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Mittwoch, 3. Oktober 2012
Temppeliaukion kirkko

Die Finlandia-Halle am Südufer der Töölö-Bucht ist nur der verwirklichte Teil eines Gesamtplans für ein neues, repräsentatives Stadtzentrum, das Aalto Anfang der Sechziger Jahre für Helsinki entwarf. Es sollte das damals unbebaute Dreieck zwischen Parlament, Nationalmuseum und dem wuchtigen Jugendstilbahnhof einnehmen, das sich stadtauswärts zur Töölö-Bucht hin öffnet. Von der Bucht sollte es in drei Terrassen Richtung Innenstadt ansteigen. In der Zwischenzeit wurde und wird das Areal bebaut, jedoch mit Entwürfen anderer Architekten; etwa mit dem Museum für zeitgenössische Kunst, Kiasma, des Amerikaners Steven Holl von 1998 oder mit dem im letzten Jahr eingeweihten Haus für Musik, Musiikkitalo, dessen Konzertsaal im Unterschied zur Finlandia-Halle eine überragende Akustik haben soll und laut Hamburger Abendblatt als “klingendes Vorbild der Elbphilharmonie” gilt. Ein regelmäßiger Konzertgänger in Helsinki sagte mir: "Als wir nach zwanzig Jahren Finlandia-Halle das erste Konzert im neuen Musikhaus hörten, hatten wir alle das Gefühl, jemand habe uns endlich Stöpsel aus den Ohren gezogen.”
Geht man von dort ein paar Hundert Meter in westlicher Richtung durch den Stadtteil Töölö, landet man vor einer Wand, die aussieht, als habe jemand eine Klagemauer auf einer schießschartenartig betonarmierten Tiefgaragenzufahrt errichtet. Dahinter liegt, in den Granit gebohrt, ein weiteres Wunder moderner finnischer Architektur, die Temppeliaukio-Kirche der Brüder Timo und Tuomo Suomalainen von 1969.

Nachdem man das Maul der Höhle betreten und das dunkle Foyer durchschritten hat, öffnet sich ein Felsendom unter einem gigantischen Gong oder Becken aus Kupfer. Zwischen den Streben, die diese Kuppel halten, flutet von oben Licht durch unzählige Fenster. Das Widerspiel zwischen glatt gegossenem Beton, zyklopisch grobem Felsgestein und blankem Kupfer wiederholt sich um die Verkleidung der Empore und bei der Orgel.



Das staatliche finnische Fernsehen YLE hält noch ein Video über den Einweihungsgottesdienst bereit, in dem vor allem die jungen Leute zu sehen sind, die vor der Kirche demonstrierend fordern, man solle das Geld für den Bau besser nach Biafra überweisen.
Viel bizarrer finde ich aber, daß ausgerechnet der staatliche Radiosender dieses erzprotestantischen Landes wohl der einzige außerhalb des Vatikans sein dürfte, der wöchentlich Nachrichten auf Latein sendet:
“Neil Armstrong vita defunctus. Breivik vinculis condemnatus...” schallt es in wunderbar hartem und deutlichem finnischen Akzent auf Nuntii Latini. Die spinnen, die Finnen, aber herrlich.

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Montag, 1. Oktober 2012
Finlandia-Halle


Von anderen Bauten der klassischen Moderne in Finnland ganz zu schweigen. Etwa von Alvar Aaltos Finlandia-Halle.




»Die den Menschen umgebenden Gegenstände sind kaum Fetische oder Allegorien, die einen mystischen, ewigen Wert haben. Sie sind vielmehr Zellen und Gewebe, lebendig wie diese, Bausteine, aus denen sich das menschliche Leben zusammensetzt. Man kann sie nicht anders behandeln als andere Einheiten der Biologie, sonst laufen sie Gefahr, nicht mehr ins System zu passen, sie werden unmenschlich.«
(Alvar Aalto, 1935)


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Sonntag, 30. September 2012

Aus Petersburg und Botox-Land* zurück in Helsinki sieht man plötzlich einen ästhetischen Reiz in einer schlichten Außentreppe.

*Botox ist in Rußland einer der Spitznamen für Putin

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Samstag, 29. September 2012
Über die Karelische Landenge


Jahrhundertelang strittiges Grenzland, noch im letzten Krieg heftig umkämpft, dann vierzig Jahre hermetisch geschlossene Grenze; heute schaukelt einen ein Pendolino in dreieinhalb Stunden komfortabel von Petersburg über die Karelische Landenge nach Helsinki. Am Fenster ziehen Seen und Wälder mit wenigen gerodeten Siedlungsinseln vorüber.

Größte Unterbrechung dieses Landschaftsfilms ist das alte Wiborg am Ausfluß des Saimaa-Kanals mit seiner wuchtigen Burg, deren Kern aus dem 13. Jahrhundert stammt. Seit etwa derselben Zeit existierte in Wiborg eine deutsche Kolonie, zunächst von Hansekaufleuten. Im 18. Jahrhundert war Deutsch offizielle Amts- und Schulsprache der Stadt. “In Wiborg sprach man vier Sprachen”, versicherte der aus Wiborg kommende finnlandschwedische Literat Victor Hoving. Als ganz Finnland 1812 russisch wurde, machten Deutsche zwanzig Prozent von Wiborgs Bürgern aus. Mit der Unabhängigkeit Finnlands 1918 wurden sie von russischen Untertanen zu finnischen Staatsbürgern.
Am 20. Juni 1944 eroberte die Rote Armee Wiborg und stieß in einer Großoffensive über die Landenge weiter Richtung Helsinki vor. Obwohl sie zahlenmäßig dreifach unterlegen waren, konnten die finnischen Verbände, geführt von dem schweizerstämmigen General Oesch (in Wiborg geboren), den russischen Angriff in den zwei Wochen anhaltenden Gefechten von Tali-Ihantala noch auf der Landenge zum Stehen bringen. Dieser Abwehrerfolg gilt als die entscheidende Schlacht zur Rettung Finnlands vor einer erneuten russischen Okkupation. Wiborg aber mußte Finnland zusammen mit großen Teilen Kareliens in seinem Separatfrieden mit der Sowjetunion abtreten.

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Freitag, 28. September 2012
Perspektiven fürs Leben

Es ist unglaublich, wie viele Hochzeitsgesellschaften wir an den paar Tagen in Petersburger Parks und anderen romantischen "posing locations" wie Kriegerdenkmälern, Admiralitätssäulen oder Kriegsschiffankern am Newa-Strand gesehen haben. Daraus läßt sich nur folgern: a) Petersburg ist nach wie vor eine Stadt der Marine, und b) heiraten in Pomp & Pracht & Plüsch muß absolut "in" sein.
Eine kleine Auswahl von Schnappschüssen von Brautpaaren, deren unfreiwilliger Hochzeitsgast ich wurde, möchte ich den FahrtenbuchleserInnen nicht vorenthalten.
Hochzeitskleidfarbe der Saison übrigens, wenn nicht klassisch Weiß: Magenta.




Bei der Ankunft dachten wir gleich auf der ersten Stadterkundung: Heute muß Hochzeitstag in Rußland sein. So viele frisch getraute Paare können kein Zufall sein.
Am nächsten Tag dachten wir: Oh, noch ein Tag der Trauungen.
Am dritten Tag: Hm, same procedure as last day...
Anhäufungen von Brautpaaren scheinen sich nach folgender Regel zu ergeben: Wo der Asiate sich selbst knipst, knipst der Russe seine Braut.
Ich male mir bei einigen aus, wie die Abzüge in mehr als zwanzig Jahren, so kurz vor der Silbernen Hochzeit, auf den Blümchentapeten an den Wohnzimmerwänden oder in der Schrankwand aussehen werden.



Also wenn das nicht allerliebst ist!
Jetzt weiß ich, wenn im krisengebeutelten Westen einmal gar nichts mehr gehen sollte, weil durch weiter zunehmende Überschuldung und Hyperinflation die EU am Ende doch auseinanderbricht, kann ich meine Kamera nehmen und in Petersburg als Hochzeitsfotograf arbeiten. Ein krisenfester Job mit Zukunft.

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Donnerstag, 27. September 2012
Nach Peterhof und До свидáния

Die eine Stunde Bootsfahrt am Vortag, hin und zurück, führte – so viel Pflichtprogramm sollte schon sein – nach Petergof. (Jeder deutsche Gans dürfte wissen, daß im Russischen h wie g gesprochen wird.) Die Fahrt mit einem der pfeilschnellen “Meteor”-Tragflügelboote trägt die Touristen auf den Mündungsarmen der Newa in zu großem Abstand am Alltagsleben von Millionen Petersburgern vorbei. Da hilft auch kein Teleobjektiv. Und daß die alten Hafenkräne zu lustig bunten Kraken umgepinselt wurden, bringt vermutlich nicht wirklich Farbe in das Leben in den Menschensilos.

Der “Meteor” (pf)eilt daran vorbei, die graue Newa hinab, hinaus auf die Kronstädter Bucht, die inzwischen durch einen Damm gegen die so höchst wahrscheinlichen Tsunamis im Finnischen Meerbusen gesichert wurde. Holland scheint in Petersburg noch immer Vorbild zu sein. Ich könnte denen ja Dinge erzählen... Doch vermutlich würden sie darüber nur müde lächeln.

Jetzt aber mit Vollgas ab ins Disneyland Sommermärchenschloß der Zaren!
Und schnell wieder weg. Der “Meteor” turbodieselt zum Glück im Halbstundentakt hin und her.

Das schlichte Backsteinschlößchen Monplaisir, wahrscheinlich zur Erholung nach dem anstrengenden Fußweg von maximal 10 Minuten vom Palast durch den Park gedacht, hätte als Sommerhaus für Familie Romanow eigentlich auch gereicht. Einen schönen Blick aufs Wasser hat man von da ebenfalls. Und zwar unverstellter als den vom Hauptschloß die Pißrinne entlang.

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Mittwoch, 26. September 2012
Junges Leben in Pieter

Zwischen Palästen, Sakralbauten und Sanierungslücken finden sich natürlich auch in Petersburg ganz unaufgeregte Straßenzüge mit völlig unprätentiösem Altbaubestand, kleinen Läden, Restaurants und Cafés, oft in leicht abgesenkten Souterrains. So ist etwa das Viertel südlich des Newskij-Prospekts und der Kazan-Kathedrale abends ganz nett zum Umherschlendern. Dort hat sich eine ganz entspannte junge Alternativszene eingerichtet.
Bestes Beispiel ist das Café Zoom in der Ulitsa Gorokhowaja, ein hell renoviertes Gewölbe mit etlichen gemütlichen Räumen, in denen man nicht nur gut und preiswert essen und trinken kann, es fungiert auch als Buchcafé, in dem Bücher nicht nur verkauft werden, in den Regalen in jedem Raum stehen auch Titel zur Lektüre bereit, es gibt eine Buchtauschvitrine, eine eigene Musikkollektion, Gäste hinterlassen Zeichnungen auf den Papiersets, keineswegs bloß Schulbankkritzeleien (man taste sich auf der Homepage mal zum Archiv der Galerie durch), und abends sind sämtliche Tische mit jungen Leuten besetzt, die dort alle Arten von Brettspielen spielen, bereitgestellt vom Café. Da kann es schon mal vorkommen, daß man auf einen frei werdenden Platz warten muß. Nach zwölf Stunden zu Fuß unterwegs (na gut, zwei Stunden für eine Essenspause und eine Bootsfahrt abzuziehen), nehme ich auch das in Kauf, mir reicht’s mit der Stadterkundung für’s Erste, während meine Duracell-Herzogin immer noch weiterlaufen könnte. Schließlich ist es noch warm draußen, Mitte September, und um 22 Uhr noch T-Shirt-Temperatur. In der Nacht kracht dann ein mächtig donnerndes Gewitter los. Die Mücke im Hotelzimmer gerät in Blutrausch.

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