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Montag, 12. August 2013
Vlasiland

Da uns bei der Anreise mitten im Donaudurchbruch das Gewitter unter Dach getrieben hatte und das Wetter inzwischen wieder heiterer war, beschlossen wir, noch einmal ein Stück donauaufwärts durch das Eiserne Tor zu fahren, ehe wir uns in die Wälder der serbischen Walachei schlagen wollten. Beides hat sich sehr gelohnt. Nicht mehr von Wolken und Regenschleiern verhangen, gab es fantastische Ein- und Durchblicke im Verlauf der Donauschlucht, besonders eindrucksvoll an der engsten Stelle zwischen dem Kleinen und dem Großen Kazan (“Kessel”). Mit mehr als 80 Metern ist die Donau hier einer der tiefsten Flüsse der Welt.
Auf einem Vorsprung auf rumänischer Seite, auf dem sich früher ein Signalposten zur Regulierung der Schiffahrt befand, wurde schon 1453, also im selben Jahr, in dem die Osmanen Konstantinopel eroberten, ein orthodoxes Kloster gegründet: Mraconia. Nach wechselvoller Geschichte ertranken seine alten Gebäude 1968 endgültig im angestauten Donauwasser, doch wurde es etwas oberhalb wieder aufgebaut.

Bei Donji Milanovac verlassen wir die Donau, und es folgt so ziemlich die abenteuerlichste Strecke auf unserer Reise, was den Straßenzustand angeht.
Die Berge dort sind äußerst erzhaltig (nicht umsonst heißen sie auch Srpsko rudogorje, Serbisches Erzgebirge), und man baut seit Jahrhunderten Blei-, Kuper-, Eisenerz und Gold ab; vielleicht schon seit der Antike. Eine der bedeutendsten Gold- und Kupfergruben liegt bei der Bergbaustadt Majdanpek, oder umgekehrt. Jedenfalls bedeutet ihr ursprünglich türkischer Name “Bergwerk am Pek”, und der Name des Flusses Pek geht vermutlich auf pekos zurück, ein altes griechisches Wort für Wolle und Vlies. Schaffelle aber benutzte man in der Antike, um Goldpartikel in Flüssen aufzufangen, daher ja auch das aus der griechischen Mythologie bekannte Goldene Vlies im Land Kolchis zwischen Kaukasus und Schwarzem Meer, Heimat der unglücklichen Medea. Der Grieche Appian schrieb dazu Mitte des 2. Jahrhunderts in seiner Römischen Geschichte: “Die einheimischen Bewohner halten dichtwollige Schafsfelle ins Wasser, in denen sich der Goldsand fängt.”

Bis Majdanpek ist die Straße völlig in Ordnung. Meist führt sie auf Talböden zwischen dicht bewaldeten Berghängen durch kleine Dörfer oder eher an ein paar lose zusammenstehenden Bauernhäusern vorbei. Auch hier die skurrile Mischung von alten verlassenen Häusern aus lehmverputztem Holzflechtwerk und noch nicht bezogenen Neubauten. Die Gegend ist eine der am dünnsten besiedelten auf der ganzen Balkanhalbinsel, und die Abwanderung hält noch an. Vor allem seit die Regierung Miloševic den Bergbau in der Region herabgewirtschaftet hat. Wer hier noch wohnt, lebt vielleicht sogar überwiegend als Selbstversorger aus dem eigenen Garten und vom Wald. Überall schwelt nämlich Rauch aus gemauerten Meilern, in denen Wald zu Holzkohle verarbeitet wird, damit Sommerdeutschland grillen kann. Die Köhler und Bauern sind meist Vlasi, Walachen, eine Rumänisch sprechende Minderheit, die noch lange ihre Traditionen des Wanderhirtentums (Transhumanz) beibehielt. Bei Serben gelten sie als Zuwanderer aus der rumänischen Walachei östlich der Donau, nach rumänischer Sichtweise sollen sie Reste der romanischen Bevölkerung aus römischer und damit natürlich auch vorslawischer Zeit sein. Während sie sich selbst schlicht Rumänen nennen, geht ihre Fremdbezeichnung Walachen (serb. vlach) auf eine germanische Wortwurzel zurück.

Die volcae waren der dominierende keltische Stamm, auf den die vordringenden Germanen stießen und den sie ab etwa 500 v.u.Z. aus seinen Sitzen zwischen Rhein, Leine und Main nach Gallien abdrängten. Ihren leicht verballhornten Namen *walhoz, benutzten die Germanen später schlicht für alle inzwischen romanisierten Völker: welsch = romanisch.

Heute sind die serbischen Walachen meist arme Leute. Umgeben aber von der schönsten Landschaft Serbiens.

Maulbeeren (Morus)

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Freitag, 9. August 2013
Der serbische Mann

An den serbischen Herren der Schöpfung
sind nicht nur ihre allgegenwärtigen Umhängetäschchen bemerkenswert. Es handelt sich um diese süßen kleinen Dingerchen, die der deutsche Mann in den Achtzigern schlenkernd am Handgelenk trug, mit einer Schlaufe oberhalb des grobgliedrigen Silber- oder Goldkettchens, das locker über den behaarten Handrücken fallen mußte. Wenn Sie ein entsprechendes Alter haben, werden Sie sich erinnern. Wir nannten die Dinger damals “Detlev”. Um sich nun keinesfalls einer in Serbien ganz schlimmen Verdächtigung auszusetzen, trägt der Serbe von heute seinen “Detlav” nicht mit Schlaufe am Handgelenk, sondern als Umhängetasche. Wegen der geringen Größe dieser Täschchen, in die gerade mal Handy, Feuerzeug und Zigaretten passen, also was jeder Serbe unbedingt am Mann haben muß, sieht das fast noch alberner aus.

Doch auch darüber hinaus verdient das bisher auf dieser Reise beobachtete Auftreten hiesiger Männer allgemein eine eigene Würdigung. Da ist zunächst einmal das Auftreten im genaueren Wortsinn schon eine Betrachtung wert. Die verbreitetste Fortbewegungsart dieser Spezies ähnelt nämlich auffällig dem steifbeinigen Pendelgang von Gorillas: den Kopf stier vorgereckt, Brust und Bodybuildingschultern vorgewölbt, den Rest des Bodys wie verwindungssteif verschraubt, so stampft der serbische Macho durch die Straßen und öffentlichen Räume seines Lebens. Begegnet ihm ein Artgenosse, wird nicht nur die Begrüßung, sondern auch die gesamte folgende tiefsinnige Konversation lauthals über die Straße gebrüllt.
Ein Beispiel von einer Hotelterrasse im Ferienort Zlatibor im Bergland nahe der Grenze zu Bosnien und der Herzegowina: “Eh, Vračko, stell dir vor, in der Kneipe letzte Woche in der Wojwodina hat der Typ, der das ganze Besäufnis bezahlt hat, der Nutte da nicht nur Geldscheine zwischen die Titten gesteckt, sondern auch noch seine Nase reingebohrt, und die Alte hat sich kein Stück gewehrt.” –
Das ist nicht schlecht erfunden. Ich hatte meine Übersetzerin an meiner Seite.

Setzen sich die Herren zu Tisch, werden solche Gespräche gern fortgeführt, in dem Mann sich vollgehäufte Gabeln in den Mund schiebt und mit vollem Maul weiterquatscht. Undeutlichkeit in der Aussprache wird durch noch größere Lautstärke ausgeglichen. Sobald die eigene Mahlzeit aus elefantenohrgroßen Fleischlappen beendet ist (Tip: Bestellen Sie nie Bela vešalica von einer serbischen Speisekarte für das kleine Hüngerchen oder als Veganerin!), zündet sich der Serbe reflexartig sofort die erste Verdauungszigarette an. Im Restaurant oder anderen geschlossenen Räumen? Wer nicht selbst raucht, muß ohnehin genauso ein westliches Weichei sein wie jemand, der zum Beispiel Salat ißt. Wozu also falsche Rücksichtnahme?

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Donnerstag, 8. August 2013
Hornhaut auf den Sinnen
Kladovo

Hinter der kurzen Fußgängerzone von Kladovo mit ein paar Straßencafés, Eisdiele und Imbißbuden schließt sich eine an sich wunderschöne Lindenallee in voller Blüte an, von den Ziegelmauern aber fällt der Putz in großen Placken, und alte Banater Häuser aus Lehm und Fachwerk zerbröseln. Aus Platz- und Kostengründen sollten sie in Titos Jugoslawien durch Betonsilos abgelöst werden, und im heutigen Serbien werden nicht nur in Kladovo, sondern überall und besonders in dieser Region die letzten alten Fachwerk- und Lehmhäuser dem Verfall überlassen, damit im Ausland Arbeitende auf den Grundstücken für ihren Ruhestand schon einmal ihre schöne neue Wohnwelt errichten können.

Viele der neuen Häuser bieten einem noch die Anmutung des Unvollendeten: Stahlbetonskelette, mit unverputzten Hohlziegeln ausgefacht, reihen sich entlang der Straßen aneinander oder bilden ganze Siedlungen, denn für ein scheinbar noch “im Bau” befindliches Haus zahlt man keine oder weniger Steuern. Die dennoch “vollendeten” Neubauten, mindestens doppelt und dreifach so groß wie ihre Vorgängerbauten, erstrahlen in Zitronengelb oder Milkalila, getönte oder auch verspiegelte Fensterscheiben sind in matt bronzierte Aluminiumrahmen gefaßt. Balkongitter wölben sich in vorfabriziertem Neobarock oder – modern minimalistisch – in unterarmdicken nirostaverchromten Rohren. Die Grundstücke werden mit Mauern und Einfahrten umgeben, auf denen Löwen, Adler, Hähne, Enten und anderes Geflügel oder sich bäumende Ferrari-Pferde aus Zement postiert wurden. Das alles paßt in die alte, zutiefst bäuerliche Umgebung mit kleinparzelligen Maisfeldern oder gar noch rauchenden Meilern für die Holzkohlenbrennerei wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.

Überhaupt müssen wohl die meisten Serben Hornhaut auf den Sinnen haben, und Schwielen vor allem auf den Ohren. In jedem, aber wirklich jedem öffentlichen Raum wird man nämlich mit grenzenlos schrecklicher Muzac jeglicher Provenienz inklusive Neofolk lautestens zugeschallt, und niemandem außer uns scheint es auf die Nerven zu gehen.

Neo-antiker Bricolagestil. Neue Dorfkneipe im Osten Serbiens

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Sonntag, 4. August 2013
Kladovo

Nach dem heftigen Gewitter am Vorabend zog am folgenden Morgen hinter dem Eisernen Tor ein strahlender Sommertag herauf. Aus dem offenstehenden Fenster des Hotelzimmers fiel der Blick auf die Werftkräne von Turnu Severin am rumänischen Ufer und wanderte über die leicht gekräuselten Wellen der Donau flußauf zum Staudamm von Ðerdap I, über dem Morgennebel sehr stimmungsvoll zwischen den Bergen aufwölkte.

Der Frühstückssaal war voller Trainingsanzüge, und am “Strand” vor dem Hotel kam schon bald ein Volleyballturnier in Gang, doch die schlabbrigen Hosen mit den drei Nahtstreifen werden im Osten Serbiens nicht nur von Sportlern getragen. Vielmehr scheinen sie, wie wir auf einem ausgedehnten Spaziergang durch Kladovo feststellen konnten, dem Mann auf der Straße das zu bedeuten, was dem Jungbankster in der Frankfurter City sein Armanianzug ist.

Kladovo also. Man sollte es gesehen haben, weil man in dieser Provinzstadt den wirtschaftlichen und allgemeinen Abstieg Serbiens seit dem Zerfall Jugoslawiens und vergebliche zwischenzeitliche Bemühungen um einen Aufschwung an einem Ort übereinander gelegt sehen kann wie die Schichten einer archäologischen Grabung. Da stehen noch die mittlerweile angerosteten und zerbeulten Einheitspilze der Bushaltestellen aus der sozialistisch-föderativen Ära mit angeklebten Todesanzeigen, einer Sitte aus vermutlich noch älteren Zeiten, als es noch keine Tageszeitungen gab.

Da stehen postsozialistische Neureichenhäuser mit Zementlöwen vor dem Eingang neben Plattenbauten, die niemand in Schuß hält und auf deren Vorplätzen, Gras, Löwenzahn, Wegwarte und viel Unkraut sprießen; da gibt es viele leere Schaufenster neben Läden, in denen Ramsch feilgeboten wird, und deren noch billigere Konkurrenz, die kineska radnja, der Chinesenladen.

Man findet ihn heute in jeder serbischen Stadt gleich mehrfach, denn die Billigstimportware der chinesischen Händler war für die Serben in den ganz schlechten Neunziger Jahren oft das einzig Erschwingliche, als alles andere in der galoppierenden Inflation nicht mehr zu bezahlen war. “Sie waren die Rettung für den Haushalt des kleinen Mannes”, erklärt mir die Herzogin mit einem dankbaren Blick in Richtung des nächsten gelbhäutigen Shopkeepers in Feinrippunterhemd über Flipflops.

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Mittwoch, 31. Juli 2013
Es möcht' einen zuweilen "ein Bewegungssturm tollen Umsichschlagens" packen
Wien, Kakanien

"Nun hat der ständige Lebensaufenthalt in einem wohlgeordneten Staat durchaus etwas Gespenstisches; man kann weder auf die Straße treten, noch ein Glas Wasser trinken, ohne die ausgewogenen Hebel eines riesigen Apparats von Gesetzen und Beziehungen zu berühren; man kennt die wenigsten von ihnen, die tief ins Innere greifen, während sie auf der anderen Seite sich in ein Netzwerk verlieren, dessen ganze Zusammensetzung überhaupt noch kein Menscht entwirrt hat; man leugnet sie deshalb, so wie der Staatsbürger die Luft leugnet und von ihr behauptet, daß sie die Leere sei, aber scheinbar liegt gerade darin, daß alles Geleugnete, alles Farb-, Geruch-, Geschmack-, Gewicht- und Sittenlose wie Wasser, Luft, Raum, Geld und Dahingehn der Zeit in Wahrheit das Wichtigste ist, eine gewisse Geisterhaftigkeit des Lebens; es kann den Menschen zuweilen eine Panik erfassen wie im willenlosen Traum, ein Bewegungssturm tollen Umsichschlagens wie ein Tier."

(Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften, Erstes Buch, zweiter Teil)

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Dienstag, 30. Juli 2013
Schmetterlinge, eye-tracking und pre-crime surveillance
c)Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie, KB

Da sitze ich Einfaltspinsel tatsächlich und schreibe über Schmetterlinge.
Während gleichzeitig neben vielen anderen Vorgängen, gegen die man sich zur Wehr setzen müßte, durch den militärisch-informationstechnologischen Komplex der USA gerade die digitale Totalerfassung und Durchleuchtung jedes einzelnen von uns vollendet wird.
Gegen etwaige kritische Einwände zu dieser umfassenden Ausspähung aller Bürger durch in- und ausländische Geheimdienste – schließlich gilt laut Verfassung die Bindung der Exekutive an Recht und Grundgesetz als besonders zu schützendes Verfassungsprinzip – wichst der zockende Innenminister den falschen Trumpf eines von ihm allein konstruierten “Supergrundrechts” auf Sicherheit in die Stammtischgespräche, und die biderben Skatfreunde im Land wackeldackeln zustimmend: “Ja, wenn ma nix zum Verbergen hat, gell...”

Nein, ich mache jetzt kein Lamento drum, aber einen Hörtip (gefunden bei gnogongo) möchte ich gern weitergeben. Darin werden Ausblicke gegeben auf weitere Entwicklungen, die uns hinsichtlich Ausspähung, Kontrolle und erzwungener Anpassung via Internet in näherer Zukunft ins Haus stehen werden. “Naturwissenschaft- und Technikexperte” Ranga Yogeshwar stand zwar nach seinen bisherigen Auftritten im Fernsehen auf meiner persönlichen Sympathieskala nicht sehr weit oben, aber hören Sie sich mal das Gespräch an, das er Ende Juni im Rahmen der “Philcologne” mit Frank Schirrmacher geführt hat. Nachzuhören hier.
Danach erschien es mir, taktisch gesehen, gar nicht mal als das Dümmste, über Schmetterlinge zu schreiben.

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Sonntag, 28. Juli 2013
Staub auf den Flügeln eines Schmetterlings
Kaisermantel

“Sein Talent war so natürlich wie das Muster aus Staub auf den Flügeln eines Schmetterlings.”

(Ernest Hemingway über Scott Fitzgerald in: Paris. Ein Fest fürs Leben)

“Was die Raupe das Ende der Welt nennt, nennt die Natur einen Schmetterling.”

(nach Richard Bach)

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