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Freitag, 6. Juni 2008
al-Wasil
Am späten Nachmittag waren wir mit dem Mann namens Raschid in al-Wasil verabredet, einem kleinen, staubigen Straßendorf am Rand der Ramlat al-Wahiba. Ein hilfsbereiter Angestellter am Hotelempfang in Nizwa hatte uns seine Telefonnummer gegeben, als er hörte, dass wir in die Wüste wollten. Raschid, sicher ein Verwandter von ihm (aber sprach das dagegen?), unterhalte ein kleines, bescheidenes Camp im Gebiet der großen Sanddünen und sei ein erfahrener Führer aus einer in der Wüste lebenden Bedufamilie.

Wir trafen etwas vor der verabredeten Zeit ein, parkten den Wagen im schmalen Schatten einer niedrigen Zeile von Lehmhäusern und warteten. Die Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatten jede Tür und jedes Fenster gegen die stechende Sonne verschlossen. Ein einziges Mal öffnete sich eine schmale Pforte in einem beschnitzten doppelflügligen Portal, und eine Beduinenfrau schlüpfte heraus. Statt eines Schleiers trug sie die omanische Burqa und ein mit roten Bordüren schön verziertes Tuch. Am kleinen Finger einen massigen Goldring. Durch den Türspalt wurde im Hof kurz eine Kloschüssel sichtbar, dann schloss sich die Pforte. Wenig später kam ein gelbes Buschtaxi, auf dessen Ladefläche ein paar Halbwüchsige hockten. Ob wir auf Raschid warteten; er käme bald. Nach dieser Zwischenmeldung fuhren sie wieder davon.

Im Autoradio lief ein endlos schwebender Teppich von arabischer Popmusik, leise klopfende Rhythmustrommeln, an- und abschwellende Streicher, Habibi besingende Frauenstimmen, alles nicht unangenehm, einschläfernd im Hitzeatem der Wüste. Ich hielt mein kleines Reisethermometer aus dem Seitenfenster. Es schnellte von 41 ̊ im Schatten auf den Anschlag bei 53 ̊.
Dann bog ein weißer Landcruiser um die Hausecke und hielt hinter uns. Zwei Männer stiegen aus. Der Fahrer in gegürteter weißer Dischdascha und hell gemustertem Turban kam auf uns zu, den anderen in blauem Monteursoverall sah ich im Rückspiegel hinter unserem Wackenheck abtauchen. Der Weißgekleidete stellte sich als Raschid vor, ein junger Mann, vielleicht Anfang dreißig mit einem schmalen Kinnbart und wachen braunen Augen unter kräftigen Brauen. Er fragte, ob wir zu ihm umsteigen oder mit unserem eigenen Wagen fahren wollten. Letzteres. Gut. Unser Auto könnte es schaffen. (Kurze Pause.) Wir sollten ihm dann immer in seiner Spur folgen. Plötzlich ertönte vom Wagenheck ein lautes Zischen. Raschid sah mich völlig unbeteiligt an. “Dein Freund lässt uns schon mal die Luft aus den Reifen?”, fragte ich. Seine Lippen verzogen sich zu einem fast unmerklichen Lächeln, und er nickte. “Damit ihr euch nicht so leicht im Sand festfahrt.” “Ich weiß”, sagte ich. “Dann können wir ja losfahren.” “Fahren wir.”

Wir wendeten, bogen in eine schmale Gasse und kurvten zwischen den eng zusammenstehenden Häusern hindurch. An einem hielt Raschid noch einmal an und stieg aus. Er nahm zwei große Kanister von der Ladefläche und stellte sie unter einen aus der Hauswand ragenden Wasserhahn. “Hier könnt ihr auch noch mal Wasser zapfen”, sagte er. “Es kommt aus einem Tank in der Erde. Ist schön frisch und kühl.”
Hinter den letzten Häusern von al-Wasil endete die Straße im Sand. Er sah dunkel aus, wellig und fest wie trockenes Watt. Aber in der Ferne wölbte sich, rötlich in der Spätnachmittagssonne glühend, die erste hohe Sanddüne.


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