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Freitag, 4. März 2011
Die Schöke u.v.m.
Nur ein Buch im Gepäck, schrieb ich (als Freizeitlektüre neben dem Arbeitsmaterial, versteht sich). Aber dieses eine Buch, nicht nur an sich schon dick wie drei, enthält gleich auch noch mehrere in dem einen, ist so zwei- und mehrfach geschrieben, als habe sein Autor im zweiten Durchgang bei jedem Satz im Synonymwörterbuch geblättert, damit – vielleicht außer den Formen von “haben” und “sein” – möglichst kein Wort zweimal vorkommt. Wann hat man zum letzten Mal für Schwert, Säbel, Degen das Wort Plempe gelesen? Unerschöpflich scheint sein Wortschatz zu sein, bei ihm läßt sich der eigene verbale Basic-Besteckkasten 500+ mühelos und beliebig erweitern. Das ist nicht nur lehrreich, es macht auch noch ein Mordsvergnügen.
Nehmen wir zum Beispiel nur, um nicht schon wieder ein Rätsel auszuschreiben, einen kurzen Auftritt, in dem der Erzähler sich selbst beschreibt, nach einem für ihn nicht sehr ruhmreich ausgegangenen Zwischenfall übrigens.
Da heißt es:

“Der Leser erinnere sich, daß Vf. im dritten Kapitel mit vollen Backen sein Eigenlob geblasen hat als Erzähler, dessen Mimik jeder Aufgabe gewachsen sei. Stellt ihn dann auf die Probe, jetzt und hier soll er sich selber darstellen. – Laßt ihn ein kleines Schaubluten vollführen, die Stigmata der Demütigung, die Hexenmale umhurter Ungeburt zum Aufstrahlen bringen, zeigen, wie er mit dem heil gebliebenen Auge nach seiner B. schielt, die ihn herausspritzen muß. Und überhaupt die Augen! Das heile ginge noch an, aber ihr könnt ihm den ordinärsten Fusel für Müllkutscher schenken, und er kriegt das andere, das ausgekragte, nicht so überzeugend, so aperspektivisch-picassohaft hingemimt, wie es ihm das Weib seiner schlaflosen Nächte auf das Jochbein gehauen hat. Ruhmredigkeit war es, Fanfaronade und billiges Ablenkungsmanöver, denn der Schelm weiß genau, daß seiner Kunst Grenzen gesteckt sind.”

“Aperspektivisch-picassohaft hingemimt” – bildlicher geht’s kaum. Doch Vielfalt, dein wahrer Name ist Weib; buhlerisches nur einer deiner Namen, denen noch viele, viele folgen, obwohl es sich immer um ein und dieselbe Frauensperson handelt. Aber was für eine! Alles, was Theweleit an Frauenstereotypen aus männlichen Hirnen gefiltert hat, ist sowieso in ihr versammelt. Schöne, reizvoll-gefährliche Frau, “von Namen ebenso schön wie von Wuchs”, doch auch ein “ausgepichtes Weib”, Mutter, Heilige, Krankenschwester und Hure ist die “schimmernde Eiskokotte”, die dem Schaum des Meeres entstiegene Inselvenus ohnehin.
Mit Luder und Biest nimmt es erst den eigentlichen Anfang. “Luder als Kosewort für Liebchen? Oder verbirgt sich ein Straßenaas dahinter?” Man weiß es nicht, ehemann’s erprobt. “Heute nacht schläft er schon unter ihrem Dache. Es ist eine Frage der Zeit, wann anstelle des Daches die Decke tritt.” Denn auch wenn die spanischen Frauen damals noch (ganz anders als heute) “mit ihrer Leibesschönheit geizen”, ist die von ihm fixierte doch “ein Vexierglas, eine gleisnerische Giftblüte, Schierling, ein Seuchenherd und Teufelsmoor, ein höher entwickeltes Pflänzchen aus der Klasse der fleischfressenden Droseraceen”, und gerade darum kann der Kater das Mausen nicht lassen: “Willst du jetzt Funken ziehen aus der Stanniolnutte? Sieh dich vor, es ist nur eine Frage der Polarität und Isolierung, ihr seid beide geladen.”


So ist es, und schon bald ist die Straubgeiß, der Garstvogel, die geile Schindkracke “rasend, rasender als nach jeder Beichte” (!), und er meint “sogar einen scharfen Wildgeruch wahrzunehmen, wenn die geile Pantherkatze neben mir hinstrich... Wann wird sich die Pranke mit vorgeschnellten Krallen heben und mir einen Lappen aus dem feigen Fleische hauen?”

Lange dauert es nicht mehr, bis die schmachtende Buhle, die Schlunte und Sulamitin sich den “Meister der verpaßten Gelegenheiten” zum fleischlichen Fraße ausersieht; doch stellt er sich so langwierig und ungeschickt an, wie es unsereiner nunmal oft tut, daß, als er “noch bemüht, die letzten irdischen Anklebsel von meiner Göttin abzustreifen”, die Hehre sich bückte und aus dem Strumpfband einen Dolch “feinster toledanischer Schmiede” zog. “Wie Charlotte Corday stand sie da, um mir das heiße Bad zu segnen, bevor ich drin lag.”
Worauf der Held, anders als der revolutionäre Marat, schmählich reißaus vor der Schöke und wutschnaubenden Zaupe nimmt.
Später, in trügerischer Sicherheit kann er dann das Maul wieder vollnehmen.

“Leukoplastische Erotik, mehr war es nicht gewesen – ein Ruck, ein paar Haare blieben am Verband, man schreit nicht einmal au! und rasch erholt sich die Haut.”

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