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Donnerstag, 3. Februar 2011
Fest an der Seite derer, die nach nach einem Ende der Unterdrückung rufen
Angesichts der Massivität der Proteste und des Aufstands in Ägypten, der den verdienten alten “Freund” Mubarak in die Wüste zu schicken droht, gibt Westerwelle mal wieder lauthals den Wendehals: "Die deutsche Bundesregierung steht an der Seite derer, die nach Demokratie und nach selbstverständlichen Bürger- und Menschenrechten [in Ägypten] rufen", krähte er am Sonntag in die Mikrophone und stieg in eine Maschine nach - Israel.
Da erklärte Staatspräsident Schimon Peres gerade öffentlich: "Wir hatten und haben immer noch großen Respekt für Präsident Mubarak", und die Regierung Netanjahu forderte in stillen Rundschreiben westliche Regierungen zur Unterstützung des Mubarak-Regimes auf.
Bei Westerwelle aber begann indes der Respekt für Mubarak unter dem sich drehenden Wind langsam zu bröckeln. Schon bei seiner einzigen Ägyptenreise vor einem Jahr habe er, so meinte sich Westerwelle auf einmal zu erinnern "auch stets die Bürgerrechte und die Menschenrechte angesprochen".
Das sei allerdings selbst den Protokollanten des Auswärtigen Amts damals entgangen, bemerkte die Süddeutsche und erinnerte sich, daß der Außenminister Mubarak damals als Mann von “großer Weisheit” und als “Stabilitätsanker in der Region” gepriesen habe.

Mit welchen Mitteln Mubarak “Stabilität in der Region” aufrechtzuerhalten versucht, hat sich gestern und in der vergangenen Nacht in abscheulicher Deutlichkeit gezeigt. So liebevoll ließ der weise, aber besorgte Landesvater von angeheuerten Bütteln, verkleideten Polizisten und Schlägerbanden sein ungehorsames Volk zusammenkartätschen, dass heute mindestens fünf Tote und Hunderte Verletzter in den Straßen Kairos liegen. Widerlich und verbrecherisch sind solche verdeckten letzten Rettungsversuche von bedrohten Machthabern, ihren Hals aus der Schlinge zu ziehen. (Milosevic hat ähnliches “Kontramiting” 1996 in Belgrad versucht.) Aber es geht ja auch nicht um Peanuts.
Am 1. Februar meldete der Tagesanzeiger aus der Schweiz - of all places -, laut “vertraulichen Quellen” habe die Familie Mubarak zusammen etwa 40 Milliarden Dollar auf Konten ins Ausland geschafft. Geparkt u.a. auch bei Banken in der Schweiz, die doch, wie man seit der Aufregung um Wikileaks weiß, Ausländern ohne dauerhaften Wohnsitz in der Schweiz gar keine Konten einrichten.
Jetzt weiß der Tagesanzeiger auf einmal: “Gemäss einer Statistik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) verwalteten die Banken in der Schweiz Ende 2009 ägyptische Gelder in der Höhe von rund 3,6 Milliarden Franken.”
“Und woher stammt das viele Geld der Mubaraks?”, fragt die Schweizer Zeitung weiter und gibt selbst zur Antwort: “Aus Kommissionen von Waffengeschäften, aus fragwürdigen Immobiliendeals in Kairo sowie aus dem Tourismus in den Topdestinationen Hurghada und Sharm el-Sheik, wie das Nachrichtenportal JP News berichtet. Dabei habe der Mubarak-Clan ein Geschäftsmodell installiert, bei dem Grossunternehmen jedes Jahr die Hälfte ihres Gewinns abliefern müssen.”
50% Gewinnbeteiligung – ist gläubigen Moslems Wucher nicht vom Koran untersagt? Man fragt sich, ob die Mafia je so gierig ist wie der weise Stabilisator am Nil. Mögen seine Tage gezählt sein, inschallah!

Ein Hinweis noch: Die für mich bislang erhellendste Analyse der Kräfte, die bei dem für uns so unübersichtlichen Umsturzversuch in Ägypten mit- und gegeneinander agieren, hat Paul Amar, Associate Professor of Global & International Studies at the University of California, Santa Barbara, auf der Homepage des Internetmagazins Jaddaliyya, herausgegeben vom Arab Studies Institute (ASI), veröffentlicht. Hier der Link: Why Mubarak is out

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Dienstag, 1. Februar 2011
Ob der Prophet lächelt?



When Egypt was a pro-Soviet Nasserite state, the world was a very different place than it had been before Nasser. When Sadat changed his foreign policy the world changed with it. If Sadat’s foreign policy changes, the world changes again. Egypt is one of those countries whose internal politics matter to more than its own citizens."

(George Friedman: The Egypt Crisis in a Global Context, Stratfor, 30.1.2010)

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Freitag, 28. Januar 2011
Tage des Zorns im arabischen Haus
So, den Spaß einer “Verteidungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland in siebenundzwanzig Zeilen” beiseite! Schließlich geschehen spannende Dinge in der Welt, zur Zeit vor allem in der arabischen. Vom Tagesschau-Sessel aus kann man den Eindruck bekommen, an die tunesische Ecke des Dar al-arab habe jemand ein Streichholz gehalten, und jetzt brenne es plötzlich in allen Stockwerken, nachdem die Bewohner jahrzehntelang unter der Knute ruhig gehalten wurden: Algerien, Libanon, Jemen und jetzt Ägypten, überall kracht es im Gebälk, versuchen Menschen, die alten Bollwerke, die sie eingemauert hielten, aufzusprengen.
Leute, die von diesem Teil der Welt deutlich mehr Ahnung haben als ich, warnen allerdings davor, jetzt all diese Aufstände über einen Leisten zu schlagen. Ein aus Pakistan stammender Blogger namens Sepoy, der erst im Dezember Kairo besucht hat, schreibt heute angesichts dessen, was sich gerade in Ägypten anbahnt:

“It isn’t a domino effect. What happened in Tunisia, isn’t what is happening in Egypt and what is happening in Yemen and what is happening in Lebanon and what will happen in Oman. The internet or twitter or facebook is not behind this. Neither is al-Jazeera. Each of these states have their very particular histories, very particular teleologies which are more decisive – whether politically or symbolically – than anything in the social media netscape bullcrap.”

Man wird also genauer hinsehen müssen, und das schadet eigentlich nie.
Interessant sind auch wieder einmal Reaktionen des Westens auf die Unruhen in der arabischen Welt. Während man die spontanen Rebellionen in Tunesien und Algerien bei uns als Freiheitsaufstände begrüßt, stehen die USA als Meinungsführer im Westen den Demonstrationen in Ägypten viel reservierter oder janusköpfiger gegenüber. Einerseits äußerte Präsident Obama Verständnis für die Frustrationen in der ägyptischen Bevölkerung, bemühte sich aber gleichzeitig “careful to avoid any sign of abandoning Mubarak”, meldet Reuters. Seine Außenministerin hat das Regime Mubaraks gerade erst wieder “stabil” genannt, und Robert Danin vom Council on Foreign Relations erklärte vorgestern, die US-Regierung “doesn't want to see the means adopted in Tunisia”, meldete die Huffington Post. (Ein Blick in die Ägypten-Depeschen bei Wikileaks erlaubt auch Einblicke in die "Special Relationship" zwischen Washington und Kairo. Ägyptens strategische Rolle und Bedeutung für die USA im Nahen Osten sind hinlänglich bekannt.)
"I was stunned to hear secretary Clinton saying the Egyptian government is stable”, erklärte dagegen Mohammed El-Baradei CNN, bevor er nach Kairo flog, um an den Demonstrationen teilzunehmen, und fuhr fort: “And I ask myself at what price is stability? Is it on the basis of 29 years of martial law? Is it on the basis of 30 years of [an] ossified regime? Is it on the basis of rigged elections? That's not stability, that's living on borrowed time."
Natürlich ist Mubarak nicht gewillt, den Protesten nachzugeben. Heute Nacht hat er erstmal seine Sicherheitskräfte aufmarschieren und das Internet in Ägypten schließen lassen. Fast 90% aller Provider wurden seit Mitternacht abgeschaltet, meldet der Guardian in seinem aktuellen News-Blog. Dort lassen sich die Ereignisse so nah, wie zur Zeit möglich, verfolgen. Der Aufmarsch von uniformierter und Zivilpolizei sowie Geheimdienst scheint sehr massiv zu sein. Letzte Meldung: “Cairo in COMPLETE lockdown. Security everywhere, including special forces.”

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Donnerstag, 27. Januar 2011
Kleine Nummernrevue der BM Vg.
Werte Herrn!
Das Thema scheinen Sie recht vergnüglich zu finden (und das könnte es ja auch sein, wenn’s nicht...), aber ich muß den Pathologen fragen, ob er vor lauter Spaß an der Freud nicht, flutsch, in einen anderen Bildbereich gerutscht oder gekalauert ist. Guido W. in einem Gestüt? Da dürfen Sie sich wirklich wegen der Nachzucht sorgen. Prompt fielen Monsieur Stubenzweig alte Schwulitäten der Generalität ein, die aber doch gar keine waren, oder? Dabei trug der damals amtierende Verteidigungsminister über seinen stets penibel korrekten Anzügen die fleischfarbene Badekappe so pingelig auf Hochglanz poliert, daß einen schon mal der Gedanke beschleichen konnte, der Herr Minister W. habe mit dem Abschuß des Generals vor allem jeglichen Verdacht in ähnlicher Richtung von sich ablenken wollen. Aber er war so militärgeil, daß er, obwohl Jahrgang ‘34 und damit um die Pflicht zu dienen herumgekommen, freiwillig die Ausbildung zum Reserveoffizier und den Führerschein für Kampfjets machte. Als Kohl ihn nach der Affäre Kießling weglobte, wurde er selbst noch General(sekretär) der NATO und erteilte ihr den ersten Kampfeinsatz ihrer Geschichte: vier serbische Jets ließ er vom Himmel ballern.
Ja, ja, stramme Jungs hat der jetzige BMVg als Vorgänger gehabt – obwohl stramm war sein direkter Landsmann unter den Vorgängern ja nicht, eher schwammig wie ein aufgegangener Kefirpilz. Dafür kaufte er massenweise ebenso bleistiftschlanke wie fluguntaugliche “Starfighter”. Und war hinterher um einiges reicher, aber höchstens 10 Millionen Dollar. Doch das hatte mit der Lockheed-Affäre nichts zu tun. Jedenfalls nicht nachweislich.
Der Helmut Schmidt, ja, der war ja auch mal Verteidigungsminister, gehört zwar nicht unbedingt zu den vom alten Fritz so geliebten “langen Kerls”, aber ganz schön forsch und schneidig konnte der schon auftreten. Und der Leber, Schorsch? Na ja, der Mann hatte vorher wenigstens was Anständiges gelernt, war ein grundsolider Maurer und hatte den Krieg als einfacher Soldat mitgemacht. Von dem fühlten sich die Soldaten verstanden und wünschten ihm ein langes Leben. Letzten Herbst ist er 90 geworden. Ich glaube, der gerade vorübergehend amtierende Verteidigungsminister zu G. muß im Leberschorsch so etwas wie seinen Antipoden sehen: Herkunft aus der Arbeiterschaft, einfacher Maurer, Gewerkschafter, Sozialdemokrat, wenn auch rechter – da verzieht der schwerreiche CSU-Landadelige doch nur angewidert die ohnehin schon hängenden Mundwinkel. Aber eins sage ich Ihnen: so wie der zu G., selbstinszeniert als Drachentöter mit seiner Creamhilled zu Füßen, hätte sich der Leberschorsch nie ablichten lassen.

P.S.: Lieber Herr Terra, könnte ich mit spitzer Zeichenfeder umgehen, würde ich Ihr freundliches Angebot vielleicht annehmen, aber in zeichnerischer Hinsicht sind an mir Hopfen und Malz verloren. Die besten Karikaturen von sich liefert der von und zu G. meiner Meinung nach sowieso selbst.

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auf oder zu Guttenberg?
Als Bundesaußenguido Westerwelle kurz vor Weihnachten der BILD-Zeitung ein Interview gab, fischte sie prompt den bedeutungsvollsten Satz heraus und setzte ihn in die Schlagzeile:
Westerwelle: “Ich verlasse das Deck nicht, wenn es stürmt”.

Das seemännische Bild erinnerte garantiert nicht von ungefähr an eine Karikatur der englischen Zeitung Punch aus dem Jahr 1890, die tief im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankert ist. Wer kennt sie nicht? Umfragen von Soziologen zufolge ist sie jedenfalls in Deutschland die bekannteste Karikatur aller Zeiten. Der englische Originaltitel lautete damals: “Dropping the Pilot” (den Lotsen absetzen), in der deutschen Übersetzung ist die handelnde Position allerdings Willem Zwo entwendet und Bismarck rückerstattet worden: “Der Lotse geht von Bord”.
Daß Westerwelle sich auf seine bekannt diskrete Art schon mit Bismarck vergleicht, überrascht niemanden. Worauf ich warte, ist die erste Karikatur, die zu Guttenberg im wilhelminischen Matrosenanzug zeigt, wie er schmollend am Daumen lutscht und eine Modellbau-Gorch Fock am Bändel hinter sich her zieht.

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Mittwoch, 26. Januar 2011
K.Kereny an Th.Mann über den Finnischen Winterkrieg 1939
Ganz allmählich sinkt das Thermometer wieder etwas winterlicheren Temperaturen entgegen, mancherorts soll es sogar etwas geschneit haben, aber nach der ordentlichen Kälte im November und Dezember ist der Januar bisher vergleichsweise mild ausgefallen. Im ersten Kriegswinter vor 71 Jahren sah das ganz anders aus:

Für das gesamtdeutsche Gebiet wurden alle kalten Winter der Vergangenheit, soweit regelmäßige meteorologische Aufzeichnungen überhaupt vorliegen, durch den Winter 1939/40 übertroffen... die fast pausenlose Folge der Kältezeiten zeichnete ihn aus."
(R.Geiger: Die meteorologischen Bedingungen des harten Winters 1939/40, in: Forstwissenschaftliches Centralblatt, 2003)

"In Nordeuropa fielen die Temperaturen auf ein Niveau, wie es selbst für die Kleine Eiszeit extrem gewesen wäre. So niedrige Temperaturen hatte es seit über 100 Jahren nicht gegeben. Die Temperaturen lagen um 5-10 Grad unter dem langjährigen Durchschnitt."
(Ein Großversuch mit dem Klima – Der Extrem-Winter 1939/40 und die Klimaforschung (von Dr. Arnd Bernaerts))




In Westeuropa hielten die Alliierten in ihrem Phoney War oder "Sitzkrieg" still, aber ausgerechnet im nördlichen Eiskeller Europas gingen in diesem Ausnahmewinter zwei Volksarmeen aufeinander los: Finnen und Russen.
Gegen die knapp 200.000 einsatzbereite Soldaten umfassende finnische Armee traten mehr als doppelt so starke russische Invasionstruppen mit mehr als 2000 Panzern an. Die Finnen hatten 30. In ihrer Materialnot erfanden sie damals als panzerbrechende Waffe die Polttopullo, auch (bis heute) "Molotovin cocktail" genannt.
Talvisota , der Finnische Winterkrieg, wurde weiter südlich als eine kurze Atempause begriffen, in der das kleine Finnland fast wie durch ein Wunder den großen sowjetischen Bären vorübergehend in Schach halten konnte. Kerenyi schrieb an Thomas Mann von einem "Marathon im Norden".

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Sonntag, 23. Januar 2011
Th.Mann an K.Kerenyi

Vier, fünf Vorträglein im Jahr und dafür ein festes Salär und ein hübsches Haus im Grünen, ein adrettes, fleißig bedienendes Neger-Pärchen nicht zu vergessen -- Schriftsteller sollte man werden!
Aber unsereins sitzt jetzt seit Wochen, ach, was sage ich, seit Monaten von frühmorgens (und mit frühmorgens meine ich fast einen Schichtbeginn wie weiland bei Arno-Schmidtens unterm schmal-spitzen Dach des Heidehäusleins) bis spat an den Schreibtisch gekettet und fristet kaum den kärglichen Lebensunterhalt von dieser Fron. Und findet auch kaum mehr Zeit fürs Fahrtenbuchen. So langsam gehe ich echt auf dem Zahnfleisch meines Sprachvermögens. Hätte ich nicht die Aussicht vor Augen, bald meine Einsiedelei hier vorübergehend gegen eine Klause in wenigstens/hoffentlich wärmeren Gefilden eintauschen zu können (nur um dort auch bloß an einem hoffentlich vorhandenen Schreibtisch weiterzuarbeiten, versteht sich), dann wüßte ich nicht, wie lange ich so noch weitermachen könnte. Aber kein Wort mehr davon, sonst wird wieder "Befindlichkeitsblog" gewittert, und, nee, das ist schon ieh, bäh! Muß nicht, soll nicht.
Lieber setz ich mich hin und erschreib mir auch ein livriertes "Neger-Paar" mit weißen Handschuhen.
"Mein Gott, es ist nicht so ernst damit." Eine indische Köchin, die zur Abwechslung ab und zu auch mal libanesisch kocht, reichte doch schon.

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Sonntag, 16. Januar 2011
Wenn man nicht mit ziemlicher Sicherheit einen Rückschlag vorhersagen könnte, hätte man auf dem heutigen Sonntagsspaziergang glauben mögen, der Vorfrühling halte Einzug.
Im übrigen wird im Haus mit einiger Ernsthaftigkeit für die Zukunft die Anschaffung eines Hundes erwogen. Aber wahrscheinlich wird der Wunsch, ungebunden reisen zu können, auf absehbare Zeit noch die Oberhand behalten.


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