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Mittwoch, 6. Januar 2010
1 Mann stellt sich quer
Bekannt ist, daß Island in der 2008 ausgebrochenen Finanzkrise vor allem durch irrsinnige bis kriminelle Machenschaften einiger seiner international operierenden Investoren und Bankiers wirtschaftlich beinahe zusammengebrochen ist und seine Steuerzahler nun Schulden in Höhe von 850% des BIP abzutragen haben. Bekannt ist weiterhin, daß die isländische Regierung, um einen akuten Staatsbankrott abzuwehren, erst einmal um Kredite des Weltwährungsfonds und der befreundeten nordischen Länder bitten mußte, und daß sie überzeugt war, eine Konsolidierung der eigenen Wirtschaft längerfristig nur durch einen Beitritt zur EU erreichen zu können. Bekannt ist auch, daß vor allem Großbritannien und die Niederlande ihre Zustimmung zu einem Beitrittsgesuch Islands davon abhängig machten, daß die Isländer, zusätzlich zu den bereits aufgelaufenen Schulden, auch die mit dem Bankrott ihrer Banken verloren gegangenen Einlagen ausländischer Anleger zurückzahlen. Im gerade abgelaufenen Jahr hat die isländische Regierung mit 33 gegen 30 Stimmen und gegen den Willen breiter Teile der Bevölkerung Gesetze beschlossen, in denen die Rückzahlungen der sogenannten Icesave-Gelder garantiert werden sollten.
Heute nun hat der isländische Staatspräsident Ólafur Ragnar Grímsson überraschend sein Veto gegen diese Gesetze eingelegt. Es ist überhaupt erst das zweite Mal in der Geschichte des Landes, daß der Präsident von seinem Vetorecht Gebrauch macht.
Am letzten Tag des Jahres war ihm eine von 40.000 Bürgern, das sind 25% aller Wahlberechtigten in Island, unterzeichnete Petition gegen die Icesave-Gesetze überreicht worden. Heute verweigerte Ólafur Ragnar seine Unterschrift unter die Gesetzesvorlage. Er tat dies mit dem Hinweis auf den Grundsatz der isländischen Verfassung, dem zufolge das Volk der Souverän und oberste Richter über die Geltung von Gesetzen sei. Seine Weigerung bedeutet nämlich, daß die Regierung den Gesetzesvorschlag nun zurückziehen oder dem Volk in einer Volksabstimmung zur Entscheidung vorlegen muß.
Laut Umfragen sollen bis zu 70% der Isländer dagegen sein, daß sie zusätzlich zu den ihnen und ihren Kindeskindern bereits aufgebürdeten Schulden auch noch die vom isländischen Volk nicht verursachten Verluste ausländischer Anleger erstatten sollen. Für die ohnehin unter ihren Schulden keuchende kleine Nation geht es dabei um große Beträge: Holland fordert Rückzahlungen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro, Großbritannien sogar fast das Doppelte, 2,5 Milliarden.
Wie Holländer und Briten auf sein Veto voraussichtlich reagieren würden, hat der isländische Präsident natürlich vorhergesehen. Deswegen fügte er am Ende seiner Erklärung hinzu, Großbritannien und die Niederlande gehörten zu den ältesten Demokratien Europas; deshalb sollten sie auch “tiefen Respekt für das demokratische Recht des isländischen Volkes empfinden”.
Ganz so tief scheint der Respekt zumindest des niederländischen Finanzministers Wouter Bos nicht zu reichen. In einer ersten öffentlichen Reaktion im holländischen Fernsehen sagte er: “Wir werden die Isländer so oder so wissen lassen, daß wir unser Geld zurückwollen, und wir werden es auch kriegen.”
Der britische Finanzminister Alistair Darling hatte schon im Vorfeld eine Warnung Richtung Island abgefeuert: Ein Scheitern der Gesetze würde “things a lot more difficult” machen. Aber von den Briten haben sich die Isländer noch nie gern kujonieren lassen, und vielleicht hat Darlings Schuß vor den Bug Ólafur Ragnar erst richtig den Kamm schwellen lassen. Jedenfalls dürfte der Ton zwischen allen Beteiligten erst einmal schärfer werden. Der britische Daily Telegraph zitiert in seiner heutigen Online-Ausgabe jedenfalls einen Analysten der Danske Bank: "The British and Dutch governments will do anything they can to hold the payout from the IMF". Mit anderen Worten, sie werden den Isländern jetzt erst einmal finanziell Daumenschrauben anlegen.
Oder wie es Jeremy Warner, der Leitartikler des Telegraph formulierte: "They are definitely not going to be allowed into the European Union now. In fact they will be lucky if we don’t set the gunboats on them. - Pay up Mr Grimmson (Iceland’s president), or the cod gets it."
Heute nun hat der isländische Staatspräsident Ólafur Ragnar Grímsson überraschend sein Veto gegen diese Gesetze eingelegt. Es ist überhaupt erst das zweite Mal in der Geschichte des Landes, daß der Präsident von seinem Vetorecht Gebrauch macht.Am letzten Tag des Jahres war ihm eine von 40.000 Bürgern, das sind 25% aller Wahlberechtigten in Island, unterzeichnete Petition gegen die Icesave-Gesetze überreicht worden. Heute verweigerte Ólafur Ragnar seine Unterschrift unter die Gesetzesvorlage. Er tat dies mit dem Hinweis auf den Grundsatz der isländischen Verfassung, dem zufolge das Volk der Souverän und oberste Richter über die Geltung von Gesetzen sei. Seine Weigerung bedeutet nämlich, daß die Regierung den Gesetzesvorschlag nun zurückziehen oder dem Volk in einer Volksabstimmung zur Entscheidung vorlegen muß.
Laut Umfragen sollen bis zu 70% der Isländer dagegen sein, daß sie zusätzlich zu den ihnen und ihren Kindeskindern bereits aufgebürdeten Schulden auch noch die vom isländischen Volk nicht verursachten Verluste ausländischer Anleger erstatten sollen. Für die ohnehin unter ihren Schulden keuchende kleine Nation geht es dabei um große Beträge: Holland fordert Rückzahlungen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro, Großbritannien sogar fast das Doppelte, 2,5 Milliarden.
Wie Holländer und Briten auf sein Veto voraussichtlich reagieren würden, hat der isländische Präsident natürlich vorhergesehen. Deswegen fügte er am Ende seiner Erklärung hinzu, Großbritannien und die Niederlande gehörten zu den ältesten Demokratien Europas; deshalb sollten sie auch “tiefen Respekt für das demokratische Recht des isländischen Volkes empfinden”.
Ganz so tief scheint der Respekt zumindest des niederländischen Finanzministers Wouter Bos nicht zu reichen. In einer ersten öffentlichen Reaktion im holländischen Fernsehen sagte er: “Wir werden die Isländer so oder so wissen lassen, daß wir unser Geld zurückwollen, und wir werden es auch kriegen.”
Der britische Finanzminister Alistair Darling hatte schon im Vorfeld eine Warnung Richtung Island abgefeuert: Ein Scheitern der Gesetze würde “things a lot more difficult” machen. Aber von den Briten haben sich die Isländer noch nie gern kujonieren lassen, und vielleicht hat Darlings Schuß vor den Bug Ólafur Ragnar erst richtig den Kamm schwellen lassen. Jedenfalls dürfte der Ton zwischen allen Beteiligten erst einmal schärfer werden. Der britische Daily Telegraph zitiert in seiner heutigen Online-Ausgabe jedenfalls einen Analysten der Danske Bank: "The British and Dutch governments will do anything they can to hold the payout from the IMF". Mit anderen Worten, sie werden den Isländern jetzt erst einmal finanziell Daumenschrauben anlegen.
Oder wie es Jeremy Warner, der Leitartikler des Telegraph formulierte: "They are definitely not going to be allowed into the European Union now. In fact they will be lucky if we don’t set the gunboats on them. - Pay up Mr Grimmson (Iceland’s president), or the cod gets it."
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Freitag, 1. Januar 2010
Nieuwjaarsduik

Weihnachtsmänner, zusammengetrieben vor Rücktransport zum Nordpol?

Winterlemminge vor dem Massenexodus?

Nein, wohl doch mit Robben eingekreuzte Hominiden. Zur Erinnerung: Zeitpunkt: heute, 1. Januar 2010. Ort: Nordseeküste bei Scheveningen, NL, 52̊ nördlicher Breite.

Und dann sind sie auf einmal nicht mehr zu retten.

Und stürzen sich ins eiskalte Wasser.


Während die ersten schon wieder an die viel kältere Luft zurückkehren,

... suchen andere noch nach dem erfrischenden Naß. Immer mit passender Kopfbedeckung, versteht sich.
Nach einem veritablen und lang andauernden Feuerwerk über der ganzen Stadt zum Jahreswechsel fiel genau 12 Stunden später der Startschuß zur endgültigen Vertreibung des Silvesterkaters, und etliche Tausend Wahnsinnige stürzten sich, vor allem mit roten Plümmelmützen bekleidet, ins 7° warme Nordseewasser, dank des Windes bei gefühlten -4° Außentemperatur. Das war ein Fest nach dem Geschmack der Holländer: rauh, laut und als Massenveranstaltung zelebriert - echt prettig! Die Tradition wurde in Holland in den Sechziger Jahren von ein paar ehemaligen Kanalschwimmern begründet. Nach Angaben des Veranstalters nahmen heute allein in Scheveningen mehr als 8500 Menschen an dem Spektakel teil. Ihr Fahrtenbuchschreiber, der Kälte nicht achtend, mitten unter ihnen.
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Donnerstag, 31. Dezember 2009
Ein Blick vor, zwölf zurück
Der letzte Tag des Jahres. Beim fälligen Blick zurück erweist sich 2009 als sehr ordentliches Reisejahr. Geliebte alte und interessante neue Ziele konnten angesteuert werden und viele neue Eindrücke vermitteln. Die Welt ist wieder um einige Puzzlestücke bekannter geworden.
Wer weiß, wie lange (mir) das noch möglich ist. Einerseits werden spannende Weltgegenden immer unsicherer, andererseits nimmt der Kontroll- und Überwachungswahn ständig zu. Schon bald werde ich mich an Flughäfen biometrisch vermessen lassen und vor einem Nacktscanner bis auf die Haut ausziehen müssen, und in den Niederlanden werden sie bald in jedes Auto eine GPS-Box zur permanenten Standort- und Bewegungskontrolle montieren. Breiter Widerstand gegen den immer umfassenderen Ausbau des Überwachungsstaats regt sich nirgends. Seine Verweigerung kann man irgendwann nur noch als Einzelner versuchen, indem man sich (ohne Handy) allein zu Fuß fortbewegt, die Stecker zieht und sich Mühe gibt, fortan möglichst keine weiteren Datenspuren mehr zu hinterlassen. Was aber im Zeitalter der globalen Kommunikationsmöglichkeiten paradoxerweise gleichbedeutend wäre mit weitgehendem Verzicht auf Kommunikation.
Noch bin ich nicht so weit. Das Fahrtenbuch scheint seine Bestimmung noch zu erfüllen (die meistgelesenen Einträge betreffen Maskat/Oman und Neuseeland) und geht ins nächste Jahr. Sein Schreiber wünscht allen, daß es ein gutes und gesundes werde. Und wehrt Euch gegen die Einschränkung unserer Freiheitsrechte!

Wer weiß, wie lange (mir) das noch möglich ist. Einerseits werden spannende Weltgegenden immer unsicherer, andererseits nimmt der Kontroll- und Überwachungswahn ständig zu. Schon bald werde ich mich an Flughäfen biometrisch vermessen lassen und vor einem Nacktscanner bis auf die Haut ausziehen müssen, und in den Niederlanden werden sie bald in jedes Auto eine GPS-Box zur permanenten Standort- und Bewegungskontrolle montieren. Breiter Widerstand gegen den immer umfassenderen Ausbau des Überwachungsstaats regt sich nirgends. Seine Verweigerung kann man irgendwann nur noch als Einzelner versuchen, indem man sich (ohne Handy) allein zu Fuß fortbewegt, die Stecker zieht und sich Mühe gibt, fortan möglichst keine weiteren Datenspuren mehr zu hinterlassen. Was aber im Zeitalter der globalen Kommunikationsmöglichkeiten paradoxerweise gleichbedeutend wäre mit weitgehendem Verzicht auf Kommunikation.
Noch bin ich nicht so weit. Das Fahrtenbuch scheint seine Bestimmung noch zu erfüllen (die meistgelesenen Einträge betreffen Maskat/Oman und Neuseeland) und geht ins nächste Jahr. Sein Schreiber wünscht allen, daß es ein gutes und gesundes werde. Und wehrt Euch gegen die Einschränkung unserer Freiheitsrechte!

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Montag, 28. Dezember 2009
Weihnachten '09
2. Feiertag. Et hillije Kölle morgens um 7. Die Stadt schläft den christlichen Schlaf des Weihnachtsfriedens,
der Dom erwacht, die Natur kämpft anmutig auf Leben und Tod.

der Dom erwacht, die Natur kämpft anmutig auf Leben und Tod.

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Mittwoch, 23. Dezember 2009
“Ohne schön zu seyn anziehend” Projekt Heiraten als Therapie
Wenn die Beziehung zu Mutter und Tochter Wolzogen zumindest in Schillers Phantasien ein erstes Dreiecksverhältnis bildete, so entwickelte sich das zweite zu den von Kalbs als ein durchaus reales weiter. Im Herbst 1787 kam nämlich Heinrich von Kalb auf Urlaub auf sein väterliches Gut Kalbsrieth, nur etwa 50 km nördlich von Weimar, und seine Frau hielt sich abwechselnd dort und dann wieder in der Stadt auf. In dieser delikaten Situation suchte Schiller für die Zeiten, in denen seine Geliebte bei ihrem Mann weilte, offenbar weitere Ablenkung. Körner schrieb er, die Wahrheit nachträglich etwas frei gestaltend, am 8.12.87:
“In Rudolstadt habe ich mich auch einen Tag aufgehalten, und wieder eine recht liebenswürdige Familie kennen lernen”, heißt es im gleichen Brief weiter. “Eine Frau von Lengenfeld lebt da mit einer verheiratheten und einer noch ledigen Tochter. Beide Geschöpfe sind (ohne schön zu seyn) anziehend und gefallen mir sehr.”
Sogleich setzt eine Veränderung im Verhältnis zur bisherigen Favoritin ein: “Hier in Weimar habe ich Charlotte und ihren Mann wiedergefunden. Er ist ganz der alte, wie ich aus dem ersten Anblick urtheilen konnte; denn ich habe ihn nur einmal gesprochen. Sie ist gesund und sehr aufgeweckt. (Ich weiß nicht, ob die Gegenwart des Mannes mich lassen wird, wie ich bin. Ich fühle in mir schon einige Veränderung, die weiter gehen kann.)”
Mitte November bereits hatte Schiller einen selten hellsichtigen Brief über sich selbst und sein Verhältnis zu Frauen geschrieben:
Seine bisherige Geliebte, Frau v. Kalb, steht dafür, wie sich inzwischen definitiv erwiesen hat, nicht zur Verfügung, und schon ist Schiller bereit, sie ein zweites Mal und diesmal endgültig abzuschreiben. Was bei der inzwischen leicht überspannten Frau wahre Verzweiflungsstürme ausgelöst haben soll. Schillers heiratserpichte Suchscheinwerfer beginnen indeß erneut zu kreisen, und gegen Ende des Winters ‘88 gerät neue Beute in ihren Lichtkegel. Nicht zufällig, denn genau zu diesem Zweck wurde sie auf den Wildwechseln Weimars ins Schußfeld gestellt. Dabei ist sie eigentlich schon waidwund geschossen von Amors Pfeilen. “Meine Schwester konnte wohl in jedem Sinne eine wünschenswerte Verbindung für Schiller sein”, schrieb Karoline von Wolzogen (geb. v. Lengefeld, geschiedene v. Beulwitz) in ihrer Schiller-Biographie über ihre Schwester Charlotte und über die Anbahnung ihres Verhältnisses zu dem heiratswütigen Poeten in Weimar, dem sie anläßlich einer Aufführung der Räuber vier Jahre zuvor bereits vorgestellt worden waren. Doch damals in Mannheim war Charlotte ein 17jähriger Backfisch auf der Rückreise aus der Schweiz gewesen, und die Schwestern hatten sich allenfalls gewundert, daß “ein so gewaltiges und ungezähmtes Genie ein so sanftes Äußeres haben könne”. Den folgenden Winter hatte Charlotte bei ihrer Patentante, der Frau von Stein, in Weimar verbracht, um “in die Gesellschaft eingeführt” und womöglich von der Herzogin als Hofdame engagiert zu werden. Stattdessen lernte sie einen schottischen Captain namens Henry Heron auf seiner Kavalierstour kennen, und verliebte sich so heftig in ihn, daß ganz Weimar davon wußte. Ostern 1785 gestand er ihr seine Liebe und zeigte ihr gleichzeitig den Befehl, der ihn zum Militärdienst nach Indien abberief. Abflug Heron.
Schwesterchen war nämlich inzwischen 22 und gehörte dringend “versorgt”, weil der Vater früh verstorben und die verwitwete Mutter vergleichsweise mittellos zurückgeblieben war. Die ältere Tochter Karoline selbst war darum schon mit 16 ohne jede Rücksicht auf Gefühle dem begüterten Freiherrn Friedr. Wilh. von Beilwitz verheiratet worden. Nun also war die kleine, schüchterne und noch immer an Liebeskummer laborierende Charlotte dran. Pech nur für die Mutter, daß sie an dem gut gestellten, aber 22 Jahre älteren Prinzenerzieher Karl Ludwig von Knebel unerklärlicherweise wenig Gefallen fand. Da konnte sie das gewaltige, ungezähmte Genie mit dem sanften Äußeren schon eher vom Kummer über den entflogenen Reiher ablenken. Auf einem Maskenball im Karneval begegneten sie und das Genie sich Anfang Februar 1788 wieder. Als Haupt”event” wurde Schillers wenige Tage vorher zum Geburtstag der Herzogin Louise verfaßtes genial gereimtes Gedicht Die Priesterinnen der Sonne szenisch aufgeführt. Seine vorletzte Strophe lautet:
“Während daß Frau von Kalb in Kalbsrieth sich aufhielt, bekam ich solche Aufforderungen von meiner Schwester und der Dame, auf deren Gut ich war, nach Meiningen zu kommen, daß ich meinen Interims-Wittwerstand in Weimar endlich aufopfern mußte.” (Interims-Wittwerstand ist natürlich auch ein aufschlußreiches Wort dafür, wie Schiller sein Verhältnis zu Charlotte von Kalb sah.) “Die Dame hat sich große Rechte auf meine Dankbarkeit erworben; sie bittet mich in mehr als zwanzig Briefen, solang ich in Weimar bin, unaufhörlich um diesen Besuch... Ich war also wieder in der Gegend, wo ich von 82 bis 83 als ein Einsiedler lebte... Jezt nach fünf Jahren kam ich wieder, nicht ohne manche Erfahrungen über Menschen, Verhältnisse und mich. Jene Magie war wie weggeblasen. Ich fühlte nichts. Keiner von allen Plätzen, die ehemals meine Einsamkeit interessant machten, sagte mir jezt etwas mehr.”Meiningen/Wolzogen scheint also endgültig abgehakt zu sein und nicht einmal mehr als Notnagel genügend Attraktivität für Schiller zu besitzen, und Charlotte weilt bei ihrem Mann in Kalbsrieth, eine Zeit, Trübsal zu blasen, könnte man vermuten. Aber nein, die Situation schafft vor allem Raum für neue Bekanntschaften.
“In Rudolstadt habe ich mich auch einen Tag aufgehalten, und wieder eine recht liebenswürdige Familie kennen lernen”, heißt es im gleichen Brief weiter. “Eine Frau von Lengenfeld lebt da mit einer verheiratheten und einer noch ledigen Tochter. Beide Geschöpfe sind (ohne schön zu seyn) anziehend und gefallen mir sehr.”
Sogleich setzt eine Veränderung im Verhältnis zur bisherigen Favoritin ein: “Hier in Weimar habe ich Charlotte und ihren Mann wiedergefunden. Er ist ganz der alte, wie ich aus dem ersten Anblick urtheilen konnte; denn ich habe ihn nur einmal gesprochen. Sie ist gesund und sehr aufgeweckt. (Ich weiß nicht, ob die Gegenwart des Mannes mich lassen wird, wie ich bin. Ich fühle in mir schon einige Veränderung, die weiter gehen kann.)”
Mitte November bereits hatte Schiller einen selten hellsichtigen Brief über sich selbst und sein Verhältnis zu Frauen geschrieben:
“Ich glaube wirklich, Wieland kennt mich noch wenig genug, um mir seinen Liebling, seine zweite Tochter nicht abzuschlagen, selbst jezt nicht, da ich nichts habe. Das Mädchen kenne ich nicht, gar nicht, aber siehst Du, ich würde sie ihm heute abfordern, wenn ich glaubte, daß ich sie verdiente. Es ist sonderbar, ich verehre, ich liebe die herzliche empfindende Natur, und eine Kokette, jede Kokette kann mich fesseln. Jede hat eine unfehlbare Macht auf mich, durch meine Eitelkeit und Sinnlichkeit; entzünden kann mich keine, aber beunruhigen genug. Ich habe hohe Begriffe von häuslicher Freude, und doch nicht einmal soviel Sinn dafür, um mir sie zu wünschen. Ich werde ewig isolirt bleiben in der Welt, ich werde von allen Glückseligkeiten naschen, ohne sie zu genießen. Auf die Wieland zurückzukommen: ich sage Dir, ich glaube, daß mich ein Geschöpf, wie dieses, glücklich machen könnte, wenn ich soviel Egoismus hätte, glücklich seyn zu können, ohne glücklich zu machen, und an dem leztern zweifle ich sehr. Bei einer ewigen Verbindung, die ich eingehen soll, darf Leidenschaft nicht seyn, und darum hab ich bei diesem Falle mich schon verweilt. Ich kenne weder das Mädchen, noch weniger fühle ich einen Grad von Liebe, weder Sinnlichkeit noch Platonismus – aber die innigste Gewißheit, daß es ein gutes Wesen ist, daß es tief empfindet und sich innig attachiren kann, mit der Rücksicht zugleich, daß sie zu einer Frau ganz vortrefflich erzogen ist, äußerst wenig Bedürfnisse und unendlich viel Wirthschaftlichkeit hat.” (19.11.87)Nun gut, das junge Fräulein Wieland, wohl Maria Karolina, 1770 geboren und also heiratsfähige 17 Jahre alt - man findet sich in “Wielands Kinder-Fabrick” (wie es Göthes Mutter einmal in einem Brief an Herzogin Anna Amalia ausdrückte) nicht so leicht durch. Nicht weniger als 14 Kinder brachte seine Frau zur Welt, von denen allerdings nur 7 groß wurden - eine junge Wieland-Tochter also kam persönlich nicht in Betracht, aber sonst läßt Schiller hier recht genaue Vorstellungen von einer zukünftigen Ehe erkennen, und in seinem nächsten Neujahrsbrief an Körner hat das Unternehmen Heirat weitere gedankliche Fortschritte gemacht:
“Dass ich jezt so vielen Werth auf Gründlichkeit lege, führt Dich vielleicht auf die Vermuthung, dass ich für ein Etablissement arbeite. Das ist dennoch der Fall nicht, aber mein Schicksal muß ich innerhalb eines Jahres ganz in der Gewalt haben und also für eine Versorgung qualifiziert seyn... ich muß eine Frau dabei ernähren können, denn noch einmal, mein Lieber, dabei bleibt es, dass ich heirathe. Könntest Du in meiner Seele so lesen, wie ich selbst, Du würdest keine Minute darüber unentschieden seyn. Alle meine Triebe zu Leben und Thätigkeit sind in mir abgenützt; diesen einzigen habe ich noch nicht versucht. Ich führe eine elende Existenz, elend durch den inneren Zustand meines Wesens. Ich muß ein Geschöpf um mich haben, das mir gehört, das ich glücklich machen kann und muß, an dessen Daseyn mein eigenes sich erfrischen kann. Du weißt nicht, wie verwüstet mein Gemüth, wie verfinstert mein Kopf ist... Freundschaft, Geschmack, Wahrheit und Schönheit werden mehr auf mich wirken, wenn eine ununterbrochene Reihe feiner wohlthätiger häuslicher Empfindungen mich für die Freude stimmt und mein erstarrtes Wesen wieder durchwärmt. Ich bin bis jetzt ein isolierter fremder Mensch in der Natur herumgeirrt, und habe nichts als Eigenthum besessen. Alle Wesen, an die ich mich fesselte, haben etwas gehabt, das ihnen theurer war als ich, und damit kann sich mein Herz nicht behelfen. Ich sehne mich nach einer bürgerlichen und häußlichen Existenz, und das ist das Einzige, was ich jezt noch hoffe.”In einem Brief an den zweiten Leipziger Freund, Ferdinand Huber, (vom 20.1.1788) wird er noch deutlicher:
“Du glaubst nicht, wie sehr ich seit 4 oder 5 Jahren aus dem natürlichen Geleise menschlicher Empfindungen gewichen bin; diese Verrenkung meines Wesens macht mein Unglück, weil Unnatur nie glücklich machen kann; aber ich kann sie auf keinem Wege verbeßern; auf keinem der mir bekannt ist, durchaus auf keinem vielleicht; aber Einen habe ich noch nicht versucht und ehe ich die Hoffnung ganz sinken lasse, muß ich noch diese Erfahrung machen. Diß ist eine Heurath. Glaube mir, daß ich Dir keinen Roman auftische. Wenn andre meinesgleichen durch häußliche Feßeln für weiter Plane der Wirksamkeit verloren gehen, so ist Häußlichkeit just das einzige, was mich heilen kann, weil es mich zur Natur, zur sehr prosaischen Alltagsnatur zurückführt, von der ich erstaunlich weit abseits gerathen bin. Weder Du noch Körner – und wer also sonst? könnt die Zerstörung ahnden, welche Hypochondrie, Überspannung, Eigensinn der Vorstellung, Schicksal meinetwegen in dem innern meines Geists und Herzens angerichtet haben.”Außer an die Geschichte der Niederlande, die ihm endlich das nötige Geld und eine feste Stellung einbringen soll (“Erstens. Ich muß von Schriftstellerei leben, also auf das sehen, was einträgt... Mit der Hälfte des Werths, den ich einer historischen Arbeit zu geben weiß, erreiche ich mehr Anerkennung in der sogenannten gelehrten und in der bürgerlichen Welt als mit dem größten Aufwand meines Geistes für die Frivolität einer Tragödie.” Er spekuliert bereits auf eine Jenaer Professur), denkt Schiller vor allem an eins: er will heiraten. Alle anderen “Triebe” sind schon fad geworden, “diesen einzigen habe ich noch nicht versucht”. Und ein Jahr gesteht er sich für die Brautschau noch zu; mit 30 will er unter der Haube sein.
Seine bisherige Geliebte, Frau v. Kalb, steht dafür, wie sich inzwischen definitiv erwiesen hat, nicht zur Verfügung, und schon ist Schiller bereit, sie ein zweites Mal und diesmal endgültig abzuschreiben. Was bei der inzwischen leicht überspannten Frau wahre Verzweiflungsstürme ausgelöst haben soll. Schillers heiratserpichte Suchscheinwerfer beginnen indeß erneut zu kreisen, und gegen Ende des Winters ‘88 gerät neue Beute in ihren Lichtkegel. Nicht zufällig, denn genau zu diesem Zweck wurde sie auf den Wildwechseln Weimars ins Schußfeld gestellt. Dabei ist sie eigentlich schon waidwund geschossen von Amors Pfeilen. “Meine Schwester konnte wohl in jedem Sinne eine wünschenswerte Verbindung für Schiller sein”, schrieb Karoline von Wolzogen (geb. v. Lengefeld, geschiedene v. Beulwitz) in ihrer Schiller-Biographie über ihre Schwester Charlotte und über die Anbahnung ihres Verhältnisses zu dem heiratswütigen Poeten in Weimar, dem sie anläßlich einer Aufführung der Räuber vier Jahre zuvor bereits vorgestellt worden waren. Doch damals in Mannheim war Charlotte ein 17jähriger Backfisch auf der Rückreise aus der Schweiz gewesen, und die Schwestern hatten sich allenfalls gewundert, daß “ein so gewaltiges und ungezähmtes Genie ein so sanftes Äußeres haben könne”. Den folgenden Winter hatte Charlotte bei ihrer Patentante, der Frau von Stein, in Weimar verbracht, um “in die Gesellschaft eingeführt” und womöglich von der Herzogin als Hofdame engagiert zu werden. Stattdessen lernte sie einen schottischen Captain namens Henry Heron auf seiner Kavalierstour kennen, und verliebte sich so heftig in ihn, daß ganz Weimar davon wußte. Ostern 1785 gestand er ihr seine Liebe und zeigte ihr gleichzeitig den Befehl, der ihn zum Militärdienst nach Indien abberief. Abflug Heron.
“Ihr Gemüt war wund und bewegt durch eine herzliche Neigung, die sie angeben musste, da äußere Umstände ungünstig waren. Der edle und liebenswürdige Mann, dem ihre Neigung zugewandt war, sprach seine Liebe in allem schmerz der Hoffnungslosigkeit aus und nährte so die Empfindung, die für ihn sprach. Seine Verhältnisse trugen ihn im Militärdienst über das Meer nach einem andern Weltteile, und die Wehmut eines solchen Abschieds tönte lange in dem Wesen meiner Schwester nach. Um sie zu erheitern, veranlassten wir einen Aufenthalt von einigen Monaten in Weimar”,erklärt Karoline mit der für eine Schiller-Biographie gebotenen höflichen Umschreibung.
Schwesterchen war nämlich inzwischen 22 und gehörte dringend “versorgt”, weil der Vater früh verstorben und die verwitwete Mutter vergleichsweise mittellos zurückgeblieben war. Die ältere Tochter Karoline selbst war darum schon mit 16 ohne jede Rücksicht auf Gefühle dem begüterten Freiherrn Friedr. Wilh. von Beilwitz verheiratet worden. Nun also war die kleine, schüchterne und noch immer an Liebeskummer laborierende Charlotte dran. Pech nur für die Mutter, daß sie an dem gut gestellten, aber 22 Jahre älteren Prinzenerzieher Karl Ludwig von Knebel unerklärlicherweise wenig Gefallen fand. Da konnte sie das gewaltige, ungezähmte Genie mit dem sanften Äußeren schon eher vom Kummer über den entflogenen Reiher ablenken. Auf einem Maskenball im Karneval begegneten sie und das Genie sich Anfang Februar 1788 wieder. Als Haupt”event” wurde Schillers wenige Tage vorher zum Geburtstag der Herzogin Louise verfaßtes genial gereimtes Gedicht Die Priesterinnen der Sonne szenisch aufgeführt. Seine vorletzte Strophe lautet:
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Montag, 21. Dezember 2009
Winteranfang
Da wir inzwischen so viele, zu viele Menschen auf diesem zu klein gewordenen Erdball sind, und die sich auch noch vor allem in einer Weltgegend zusammenballen, die Hälfte nämlich in China, Indien, Indonesien, Pakistan und Bangladesh, ist die Erde ins Trudeln geraten. Heute wird die Sonne ihren Zenit nicht senkrecht über dem Äquator erreichen, sondern um ganze 23,4̊ südlich davon. Das - es muß anscheinend gesagt werden - ist keine unbedeutende, sondern eine spürbare Abweichung, sie beschert uns hier auf der Nordhalbkugel den kürzesten Tag des Jahres und, offenbar für viele jedes Jahr wieder überraschend, den Anbruch des Winters.
So staune ich wieder einmal, wie unvorbereitet oder ineffizient öffentliche Dienste in den vermeintlich so smart organisierten Niederlanden dem für sie anscheinend völlig unvorhersehbaren Winter”einbruch” gegenüberstehen. Gestern fielen vielleicht zehn, na gut, fünfzehn Zentimeter Neuschnee. Am Abend meldeten sogar die Nachrichten in Deutschland, daß bei den Nachbarn in Holland nahezu das gesamte öffentliche Leben zum Erliegen gekommen sei: keine Züge, keine Flüge, in vielen Städten kein öffentlicher Nahverkehr. Die Nacht war ruhig und sternklar. Und heute morgen? Der gesamte Berufsverkehr in der Hauptstadt Den Haag spulte und schlingerte durch den inzwischen notdürftig zusammengefahrenen Schneematsch. Einige der unvermeidlichen Radfahrer eierten mitten auf der Fahrbahn umher, weil eben an den Straßenrändern, in den Nebenstraßen, auf den Radwegen und Bürgersteigen noch völlig unvermindert der gesamte Schnee von gestern lag.
Gibt‘s hier keine Räumdienste? Sind sie eingespart oder privatisiert worden? Darf Winter jetzt nicht mehr vorkommen, weil er aufgrund seines hierzulande statistisch eher geringen Auftretens bei den Kostenkalkulationen der Kommunen, der Bahn und der Flughafenbetreiber als nicht zu berücksichtigender Kostensteigerungsfaktor eliminiert wurde?
Immerhin, nach diesem kürzesten Tag und der folgenden längsten Nacht des Jahres rückt uns die Sonne Tag für Tag ein Stückchen näher. In drei Monaten wird sie voraussichtlich die Tag- und Nachtgleiche wieder herstellen. Dann könnte es zu einem jetzt noch unvorhersehbaren Frühlingseinbruch kommen.
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Sonntag, 20. Dezember 2009
Trigonometrie, eine berechnende Wissenschaft
Es schneit und schneit und schneit. Selbst hier in den flachen Niederlanden fällt der Schnee so dicht und von einem kräftigen Wind schräg verwirbelt, dass man kaum die nächsten Häuser sieht, geschweige denn das Meer da draußen hinter den grauweißen Vorhängen. Was kann man an einem solchen Adventssonntag besseres tun, als den Kamin anzuzünden und mit einem schönen “Courtship plot” in Jane-Austen-Manier fortzufahren?
Während also Goethe sich mit “der Kauffmann” in der Sixtinischen Kapelle die Hälse verrenkte und anschließend ermüdet “auf dem päpstlichen Stuhle einem Mittagsschlaf” nachgab, versuchte der entlaufene Regimentsphysikus und Skandalautor Friedrich Schiller unterdessen auf dem glatt gebohnerten Parkett des Duodezfürstentums Sachsen-Weimar-Eisenach Fuß zu fassen und rutschte so manches Mal darauf aus, wenn nicht die Freifrau von Kalb in den Gepflogenheiten bei Hofe besser bewandert wäre. Entgegen seiner ersten Äußerung scheint es aber doch ein paar Anlaufschwierigkeiten zwischen ihnen gegeben zu haben:
Der über sein prächtiges Paar Hörner aufgeklärte Ehemann reagierte jedoch anders, als es im Sinn des verliebten Pärchens war. Weder forderte er den Beschmutzer seiner Ehre auf Pistole oder Säbel (wie man es von einem erfahrenen Soldaten vielleicht hätte gewärtigen müssen) noch überließ er dem (implizit für nicht satisfaktionsfähig erklärten) Nebenbuhler das Feld, sondern erklärte, daß er seine Frau liebe und deshalb ihr Verhältnis “notwendig durchsehen”, sprich tolerieren wolle. Ein großzügiger Mann, der Herr von Kalb auf Kalbsrieth. Was blieb ihm auch anderes übrig?
Es ist bekannt, daß der Major a.D. auf der Suche nach einem neuen Offizierspatent in Soldaten- und pfälzischen Hofkreisen einen recht teuren Lebenswandel führte. Sein ebenfalls verschwenderischer Bruder, der ehemalige Weimarer Kammerpräsident Johann v. Kalb, brachte aber, nachdem ihn wegen Unfähigkeit im Amt Göthe 1782 als Finanzminister abgelöst hatte, mehr und mehr das gesamte Vermögen beider Familien durch. (Er war zufällig mit Charlottes Schwester Lore verheiratet.) Und so war Heinrich v. Kalb auf die persönliche Schatulle seiner Frau angewiesen. Da mußte er bei ihrer romantischen Affäre mit einem dahergelaufenen armen Poeten eben einmal durch die Finger sehen.
Nach dem tatsächlichen Ende dieser Affäre sollte Frau von Kalb mit Schillers Worten zunehmend “materieller” werden (was sich vielleicht mit pragmatisch übersetzen läßt), und sie scheint das eheliche Zusammenleben mit ihrem Mann eine Zeitlang gar nicht einmal so unerträglich gefunden zu haben. Jedenfalls brachte sie ihm noch einmal einige Kinder zur Welt, bevor sich die Mittdreißigerin 1797 plötzlich ebenso schwärmerisch dem jüngeren Jean Paul an den Hals werfen sollte wie “einstmals Schiller”. Darauf zog sich Ehemann Heinrich endgültig auf sein Landgut Trabelsdorf zurück und lebte dort mit seiner Köchin, die ebenfalls drei Kinder von ihm bekam, bis wirklich alles Geld aufgebraucht war. Im April 1806 jagte er sich eine Kugel durch den Kopf.
19 Jahre vorher, im Sommer 1887 aber hat er sich, ob nun aus emotionaler Gleichgültigkeit, materieller Berechnung oder wirklicher Großzügigkeit, anscheinend bereiterklärt, fortan das zu führen, was man später eine “offene Ehe” nennen wird, und seine Frau mit ihrem Geliebten zu teilen.
Kirsten Jüngling, Mitautorin des Buchs Schillers Doppelliebe, ist der Meinung, dieses Arrangement sei gar nicht einmal gegen dessen Interessen gewesen, denn immerhin sei er ja schon einmal (aus Mannheim) vor Charlotte geflohen, und so hätte der Riegel, den Heinrich von Kalb einer ernsten Verbindung Charlottes mit Schiller vorlegte, diesen keineswegs gehindert, “sich romantischen Vorstellungen von einer Dreiecksbeziehung hinzugeben, denn Herr von Kalb blieb ihm gewogen, auch noch als er von des Dichters Beziehung zu seiner Frau wusste.” (Das Parlament 13/2005) Vielleicht erhöhte es für Schiller sogar den Reiz. Bei den Damen von Wolzogen bestand das wohl überwiegend imaginäre Dreieck aus zwei Damen um einen Mann; hier nun stand eine Frau zwischen zwei Männern. Variatio delectat.
Während also Goethe sich mit “der Kauffmann” in der Sixtinischen Kapelle die Hälse verrenkte und anschließend ermüdet “auf dem päpstlichen Stuhle einem Mittagsschlaf” nachgab, versuchte der entlaufene Regimentsphysikus und Skandalautor Friedrich Schiller unterdessen auf dem glatt gebohnerten Parkett des Duodezfürstentums Sachsen-Weimar-Eisenach Fuß zu fassen und rutschte so manches Mal darauf aus, wenn nicht die Freifrau von Kalb in den Gepflogenheiten bei Hofe besser bewandert wäre. Entgegen seiner ersten Äußerung scheint es aber doch ein paar Anlaufschwierigkeiten zwischen ihnen gegeben zu haben:
Zehn Tage später trifft schon die Antwort aus dem pfälzischen Zweibrücken ein: “Herr von Kalb hat mir geschrieben. Er kommt zu Ende Septembers, seine Ankunft wird das weitere mit mir bestimmen. Seine Freundschaft für mich ist unverändert, welches zu bewundern ist, da er seine Frau liebt und mein Verhältniß mit ihr nothwendig durchsehen muß.” - Schade, daß die eigentlich interessanten Briefe so oft “verloren” gehen. Was mag Schiller dem Ehemann seiner Geliebten geschrieben haben? Er selbst sagt, daß es wichtig gewesen sei, und spricht von “Zurüstung für die Zukunft” und “zweckmäßigem Lebensplan”. Das läßt fast vermuten, er habe von Kalb die Scheidung vorgeschlagen, um anschließend selbst Charlotte heiraten zu können. Zumindest muß er der Meinung gewesen sein, daß sein Verhältnis zu Frau von Kalb inzwischen ein solches Ausmaß angenommen hatte (oder ein Ausmaß an öffentlicher Bekanntheit), daß er es für angebracht hielt, den betroffenen Ehemann davon in Kenntnis zu setzen. Nein, es muß mehr gewesen sein als nur das, denn Schiller macht ja die eigene Zukunft von v. Kalbs Reaktion abhängig: “seine Ankunft wird das weitere mit mir bestimmen.”“Ich habe Dir nicht geschrieben, welche sonderbare Folge meine Erscheinung auf sie [Charlotte] gehabt hat. Vieles, was sie vorbereitete kann ich jetzt auch nicht wol schreiben. Sie hat mich mit einer heftigen bangen Ungeduld erwartet. Mein letzter Brief, der ihr meine Ankunft gewiß versicherte, setzte sie in eine Unruhe, die auf ihre Gesundheit wirkte”, teilt er Körner Anfang August 1787, mit. “Ihre Seele hieng nur noch an diesem Gedanken – und als sie mich hatte war ihre Empfänglichkeit für Freude dahin. Ein langes Harren hatte sie erschöpft, und Freude wirkte bei ihr Lähmung. Sie war fünf sechs Tage nach der ersten Woche meines Hierseyns fast jedem Gefühl abgestorben, nur die Empfindung dieser Ohnmacht blieb ihr und machte sie elend. Ihr Daseyn war nur noch durch convulsivische Spannung des Augenblicks hingehalten. Du kannst urtheilen, wie mir in dieser Zeit hier zu muthe war. Ihre Krankheit, ihre Stimmung und dann die Spannung, die ich hierherbrachte. Die Aufforderung, die ich hier hatte! Jetzt fängt sie an sich zu erhohlen, ihre Gesundheit stellt sich wieder her und ihr Geist wird freier. Jetzt erst können wir einander etwas seyn. Aber noch genießen wir uns nicht in einem zweckmäßigen Lebensplan, wie ich mir versprochen hatte. Alles ist nur Zurüstung für die Zukunft. Jetzt erwarte ich mit Ungeduld eine Antwort von ihrem Mann auf einen wichtigen Brief den ich ihm geschrieben”.
Der über sein prächtiges Paar Hörner aufgeklärte Ehemann reagierte jedoch anders, als es im Sinn des verliebten Pärchens war. Weder forderte er den Beschmutzer seiner Ehre auf Pistole oder Säbel (wie man es von einem erfahrenen Soldaten vielleicht hätte gewärtigen müssen) noch überließ er dem (implizit für nicht satisfaktionsfähig erklärten) Nebenbuhler das Feld, sondern erklärte, daß er seine Frau liebe und deshalb ihr Verhältnis “notwendig durchsehen”, sprich tolerieren wolle. Ein großzügiger Mann, der Herr von Kalb auf Kalbsrieth. Was blieb ihm auch anderes übrig?
Es ist bekannt, daß der Major a.D. auf der Suche nach einem neuen Offizierspatent in Soldaten- und pfälzischen Hofkreisen einen recht teuren Lebenswandel führte. Sein ebenfalls verschwenderischer Bruder, der ehemalige Weimarer Kammerpräsident Johann v. Kalb, brachte aber, nachdem ihn wegen Unfähigkeit im Amt Göthe 1782 als Finanzminister abgelöst hatte, mehr und mehr das gesamte Vermögen beider Familien durch. (Er war zufällig mit Charlottes Schwester Lore verheiratet.) Und so war Heinrich v. Kalb auf die persönliche Schatulle seiner Frau angewiesen. Da mußte er bei ihrer romantischen Affäre mit einem dahergelaufenen armen Poeten eben einmal durch die Finger sehen.
Nach dem tatsächlichen Ende dieser Affäre sollte Frau von Kalb mit Schillers Worten zunehmend “materieller” werden (was sich vielleicht mit pragmatisch übersetzen läßt), und sie scheint das eheliche Zusammenleben mit ihrem Mann eine Zeitlang gar nicht einmal so unerträglich gefunden zu haben. Jedenfalls brachte sie ihm noch einmal einige Kinder zur Welt, bevor sich die Mittdreißigerin 1797 plötzlich ebenso schwärmerisch dem jüngeren Jean Paul an den Hals werfen sollte wie “einstmals Schiller”. Darauf zog sich Ehemann Heinrich endgültig auf sein Landgut Trabelsdorf zurück und lebte dort mit seiner Köchin, die ebenfalls drei Kinder von ihm bekam, bis wirklich alles Geld aufgebraucht war. Im April 1806 jagte er sich eine Kugel durch den Kopf.
19 Jahre vorher, im Sommer 1887 aber hat er sich, ob nun aus emotionaler Gleichgültigkeit, materieller Berechnung oder wirklicher Großzügigkeit, anscheinend bereiterklärt, fortan das zu führen, was man später eine “offene Ehe” nennen wird, und seine Frau mit ihrem Geliebten zu teilen.
Kirsten Jüngling, Mitautorin des Buchs Schillers Doppelliebe, ist der Meinung, dieses Arrangement sei gar nicht einmal gegen dessen Interessen gewesen, denn immerhin sei er ja schon einmal (aus Mannheim) vor Charlotte geflohen, und so hätte der Riegel, den Heinrich von Kalb einer ernsten Verbindung Charlottes mit Schiller vorlegte, diesen keineswegs gehindert, “sich romantischen Vorstellungen von einer Dreiecksbeziehung hinzugeben, denn Herr von Kalb blieb ihm gewogen, auch noch als er von des Dichters Beziehung zu seiner Frau wusste.” (Das Parlament 13/2005) Vielleicht erhöhte es für Schiller sogar den Reiz. Bei den Damen von Wolzogen bestand das wohl überwiegend imaginäre Dreieck aus zwei Damen um einen Mann; hier nun stand eine Frau zwischen zwei Männern. Variatio delectat.
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“Ich habe Dir nicht geschrieben, welche sonderbare Folge meine Erscheinung auf sie [Charlotte] gehabt hat. Vieles, was sie vorbereitete kann ich jetzt auch nicht wol schreiben. Sie hat mich mit einer heftigen bangen Ungeduld erwartet. Mein letzter Brief, der ihr meine Ankunft gewiß versicherte, setzte sie in eine Unruhe, die auf ihre Gesundheit wirkte”, teilt er Körner Anfang August 1787, mit. “Ihre Seele hieng nur noch an diesem Gedanken – und als sie mich hatte war ihre Empfänglichkeit für Freude dahin. Ein langes Harren hatte sie erschöpft, und Freude wirkte bei ihr Lähmung. Sie war fünf sechs Tage nach der ersten Woche meines Hierseyns fast jedem Gefühl abgestorben, nur die Empfindung dieser Ohnmacht blieb ihr und machte sie elend. Ihr Daseyn war nur noch durch convulsivische Spannung des Augenblicks hingehalten. Du kannst urtheilen, wie mir in dieser Zeit hier zu muthe war. Ihre Krankheit, ihre Stimmung und dann die Spannung, die ich hierherbrachte. Die Aufforderung, die ich hier hatte! Jetzt fängt sie an sich zu erhohlen, ihre Gesundheit stellt sich wieder her und ihr Geist wird freier. Jetzt erst können wir einander etwas seyn. Aber noch genießen wir uns nicht in einem zweckmäßigen Lebensplan, wie ich mir versprochen hatte. Alles ist nur Zurüstung für die Zukunft. Jetzt erwarte ich mit Ungeduld eine Antwort von ihrem Mann auf einen wichtigen Brief den ich ihm geschrieben”.
