Miller: Tropic of Cancer.

1891 kam Miller als Sohn eines aus Bayern eingewanderten Schneiders in New York zur Welt. Gut zehn Jahre zuvor war als Gratispassagier des Norddeutschen Lloyd ein 22 Jahre junger Mann namens Knut Pedersen aus Norwegen in New York gelandet. Einer von 29.000 norwegischen Auswanderern jenes Jahres. Aber er blieb nicht einer unter 29.000, und er blieb nicht in den USA. Zurück in Norwegen schrieb er in einer Art “halluzinatorischem Raptus” (W. Baumgartner) die ersten fünfzig Seiten eines Romans, die Edvard Brandes anonym in seiner Kopenhagener Avantgardezeitschrift Ny Jord (“Neue Erde”) veröffentlichte. Im Jahr vor Millers Geburt erschien der ganze Roman und wurde sofort ein Skandalerfolg: Sult, Hunger. Sein Autor nannte sich inzwischen Knut Hamsun.
Miller hat Sult gelesen, unzweifelhaft. Oft genug spielt er auf das Hunger-Motiv an und damit herum, in gewiß nicht zufälliger Häufung öfters im Zusammenhang mit Literatur. “We need good titles. We need meat – slices and slices of meat – juicy tenderloins, porterhouse steaks, kidneys, mountain oysters, sweetbreads”, phantasiert der Erzähler, der nicht offen zugeben will, daß er ausgehungert durch die Straßen von Paris streift, ehe er auf seine literarischen Ambitionen zurückkommt:
“I‘m going to remember this title and I‘m going to put down everything that goes down in my noodle – caviar, rain drops, axle grease, vermicelli, liverwurst...”
An anderer Stelle gibt er mit seiner angeblich unzerstörbaren Gesundheit an und revidiert dann: “When I say ‘health‘ I mean optimism, to be truthful... Carl finds it disgusting, this optimism. ‘I have only to talk about a meal‘, he say, ‘and you‘re radiant!‘ It‘s a fact. A meal! That means something to go on – a few solid hours of work, an erection possibly. I don‘t deny it. I have health, good solid, animal health. The only thing that stands between me and a future is a meal.” Als hätte das nicht der namenlose Held sagen können, der hungernd durch die Straßen von Kristiania streunte. Aber Miller hat nicht nur “Hunger” gelesen und im Paris der damaligen Weltwirtschaftskrise vielleicht wirklich ab und zu Hunger geschoben, er hungerte auch nach Literatur und soll sie pfundweise verschlungen haben. Strindberg war ganz bestimmt ebenfalls darunter, aber Miller hatte den Mut, die beiden Giganten aus dem Norden nicht nur aufzugreifen, sondern sie gleich in seinem ersten Roman fortzusetzen und über sie hinauszugehen, ganz im Sinn seiner darin verkündeten Poetik:

“Art consists in going the full length. If you start with the drums you have to end with dynamite”

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Sonntag, 16. Mai 2010
Deutsch-französische Fremdheit
Bald fünfzig Jahre sind seit der Umarmung von Adenauer und De Gaulle und dem Elysée-Vertrag von 1963 vergangen, Deutschland und Frankreich gelten als Doppelmotor der europäischen Einigung und fördern den bilateralen Austausch vor allem im schulischen Bereich und in der Kultur mit allen erdenklichen Mitteln, aber im Bereich der Literatur können sie trotzdem herzlich wenig miteinander anfangen. Deutsche Literatur hat dem Vernehmen nach in Frankreich den Ruf, spröde und “unsexy” zu sein, entsprechend wenig wird sie übersetzt und gelesen. Die Franzosen bevorzugen nach wie vor ihre eigenen Schriftsteller. 4 der 5 belletristischen Topseller kamen im letzten Jahr von einheimischen Autoren (die Ausnahme: Dan Brown). Von ca. 8600 2008 in Frankreich erschienenen Romanen waren 3440 oder 40% Übersetzungen, darunter aber kamen nicht mehr als 130 aus Deutschland, das sind etwa 4%. Umgekehrt sieht es nicht viel besser aus. Auch bei uns stammen zwei von drei Romanübersetzungen aus dem Englischen. Das Französische nimmt immerhin noch den zweiten Platz ein, aber nur mit einem Anteil von knapp 10% aller übersetzten Titel, und das im Jahr, in dem Le Clézio den Nobelpreis erhielt. Im Gesamtranking des Buchimports nach Deutschland rangiert Frankreich u.a. hinter Irland und Tschechien auf Platz 9. Zu unterschiedlich sind diesseits und jenseits des Rheins offenbar die Erwartungen an das, was man sich jeweils unter einem gut lesbaren Buch vorstellt. Was die Franzosen offenbar als eine wohlgesetzte und wohlklingende literarische Sprache goutieren, klingt in unseren Ohren häufig abgehoben bis verschwiemelt. Mein letzter Versuch macht da keine Ausnahme. Ich hab‘s mal mit dem neuen Roman des Figaro-Kritikers und Hobbykochs Sébastien Lapaque versucht, der doch ein Jahr nach seinem Amtsantritt in Il faut qu‘il parte so schön mit Sarkozy und seiner «bêtise néo-libérale» abgerechnet hat, daß er anschließend mehr als fünfzig Drohungen von Fresseeinschlagen bis Umbringen erhielt.
Diesmal bringt er lieber selbst um, literarisch zumindest: “Du wirst sterben, heute noch, du weißt es nur noch nicht”, beginnt sein neuer Roman Les identités remarquables. So schön knackig fängt es an, aber schon nach drei Seiten geht‘s dann los:

Tu t‘étais lié avec Laroque, heureux et fier de vous savoir les derniers de votre date à vous passionner ainsi pour les ídees générales, la crise de la culture et les problèmes historiques... Ce qui ne t‘a jamais coupé de la matière dont nos corps sont faits. Il y avait beaucoup de filles dans ta vie, tu t‘es efforcé de ramener cette multitude à l‘unité, même quand cela t‘est apparu un sacrifice...”
Klingt irgendwie gut, nicht? Aber in meiner unbeholfenen Übersetzung kommt hoffentlich in etwa rüber, was da (in einem Kriminalroman) wie ausgedrückt wird: “Du hattest dich mit Laroque zusammengetan, glücklich und stolz in der Überzeugung, daß ihr die Letzten eures Alters wart, die sich leidenschaftlich für die großen Ideen, die Krise der Kultur und die historischen Probleme interessierten... Das aber hat dich nie von dem Stoff abgeschnitten, aus dem unsere Körper gemacht sind. In deinem Leben hat es viele Mädchen gegeben, du hast dir Mühe gegeben, diese Vielheit auf eine Einheit zurückzuführen, auch wenn es dir wie ein Opfer erschien... C‘est affreux de laisser s‘eloigner toutes ces réalités qu‘on a follement aimées sous les tours des roues dentées du temps. Es ist schrecklich, sich von all diesen wirklichen Dingen, die man so unsterblich geliebt hat, unter den Umdrehungen der Zahnräder der Zeit entfernen zu lassen.” - Puh, der Autor ist noch in seinen Dreißigern, die Person, von der er spricht 27! Selbst als er seinem Freund ein Hühnchen kocht, geht das nicht ohne permanente Subtilitäten bei der Zubereitung wie dem begleitenden hochgeistigen Kulturgeschwafel über “le jeu subtil de Nicolas Cage” und die Genialität von Scorsese. “Voilà bien un homme chez qui l‘on n‘a pas à déplorer l‘éclipse de l‘imagination et l‘appauvrissement de l‘esprit critique”. - Mon dieu, ist es da verwunderlich, daß ich mir zum literarischen Reisebegleiter durch Paris lieber Henry Miller erkoren habe?

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Freitag, 14. Mai 2010
"De par le roi défense à Dieu de faire miracle en ce lieu"
Ach, sie lieben ja doch die großen Worte und die große Pose, die lieben kleinen Französchen. Sie singen und springen wie eh und je und tragen auch weiße Höschen. Wir haben den Ring der ehemaligen Stadtmauer König Philippe Augustes auf dem linken Seineufer hinter uns gelassen und folgen dem Lauf des Biberflüßchens hangauf, das nur noch als Abwasserkanal zugedeckelt unterirdisch durch die Darmwindungen von Paris fließen darf und längst ebenso aus dem Stadtbild verschwunden ist wie die Mauern aus dem 13. Jahrhundert. Hinter der Böschung eines ehemaligen Festungsgrabens, der Contrescarpe, bummeln wir ein eher beschauliches, schmales Gäßchen hinauf. Seine Häuser sind von den Bauverordnungen des Barons Haussmann sichtlich nicht betroffen worden; sie sind schmaler, niedriger, im Erdgeschoß fast immer kleine Läden, die Türen weit geöffnet, Stände und Stellagen davor, die den Gehweg noch schmaler machen und die Straße zugleich um die Verkaufsräume der Läden erweitern. Menschen gehen ein und aus, mit Einkaufstüten bepackt, aus denen Stangen von Porree und Baguettes ragen. Es ist ein kleineres, alltäglicheres Treiben hier als auf den großen Prachtstraßen, aber der Franzose Eric Hazan beschwört auch noch oder gerade hier zwischen den schmalen Häusern der Rue Mouffetard den “endlosen Kampf zwischen dem Geist des Raumes und dem Geist der Zeit”.
Die alten Läden, die Marktstände, die Bäume auf den Resten des kleinen Friedhofs bei der Kirche des hl. Medardus, wo in den 1720er Jahren die “Konvulsiven” in Trance halbnackt auf den Gräbern tanzten, bis König Louis XV. ein Schild aufstellen ließ, daß es “auf Befehl des Königs bei Gott verboten ist, an diesem Ort Wunder zu machen”, “diese ganze Palette von Epochen, Stilen und Ereignissen verleiht diesem Ort einen Geist, der sich mit keinem anderen vergleichen läßt”, schreibt Hazan.
Wir nehmen‘s auch eine Nummer kleiner, freuen uns an dem herrlichen Angebot von frischestem Obst und Gemüse, Deftigem und Delikatessen, wir staunen, daß es schon französische Erdbeeren gibt, die einander so ähnlich sehen, als kämen sie aus dem Klonlabor, und doch Aroma haben, und wir lassen uns schließlich in einem kleinen Straßencafé zwischen den Marktständen vor der Kirche nieder, bestellen einen knackigen Salat mit Ziegenkäse, Brot dazu und einen von diesen leichten Roséweinen, die sich in Frankreich als schlichte Tafelweine erstaunlicherweise sogar oft trinken lassen. Es ist Mittag, die Tische füllen sich zusehends mit Angestellten, die rasch eine Kleinigkeit essen, einen Kaffee trinken oder auf einer der Bänke in dem winzigen Kirchhofgärtchen für eine halbe Stunde die warme Frühlingssonne genießen wollen. Wer hätte das gedacht, aber so schön kann Paris sein.

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Mittwoch, 12. Mai 2010
Zwischenmeldung von Interpol


Ob man die Finanzkrisen in Griechenland und Island miteinander vergleichen kann, weiß ich nicht; aber während derzeit alle Welt auf Griechenland blickt, sieht es in Island, das momentan mehr durch echte Asche von sich reden macht, so aus, als wollten Eva Joly und Sonderermittler Ólafur Hauksson Ernst machen mit ihrer Ankündigung, die wahren Schuldigen am Zusammenbruch der isländischen Banken dingfest zu machen und ihrer Verurteilung zuzuführen.
Vor kurzem nahm die isländische Polizei “zwei ehemalige Direktoren der pleitegegangenen Kaupthing-Bank fest, denen Unterschlagung, Dokumentenfälschung und die Manipulation von Aktienkursen durch Scheingeschäfte vorgeworfen wird. Ihnen drohen Gefängnisstrafen von bis zu acht Jahren. Den ersten Verhaftungen werden wohl noch andere folgen: Sowohl weitere Kaupthing-Chefs, die Leiter der beiden anderen Pleitebanken Landsbanki und Glitnir und mehrere Großindustrielle stehen auf Haukssons schwarzer Liste... Drei Minister, drei Zentralbankchefs und der Leiter der Finanzaufsicht riskieren, vor ein Sondergericht gestellt zu werden”, berichtete Hannes Gamillschegg letzen Samstag in der Stuttgarter Zeitung.
Gestern reichten die Konkursverwalter der Glitnir-Bank beim New York State Supreme Court offiziell Klage wegen Betrugs im großen Stil gegen den Mitbegründer und ehemaligen Hauptanteilseigner Jón Ásgeir Jóhannesson, seine Frau Ingibjörg Pálmadóttir, seinen ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Lárus Welding und weitere leitende Köpfe der Bank ein. Ihnen wird vorgeworfen, mittels ungedeckter Kredite nicht weniger als 2 Milliarden Dollar durch die Bank in die eigenen Taschen geschleust zu haben. Gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers wurde wegen Verletzung der Sorgfaltspflicht, Verschleierung und Fahrlässigkeit ebenfalls Klage erhoben. (Das New Yorker Gericht ist zuständig, weil Glitnir das Geld damals teilweise durch den Verkauf von Schuldverschreibungen in den USA beschafft hatte.) Am gleichen Tag erwirkten die Konkursverwalter vor einem Gericht in London, wo Jón Ásgeir und etliche weitere der isländischen Wirtschaftskriminellen nach wie vor ein recht komfortables Leben führen, eine Anordnung, daß sein weltweit verstreutes Vermögen überall eingefroren werden soll.
Und ebenfalls gestern schrieb Interpol auf Antrag des isländischen Sonderermittlers mit internationalem Haftbefehl den ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden der Kaupþing-Bank, Sigurður Einarsson, wegen Aktenfälschung und Betrugs zur Fahndung und Festnahme aus. Der erklärte an seinem Londoner Wohnsitz, er denke nicht daran, der Vorladung nach Island Folge zu leisten, und vertraue auf die Respektierung seiner Menschenrechte in Großbritannien. - Of all places. Man sollte doch meinen, daß die wegen des Icesave-Skandals auf Isländer so wütenden Briten ihn als erste hoppsnehmen.

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Montag, 10. Mai 2010
Der älteste Baum von Paris
In dem kleinen Park um die alte Kirche steht ein alter Baum. Er ist so alt, daß nur noch ganz wenige Äste Blätter tragen, und sein Stamm ist vom Alter so krumm und gebeugt, daß man ihm eine als Baumstamm getarnte Zementstütze unter die Achsel geschoben hat, damit er nicht umfällt. Wie man nachlesen kann, ist er der älteste lebende Baum von Paris. Doch so alt wie die ältesten erhaltenen Teile der Kirche ist er natürlich nicht. Die ursprüngliche Kapelle der Merowinger wurde 886 beim Sturm auf die Stadt von den Normannen abgefackelt. Die Ruinen schenkte der dritte Kapetingerkönig Heinrich I. 1045 dem Kapitel von Notre Dame, das sie an das Kloster Longpont in der Picardie weitergab. Zisterziensermönche von dort errichteten eine neue Kirche, von der heute noch die romanische Apsis aus dem Jahr 1175 erhalten ist.
So alt kann der Baum davor nicht sein, denn zu jener Zeit war die Art in Europa noch nicht heimisch. Der Baum ist eine Robinie, die erste oder zweite Robinie in Europa, denn Robinien wuchsen ursprünglich nur in Nordamerika. Die Wikinger oder Normannen haben sie nicht von dort mitgebracht, aber nachdem Champlain am Sankt-Lorenz-Strom die erste dauerhafte französische Kolonie in Kanada gegründet hatte, erteilte die Hofgärtnerei des Königs den Auftrag, Pflanzen aus La Nouvelle France für die königlichen Gärten über den Atlantik heranzuschaffen. 1623 erhielt der kgl. Hofgärtner Jean Robin Setzlinge einer unbekannten Baumart, von denen er einen in den Botanischen Garten der Sorbonne und einen zweiten neben St. Julien-le-pauvre pflanzte. Als später Linné die Art klassifizierte, benannte er sie nach ihrem ersten Pflanzer Robinie. Auf deutsch nennt man sie wegen ihrer schönen Blüten auch Silberregen, und dieser schönen Blüten wegen wollten auch andere Monarchen und Aristokraten sie bald in ihren Parks haben. 1640 wurde das erste Exemplar nach England geliefert, und dreißig Jahre später wurden Setzlinge im Arboretum des Berliner Lustgartens neben dem Schloß gepflanzt. Ihr Holz gilt als widerstandfähiger und dauerhafter als Eiche, und die erste Robinie auf europäischem Boden, die, wenn auch altersgebeugt, noch immer vor der alten Kirche von St. Julien steht, beweist ihre Langlebigkeit.

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