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Mittwoch, 25. November 2009
Alles eine Frage der Ballistik?
Wendepunkte, welcher Art auch immer, sind die gegebenen Orte, kurz innezuhalten. Verläßt etwas die heimische Abschußrampe, so steigt es auf seiner Flugbahn scheinbar unaufhaltsam in die Höhe, doch erreicht es irgendwann den Scheitelpunkt und steht dort für den einen Moment still, in dem seine Beschleunigungskraft und die Erdanziehung sich die Waage halten - dann neigt es sich und sinkt auf seiner ballistischen Kurve unaufhaltsam wieder der Erde zu. Der Scheitelpunkt aber gaukelt zuvor in seinen Sekundenbruchteilen des Kräftegleichgewichts ein Gefühl der von allem losgelösten Schwerelosigkeit vor, das einem Gefühl unbegrenzter Freiheit entspricht. Man fühlt sich, als sei man aller Kräfte ledig, die einen schieben und an einem ziehen, als habe man die Freiheit, in jede gewünschte Richtung zu schweben oder zu bleiben.

Wir schreiben die Wende zum Jahr 1800, eine Jahrhundertwende. Der Putschist Napoleon Bonaparte hat soeben nach seinem Staatsstreich als Erster Konsul die französische Revolution für gelungen und beendet erklärt und marschiert an der Spitze seiner Volksarmee gegen die Kräfte der Reaktion in Italien ein, im Vatikan besteigt nach Pius “dem Letzten” ein neuer Papst den Thron: Pius VII. Die französischen Truppen des neuen, bürgerlichen Zeitalters schlagen das österreichische Heer des alten Feudalabsolutismus bei Marengo und Hohenlinden, während Beethoven an der Wiener Hofburg seine erste Sinfonie aufführt. Alessandro Volta bereitet mit der Entwicklung der ersten Batterie die Nutzung der Elektrizität vor.
“Man kann wohl mit Gewißheit sagen, daß die Welt noch nie so bunt aussah wie jetzt”, hat kurz vorher ein verarmter junger Poet und Hauslehrer namens Friedrich Hölderlin seinem ins revolutionäre Frankreich geflohenen Freund Ebel geschrieben, der ihm eine Lehrerstelle bei der Bankiersfamilie Gontard in Frankfurt vermittelt hatte. “Aber so soll es sein! Ich glaube an eine künftige Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten, die alles Bisherige schamrot machen wird.”
Schamrot aber war vor allem Frau Gontard geworden, als ihr Mann hinter ihr andauerndes Liebesverhältnis zu dem noch nicht dreißigjährigen Hofmeister gekommen war. Hölderlin fliegt, muß das Haus und Frankfurt verlassen, trifft sich nur noch sporadisch und heimlich mit seiner über alles geliebten und verehrten “Diotima”. Sie steckt ihm Briefe durch die Gartenhecke zu, in denen sie schreibt: “Ich fühlte es lebhaft, daß ohne Dich mein Leben hinwelkt und langsam stirbt.” Tatsächlich erkrankt sie bald an Schwindsucht.

Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,

gibt Hölderlin ihrem Schmerz in seiner berühmten Ode mit dem Titel Lebenslauf Ausdruck. Dann fährt er fort:
Doch es kehret umsonst nicht
Unser Bogen, woher er kommt.


Im Jahr des Artilleristen Bonaparte der Lebenslauf als ballistische Kurve? Hölderlin sah allerdings wohl weniger den Bogen der Flugbahn als deren Verursacher vor sich, den Bogen, der Pfeile auf ihre Bahn schickt; denn der im Griechischen so gut Bewanderte kannte diese Metapher von Heraklit, den er auch gleich in der folgenden Strophe zitiert: Aufwärts oder hinab!
"Der Weg hinauf oder hinab ein und derselbe", lautet das 60. Fragment Heraklits, und das 51.: "Sie verstehen es nicht, wie es auseinanderstrebend ineinander geht: gegenstrebige Vereinigung wie beim Bogen und der Leier". Das Bild des Bogens geht also mindestens bis ins 5. vorchristliche Jahrhundert zurück, und das heraklitische “Eine in sich selber unterschiedene” hat Hölderlin schon im Hyperion zum “Wesen der Schönheit” erklärt. Im Lebenslauf aber herrschen andere Gesetze, und Hölderlin kleidet die Unerbittlichkeit der Kräfte, die auf Flugbahn und Leben einwirken, in die strenge Form und die harten Fügungen der asklepiadischen Ode.

Aufwärts oder hinab! herrschet in heil'ger Nacht,
Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,
Herrscht im schiefesten Orkus
Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?

Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich,
Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
Daß ich wüßte, mit Vorsicht
Mich des ebenen Pfads geführt.

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern',
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will.


Kurz zischen wir himmelwärts, hinauf aus dem einen, ungeschiedenen Urgrund, und sobald wir über den Scheitelpunkt hinaus sind, geht‘s wieder abwärts, aber es läuft alles auf eins hinaus, verkünden Heraklit und Hölderlin. Ich glaube, nicht in tröstlicher Absicht, sondern eher in bennscher: Erkenne die Lage!
Hölderlin erkannte die seine ziemlich genau: 1804 schrieb er Hälfte des Lebens. Da war er 34 und auf dem Weg in die geistige Umnachtung. In der sollte er, zuweilen klarsichtige Gedichte schreibend, noch einmal mehr als 34 Jahre verbringen. Seine letzten Zeilen, wenige Tage vor seinem Tod am 7. Juni 1843 hingeschrieben:

Oft scheint die Innerheit der Welt umwölkt, verschlossen,
Des Menschen Sinn von Zweifeln voll, verdrossen,
Die prächtige Natur erheitert seine Tage
Und ferne steht des Zweifels dunkle Frage.


Hatte er seinen Frieden gefunden, oder stand die Frage des Zweifels zwar fern, aber immer noch vor ihm?
Mein Vater hätte heute seinen 90. Geburtstag feiern können, wenn er noch lebte. In seinem Gedenken stehen diese Zeilen. Seine Flugbahn zielte nicht so hoch hinauf wie die Hölderlins; dafür war sie stabiler und trug ein gutes Stück weiter.
Wendepunkte. Woran erkennen wir sie? An einem von leichtem Schwindel begleiteten Freiheitsgefühl vielleicht? Bevor sich der Druck der Schwerkraft mit anfangs kaum spürbarer Hand auf uns legt.

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Sonntag, 22. November 2009
Am Wendepunkt. Steilkliff von Saka


Von Tallinn ostwärts auf die russische Grenze bei Narwa zu führte die äußerste Etappe dieser Reise. Mit leicht gemischten Gefühlen, denn überall kann man nachlesen, daß dies der Schmutzwinkel Estlands ist. Jahrzehntelang wurde hier Ölschiefer abgebaut, der einzige Rohstoff des Landes, den man zur Energiegewinnung in großen Kraftwerksblöcken verbrannte. Abraumhalden sollten die Gegend prägen, die Luft hochgradig belastet sein. Von all dem bekommt man auf der Küstenstraße kaum etwas mit. Viel mehr war es die Fahrt in ein Nirgendwo; Ortschaften wurden immer kleiner, sahen immer zurückgebliebener aus und lagen immer weiter auseinander, aufgegebene Felder verkrauteten und wucherten zu, junger Wald breitete sich aus, wurde dichter, als sollte besiedeltes Land überhaupt bald aufhören und nur noch - immer wieder reizvolle Vorstellung - aufs Neue unbewohnte, sich renaturierende Natur folgen; da standen wir auf einmal vor einem blitzsauberen, modernen Tagungshotel unmittelbar am Rand eines fünfzig Meter hohen Steilufers.

Bucht von Narwa


Unten spülte die Ostsee über runde Wackersteine auf den Strand, dahinter erstreckte sich das Meer weit über den Horizont hinaus nach Norden. Tief jagten graublaue Wolken vor Westwind dahin, hier und da von der untergehenden Sonne an den Rändern leuchtend vergoldet. Wir standen am Ufer, betrachteten die ständig wechselnden Lichtspiele auf den Wellen und sahen zu, wie die Nacht heraufzog. Morgen würden wir den Kühlergrill endgültig nach Süden wenden.







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Mittwoch, 18. November 2009
Seltsame Symbolik
Koscher nach den Buchstaben der Liturgie ist das nicht alles, was Balten beim Balzen Heiraten veranstalten. Schon bei der Vorbereitung war dem Fahrtenschreiber so manches Gerücht über seltsame Bräuche bei den letztbekehrten Völkern Europas zu Ohren gekommen, von neuerlicher Ausbreitung der Verehrung von Naturgeistern auch, und so brachen wir denn auch in der Spannung auf, ob wir wohl derartiges selbst zu Gesicht bekommen würden.
Musikalisch konnte man sich hier schon einstimmen:



Bald nach der Ankunft aber sahen wir, daß die Balten (und Baltinnen natürlich) vor allem in Scharen heiratswillig, wenn nicht -wütig sein müssen. In Weiß, mit Brautschleier und Sträußchen am Revers, dem ganzen Zinnober einer kreuzchristlichen Trauung. An manchen Tagen kam uns in kurzen Abständen ein Hochzeitskorso nach dem anderen entgegen, aber nicht in Städten, vor Kirchen oder Standesämtern, sondern auf schmalen Landstraßen, die durch tiefe Wälder und an stillen Seen oder Flüssen entlang führten. Und dann erwischten wir sie auf frischer (Heiden-)tat.
Immer wieder sahen wir, wie eine Autoschlange hielt, Brautpaar und Hochzeitsgäste ausstiegen und eine kurze Prozession zum Ufer eines Gewässers oder auf eine Brücke veranstalteten, wo das Brautpaar offenbar einen bestimmten Text aufsagen (oder vorlesen) mußte, worauf sie sich mit etwas zu schaffen machten und schließlich etwas ins Wasser warfen wie eine Opfergabe an Quellnymphen oder andere Wassergeister.


Einmal hielten wir und blieben, bis die Zeremonie vorüber und die Hochzeitsgesellschaft weitergefahren war. Dann schlichen wir vorsichtig auf die Brücke und fanden, um das Geländer geschlossen - Dutzende von Vorhängeschlössern. Hier hatten sich also Emanuel und Natascha, Trelock und Tri-Circus (Made in China) symbolisch ans Brückengeländer geschmiedet und anschließend den Schlüssel ins Wasser geworfen. Deadlocked.

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Sonntag, 15. November 2009
Diese Pforte an der Größeren Klosterstraße (Suur Kloostri) führt auf das Gelände einer der ältesten bestehenden Schulen Europas, dem Gustav-Adolfi-Gümnasium, das 1631 vom gleichnamigen schwedischen König als Gymnasium Revaliense im damaligen Schwedisch-Livland gegründet wurde. Ein paar Meter weiter steht das westliche Stadttor Tallinns. Unmittelbar davor zweigt eine kleine Straße entlang der hier am besten erhaltenen Stadtmauer ab. Sie mündet auf einen kleinen Platz namens Kooli. Wer weiß, wie ungern Finnen und Esten Konsonantenverbindungen wie st- und sk- aussprechen (weshalb Stockholm auf Finnisch auch Tukholma heißt), dem erschließt sich fast von allein, daß Kooli von schwed. skola, Schule abgeleitet sein muß. Die verwinkelte Ecke liegt ab vom hochglanzrenovierten Zentrum der Altstadt. Löwenzahn und Spitzwegerich wachsen aus dem Kopfsteinpflaster, junge Birkenschößlinge in den Mauerritzen, und die alten Farben dürfen fleckig werden, ausbleichen und abblättern und die Fassaden in Palimpseste alter Landkarten verwandeln, auf denen man mäandrierende Flüsse, grüne Auwälder, gelbe Steppen und noch weiße Flecken entdecken kann.

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Samstag, 14. November 2009
Tallinns schöne Altstadt und eine Stele in der Ästhetik des Faschismus
klick Das Buchara habe ich nicht wiedergefunden. Stattdessen stießen wir in einer kleinen, schmalen Straße mit dem schlichten Namen Sauna auf das “Schwarze Schaf”, Must Lammas, in dem sehr Leckeres aus der Küche Georgiens auf den Tisch kam. Auch von der klaren Wintersonne war der Jahreszeit gemäß nichts zu sehen, es blieb ein eher feuchter, dunkler Herbstabend, dem das gelblich trübe Licht der alten Gaslaternen entlang der Straßen und naß glänzendes Kopfsteinpflaster gut zu Gesicht standen.
Die Kommerzialisierung des Mittelalters hatte natürlich seit damals enorme “Fortschritte” gemacht, kaum eine Kaschemme in entsprechend alten Gewölben, die keinen Bänkelsänger vor der Tür stehen hatte und deren Kellnerinnen nicht in langen, handgefärbten Leinenkleidern und Spitzenhaube ihre sowieso schon anstrengende Arbeit verrichten mußten. Aber auch von diesem Touristennepp abgesehen, quirlte Leben in der Altstadt, spazierten viele Menschen umher, bevölkerten die Terrassen der Restaurants auf dem Rathausplatz bis spät in den Abend, saßen in den Cafés der Nebenstraßen. Wir tranken einen ordentlichen Wein in einem tief unter der Erde gelegenen Kellergewölbe, flanierten durch Haupt- und Nebengassen, auch hinauf auf Schloß- und Domberg mit seinen von St. Petersburg oder Paris inspirierten Palais wie dem von Martin Gropius, in dem heute die estnische Akademie der Wissenschaften residiert, und ließen uns anschließend wieder unten in der Bürgeraltstadt für Normalsterbliche nahe der malerischen Katharinengasse in einem kopfsteingepflasterten Innenhof mit Häusern aus Spätgotik und Renaissance zu einem späten Kaffee nieder. Das alles vermittelte mir eine Vorstellung, was aus dem ebenso mittelalterlichen Visby hätte werden können, wenn es auch nach dem 15. Jahrhundert organisch weiter gewachsen wäre. Tallinn ist in seinem Zentrum eine sehr schöne Stadt, nur bei einem Anblick hat es mir die Sprache verschlagen: Seit Juni dieses Jahres steht auf dem Vabaduse Väljak, dem Freiheitsplatz, das offizielle Monument für den Freiheitskrieg 1918-20, eine über 23 Meter hohe Stele aus von innen erleuchteten, gefrosteten Glasplatten, gekrönt vom Kreuz eines damals geschaffenen militärischen Ordens, dessen Emblem im Zweiten Weltkrieg auch die estnische Division der Waffen-SS verwendete. So bruch- und distanzlos glaubt die heutige zweite Republik in Estland also an vorsowjetische Zeiten anknüpfen zu können, daß sie eine faschistische Stele als Freiheitsdenkmal errichtet. Dieses Denkmal ist ein Skandal. In Estland selbst hat es aber wohl nur einen verhaltenen Denkmalsstreit ausgelöst, der dem Vernehmen nach die breite Öffentlichkeit nicht wirklich interessiert hat.

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Donnerstag, 12. November 2009
Tallinn im Jahr 2000. Eine Momentaufnahme
Einst der höchste Kirchturm der Welt, ursprünglich 160m hoch. Olevisti kirik Obwohl die Hauptstadt Tallinn nur hundert Kilometer von Haapsalu entfernt ist, kamen wir erst im nachmittäglichen Berufsverkehr dort an und schoben uns Stoßstange an Stoßstange langsam Richtung Innenstadt. Tropfen klatschten vereinzelt auf die Windschutzscheibe, es begann zu regnen. Unser erster veritabler Regen auf dieser Reise. Er hörte auch nicht auf, nachdem wir ein dunkles, vergittertes Zimmer in einer Hinterhofpension bezogen hatten und uns auf den ersten Rundgang durch die Altstadt begaben.
Ich war nicht das erste Mal in Tallinn. Doch damals, vor neun Jahren, hatte es einen anderen Eindruck gemacht, was nicht zuletzt am Wetter lag. Gerade mal 2° waren es an jenem Märztag gewesen, und ein eisiger NW-Wind hatte die Georg Ots in weniger als zwei Stunden von Helsinki über die immerhin eisfreie Finnische Bucht der Küste Estlands zugetrieben. Meine finnischen Bekannten hatten schon damals behauptet, Tallinn sei nurmehr ein südlicher Vorort von Helsinki, doch mein Zimmernachbar in der Villa Kivi, ein estnischer Honorarprofessor für japanische Kulturgeschichte an der Universität Helsinki, der auch fließend Deutsch und Englisch sprach, hatte leise dagegengehalten, solche Vielsprachigkeit zum Beispiel sei für seine Landsleute seit altersher Notwendigkeit und Tradition, die von Russen, Deutschen und Skandinaviern jahrhundertelang mitgeprägte estnische Kultur daher in seinen Augen reichhaltiger als die finnische. Jedenfalls war ich so neugierig geworden, daß ich mich spontan zu einem Abstecher in das seit nicht einmal zehn Jahren unabhängige Estland entschlossen hatte.
Kalt also war‘s an jenem Tag, aber auch klar und sonnig, und die Luft knisternd trocken, wie sie es nur an späten Wintertagen sein kann. Das Rot der Ziegeldächer auf den Häusern der Altstadt brannte geradezu gegen den tief, tief blauen Himmel. Das scharfe Licht der nicht sonderlich hoch stehenden Wintersonne modellierte jede Unebenheit aus den weiß geschlämmten Mauern der alten Häuser und erst recht aus den Kalkwänden des Dombergs und Steinen und Fugen der alten Stadtmauer. Nach allem, was man damals über die Plattenbautristesse sowjetischer Städte gehört hatte, war ich überrascht, wie intakt und lebendig das Innere der früheren Hansestadt geblieben war: Ein vollkommen erhaltener spätmittelalterlicher Stadtkern mitsamt ummauertem Burgberg, auf dem sich in einem munter rosa angestrichenen Rokokopalais das Parlament der zweiten unabhängigen Republik der Esten eingerichtet hat. Die wichtigste Bausubstanz scheint überall gesichert und sorgsam restauriert, schrieb ich damals in mein Notizbuch, aber dazwischen bleibt noch so viel Bröckelndes, leicht oder auch weniger leicht Angegammeltes, dass man überall die noch bewohnte, lebendige Stadt und nicht nur ein steriles Museum erlebt. Ja, diese Altstadt ist noch bewohntes Stadtzentrum mit unzähligen kleinen Boutiquen hinter den Fenstern bürgerlicher Wohnhäuser, mit Kneipen in spätgotischen Kellergewölben - und den dazwischengesprengten Glasfassaden der Filialen finnischer Handelsketten. 1:0 für meine finnischen Freunde. Nein, 1:1, denn die historische Tiefendimension dieser seit dem Mittelalter gewachsenen und unzerstörten Altstadt geht dem architektonisch erst im 19. Jh. wurzelnden Helsinki ab. Hier dagegen stehen noch schmale, gotische Handelshäuser aus Zeiten, als deutsche Hansekaufleute im damaligen Reval den Fernhandel über die Ostsee organisierten und der Stadt ebenso lübisches Recht wie plattdeutsche Namen bescherten. Der festeste Kanonenturm der Stadtbefestigung heißt noch heute 'Kiek in de Kök' und birgt in seinen dicken Mauern eine rührend amateurhafte und zugleich sorgsam bewachte Fotoausstellung. In jedem der zahlreichen Geschosse hat sich als Relikt ehedem realsozialistischer Beschäftigungspolitik ein russisches Mütterlein ein winziges zweites Zuhause eingerichtet. Umgeben von liebevoll gehegten Topfpflanzen, die anämische Geiltriebe Licht suchend zu den winzigen Schießscharten vorrecken, hocken sie neben elektrischen Heizelementen auf selbstgehäkelten Sitzkissen und lesen durch dicke Brillengläser. Gehen sie wirklich abends in ein anderes Zuhause oder nicken sie einfach über ihren Büchern ein und erwachen am nächsten Morgen zu einem ebenso stillen wie ereignislosen Arbeitstag? Was geht sie die veränderte Welt draußen vor den Mauern des Museumsturms noch an?
Die Esten nannten Reval nach ihren eigentlichen Begründern stets 'Dänischburg', denn nichts anderes bedeutet die Zusammenziehung Tallinn aus Taanin linna. Außer Dänen und Hansen waren über Jahrhunderte hinweg Ritter des livländischen Deutschen Ordens die Herren der Stadt. Sie erbauten ein Kloster und erweiterten Burg und Stadtmauer auf ihren heutigen Umfang. So bunt gemischt wie die Bebauung der Altstadt sind auch ihre Bewohner. Zwischen den meist eher untersetzt stämmigen Balten und finnischen Tagestouristen, die unablässig ihre Nokia-Kännukkäs ans Ohr halten, flanieren viele elegante Russinnen über das Kopsteinpflaster. Statistisch betrachtet, stammt jeder dritte Passant aus einer der früheren Sowjetrepubliken. Kein Wunder also, dass man hier in einem Restaurant Buchara mit zentralasiatischen Köstlichkeiten und gutem grusinischen Wein bewirtet wird. Und das zu Preisen, für die man bei uns gerade mal amerikanische Junkfood vorgesetzt bekommt.

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Samstag, 7. November 2009
Cäsarenmord ist keine Revolution. Die letzte Fahrt der Romanows
Ja, die Zeit “wahrer Reisen”, wie sie auch Lévi-Strauss gern unternommen hätte, ist vielleicht längst vorbei. Aber wo waren wir stehengeblieben? An einem Bahnsteig, an dem seit Jahren kein Zug mehr fuhr. Standen da wie bestellt und nicht abgeholt. In Haapsalu, wo der letzte Zar ein einziges Mal den speziell für ihn errichteten Bahnsteig an der eigens für seine Kurreisen gebauten Bahnlinie betreten hatte. Auch das wären für Lévi-Strauss sicher keine “wahren Reisen” mehr gewesen. Seine einzige Reise ins Ungewisse (jedenfalls anfangs für ihn selbst) trat Zar Nikolaus II. zehn Jahre nach seinem Aufenthalt in Haapsalu an, im August 1917, doch da war er nicht mehr Zar, sondern bloß noch der Häftling Nikolaj Alexandrowitsch Romanow.
Am 2. März 1917 (nach altem russischen Kalender) hatte er - auch im Namen des minderjährigen Zarewitsch - zugunsten seines Bruders Michael auf den Thron verzichtet. Seine Abdankung hatte vor allem militärische Gründe, denn Zar Nikolaus hatte als Oberbefehlshaber versagt. Die Offensiven seiner Armee waren unter so großen Verlusten gescheitert, daß die Soldaten zu meutern begannen, deutsche und österreichische Armeen drangen in breiter Front auf russischem Boden vor, in Petersburg kam es zu Hungerrevolten, Arbeiter und Soldaten solidarisierten sich und bildeten eine revolutionäre Gegenregierung. Am 1. März hatte der Petersburger Sowjet mit seinem Befehl Nr. 1 die Kontrolle über die Armee übernommen, und der neue Zar Michael trat unter seinem Druck schon am 3. März ebenfalls zurück. Zwei Tage später wurde die Zarenfamilie in ihrer Residenz Zarskoje Selo unter Arrest gestellt. Am 1. August 1917 deportierte die provisorische Regierung unter Kerenski sie in einem versiegelten Zug des Roten Kreuzes unter japanischer Flagge nach Sibirien, wie vorher so viele, die das zaristische Regime selbst dorthin in Verbannung geschickt hatte. Nach vier Tagen Eisenbahnfahrt und einem weiteren zu Schiff auf dem Irtysch traf sie in Tobolsk hinter dem Ural ein. Es war ihre definitive Reise, von der sie nicht wieder zurückkehren sollte.
;“Die Republik, wie wir sie aus Frankreich kennen, basiert auf dem Individuum, auf der Person, die kraft ihrer geistigen Kapazitäten gewählt und erhoben wird. Die Monarchie ist dagegen fleischlich, es ist die Abstammung, das Blut, die ununterbrochene Kette der Erbfolge, auf die es ankommt. Zar Paul wurde von seinen eigenen Offizieren ermordet, Alexander II. von politischen Gegnern, aber keiner dieser Morde erschütterte den Fortbestand der Dynastie. Beim Eintreffen des Todes wurden sie vom nächsten Namen in der Erbfolge abgelöst, bei einem unnatürlichen Tod ebenso wie auf dem Sterbebett. Der Cäsarenmord ist keine Revolution, er ist eher ein Mechanismus der Autokratie, nur durch ihn können sich das Volk und die Dynastie des defekten Körpers entledigen, des geisteskranken Alleinherrschers. -
Es war die zweite Abdankung, der Bruch der Erbfolge, der das Zarenhaus zu Fall brachte.”

Diesen überlegenswerten Gedanken legt der Norweger Tor Bomann-Larsen dem Titelhelden seines historischen Romans Livlegen (Der Leibarzt) in den Mund, Sergej Botkin, dem leibhaftigen Leibarzt des letzten Zaren. Botkin war entweder ein unglaublich pflichtbewußter Mensch oder ein so überzeugter Monarchist, daß er anscheinend freiwillig im engsten Kreis der Zarenfamilie blieb, mit ihr nach Sibirien ging und folgerichtig mit ihr im Keller des Ipatjow-Hauses erschossen wurde. Bomann-Larsen schreibt seit vielen Jahren die Geschichte des norwegischen Königshauses und ist inzwischen beim fünften Band angelangt. Mit Monarchien kennt er sich also aus. Vielleicht hat aber niemand mit der gleichen Folgerichtigkeit seinen Gedanken über das, was den Fortbestand autokratischer Monarchien sichert, begriffen und zu Ende geführt wie ausgerechnet die geschworenen Feinde des monarchischen Prinzips, die Kommunisten.
Nach dem Erfolg der Oktoberrevolution wollte der Oberste Sowjet dem Zaren in Moskau den Prozeß machen. Der mit seiner Rückführung beauftragte Kommissar Jakowlew brachte ihn und seine Familie im Frühjahr 1918 jedoch zunächst nur bis Jekaterinburg am Osthang des Urals. Aufgrund der gespannten Lage hielt der Oberste Sowjet einen öffentlichen Prozeß in Moskau inzwischen aber für zu riskant, und so beschloß er im Juli die Liquidierung der Zarenfamilie, ehe sie womöglich von den Jekaterinburg einkesselnden Einheiten der konterrevolutionären Weißen Armee befreit würde. Eingedenk ihres eigenen Prinzips, daß die Monarchie weiterlebt, so lange es noch irgendwo einen legitimen Erbfolger gibt, mußten alle Mitglieder der Dynastie getötet werden.
In der Nacht auf den 4./17. Juli 1918 wurden sämtliche Mitglieder der ehemals kaiserlichen Familie Romanow samt ihrem engsten Gefolge im Keller des Hauses, in dem man sie gefangen hielt, erschossen. Das Gemetzel dauerte fast zwanzig Minuten, weil die Zarin und ihre blutjungen Töchter heimlich so viele Juwelen in ihre Kleider eingenäht hatten, daß die Kugeln an ihnen abprallten und die danach eingesetzten Bajonette kaum durchdrangen. Es muß eine grauenhafte Schlachterszene in dem von beizendem Pulverrauch, Schweiß, Schreien, Stöhnen und Blut erfüllten Kellerraum gewesen sein.

Mit solchen Gedanken stand ich unter dem frisch gestrichenen Bahnsteigdach, unter dem Zar Nikolaus II. mit seiner Familie vor gut hundert Jahren unter “großem Bahnhof” seinem Luxuszug mit acht prachtvoll ausgestatteten Salonwagen entstiegen war. Der persönliche Wagon in der Zugmitte enthielt nicht nur das Schlaf-, nicht -abteil, sondern -zimmer des Zarenpaars, das Boudoir der Zarin und ein Arbeitszimmer für den Zaren, sondern auch ein weiß gefliestes Badezimmer mit einer nach dem Pendolino-Prinzip überlaufsicher gelagerten Badewanne.
Heute standen nur ein paar massige, graue Dampfloks aus der Sowjetzeit auf den verwaisten Gleisen der in den neuen, kapitalistischen Zeiten stillgelegten Strecke. Kein Wunder also, daß es eine Weile dauerte, bis wir von dort weg kamen.

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