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Sonntag, 15. August 2010
Das abenteuerliche Herz
Jenseits der Grenzen der Klarheit auf die Suche nach dem Wunderbaren gehen. Das nenne ich ein Programm, aus dem ein spannendes Buch hervorgehen kann. “Gegenstücke des Magnetbergs” will es finden, “geistige Zentren von so abweisender Kraft, daß sie dem gewöhnlichen Sinn unnahbarer und unbekannter als die Rückseite des Mondes sind”, und zu denen dem Erzähler ein alter Lehrer einst die Wege zeigte. Doch unbekannt sind viele Jahre später der Lehrer und die Wege zu ihm.
“Daß ich ihn fast ganz vergaß, liegt daran, daß er hinter sich die Spur zu löschen liebte wie ein Tier, das im innersten Dickicht haust... Auch Schuttplätze waren in das Viertel eingesprengt, in deren Zäune der bittersüße Nachtschatten seine Ranken flocht, während auf ihren Halden der Flughafer gilbte und der Stechapfel die weißen Kelchfähnchen im Abendwinde schaukelte. Noch waren hier weder Laternen noch Straßenschilder angebracht, und so kam es wohl, daß ich oft in die Irre ging. In der Erinnerung nun vergrößern sich diese Irrwege auf unentwirrbare Art, so daß es mir fast scheint, als ob er inmitten eines Archipels auf einer Insel gewohnt hätte, und zwar auf einer solchen, der kein Schiff sich zu nähern vermag, weil die Abweichung allen Berechnungen trotzt.”(Wenn das keine schöne, rhythmische Prosa ist.)
“Unter der Schleife verstand er eine höhere Art, sich den empirischen Verhältnissen zu entziehen. So betrachtete er die Welt als einen Saal mit vielen Türen, die jeder benützt, und mit anderen, die nur wenigen sichtbar sind... Sie gleichen Fugen im groben Bau der Welt, die nur das feinste Vermögen zu durchgleiten vermag, und alle, die sie je durchschritten, erkennen sich an Zeichen von geheimer Art. Wer so die Schleife zu beschreiben weiß, genießt inmitten der riesigen Städte die herrliche Windstille der Einsamkeit. – Hier wird leichter gedacht; im unfaßbaren Augenblick erntet der Geist Früchte ein, die er sonst durch jahrelange Arbeit nicht gewinnt... Hier findet der Mensch die rechten Maße, an denen er sich zu prüfen hat, wenn er am Scheidewege steht.”Ich denke, die Lage ist klar: da ist jemand auf dem Weg, weg aus der Alltagswirklichkeit seiner Gegenwart, und will sich gerade “den empirischen Verhältnissen” entziehen.
Wie er die Gegenwart damals empfand, hat Jünger gleich in mehreren seiner dunklen Capriccios im Abenteuerlichen Herzen beschrieben (“nächtliche Scherze, die der Geist ohne Regung wie in einer einsamen Loge, und nicht ohne Gefährdung genießt.”)
“Ich trat in ein üppiges Schlemmergeschäft ein, weil eine im Schaufenster ausgestellte, ganz besondere violette Art von Endivien mir aufgefallen war. Es überraschte mich nicht, daß der Verkäufer mir erklärte, die einzige Sorte Fleisch, für die dieses Gericht als Zukost in Frage käme, sei Menschenfleisch...Zivilisation – damals nicht nur bei Jünger keineswegs positiv besetztes Wort, sondern in Deutschland seit Kant und besonders bei Spengler programmatisch negativer Gegenbegriff zu Kultur: Zivilisationen „sind ein Abschluß; sie folgen dem Werden als das Gewordene, dem Leben als der Tod, der Entwicklung als die Starrheit […] Sie sind ein Ende” (Untergang des Abendlands), das Ende der Kultur. Zivilisation, darunter verstand man in Deutschland besonders die äußerlichen Errungenschaften von Fortschritt und Technik, die mit den Menschen etwas ganz anderes anstellten, als sie zu Freiheit und Kultur zu bringen. “Wie eine rasende Pest hatte die Mechanisierung des Menschen Europa zur Wüste gewandelt”, brachte Jünger bereits 1923 in seiner Erzählung Sturm sein Fazit der Moderne und ihres Kulminationspunkts, des Weltkriegs, auf den Punkt. 1932 beschrieb er in einem seltsam befremdlichen Essay mit dem Titel Der Arbeiter die Lebensbedingungen von Menschen, die entindivualisiert und zu Teilen von Maschinen zugerichtet worden waren: “Typen”. Im Abenteuerlichen Herzen kehren ähnliche Gedanken in literarischem Gewand als Nachtstücke wieder. Man lese darin nur einmal In den Wirtschaftsräumen, in denen ein Rad “mit langsamen, ruckartigen Drehungen” Treibriemen und Blasebälge antreibt, die Feuer in Schmiedeessen fachen, während Menschen vor der Folterung stehen. Oder das Lied der Maschinen:
Es entspann sich eine lange Unterhaltung über die Art der Zubereitung, dann stiegen wir in die Kühlräume hinab... Die Hände, Füße und Köpfe waren in besonderen Schüsseln ausgestellt und mit kleinen Preistäfelchen besteckt. Als wir die Treppe wieder hinaufstiegen, machte ich die Bemerkung: ‘Ich wußte nicht, daß die Zivilisation in dieser Stadt schon so weit fortgeschritten ist‘.”
“Hier empfand ich wieder, was man hinter dem Triebwerk des Flugzeugs empfindet, wenn die Faust den Gashebel nach vorne stößt und das schreckliche Gebrüll der Kraft, die der Erde entfliehen will, sich erhebt; oder wenn man nächtlich sich durch zyklopische Landschaften stürzt, während die glühenden Flammenhauben der Hochöfen das Dunkel zerreißen und inmitten der rasenden Bewegung dem Gemüte kein Atom mehr möglich scheint, das nicht in Arbeit ist. Hoch über den Wolken und tief im Inneren der funkelnden Schiffe, wenn die Kraft die silbernen Flügel und eisernen Rippen durchströmt, ergreift uns ein stolzes und schmerzliches Gefühl – das Gefühl, im Ernstfall zu stehen. Das Bild dieses Ernstfalles ist schwer zu fassen, weil die Einsamkeit zu seinen Bedingungen gehört, und stärker noch wird es verschleiert durch den kollektiven Charakter unserer Zeit.”
Das erinnert nicht von ungefähr an Marinettis zwanzig Jahre älteres Futuristisches Manifest: “Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen … ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt.”
Aber Jünger steht der Entgrenzung der Technik alles andere als begeistert optimistisch gegenüber, er ist viel ambivalenter, denn Jünger und Marinetti trennt die Erfahrung des Weltkriegs. Gerade Kriegserlebnisse wie die Stille “unmittelbar nach der Erstürmung des ersten Grabens” beschreibt Jünger als Geburtsmomente eines “anschaulichen Skeptizismus”, der viel gefährlicher sei als der theoretische der Philosophen. Die Grundstimmung der oft surrealistischen Träume Jüngers ist düster, als äußerste “Schleife”, die jedem offenstehe, wird der Freitod genannt – “Und doch gibt es Augenblicke, in denen das Lied der Maschinen, das feine Summen der elektrischen Ströme, das Beben der Turbinen, die in den Katarakten stehen, und die rhythmische Explosion der Motore uns mit einem geheimeren Stolze als mit dem des Siegers ergreift.”
Als Jünger in den Zwanziger Jahren an der ersten Fassung des Abenteuerlichen Herzens schrieb, bastelte zeitgleich in Jüngers Heimatstadt Hannover Schwitters an seinem Merzbau, und Wladimir Schuchow konstruierte in Moskau seinen ersten, ohne Vorbild dastehenden hyperboloiden Radiosendeturm. Die Welt befand sich nach den katastrophalen Zusammenbrüchen im Gefolge des Ersten Weltkriegs in vielen Bereichen im Umbruch, in der Phase der Revolution, der Experimente. Das Alte war als morsch, brüchig und überlebt in sich zusammengefallen oder weggefegt worden, Aufbruch war das Gebot der Stunde, in der Entwicklung von Technik ebenso wie im Gesellschaftlichen, ohne daß die Menschen im einzelnen schon genau wußten, wo es nun langgehen sollte, und fast chaotisch alle möglichen Richtungen ausprobierten.
“In unserer Epoche des großen Kampfes um die neue Kunst streiten wir als ›Wilde‹, nicht Organisierte gegen eine alte, organisierte Macht. Der Kampf scheint ungleich; aber in geistigen Dingen siegt nie die Zahl, sondern die Stärke der Ideen. Die gefürchteten Waffen der ›Wilden‹ sind ihre neuen Gedanken; sie töten besser als Stahl und brechen, was für unzerbrechlich galt.”So hatte Franz Marc schon vor dem Krieg in seinem Almanach Der Blaue Reiter ganz repräsentativ für viele Zweifelnde und Denkende und für seine Zeit geschrieben und die Hoffnung formuliert, “daß abseits all dieser im Vordergrunde stehenden Gruppen der ›Wilden‹ manche stille Kraft in Deutschland um dieselben fernen und hohen Ziele ringt, und Gedanken irgendwo im stillen reifen, von denen die Rufer im Streite nichts wissen.” Jünger darf man im Bereich der Literatur durchaus zu den Wilden der Epoche zwischen den Weltkriegen zählen. “Der Abenteurer ist ein Kontrast des Lebens; wir atmen schneller, der Tod rückt näher”, schrieb er damals.
Doch weil ihm die Veränderungen nicht schnell genug oder bald in die falsche Richtung zu gehen schienen, tat er, was man in solchen Situationen tut, er zog sich aus dem aktiven politischen Leben zurück und machte sich auf die Suche, zog mehrfach um, ging auf Reisen, auf die Reisen eines abenteuerlichen Herzens.
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Freitag, 13. August 2010
Todesanzeige für einen, der aus dem Vergessen kam und schnell wieder vergessen wurde
“Do you know who that is?” my friend Ingrid had asked me when she came by my family’s apartment one day late last spring. An old musician was seated before a rickety cardboard box below the window. He sang in a croaking voice on the empty sidewalk in the afternoon sunshine, his back toward the brick church across the street. - “That’s Bruno S.,” Ingrid said excitedly.So begann Michael Kimmelman Weihnachten 2008 in der New York Times einen Artikel über einen Berliner Kneipensänger, der einmal mitten im Rampenlicht des deutschen Filmbizz stand und darin wahrscheinlich oft genug nicht mehr wußte, wo vorne und hinten war, denn die Glamourwelt des Films war alles, nur nicht die seine. Trotz seiner Hauptrollen in Kinofilmen von Starregisseur Werner Herzog.
"„Dem Bruno“, hatte Werner Herzog gesagt, „verdanke ich eigentlich den ganzen Film.“ Ein merkwürdiger, rätselhafter, berührender Kultfilm, der in Cannes die Goldene Palme holte und vom ungeheuer starken Spiel seines Hauptdarstellers Bruno S. lebt. Es wirkte so stark, weil es keines war", schrieb der Tagesspiegel in einem Porträt zum 75. "Als er dann bei der Pressekonferenz der Filmfestspiele in Cannes vor der internationalen Presse aufstand und sagte: „Ich habe heute zum ersten Mal das Meer gesehen“, da ging ein Raunen durch den Saal. Es war die glaubhafte Verlängerung des Films mit Mitteln des realen Lebens. Da stand Bruno S. Da stand Kaspar Hauser."
Am 11. August ist Bruno S. mit 78 Jahren gestorben.
Hier kann man ihn noch einmal in seiner Wohnung an der Ziehharmonika sehen.
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Donnerstag, 12. August 2010
Timboektoe , wo Amsterdam im "Sommer" chillt
Bevor sich der Sommer, der kein Sommer war... doch, halt, die beiden ersten Juliwochen waren sonnig + warm, so viel muß man ihm lassen. Also: Bevor sich der Sommer, der zwei Wochen dauerte, endgültig in die Winterpause verabschiedet, noch einmal zum Baden ans Meer fahren, nach Timboektoe.
Timbuktu liegt gar nicht am Meer, sondern mitten in der Sahara und verschwindet jedes Jahr ein Stück weiter unter deren Wanderdünen? Weit gefehlt. Timboektoe hat zwar Dünen, aber die liegen direkt an der Nordsee; kilometerlange unverbaute Sandstrände, davor die Brandung, Surfer's Paradise, ein paar dazugehörige, günstig gelegene Strandbars, die coole Cocktails und die passende Beschallung liefern und den Surfern auch weit draußen noch per Dub, Drum'n'Bass den richtigen Rhythmus für die kleinen, kabbeligen Wellen vorgeben: wumm, wumm, wumm, wumm... He, wen stört denn bei so viel Beach Feeling, dass gleich hinterm Strand die Dünen in ebenso hohe schwarze Kokshalden übergehen, Hochöfen brennen, Kokereien qualmen, Walzwerke zischend heißen Stahl verarbeiten und hohe Fabrikschlote lange Rauchfahnen wehen lassen? Der Wind weht doch landeinwärts. Man riecht nichts außer Algen, man hört nichts (außer Techno), und man sieht nichts, wenn man sich nicht umdreht. Hej, hier ist Timboektoe, Beach'n Food, Surf'n Sports, Verhuur'n Events: "Dit weekend is het weer tijd voor Sugar Factory @ The Beach; een weekend lang chillen en feesten". -- Nordseeluft und Industriequalm, Sand und Feinstaub, Koks und Koksen, Schichtarbeit und Spaßgesellschaft, alles scheinbar widerspruchsfreie Vereinbarkeiten in Holland. Ein bißchen scheinen sie mir dem Lebensgefühl am preußischen Prenzelberg zu ähneln, wie es ichwerdeeinberliner so einfühlsam in seinem Blog beschreibt. Mit der richtigen "ironischen" Einstellung - dazu muß man jetzt beim Lesen beide Hände in Ohrhöhe heben und mit den jeweiligen Zeige- und Mittelfingern ironisch die Gänsefüßchen in die Luft kratzen - läßt sich aus jeder Scheiße Kult machen.

Timbuktu liegt gar nicht am Meer, sondern mitten in der Sahara und verschwindet jedes Jahr ein Stück weiter unter deren Wanderdünen? Weit gefehlt. Timboektoe hat zwar Dünen, aber die liegen direkt an der Nordsee; kilometerlange unverbaute Sandstrände, davor die Brandung, Surfer's Paradise, ein paar dazugehörige, günstig gelegene Strandbars, die coole Cocktails und die passende Beschallung liefern und den Surfern auch weit draußen noch per Dub, Drum'n'Bass den richtigen Rhythmus für die kleinen, kabbeligen Wellen vorgeben: wumm, wumm, wumm, wumm... He, wen stört denn bei so viel Beach Feeling, dass gleich hinterm Strand die Dünen in ebenso hohe schwarze Kokshalden übergehen, Hochöfen brennen, Kokereien qualmen, Walzwerke zischend heißen Stahl verarbeiten und hohe Fabrikschlote lange Rauchfahnen wehen lassen? Der Wind weht doch landeinwärts. Man riecht nichts außer Algen, man hört nichts (außer Techno), und man sieht nichts, wenn man sich nicht umdreht. Hej, hier ist Timboektoe, Beach'n Food, Surf'n Sports, Verhuur'n Events: "Dit weekend is het weer tijd voor Sugar Factory @ The Beach; een weekend lang chillen en feesten". -- Nordseeluft und Industriequalm, Sand und Feinstaub, Koks und Koksen, Schichtarbeit und Spaßgesellschaft, alles scheinbar widerspruchsfreie Vereinbarkeiten in Holland. Ein bißchen scheinen sie mir dem Lebensgefühl am preußischen Prenzelberg zu ähneln, wie es ichwerdeeinberliner so einfühlsam in seinem Blog beschreibt. Mit der richtigen "ironischen" Einstellung - dazu muß man jetzt beim Lesen beide Hände in Ohrhöhe heben und mit den jeweiligen Zeige- und Mittelfingern ironisch die Gänsefüßchen in die Luft kratzen - läßt sich aus jeder Scheiße Kult machen.

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Donnerstag, 5. August 2010

Himmel über Scheveningen gestern abend.
Heute morgen heller, aber knapp 17 °.
Anfang August. Hochsommer 2010 in Holland.
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Mittwoch, 4. August 2010
Schwartau hellsichtig: "Nur für kurze Zeit"
Heute morgen vor dem Frühstück im Küchenschrank wiedergefunden; war eigentlich für die WM gedacht. Aber die sind ja schneller rausgeflogen, als ich ein Marmeladenglas aufdrehen konnte.... link (0 Kommentare) ... comment
Freitag, 30. Juli 2010
"Die Sehnsucht nach der großen Gefahr"
“Paris, 27. Mai 1944(Am nächsten Morgen, dem Pfingstsonntag, beendete er “die erste Gesamtlesung der Bibel, mit der ich am 3. September 1941 begann.”) Jüngers selbst noch in den Tagebüchern in kristallinen Granit gemeißelte Prosa hinterläßt manchmal den Eindruck, er habe auch beim Schreiben die Uniform oder Gehrock und Vatermörder nicht ausgezogen, aber ich glaube, zumindest für den Jünger vor dem Zweiten Weltkrieg gilt, daß ihm seine stets formvollendet perfekte, kalt brillierende Sprache ein notwendiges Korsett, eine für den wild funkelnden Kristall seines Geistes notwendige Fassung gewesen ist. Denn im Grunde seines Herzens war (und blieb) Jünger ein aufbegehrender (später sich entziehender) Rebell und Abenteurer.
Alarme, Überfliegungen. Vom Dache des Raphael sah ich zweimal in Richtung von Saint-Germain gewaltige Sprengwolken aufsteigen... Beim zweiten Mal, bei Sonnenuntergang, hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand. Die Stadt mit ihren roten Türmen und Kuppeln lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Kelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird.”
Schon als Junge entwickelte er sich aus Widerwillen gegen das autoritäre, Kadavergehorsam verlangende preußisch-wilhelminische Schulwesen zu einem verstockten, schlechten Schüler, den die Eltern mehrfach gezwungenermaßen von der Schule nahmen, die er selbst nur als “Presse” bezeichnete. Über die gnadenlose Anpassungs- und Unterdrückungsmaschinerie des Schulwesens seiner Kindheit schrieb er noch mit über achtzig Jahren den Erziehungsroman Die Zwille, in dem sich Kapitel mit Überschriften wie “Die Daumenschraube” finden.
Diese Prägung durch die preußischen Schulanstalten bestimmten zum Teil auch das Bild, das er sich von seinem die Familie patriarchalisch streng regierenden Vater machte. Mit 17 erfolgte der Ausbruch. Von dem Kost- und Schulgeld für ein halbes Jahr kaufte er sich einen Revolver, Stanleys Geheimnisse des dunklen Erdteils und eine Eisenbahnfahrkarte nach Frankreich. In Verdun meldete er sich zur Fremdenlegion. Von Marseille erfolgte die Verschiffung nach Oran und der Weitermarsch zum Ausbildungslager in Siddi-Bel-Abbès. Von dort versuchte Jünger zu desertieren, um auf eigene Faust ins “wilde Afrika” zu entkommen, doch wurde er geschnappt und eingebunkert. Der Vater bat unter Hinweis auf die Minderjährigkeit des Sohnes das Auswärtige Amt um eine diplomatische Intervention, und einen Monat nach dessen Flucht telegraphierte er: “Franzoesische Regierung hat deine Entlaszung verfuegt. Lasz dich photographieren.”
Der nächste Ausbruch erfolgte kein Jahr später, doch teilte Jünger ihn diesmal mit sehr, sehr vielen jungen Männern seiner Generation: “Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr”, hielt er in den Stahlgewittern das Motiv vieler fest, die sich wie er bei den Mobilmachungen zum Ersten Weltkrieg freiwillig meldeten. “Ein rascher Ausflug ins Romantische sollte es sein”, gab Stefan Zweig in der Welt von Gestern die anfängliche Stimmung wieder. Herausgehoben haben Jünger aus den Millionen Kriegsfreiwilliger sein unbestreitbarer persönlicher Mut als Stoßtruppführer in den Schützengräben und die Kaltblütigkeit, mit der er noch in den vordersten Linien stets seine Notizbücher führte. “Ich glaubte ins Herz getroffen zu sein”, beschreibt er eine seiner eigenen Verwundungen.
“Im Stürzen sah ich die weißen, glatten Kiesel im Lehm der Straße; ihre Anordnung war sinnvoll, notwendig wie die der Sterne und verkündete große Geheimnisse. Das war vertraut und wichtiger als das Gemetzel, das mich umgab.”Er überlebte diese Verwundung ebenso wie etliche weitere, als letzte einen Lungenschuß, den er im August 1918 erhielt. “In diesem Kriege, in dem bereits mehr Räume als einzelne Menschen unter Feuer genommen wurden, hatte ich es immerhin erreicht, daß elf von diesen Geschossen auf mich persönlich gezielt waren”, zog er in den Tagebüchern bei Kriegsende eigenwillig Bilanz.
Daß ein Mann, der so aus den “Stahlgewittern” des Weltkriegs hervorging, auch später unerschrocken blieb, kann man sich vorstellen; und so ließ er sich auch von aufsteigenden politischen Gewalthabern nicht leicht ins Bockshorn jagen. Wie er sich die Nazigrößen vom Leib hielt und sich von ihnen trotz anfänglich zum Teil in gleiche Stoßrichtung zielender Einstellungen nicht vereinnahmen ließ, nachdem er einmal ihre Schuftigkeit erkannt hatte, gehört meiner Meinung nach zu seinem mutigsten Verhalten.
Ebenfalls Mut erforderten seine teils abrupten Wendungen als Schriftsteller. Zunächst einmal die Entscheidung, statt einer gesicherten Laufbahn als Berufsoffizier plötzlich auf die ungesicherte Existenz eines freiberuflichen Schriftstellers umzusatteln. Immerhin hatte er sich bereits einen gewissen Namen als Kriegsschriftsteller gemacht, doch mit seinem ersten literarischen Werk stieß er sehenden Auges genau diese Leserschaft provozierend vor den Kopf. Programmatisch sein Titel:

“Den tiefsten Eindruck erwecken diese Blumen dort, wo sie die Farben glühender Metalle nachahmen, und das vor allem bei jenen Arten, die sich zu Kolben ausstrecken. Zwar fehlt ihnen das Grelle, Raketenhafte, das manche Hyazinthen, und vor allem die Kniphofia, auszeichnet, doch dafür prägen sich die späten Formen der Glut in ihnen aus, bei denen die Wärme das Licht überwiegt. Dann scheint sie ein glühender Rausch zu umzittern, oder es geht das bunte Glosten frisch gegossener Metallkerne von ihnen aus. In mannigfaltigen Spielarten spinnt sich das Motiv des langsam erkaltenden Erzes aus, indem helle Randfarben konzentrisch abdunkeln. Dergleichen Anblicke rufen eine lebhafte und fast schmerzliche Freude hervor, indem das Herz durch glühende Berührung an die Verwandtschaft mit der Erde erinnert wird.”Fast mystisch glüht der kühle Kriegsberichterstatter in solch rauschhaften Blütenträumen auf, und sein Biograph hat das ganze Büchlein als “Generalangriff auf das cartesianische Denken” bezeichnet. Jünger selbst beschrieb, was ihn damals ritt, in einem Sizilischen Brief an den Mann im Mond so: “Wer vom Zweifel geschmeckt hat, dem ist bestimmt, nicht diesseits, sondern jenseits der Grenzen der Klarheit nach dem Wunderbaren auf Suche zu gehen.” – Ein Grenzgänger, einer, der Grenzerfahrungen suchte, ist Jünger in vielem sein Leben lang geblieben; am augenfälligsten vielleicht in seinen Drogenexperimenten, in denen er noch als Endfünfziger mit dem Erfinder des LSD auf ein paar Trips ging.
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Sonntag, 25. Juli 2010
Wort zum 13. Sonntag nach Epiphanias

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