
Ich habe mich hier im Fahrtenbuch schon einmal darüber gewundert, wie die Niederländer es geschafft haben, der Welt ihr Image zu verkaufen, eines der tolerantesten und lockersten Völker der Welt zu sein. Gestern hat Holland gewählt, und auf einmal zeichnen sich die Schatten eines ganz anderen Bildes ab. Eine Ein-Mann- und Ein-Thema-Partei ist bei den landesweiten Gemeinderatswahlen eindeutiger Sieger geworden: die Partij voor de Vrijheid des Geert Wilders. Zwar trat sie nur in zwei Städten zur Wahl an, doch wurde sie in Almere, einer Schlafstadt von Amsterdam, mit 21,6% (und 9 Sitzen) auf Anhieb stärkste Partei, in Den Haag erreichte sie mit 18% der abgegebenen Stimmen Platz 2 und 8 Sitze im Stadtrat.
Seitdem vor kaum zwei Wochen die niederländische Regierung über die Afghanistanfrage stürzte, galt die Kommunalwahl als Stimmungsbarometer für die Parlamentsneuwahl Anfang Juni, und alle Beobachter stimmen darin überein, daß sehr, sehr viele Wähler gestern bei ihrer Stimmabgabe viel weniger an die Kommunalpolitik in ihrer Heimatgemeinde als an die nächste Landesregierung dachten. Heute steht nun fest, daß die Wilderspartei dabei ganz vorn mitspielen dürfte. Nach einer Umfrage des öffentlichen Fernsehsenders NOS während der gestrigen Wahl könnte sie im Juni landesweit drittstärkste Kraft werden. Wilders selbst ist überzeugt: “Wir werden am 9. Juni die größte Partei der Niederlande.”
Und wofür haben die Niederländer, die gestern die Wilderspartei wählten, gestimmt? In erster Linie wohl nicht für, sondern gegen etwas, nämlich gegen die Toleranz, derer sie sich nach außen hin so rühmen. Das alles beherrschende Thema von Wilders Wahlkampagne ist nämlich eine Kampfansage an die Moslems im eigenen Land, flankiert von mehr als rüden Polizeistaatsforderungen. Letztes Jahr gewann er die Europawahlen in den Niederlanden mit der Forderung eines generellen Einwanderungsstops für Muslime. “Ich hasse den Islam”, hat er dem Spiegel schon vor zwei Jahren in einem Interview erklärt und fordert, den Koran ebenso zu verbieten wie “Mein Kampf”. Kopftuchtragen in öffentlichen Gebäuden soll seiner Meinung nach unter Strafe gestellt und generell mit einer Steuer von 1000 Euro pro Kopf und Jahr bestraft werden. Die “Haß-Bärte” der “marokkanischen Straßenterroristen” (so seine Wortwahl) sollten am besten auch gleich ab. Unter dem Titel “Der Angsthändler” hat der Spiegel letztes Jahr ein recht gutes Porträt Wilders gebracht. Für die Gemeinderatswahlen haben seine PVV-Kandidaten abgesehen von ihrer offenen Feindseligkeit gegen Einwanderer noch einen hübschen Strauß billigst populistischer Forderungen aus dem Hut gezaubert. Zu ihnen gehört die Abschaffung von Parkgebühren für Anwohner und der Hundesteuer. PVV-Spitzenkandidat Raymond de Roon möchte in Almere demnächst zusätzlich zur Polizei bürgerwehrähnliche “Stadtkommandos” patrouillieren lassen und der Polizei gegen “Randalierer” gezielte Schüsse in die Knie erlauben.
Zeigt das die Richtung an, in die sich die vermeintlich ach so offene Gesellschaft in den Niederlanden bewegt? Jedenfalls haben die gewählten PVV-Kandidaten in Den Haag gestern abend schon einmal angekündigt, daß sie die etablierte Politik noch gehörig aufmischen und “helemaal gek maken” wollen.
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35.000 Bürger und das Bundesverfassungsgericht haben den BND- und Verfassungsschutzlobbyisten und Musterdemokraten der Regierung einmal mehr eine schallende Ohrfeige verpaßt. Wo stecken sie denn heute, die Schäubles und Bosbachs und Merkels? Gestern kurz den Kopf eingezogen und abgetaucht, heute reckt “Der Innenexperte” schon wieder das kahle Haupt unter dem Toupetdach und krächzt vergrätzt seine immergleichen Sprüche und “Besorgnisse” in die Mikrophone. Da ist sogar der bayerische Innenminister Herrmann kreativer, der auf einmal sein karitatives Herz entdeckt: “Datenspeicherung sei notwendig, um schwersten Straftaten vorzubeugen, aber auch, um eventuell Selbstmordgefährdete oder Vermisste zu retten.” - Da lachen ja die Hühner! Geht endlich in eure Datenkeller, Jungs (und Mädel), und räumt dort augenblicklich so vollständig auf, wie es das Gericht euch vorschreibt!

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„Frau Käßmann hat einen großen Fehler gemacht. Das ist kein Kavaliersdelikt.“
Kindesmißbrauch ist offenbar eins. Wenn es von Katholiken begangen wird. Hunderte solcher Verbrechen durch katholische Geistliche sind inzwischen bekannt geworden, allein im Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten, das die diesmalige Enthüllungswelle ins Rollen brachte, geht man inzwischen von mehr als 100 Opfern sexuellen Mißbrauchs durch Jesuitenpatres aus. Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Zollitsch, aber hält weiter an der Politik des Vertuschens fest, indem er z.B. in den Tagesthemen erklärt, eine Anzeige in solchen Fällen sei "eine Frage des Abwägens” und kein Gebot der Strafverfolgung in einem Rechtsstaat (von dem sich die katholische Kirche offenbar immer noch als exemt verstanden wissen will) und klebt wie alle anderen Würdenträger an seinem Stuhl. Als Vorsitzender seines Vereins für dessen Straftaten und Verdunkelungen politische Verantwortung übernehmen? Fehlanzeige. Ein paar subalterne Köpfe müssen als Bauernopfer rollen, aber ansonsten tritt unweigerlich der pawlowsche Reflex des Angstbeißens (z.B. von Zollitsch gegen die Justizministerin) und der Schuldzuweisung an andere ein. Der in dieser Hinsicht bereits notorisch auffällige Augsburger Bischof Mixa (der nach einem Bericht der Süddeutschen selbst einmal nach einer Alkoholkontrolle den Führerschein abliefern mußte) entblödet sich nicht einmal, ausgerechnet die sexuelle Revolution der 68er-Generation für die Sexualstraftaten zölibatär eingeschworener Priester mitverantwortlich zu machen!
Gemessen an Frau Käßmann ist die ganze Mischpoke katholischer Bischöfe ein Haufen feiger alter Weiber.
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Verstörend vor allem wegen seines selbstquälerischen und selbstzerstörerischen Erzählers, verstörend wegen der endlosen Spiegelungen und Widerspiegelungen der immergleichen Elemente in scheinbar ewig wiederkehrenden und doch leicht variierten Konstellationen eines andauernd in sein Gegenteil umklappenden Vexierbilds, und verstörend natürlich auch, weil ich mir so leicht keinen Reim auf dieses Buch machen kann. Es wurde in den Dreißiger Jahren im Iran geschrieben, doch sein Autor ging mit dem Manuskript nach Indien und veröffentlichte dort 1936 in Bombay nicht mehr als 50 hektographierte Exemplare mit dem Eindruck:
“Druck und Vertrieb im Iran verboten.”
Der Ich-Erzähler ist ein völlig zurückgezogen lebender Mensch, seine einzige Tätigkeit das Bemalen von Federkästen mit dem immergleichen Motiv: einem Mädchen mit “schräggeschnittenen Turkmenenaugen”, das einem buckligen Alten eine blaue Winde überreicht. Ob er diese Szene jemals wirklich beobachtet hat oder ob sie nur seiner Einbildung entspringt, ob er sie geträumt hat, ob sie ein visionäres Bild von prägender Eindringlichkeit war, das er fortan obsessiv auf seine unbedeutenden Federkästen malen mußte, oder ob er schon immer diesem “lächerlichen Beruf” nachgegangen ist - all das bleibt mehr oder weniger im Ungewissen, weil die Gesetze von Raum und Zeit in dieser Erzählung aufgehoben sind wie im Traum.
“Als ich sie [gemeint ist das Mädchen] verlor, zog ich mich aus dem Bund der Menschen, der Dämonen, der Glücklichen zurück... Mein ganzes Leben spielte sich zwischen den vier Wänden meines Zimmers ab... Schon immer habe ich mein Leben zwischen diesen vier Wänden zugebracht.” Hat er, obwohl längst erwachsen und bereits älter und kränkelnd, noch immer versorgt von seiner Amme und verheiratet mit deren Tochter, die ihn aber niemals in seinem Zimmer, das er nicht verläßt, aufsucht, sondern zumindest in seiner Vorstellung mit jedem Vorbeikommenden herumhurt, sogar mit dem zahnlosen, verlotterten Alten, den er auf seine Federkästen malt, hat er also sein Zimmer wirklich nie verlassen, ist seine Suche nach dem Mädchen lediglich phantasiert, ebenso wie möglicherweise seine Frau? Oder sind das Mädchen und die Frau ein und dieselbe Person, ebenso wie er einmal in dem zahnlosen Alten sich selbst zu sehen glaubt? Wird er von seiner Frau tatsächlich ständig gedemütigt, und flieht er darum, unfähig sich gegen sie zur Wehr oder von ihr abzusetzen, in seine Tag- und Nachtträume? Oder geht er tatsächlich eines Nachts zu ihr, läßt sich in ihre Umarmung ziehen und versinkt in ihr bis zur Selbstauflösung, bis er sie in einem bestialischen Akt mit dem Fleischermesser zerstückelt? Oder ist auch das nur eine orgiastische Gewaltphantasie?“Es gibt im Leben Wunden, die wie die Lepra, langsam, in der Einsamkeit an der Seele zehren. Diese Qualen kann man niemandem mitteilen. Denn die andern glauben an solche Leiden nicht”, heißt es ganz zu Anfang, und darum schreibt er vorsätzlich auch nicht für andere. “Ob mir nun die andern glauben oder nicht, ist mir völlig gleichgültig. Ich habe nur eine Angst: daß ich morgen sterben könnte, ohne mich selbst erkannt zu haben. Denn im Lauf meines Lebens habe ich erfahren müssen, daß ein verheerender Graben mich von den andern trennt. - Ich bin neugierig, ich möchte den Versuch wagen: Ich möchte sehen, ob wir uns besser kennenlernen können. Denn seitdem ich jede Verbindung zu den andern Menschen abgebrochen habe, möchte ich wissen, wer ich bin.”
Und so tritt er denn seine Reise in das eigene Innere an, die dem aufklärerischen Vorsatz des nosce te ipsum zum Trotz immer mehr eine phantasmagorische Reise ans Ende der (inneren) Nacht wird, rücksichtslos ebenso gegen alles, was sie aufhält, wie gegen sich selbst.
“[Mich] konnten weder die Moscheen mit der Stimme des Vorbeters noch die rituellen Waschungen, bei denen man immer mehr Auswurf herausspuckt, geschweige denn das Buckeln vor dem Allmächtigen, mit dem man sich noch dazu auf Arabisch unterhalten muß, in irgendeiner Weise beeindrucken.”
Nachdem das Hindernis des (Aber-)glaubens erst aus dem Weg geräumt ist, wird auch die heimliche Lust am eigenen Leiden und Gedemütigtwerden ebenso offen eingestanden wie ihr sadistisches Gegenteil.
“Ich kam zu einer Schlächterei, und dort sah ich einen alten Mann, der dem alten Trödler vor unserem Haus ähnlich war. Er hatte einen Schal um den Hals gebunden; in der Hand hielt er ein Messer. Mit geröteten Augen, so rot, als habe man ihm die Lider zerschnitten, starrte er mich an. Ich wollte ihm das Messer aus der Hand nehmen, da fiel sein Kopf ab und rollte auf den Boden. Von furchtbarer Angst überwältigt, ergriff ich die Flucht. Ich rannte durch die Gassen. Alle Menschen, die ich sah, waren so, wie sie dastanden, verdorrt. Ich fürchtete mich, zurückzublicken. Als ich zu dem Haus meines Schwiegervaters gelangte, sah ich den Bruder meiner Frau, den kleinen Bruder der Dirne, vor dem Haus auf der Treppe sitzen. Ich griff in die Tasche, holte zwei Fladen heraus und wollte sie ihm in die Hand legen. Doch kaum hatte ich ihn berührt, da fiel sein Kopf ab und rollte auf den Boden...
Am Ufer des Himmel standen dichte, gelbe Wolken, vermischt mit dem Tod. Sie lasteten mit ihrem Gewicht auf der ganzen Stadt.
Am Tod gemessen, scheinen mir Religion, Glaube, Überzeugung schwach und kindisch. - Nur der Tod lügt nicht! Seine Gegenwart vernichtet jeden Aberglauben.
Ich wünschte inständig, mir meine Kindheit in Erinnerung zu rufen. Aber sobald dieser Wunsch in Erfüllung ging, empfand ich dieselben Qualen, die ich schon damals ertragen mußte... die fortwährende Bedrohung durch den Tod, der alle Gedanken mit seinen Füßen zertritt, ohne auch nur die leiseste Hoffnung auf eine Rückkehr zu dulden! Es war schauderhaft.”
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Heute fiel beim Frühstück zum ersten Mal wieder ein breiter Streifen der aufgehenden Sonne auf den Eßtisch. Ha, es geht aufwärts mit der Welt!
Na ja, mit der Nordhalbkugel.
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“6. Februar 2000. Das Wetter ist so frühlingsmild, dass die Haselsträucher schon voller Kätzchen hängen.”
“15. Februar 2000. Immer noch Heuschnupfen, aber wie! Im Garten balgen sich die Amselhähnchen.”
“18. Februar 2000. Nach Wochen noch immer mir juckt das brennende Auge, / Und läuft aus dem Kopf mir noch immer der schmähliche Rotz.”
Auch sonst ging‘s mir damals alles andere als gut. Aber das ist längst geschmolzener Schnee vom vorigen Jahrzehnt.
“- Ich will keine Scherereien! antwortete ich wütend.Ja, der alte Sorbas. Schon viel früher war ich ihm begegnet, nicht in einer Hafenkneipe in Piräus, aber doch in einem vergleichbaren Gemütszustand wie Kazantzakis‘ Erzähler. “Auch damals, erinnere ich mich, herrschten Regen und Kälte und das gleiche Frühlicht. Der langsame Abschied von geliebten Menschen ist Gift...”
- Du willst keine Scherereien?, meinte Sorbas erstaunt. Was willst du denn sonst?”
“- Du kommst mit. Ich habe Braunkohlen auf Kreta, du wirst die Arbeiter beaufsichtigen... und du spielst das Santuri. Wenn du Lust hast.Und was für einer! Einer aus Papier und Tinte und doch so voller Lebensblut, daß der “alte Federfuchser” und tätige Mensch Nikos Kazantzakis stolz sein konnte. Heute vor 125 Jahren ist er in Heraklion geboren, in seinem Leben viel gereist, hat an vielen Orten gewohnt, die letzten, von Leukämie gezeichneten acht Jahre in Antibes. Da habe ich ihn vor ziemlich genau zwei Jahren besucht.
- Wenn ich Lust habe! Schuften für dich, soviel du willst. Dein Sklave! Aber das mit dem Santuri ist was Besonderes. Dieses Instrument ist ein Raubtier, es will Freiheit. Wenn ich dazu aufgelegt bin, werde ich spielen. Aber... klare Rechnung, du darfst mich nicht zwingen. Dann hast du mich verloren. In der Hinsicht - mußt du wissen - bin ich ein Mensch.”
“Ich habe schon weiße Haare, meine Zähne fangen an zu wackeln, ich habe keine Zeit mehr zu verlieren, Chef. Du bist noch jung und kannst dich gedulden, ich kann‘s nicht mehr. Bei Gott, je älter ich werde, desto lebhafter werde ich!”
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