Find more about Weather in Piran, LJ
Donnerstag, 23. Dezember 2010


Sage bitte niemand, man habe sich keine Mühe gegeben.

... link (2 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 22. Dezember 2010
Blues am Wochenende


“Alle reden vom Wetter. Wir nicht.” “Bei Eis und Schnee. Wir kommen durch...” – Tja, das waren Sprüche, mit denen die Bahn vor dreißig, vierzig Jahren punkten konnte, bevor sie beim Abspecken für den geplanten Börsengang die Heizungen in den Weichen einsparte und vieles mehr. Heute bleibt einem bei Winterwetter nur, sich selbst ans Steuer zu setzen, denn wer läßt sich schon von Eis & Schnee abhalten, wenn Freunde Geburtstag feiern? Jemand, der seit Jahren ein Fahrtenbuch führt, jedenfalls nicht. Also das seit einer Woche nicht mehr benutzte Auto aus dem Schnee graben, sich durch die nicht geräumten Straßen von Den Haag zur Autobahn wühlen und los. Die 400 Kilometer bis Bremen ziehen sich, sind aber ganz gut zu fahren: keine Unfälle, keine Sperrungen, keine Megastaus (das alles blieb uns für die Rückfahrt aufgespart). Trotzdem wird es schon wieder dunkel, als wir die Autobahn verlassen. Auf den verbleibenden 90 Kilometern über wieder eisig verschneite Landstraßen nach Stade stecken dann doch zwei Autos mit im Tiefschnee vergrabenen Schnauzen neben der Straße. In den dunklen Waldstücken fährt sich’s noch am besten, doch sobald rechts und links offene Felder liegen, wallen dichte Nebelbänke heran. Und das bei -10 bis -13̊. Ich dachte immer, solcher Frost binde die Feuchtigkeit in der Luft. Aber, nun ja, vor drei Tagen hatten wir ein krachendes Gewitter, während dichter Schnee fiel. Worüber soll man sich noch wundern?
Die Stader Freunde hatten sich schon gewundert (wo wir blieben), und es fällt ihnen sichtlich 1 Stein vom Herzen, als wir in die Einfahrt biegen. Etwas später geht’s noch einmal zurück nach Bremen, zur Vergleichenden Bremer Geburtstagspartystudie, Teil I, im Kleinen Ratskeller. Spät in der Nacht durch eishelles Mondlicht auf schneeweißen Flächen und Nebel im Teufelsmoor wieder gen Norden.



Meine Güte, konnten die lange schlafen! Für meine Begriffe war ja längst der halbe Tag rum, als wir endlich “frühstücken” durften. Das taten wir dafür umso ausgiebiger, erörterten künftige Ausstellungen, Bücher und andere Projekte, darunter vorsorglich auch schon einmal welche zu betreutem gemeinsamem Wohnen im Alter. Man weiß ja nie, wann man sich wiedersieht. (Bei dem Wetter und solchen Straßenverhältnissen.)
Die Stader mußten dann ausrücken, um einer Tanne für das bevorstehende Fest das Alter zu kürzen, und auf uns kam Vergleichende Bremer Geburtstagspartystudie, Teil II, zu: im Blues Club des Meisenfrei. Gaanz andere Kundschaft als am Vorabend, wie sie vielleicht nur noch im Inselstaat Bremen anzutreffen ist. Oder gibt’s sonst noch irgendwo in der Republik so viele dünne, graue altachtundsechziger Herrenzöpfe über bierprallen Bäuchen in karierten Holzfällerhemden? (Man selbst wird auch nicht jünger, aber lange Matte, Vokuhila und andere haarige Manneszier sind persönlich inzwischen doch seit geraumer Weile passé.) Die Musik aber war vom Feinsten. Michael Funke (Mundharmonika) und befreundete Musiker aus dem Umfeld veranstalteten bis spät in die Nacht eine Blues- und Boogie-Woogie-Jamsession mit immer neu hinzukommenden Leuten, bei der es keinen auf den Stühlen hielt. Besonders ein zweiter Mundharmonikablueser legte dermaßen los, daß ich glatt vergaß, ihn nach seinem Namen zu fragen, was mich noch immer ärgert. Einen anderen Namen allerdings hatte ich noch sehr viel parater als die meisten Gäste. An einer Wand neben dem Eingang hing ein sehr verblichenes Foto, unverkennbar aus den Siebzigern. Der Mann darauf sah aus wie die abgelebte Variante von Jason King. Wirklich unverkennbar, aber keiner kannte ihn mehr. Einer von den Jüngeren tippte auf Jimi Hendrix. Lieber Himmel! Wenn jeder, der damals gelockte Wolle und ein dünnes Oberlippenbärtchen trug, gleich ein Jimi Hendrix an der Gitarre gewesen wäre! Nein, ganze 17 Jahre älter war der Mann auf dem Foto, und unverkennbar der eigentlich unvergeßliche Alexis Korner, der Vater des Blues in Europa.
Mit wem hat dieser Mann alles gespielt und wen hat er nicht alles groß gemacht?
In seiner 1961 gegründeten Blues Incorporated spielten Ginger Baker und Jack Bruce, die später mit dem von den Yardbirds kommenden Eric Clapton Cream bildeten, John Mayall, Eric Burdon und John McLaughlin, bei ihm trafen sich Mick Jagger, Brian Jones und Keith Richards und gründeten die Stones, Robert Plant lernte bei ihm ebenso wie Jimmy Page von den Yardbirds, mit dem er sich zu Led Zeppelin zusammentat. Und Alexis Korner rückte mehr und mehr in die Rolle der grauen Eminenz im Hintergrund dieser unglaublich fruchtbaren Szene, obwohl er weiterhin mit wunderbaren Interpretationen von "Get off my Cloud", "Wild Women and Desperate Men", "Spoonfull" u.v.m. auftrat. Am Ende war auch er ein Sänger, der für seine unglaublich tiefe und rauchige Stimme mit dem Leben bezahlte: mit nur 55 Jahren starb er an Lungenkrebs.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Donnerstag, 16. Dezember 2010
Zeitgeist
Da macht man sich einmal Gedanken, Leser des Fahrtenbuchs würden vielleicht ab und zu auch einmal einen etwas persönlicher gefärbten Eintrag schätzen, wenn schon seit über einem Monat hier keine Berichte von unterwegs mehr erfolgen - aber weit gefehlt, gerade meine vielleicht treusten hartnäckigsten Leser, der Pathologe, gerade nach Nigeria umgesiedelt (daher verständlich), und Monsieur Stubenzweig im ebenfalls exotisch abgelegenen Südholsteinischen wünschen sich mehr Welthaltigkeit und kein persönlich-privates Gelaber. Als Geißel wurde das böse Wort vom "Befindlichkeitsblog" geschwungen, von einem leicht drohend knurrenden "doch wohl nicht" begleitet.
Wohlan denn, wie Euer Heiligkeit befehlen! Soll ich über Griechenland, Frühling, Zeitgeist?

"Der sonst fast immer vorgebeugte Mann stellte sich in aufrechter Haltung an sein Schreibpult, nahm einen Foliobogen und einen mit der ganzen Fahne versehenen Gänsekiel... Auge und Stirn glänzten, wie wenn niemals so schwere Verwirrung darüber gegangen wäre:
Der Zeitgeist
Die Menschen finden sich in dieser Welt zum Leben,
Wie Jahre sind, wie Zeiten höher streben,
So wie der Wechsel ist, ist übrig vieles Wahre,
Daß Dauer kommt in die verschiednen Jahre;
Vollkommenheit vereint sich so in diesem Leben,
Daß diesem sich bequemt der Menschen edles Streben.

Untertänigst
Scardanelli


Weltgeschichtlicheshaltiges ist gefragt, kaum weniger, Höhen, auf denen ein armer Fahrtenbuchschreiber nicht immer wandeln kann, meine Herren. Nehmen Sie darum heute mit ein wenig Zeitgeist (in Prosa) vorlieb.

Auf Meinungsumfragen darf man natürlich nicht viel geben, auf solche nach “Menschen des Jahres” und dgl. schon gar nicht, in einzelnen Fällen jedoch bekommt man durchaus das Gefühl, daß irgendwo ein aussagekräftiges Schlaglicht geworfen wird. So fragt der Focus zur Zeit seine Leser nach dem “Menschen des Jahres 2010" und bittet um Schulnoten für einige von dessen vorbildlichen Eigenschaften.
Auf den hinteren Plätzen tummeln sich die üblichen Verdächtigen: den 50. und letzten Platz belegt mit derzeit 18500 Stimmen unser aller neuer Bundespräsident, drei Plätzchen besser und immer noch mit der Durchfallnote 5 die Kanzlerin, über der unser Truppen-Pinup auf und davon Gutt... mit Note 5,25 adelsstolz auf Rang 46 triumphieren kann (bewertet von Focus-Lesern wohlgemerkt). Und ganz oben? Tja, weit, weit oben mit bald 60.000 Stimmen und der Durchschnittsnote 1,37 kommt, und dann kommt lange erst mal keiner, Julian Assange.

Wer hätte das gedacht, nachdem er seit seiner Verhaftung doch von den Beflissenen unter den Leitartikelschreibern in unseren führenden Meinungsmachmedien nur noch kleingeschrieben wird? Und es glimmt ein kleines Fünkchen Hoffnung wieder auf wie ein Adventslicht in dieser dunklen Jahreszeit. Vielleicht lassen sich doch weitaus weniger Leute noch verscheißern, als es oft den Anschein hat.

... link (2 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 15. Dezember 2010








Zu meinem Glück ist die wojwodinische Herzogin wohlbehalten vom Elternbesuch in der alten Heimat zurück. Beim Frühstück im winterdunklen Haag berichtete sie:
“Stell dir vor, in Belgrad war es jetzt um halb sieben schon hell.”
“Das war früher auch nicht so”, sage ich und beiße in den Mandel-Rosinenstuten.
“Nö”, sagt sie, “auch eine Folge von global change.”

... link (1 Kommentar)   ... comment


Donnerstag, 9. Dezember 2010
Kapitalistische Logik
"Wir machen keine Geschäfte für euch, aber wir machen jederzeit ein Geschäft mit euch."


... link (0 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 8. Dezember 2010
Gemeißelt in 50 Tonnen Tennessee-Marmor

"In many respects, information has never been so free. There are more ways to spread more ideas to more people than at any moment in history. Even in authoritarian countries, information networks are helping people discover new facts and making governments more accountable.
During his visit to China in November, President Obama held a town hall meeting with an online component to highlight the importance of the internet. In response to a question that was sent in over the internet, he defended the right of people to freely access information, and said that the more freely information flows, the stronger societies become. He spoke about how access to information helps citizens to hold their governments accountable, generates new ideas, and encourages creativity. The United States' belief in that truth is what brings me here today. [...]
On their own, new technologies do not take sides in the struggle for freedom and progress. But the United States does. We stand for a single internet where all of humanity has equal access to knowledge and ideas. And we recognize that the world's information infrastructure will become what we and others make of it.
This challenge may be new, but our responsibility to help ensure the free exchange of ideas goes back to the birth of our republic. The words of the First Amendment to the Constitution are carved in 50 tons of Tennessee marble on the front of this building. And every generation of Americans has worked to protect the values etched in that stone."

(US-Außenministerin Hillary Clinton in einer Rede im Newseum, Washington, 21.1.2010)

Die Berichterstattung über Wikileaks in deutschen Medien läßt gewiß einiges zu wünschen übrig, aber gestern abend gab es im Deutschlandfunk einen beherzten Kommentar zu der Kampagne gegen Julian Assange. Hier ist er nachzuhören:


... link (0 Kommentare)   ... comment


Dienstag, 7. Dezember 2010
Das Kesseltreiben geht weiter
Die diplomatischen, aber mahnenden Worte von US-Botschafter Beyer in Bern scheinen in der Schweiz schnell gewirkt zu haben. Gestern gab die dem Schweizer Staat gehörende Schweizer Postfinance bekannt, das Konto von Wikileaks bei der Postbank aufzulösen. Die offizielle Begründung ist nicht einmal fadenscheinig, sie ist eine zynische Geringschätzung der Öffentlichkeit: Herr Assange habe keinen Wohnsitz in der Schweiz nachweisen können. - Als habe jemals irgendein ausländischer Diktator oder sonstiger krimineller Geldwäscher erst einen Wohnsitz in der Schweiz nachweisen müssen, bevor er sein schmutziges Geld auf einem Schweizer Nummernkonto deponieren durfte.
Jetzt aber steht politischer Wille hinter der Kontenauflösung: “Der Ständerat habe, so heisst es weiter, am 30. November 2010 eine Bestimmung in das Postgesetz aufgenommen, welche Postfinance Möglichkeiten verschaffe, Geschäftsbeziehungen aufzuheben, die dem «öffentlichen und dem sittlichen Empfinden» zuwiderliefen”, meldete die NZZ gestern. “Der Nationalrat habe die neue Gesetzgebung aber noch nicht verabschiedet, wird präzisiert. Das neue Gesetz ist jedenfalls noch längst nicht rechtskräftig. Der Verweis auf das «öffentliche und sittliche Empfinden» ist somit überflüssig; er greift bei der gültigen Rechtslage nicht.”
Aber auch wenn es noch gar keine rechtlich gültige Handhabe für dieses Manöver gibt, nimmt Postfinance schon einmal Interpretationsspielräume in den bestehenden Gesetzen für sich in Anspruch, und, ach, “Rechtslagen” kann die Legislative doch ganz schnell ändern, wenn der Gestank in ihrem Bau irgendwo nach draußen zu lecken beginnt.
Am 30. November hat der Schweizer Ständerat das Postgesetz geändert – gerade mal 2 Tage, nachdem Wikileaks begonnen hatte, die ersten Depeschen der US-Diplomaten öffentlich zugänglich zu machen. Da wurde nicht viel Zeit verloren. Ich bin schon gespannt auf den Tag, an dem man die US-Depeschen zu “Wikigate” zu lesen bekommt. Öffentlich hat US-Justizminister Holden jedenfalls schon einmal getönt, er habe “vergangene Woche eine Reihe von Dingen veranlasst, damit wir diese Leute verantwortlich machen können”, zitiert Spiegel Online in der gerade eintreffenden Meldung von der Festnahme Assanges in London.
Auch das Kreditkartenunternehmen MasterCard hat sich inzwischen den Vorstößen der US-Regierung gebeugt, Wikileaks finanziell den Hahn zuzudrehen. Natürlich trifft die Sperrung der Kontos Wikileaks. Nach Angaben des Guardian sollen sich auf dem Schweizer Konto bei Postfinance 37.000 $ Spendengelder befinden. PayPal hat ein Guthaben von mehr als 60.000 $ an Spendengeldern bei sich eingefroren. Wikileaks kann also Spenden in Höhe von annähernd 100.000 $ nicht abrufen. So strafen (westliche, demokratische) Staaten, wenn jemand das Recht auf Informationsfreiheit da in Anspruch nimmt, wo es ihnen nicht genehm ist, und treten Grundrechte, deren universelle Gültigkeit, sie anderen so gern ins Gesicht schreien, selbst mit Füßen.

Was Julian Assange im Fall seiner Auslieferung an die USA zu erwarten hätte - Schweden hat in solchen Fällen eine umfangreiche Tradition; ich erinnere nur an die etwa 150 baltischen Flüchtlinge, die Schweden 1946 an Stalin ausgeliefert hat - zeichnet sich "drüben" schon ab:
- Peter King, Abgeordneter der Republikaner und designierter Vorsitzender des Ausschusses für Heimatschutz im US-Repräsentantenhaus, forderte in einem offenen Brief an Außenministerin Clinton, Wikileaks zur terroristischen Vereinigung zu erklären.
- Ins gleiche Horn stößt die notorisch bekannte Zeremonienmeisterin der Tea Party, Sarah Palin, und schreibt auf ihrer Facebookseite: "Er [Assange]ist ein antiamerikanischer Agent, an dessen Händen Blut klebt... Warum wird er nicht mit der gleichen Intensität verfolgt, wie wir El Kaida und Taliban-Führer verfolgen?"
- Ihr innerparteilicher Konkurrent, Mike Huckabee, sagte in einem Fernsehinterview: “Wer auch immer in unserer Regierung diese Informationen preisgegeben hat, ist des Landesverrats schuldig, und ich bin der Ansicht, alles andere als die Todesstrafe wäre eine zu milde Strafe.

... link (1 Kommentar)   ... comment